Prix Goncourt an Éric Vuillard

Nach Deutschland (Deutscher Buchpreis an Die Hauptstadt von Robert Menasse) und Großbritannien (Man Booker Prize an den US-Amerikaner George Saunders für Lincoln in the Bardo) hat auch Frankreich seine wichtigste Auszeichnung für den besten Roman des Jahres vergeben. Der Prix Goncourt geht 2017 an Éric Vuillard für die Erzählung L’ordre du jour. Der Prix Goncourt ist symbolisch mit „nur“ 10 Euro dotiert, sorgt aber im vorweihnachtlichen Buchhandel in aller Regel für hervorragende Verkaufserlöse.

Preisträger 2017: L’ordre du jour (Verlag Actes Sud)

Der 1968 in Lyon geborene französische Schriftsteller und Filmregisseur hat die eigenwillige Technik entwickelt, große Momente der Geschichte neu zu erzählen. In L’ordre du jour, was man mit „Tagesordnung“ oder „Tagesbefehl“ übersetzen kann, erzählt Vuillard vom Aufstieg der Nationalsozialisten unter Adolf Hitler. Zentrale Rollen spielen dabei das Geheimtreffen Hitlers mit zahlreichen Industriellen am 20. Februar 1933, an dem auch der auf dem Cover abgebildete Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (Vorsitzender des Präsidiums des Reichsverbandes der Deutschen Industrie) teilnahm, sowie der Anschluss Österreichs 1938. Der 150-seitige Roman ist in der Philologischen Bibiothek vorrätig. Dort finden sich auch weitere Geschichtserzählungen Vuillards, darunter Congo (2012, über die Berliner Kongokonferenz 1884-1885), Tristesse de la terre (2014, über Buffalo Bill und den Wilden Westen) und 14 juillet (2016, über die Französische Revolution).  Im deutschsprachigen Raum ist der Franzose insbesondere durch La Bataille d’Occident (2012) bekannt geworden, das 2014 in Deutschland unter dem Titel Ballade vom Abendland erschien und den Ersten Weltkrieg thematisiert. Eine deutsche Übersetzung von L’ordre du jour ist laut boersenblatt.net für März 2018 von Vuillards deutschem Verlag Matthes & Seitz angekündigt.

Vuillard setzte sich im Finale der besten vier Romane gegen  Yannick Haenel (Tiens ferme ta couronne), Véronique Olmi (Bakhita) und Alice Zeniter (L’art de perdre) durch. Yannick Haenel lässt in seinem Roman nach Introduction à la mort française (2001) und Cercle (2007) erneut sein Alter Ego Jean Deichel als Erzähler auftreten. Der gescheiterte Pariser Bohémien und Filmfanatiker ist von dem Wunsch beseelt, den US-amerikanischen Regisseur Michael Cimino von einer Verfilmung seines Drehbuchs über Herman Melville zu überzeugen. Véronique Olmi nahm sich in Bakhita (u. a. Literaturpreis der französischen Handelskette Fnac 2017) der Lebensgeschichte der in der römisch-katholischen Kirche als Heilige verehrten Ordensschwester Josefine Bakhita (1869-1947) an, die als Kind von arabischen Sklavenhändlerin aus ihrer Heimat Darfur verschleppt wurde. Alice Zeniters L’art de perdre (u. a. Literaturpreis der Le Monde 2017) berichtet über mehrere Generationen hinweg vom Schicksal einer algerisch-stämmigen Familie in Frankreich, die ihre Abstammung von Kabylen und Harkis zu vergessen droht. Der Roman soll im Sommer 2018 unter dem Titel Die Kunst zu verlieren im Berlin Verlag erscheinen.

Auch mit dem traditionell am selben Tag wie der Prix Goncourt vergebene Prix Renaudot wurde ein Werk ausgezeichnet, das die dunkle deutsche Geschichte beleuchtet. Der 1974 in Straßburg geborene Olivier Guez erzählt im preisgekrönten Roman La disparition de Josef Mengele von der Flucht des gleichnamigen, früheren KZ-Lagerarztes nach Südamerika. Für den Prix Renaudot werden traditionell immer zwei mögliche Preisträger ausgewählt, um nicht mit dem Prix Goncourt übereinzustimmen. Guez‘ Werk war unter die besten acht Romane der Académie Goncourt gelangt, hattes es aber nicht unter die finalen vier geschafft.

Das Cover des Romans liegt ein Bild des Bundesarchivs zugrunde (Bundesarchiv, Bild 102-12331 / CC-BY-SA 3.0).

Autor: Marc Spieseke

Universitätsbibliothek, Team Digitale Dienste und Team des Informationszentrums

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