Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Italieniederländisch im Zug

E‘ pericoloso spaghetti! Dieser italienische Nicht-Satz schwebt seit Langem durch meine Familie, die schon immer eine besondere Beziehung zur Bahn hat: Als Arbeitgeber des Großvaters; in Form von Gleisen direkt am Garten des großelterlichen Hauses, wo man an den vorbeifahrenden Zügen die Zeit ablesen konnte; als Transportmittel in den Urlaub. W20170302_103034arum Spaghetti auf ungrammatische Weise gefährlich sind? Weil an den Fenstern der Züge lange Zeit ein Hinweis angebracht war: E‘ pericoloso sporgersi. Hinauslehnen ist gefährlich. In Zeiten der (etwas unzuverlässig) klimatisierten ICEs mit ewig verschlossenen Fenstern ist dieser Hinweis verschwunden. Noch da ist aber das Italienische in den Zügen. Nach Deutsch, Englisch und Französisch steht es seit Jahrzehnten auf den verschiedensten Aufklebern. Mit dem Zug fuhren nach dem Krieg nicht nur zahlreiche Gastarbeiter, die Italienisch sprachen, sondern vor allem Urlaubsreisende. Damals gab es noch Nachtzüge und Autozüge, Direktverbindungen durch die Alpen bis an die Adria.

20170302_103152In letzter Zeit tauchen in den Zügen der Deutschen Bahn aber immer häufiger Aufkleber auf, bei denen dem Italienischen sein vierter Platz streitig gemacht wird. Nämlich vom Niederländischen. Immerhin auch eine wichtige Nachbarsprache des Deutschen. Solange Polen und Tschechien so schlecht mit deutschen Zügen erreichbar sind, dürften die östlichen Nachbarsprachen bei dem Wettbewerb noch keine große Rolle spielen.

Ein Blick auf die Hinweise lädt ein zu Spekulationen und Überinterpretationen. Blaue Aufkleber: Italienisch. Weiße Aufkleber: Niederländisch. Die blauen Aufkleber sind in den Toiletten angebracht und fordern zur Sauberkeit und Sorgfalt auf. Nur mit unfreundlichen Klischees kann man sich erklären, warum hier das Italienische relevanter sein sollte als das Niederländische. Weiße Aufkleber mit Niederländisch tragen technische Hinweise. Die Klischees, die man damit verbinden könnte, sind schon etwas sympathischer.

Die Aufteilung scheint aber von einem Zug zum nächsten unterschiedlich zu sein. In einem anderen ICE wird auch auf Niederländisch zur Reinlichkeit gemahnt. Der erste Zug fuhr übrigens nach Österreich, der zweite nach Frankreich.

20160208_113243Sollte in unserer Leserschaft jemand bei der Bahn arbeiten: Wer entscheidet eigentlich über die Gestaltung dieser Aufkleber? Oder hat die Bahn vielleicht gar keine Sprachpolitik? Jahrelang musste sie sich Spott und Beschimpfungen gefallen lassen, weil das Englische entweder etwas rau war (Sänk ju for träwelling) oder die Anglizismennörgler ein einfaches Opfer gefunden hatten (ServicePoint statt Kundendienst). Es wäre kein Wunder, wenn man jetzt etwas verwirrt ist, wie man mit den ganzen Sprachen denn umgehen soll.

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Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 8. März 2017 um 09:56 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

3 Reaktionen zu “Italieniederländisch im Zug”

  1. el_emka

    Was die Aufkleber im ICE angeht, ist die Erklärung eine ganz einfache: In unseren westlichen Nachbarländern haben die Bahnen ein anderes Stromsystem und andere Sicherungssysteme, weswegen hier entsprechend angepasste Züge verkehren. Diese Züge verkehren dementsprechend normalerweise nur im Verkehr nach Frankreich, Belgien und in die Niederlande, weswegen sich hier niederländisch für die Fahrgastinformationen anbietet.

    Österreich nutzt die selben Strom- und Sicherungssysteme, weswegen hier die selben Fahrzeuge, wie im innerdeutschen Verkehr eingesetzt werden können, die offenbar weiterhin italienisch als Viertsprache führen. Bei grenzüberschreitenden Nahverkehrszügen darf man im Regelfall auch mit der jeweiligen Sprache des Nachbarlands rechnen. Ausnahmen bestätigen wie gewohnt die Regel…

  2. Philipp Krämer

    Danke für die Erklärungen! So etwas in dieser Richtung hatte ich mir schon gedacht. Einer der Züge, in denen ich Niederländisch gefunden hatte, war allerdings sogar ein ICE der ÖBB nach Wien. So ganz ist die Verwirrung also noch nicht aufgelöst. Dazu würde ich gern einmal jemanden von der Bahn befragen, auch um herauszufinden, wer die Beschriftungen erstellt. Kürzlich begegnete mir z.B. ein Aufkleber mit der Aufschrift Absperrhahn Wasser / Robinet d’isolement (de l‘)eau. Mit den Klammern sieht das eher nach einem Entwurf aus oder als sei sich jemand in der französischen Formulierung nicht ganz sicher gewesen. Aber ich gebe zu, dass das schon ein sehr spezielles Spezialinteresse ist…

  3. Philipp Krämer

    Ein Mitarbeiter der DB war so freundlich, uns ein paar Insider-Informationen zur Verfügung zu stellen, die mehr Licht ins Dunkel bringen. Dafür danken wir sehr. Hier die inlichtingen, die wir gerne teilen möchten:

    „Die blauen Aufkleber sind eigentlich überall im IC/ICE-Bereich anzutreffen (und auch in den Nahverkehrsfahrzeugen der DB), wenn die Fahrzeuge NICHT in Richtung Frankreich, Belgien oder Niederlande laufen. Bei Fahrzeugen ausländischer Bahnen (z.B. der Schweizer Bundesbahnen) sind teilweise die gleichen Aufkleber anzutreffen (halt im entsprechenden Design). Das erklärt die Beobachtung, warum der blaue Aufkleber auf dem Weg nach Österreich zu sehen war.
    Die weißen Aufkleber mit den vielen technischen Begriffen haben auch den entsprechenden Hintergrund: die Fahrzeuge (es betrifft nur einige wenige der Baureihe 406) dürfen auf dem niederländischen, dem belgischen und teilweise dem französischen Eisenbahnnetz verkehren. Und dort muss dann alles entsprechend in der jeweiligen Landessprache beschriftet sein (bspw. bei Lokomotiven, welche von Deutschland nach Polen verkehren müssen auch polnische Bezeichnungen vorhanden sein).
    Letztlich hängt die „Etikettierung“ in den Fahrzeugen vom Einsatzgebiet ab, rein national genutzte Fahrzeuge erhalten die Standardaufkleber mit Hinweisen in Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch; die in Richtung Niederlande genutzten Fahrzeuge erhalten die Version mit Niederländisch (so war es auch bei den Fahrzeugen im Aachener Raum, die als „euregiobahn“ nach Heerlen fuhren, dort galt „instappen alleen met een geldig ticket“).
    Bezüglich der Sprachauswahl wäre meine Vermutung, dass es eine Übereinkunft im Rahmen des UIC (Internationaler Eisenbahnverband) gab/gibt. Wahrscheinlich sind die Aufkleber bei einer Großbestellung (spart am Ende Geld) für alle Fahrzeuge angeschafft worden und kommen daher auch überall zum Einsatz.“

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