Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Horrörvorstellung

Westeuropa war noch nie so sicher wie heute, berichtet De Tijd. Trotzdem ist ein Wort seit Jahren in aller Munde: Terror, terreur. In der flämischen und niederländischen Presse war beispielsweise zu lesen, dass Frankreich een nieuwe antiterreurwet einführen will. Darüber muss man sich nicht wundern, Terror ist auf Französisch terreur. Auf Niederländisch auch. Nun kann man natürlich erst einmal darüber nachdenken, ob es nicht eigentlich um ein Gesetz gegen terrorisme geht (auch das auf Niederländisch und Französisch identisch, auf Deutsch ganz brav lateintreu Terrorismus). Aber der Zustand, der durch Terrorismus erzeugt werden soll, ist nun einmal Terror. Ein Antiterrorismusgesetz ist also auch ein Antiterrorgesetz, jedenfalls wenn es wirkt.

Nicht nur beim –ismus gegenüber dem –isme ist das Deutsche dem Lateinischen treuer geblieben, auch beim Terror anstelle von terreur ist das so. Nichts wäre geeigneter um sich diese Unterschiede anzuschauen als (ganz richtig!) eine Tabelle mit ein paar Beispielen, natürlich keineswegs vollständig.

Französisch Niederländisch Deutsch
terreur terreur Terror
tumeur tumor Tumor
fureur furor Furor
tracteur tractor, trekker Traktor, Trecker
ténor tenor Tenor
teneur teneur (der Gehalt)
horreur horror Horror
horreur horreur (Abscheu, Grauen)
humour humor Humor
humeur humeur (Laune, Gemütszustand)

Beim Französischen ist –eur die üblichste und regelmäßig durch Sprachwandel entstandene Form. Nur in einigen Fällen gibt es Abweichungen oder Konkurrenz beider Formen, zum Beispiel bei unterschiedlicher Entwicklungs- und Entlehnungszeit aus dem Lateinischen. Das Niederländische bedient sich wie im Gemischtwarenladen mal direkt am Lateinischen (mit –or), mal über den Umweg des Französischen (mit –eur). Der Nutzen dieser auf den ersten Blick wirren Vorgehensweise ist derjenige, dass damit oft zwei Varianten zur Verfügung stehen, wie teilweise auch im Französischen. Damit kann man Bedeutungsverwandtschaft und Bedeutungsnuancen gleichzeitig sehr gut sichtbar machen.

Horror auf Niederländisch. (PD)

Bei humeur und humor ist beispielsweise erkennbar, dass es um das Gemüt geht, einmal allgemein und einmal um das besonders gut gelaunte. Mit horror und horreur hat man im Niederländischen schon etwas größere Schwierigkeiten bei der Unterscheidung. Beides kann für ein Gefühl starker Abscheu bis hin zur Angst stehen, aber nur horror kann für die Bezeichnung eines bestimmten Kunstgenres genutzt werden. Man kann einen horrorfilm schauen, aber keinen horreurfilm.

Nun kann niemand mehr ernsthaft behaupten, Deutsch sei eine schwierige Sprache: Einmal –or, immer –or. Nur bei Personenbezeichnungen kommt –eur auch auf Deutsch wieder ins Spiel. Beispiele gibt es massenhaft, vom Chauffeur bis zum Friseur, den noch nicht einmal das Französische kennt (sondern nur den coiffeur). In Deutschland rühmt man sich gerne der heimischen Ingenieurskunst – wenn es nicht gerade um Flughäfen geht. Davon zeugt der ziemlich erzwungene Reim „dem Ingenieur ist nichts zu schwör“. Aber mit der Auswahl zwischen –eur und –or im Niederländischen wird er auch zu kämpfen haben. Sich dafür eine einigermaßen eingängige Regel auszudenken: die reinste Horrörvorstellung.

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Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 13. Juli 2017 um 08:32 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Etymologie, Sprachvergleich, Wortbildung abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

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