Beobachtungen zu weiblich gelesenem Schmerz am Beispiel Endometriose im Gesundheitswesen

Sophie Tannenberg (WiSe 2025-26)

1. Einleitung

„Das ist doch nichts weiter“, „nimm einfach eine Ibu und dann geht das schon“ oder „so schlimm ist es doch nicht“ sind Ausdrücke, die sich viele Personen mit Gebärmutter mindestens ein Mal in ihrem Leben anhören müssen. Gemeint sind hierbei natürlich die Menstruationsschmerzen, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark auftreten. Häufig wird versucht, einfach „die Zähne zusammenzubeißen“ und den Alltag weiter zu bestreiten, dann aber unter einem hohen Leidensdruck, den viele jedoch gut zu kaschieren wissen, denn: es wird nicht, und vor allem nicht gerne, darüber gesprochen. Früher habe ich mich immer geschämt, wenn ich eine Binde aus meinem Schulrucksack nehmen musste. Ich habe sie schnell wie eine illegale Droge in meiner Hosentasche versteckt, damit niemand sieht, dass ich meine Periode habe, das Wort „Periode“ wurde allerhöchstens flüsternd kommuniziert. Dieser weiblich gelesene Schmerz wird also oft versteckt und tabuisiert. Allerdings gibt es nicht den „einen“ Schmerz, sondern verschiedene Ausprägungen und Stärken. Damit kann sogar mehr verbunden sein als nur die Menstruation. Laut Prof. Dr. Sylvia Mechsner erkranken jedes Jahr circa 52.000 weibliche gelesene Personen neu an Endometriose.[1] Damit ist jede zehnte Person mit Gebärmutter betroffen.[2] Diese chronische Krankheit ist noch weitgehend unbekannt. Ich selbst erfuhr erst vor ein bis zwei Jahren davon, als eine Freundin begann, sehr stark darunter zu leiden. Müdigkeit, Kopfschmerz, ungewöhnlich heftige Unterleibschmerzen, Schwächung der Gliedmaßen und Schwindel, um nur ein paar ihrer Symptome zu nennen. Jedoch kann sie nicht behaupten, damit diagnostiziert worden zu sein, denn dies ist ein langwieriger und komplexer Prozess, dem sich nicht alle Betroffenen stellen. Somit kann von einer relativ großen Dunkelziffer ausgegangen werden, da viele Menschen, so wie auch ich, gar nicht von der Krankheit in Kenntnis gesetzt sind und somit womöglich gar nicht wissen, dass sie darunter leiden. Zusätzlich ist ein Gang zum*zur Gynäkolog*in mit weiteren Hürden verbunden, denen sich Patient*innen stellen müssen – vorausgesetzt, sie nehmen diese Behandlungen auf sich. So musste meine Freundin, die regelmäßig gezwungen ist, Ärzt*innen aufzusuchen, schon zahlreiche schlechte Erfahrungen über sich ergehen lassen: von unsensiblen Frauenärzt*innen bis hin zu fragwürdigen Schlussfolgerungen, woraufhin sie die Pille verschrieben bekam, da Hormone ihr als einzige Möglichkeit dargestellt wurden, die Krankheit zu therapieren. Allerdings ist sie auch auf viele verständnisvolle Ärzt*innen gestoßen, die sie beraten und in mögliche Behandlungsoptionen eingeführt haben.

Mit dieser Hausarbeit setze ich mir das Ziel, die These: „eine Normalisierung von weiblich gelesenem Schmerz zeigt sich in der medizinischen Behandlung von Betroffenen mit Endometriose“ näher auszuleuchten. Dabei werde ich auf vorhandene Studien, Stimmen von Betroffenen sowie von medizinischem Personal eingehen. Es werden dabei Hürden von Betroffenen dieser Krankheit offengelegt, aber auch Schwierigkeiten, die seitens des Gesundheitssystems herrschen, wenn es um die Diagnose und Behandlung von Endometriose geht.

Anmerkung: Zum Unterstreichen des Genderaspekts nutze ich hauptsächlich die Bezeichnungen „weiblich oder männlich gelesen“ beziehungsweise „Menschen mit oder ohne Gebärmutter“. Aus Gründen des Umfangs ist es mir nicht möglich, alle weiteren Geschlechter und Geschlechtsausprägungen hinsichtlich jeglicher Aspekte zu betrachten. Jedoch ist wohl offensichtlich, dass beispielsweise Trans- oder Intermenschen zusätzlich Diskriminierung und Pathologisierung im Gesundheitswesen erfahren müssen.

2. Begriffserklärungen

Eng verknüpft ist die Bezeichnung des weiblich gelesenen Schmerzes mit dem des Gender Pain Gaps, welcher ein Phänomen in der medizinischen Behandlung darstellt, bei welchem Ungleichheiten bei eben dieser medizinischen Versorgung zwischen männlich und weiblich gelesenen Personen herrschen. Zugrunde liegt hier unter anderem ein systematisches Unterschätzen weiblich gelesener Menschen und deren Schmerzen.[3] Somit ist das Konzept des Gender Pain Gaps zentral für das Diskutieren der vorliegenden Problematik.

Eine geschlechterdifferenzierte Betrachtung ruft den Begriff der Female Specific Pains hervor. Laut der National Library of Medicine versteht man darunter genauer Gebärmuttermyome, Menstruationsschmerzen im Allgemeinen, Schmerzen während der Schwangerschaft und der Geburt, Menopause und natürlich Endometriose. Häufig fallen darunter aber auch mehr „alltägliche“ Schmerzen, die auf den ersten Blick keine geschlechterspezifische Veranlagung haben, etwa Kopfschmerzen, Migräne oder Muskelschmerzen.[4]

Verbunden sind diese Begrifflichkeiten mit dem des Gender Exaggeration Bias, welcher sich auf die stereotypische Annahme bezieht, dass biologische Unterschiede von männlich und weiblich gelesenen Personen eine Unterscheidung in ihrer Gefühlswahrnehmung zulassen. Somit wird oftmals angenommen, weiblich gelesene Menschen würden ihren Schmerz dramatisieren und eigentlich weniger empfinden, als sie aussagen.[5]

Besonderes Augenmerk wird in dieser Ausarbeitung auf die Thematik der Endometriose gelegt. Diese ist eine chronische Erkrankung der Gebärmutter, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt und auch Endometrium genannt wird, außerhalb der Gebärmutter wächst. Zysten und Entzündungen können sich beispielsweise an den Eierstöcken, im Bauch- und Beckenraum, aber auch an der Lunge bilden. Theoretisch kann das Endometrium überall im gesamten Körper wachsen, das häufigste Vorkommen ist allerdings im Bauchraum. Wichtig ist hierbei die Unterscheidung zum Menstruationszyklus. Dabei wird die Gebärmutterschleimhaut auf- und wieder abgebaut. So passiert das auch bei dem Endometrium, bei diesem kann aber die Blutung im Gegensatz zur Menstruation den Körper nicht verlassen, woraufhin sich erst so genannte Endometrioseherde und schließlich Endmoetriosezysten bilden. Die genauen Entstehungsursachen für Endometriose sind allerdings noch unbekannt. Die Symptome sind unterschiedlich und individuell, können lokal oder im gesamten Körper auftreten – oder sich gar nicht äußern. Häufig sind jedoch starke Unterleibschmerzen während und unabhängig von der Menstruation gegeben, außerdem Rücken- und Gliederschmerzen während der Periode, starke oder unregelmäßige Monatsblutung, Schmerzen während und nach dem Geschlechtsverkehr und Unfruchtbarkeit, um nur ein paar zu nennen. Damit einhergehend sind psychische Belastungen wie Depressionen, aber auch physische Lasten wie Müdigkeitserscheinungen oder eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte während der Menstruation.[6]

3. Analyse & Argumentation

Allgemeine Beobachtungen lassen erkennen, dass aufgrund von jahrhundertealten Ansichten innerhalb der medizinischen Forschung der männlich gelesene Körper als „Goldstandard“ betrachtet wurde und teilweise immer noch wird. Alles von dieser besagten Norm Abweichende galt als „atypisch“ oder „anormal“.[7] Für die heutige Zeit bedeutet das, dass klinische Studien laut der Ärztekammer Berlin weitestgehend an männlich gelesenen Probant*innen durchgeführt werden. Als Grund können dafür die hormonellen Unterschiede zu weiblich gelesenen Personen angeführt werden, da diese anders auf Medikamente reagieren können. Zwar erfolgte im Jahr 2003 die Gründung des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité Berlin und geschlechterspezifische Lehrinhalte sind Teil des Studiums an der Charité, jedoch kommen Geschlechterverschiedenheiten, zum Beispiel bei Krankheiten und Behandlungsweisen, nur in 70,4% aller Medizinischen Fakultäten in Deutschland vor.[8] Andersherum bedeutet dies natürlich aber auch eine deutliche Benachteiligung männlich gelesener Menschen, die wiederum erst spät mit stereotypisch „weiblichen“ Krankheiten diagnostiziert werden, darunter zählen zum Beispiel unter anderem Depression, Brustkrebs oder Osteoporose.[9] Aufgrund dieser langen Fokussierung auf den männlich gelesenen Körper ist es somit nicht verwunderlich, dass der weiblich gelesene Körper und somit auch Female Specific Pains nicht ausreichend erforscht sein können. Der zentrale Begriff hierfür ist der sogenannte Gender-Data-Gap.[10] Ein Fortschritt dieser Problematik zeigt sich jedoch in der sogenannten Gendermedizin, welche bemüht ist, Gender sowie Sex (Geschlecht) in der medizinischen Versorgung zu berücksichtigen.[11]

Nichtsdestotrotz wird weiblich gelesener Schmerz oftmals als emotionales Konstrukt betrachtet. Gestützt wird diese doch noch recht häufige Annahme durch das Vorurteil, Frauen seien hysterisch und emotional, würden übertreiben und somit über ihre Schmerzen in gewisser Weise lügen.[12] Aus diesen Annahmen über die „irrationale“ Gefühlswelt von weiblich gelesenen Personen ergab sich eine Studie, die zeigte, dass Teilnehmer*innen von männlich gelesenen Personen erwarten, weniger Schmerz zu artikulieren als sie tatsächlich fühlen und von weiblich gelesenen Personen, dass diese mehr Schmerz artikulieren als sie fühlen.[13] Somit kann hier der sogenannte Gender-Pain Exaggeration Bias belegt werden. Dieser wiederum kann als Argument dafür dienen, dass weiblich gelesene Personen mit Schmerzen, die auf Endometriose hindeuten, vom Personal im Gesundheitssystem weniger Beachtung finden.

Aus dem oben genannten Argument und dem Gender-Pain Exaggeration Bias ergibt sich zwangsläufig eine Verharmlosung weiblich gelesenen Schmerzes durch medizinisches Personal. Wie eingangs bereits erwähnt, wird der Schmerz weiblich gelesener Personen im Gesundheitssystem häufig unterschätzt oder gar belächelt.[14] Die Folge daraus kann eine Fehldiagnose oder ein falsches oder unzureichendes Rezept sein, was bei den Patient*innen wiederum Frustration oder eine Akzeptanz ihrer Schmerzen auslöst, welche schnell gefährlich werden kann. Ein allgemeineres Beispiel für die offensichtliche Unterscheidung und Benachteiligung weiblich gelesener Menschen im Gesundheitswesen ist die 29% längere Wartezeit, die weiblich gelesene Patient*innen im Gegensatz zu männlich gelesenen Patient*innen in der Notaufnahme mit Brustschmerzen haben. Die Behandlung dieser Personen fiel deutlich unzureichender aus.[15] Speziell für von Endometriose Betroffene bedeutet dieses weniger ernst genommen werden, starke Unterleibschmerzen oftmals der Menstruation zugeschrieben zu bekommen. Eine britische Studie aus dem Jahr 2021 fand heraus, dass sich 84% der Teilnehmenden beziehungsweise Menschen aus ihrem Umfeld vom Personal des Gesundheitswesens nicht gesehen oder in ihren Anliegen gehört gefühlt haben. Das Augenmerk lag hier nicht spezifisch auf Endometriose, sondern ist eine allgemeine Feststellung. Jedoch wird in dieser Studie ein*e Teilnehmer*in zitiert, welche von einer Verharmlosung ihrer Schmerzen spricht, welche als „normale Periodenschmerzen“ abgetan werden, sie würde übertreiben und sich das Ausmaß der Schmerzen lediglich einbilden. Schlussendlich litt die Betroffene unter Endometriose.[16] Hier liegt also eindeutig wieder der Gender Pain Exaggeration Bias vor, da unter anderem angenommen wird, weiblich gelesene Menschen würden ihre Schmerzen „überdramatisieren“. Eine weitere, gezielt auf Endometriose konzentrierte Umfrage zum Diagnoseverfahren aus Großbritannien, berichtet von 78% der Endometriosebetroffenen, welche von einem oder mehreren Vorfällen berichten können, bei denen ihnen Ärzt*innen sagten, sie würden „viel Lärm um nichts“ machen oder ähnliches. Diese Prozentzahl hat sich seit 2020 erhöht, damals waren es 69%.[17] Zu den körperlichen Belastungen kommen häufig psychische Beschwerden, unter denen Betroffene von Endometriose leiden. Diese können verschiedene Ursprünge haben, so beispielsweise alltägliche Einschränkungen durch die körperlichen Schmerzen, durch welche sich die allgemeine Lebensqualität hinsichtlich Beruf, Privatleben und sozialer Teilhaber zusehends verschlechtern kann.[18]

Eine Normalisierung weiblich gelesenen Schmerzes zeigt sich in der medizinischen Behandlung besonders im langwierigen Diagnoseverfahren von Endometriose. Eine Diagnose zur Endometriose beträgt nicht selten sechs bis zehn Jahre.[19] Oft löst dieses lange Warten auf einen Termin oder ein Ergebnis psychischen Stress aus, der zu einer zusätzlichen mentalen Belastung führt.[20] Dieser lange Weg zu einer finalen Diagnose hat allerdings vielfältige Gründe, die nicht alle auf ein exklusives Gesundheitssystem zurückzuführen sind. So zeichnet sich Endometriose durch ein uneindeutiges Krankheitsbild ab, welches viele verschiedenartige Symptome beinhaltet, welche bereits oben erwähnt wurden. Dieses breite Spektrum an Symptomen lässt keine schnelle und eindeutige Entscheidung zu, es müssen mehrere verschiedenen Verfahren zum Tragen kommen, zum Beispiel Anamnesegespräche, Tastuntersuchungen, Ultraschall oder eine Darmspiegelung. Daraus ergeben sich die jahrelangen Gänge zu Ärzt*innen, die Betroffene unternehmen müssen. Um eine vollständige Diagnose zu erhalten, braucht es jedoch einen operativen Eingriff.[21] Durch diesen können zentrale Endometrioseherde gezielt entfernt werden.[22] Eine eindeutige Diagnose ist von großer Bedeutung, da aufgrund dieser eine Therapie angepasst werden kann. Oftmals wird Endometriose durch Linderung der Symptome therapiert, am häufigsten sind hierbei Operationen und Hormonbehandlungen.[23]

Prof. Dr. med. Sylvia Mechsner, Professorin für Endometrioseforschung an der Charité Berlin, legte in einem Interview offen, dass Frauenärzt*innen keine spezielle Schulung in Bezug auf Schmerz-Anamnesen haben. Das bedeutet, dass Gynäkolog*innen gezwungen sein können, eine schnelle Lösung zu finden, welche, wie bereits erwähnt, häufig aus einer Hormontherapie besteht.[24] Hier können allerdings weitere psychische Belastungen als Nebenwirkungen, beispielsweise durch das Einnehmen der Pille, entstehen und depressive Verstimmungen auslösen.[25] Um eine differenzierte Entscheidung zu fällen, welche Menstruationsschmerzen tatsächlich normal sind und welche nicht, muss ein ausführliches Anamnesegespräch stattfinden, auf welches Frauenärzt*innen nicht ausreichend trainiert sind, da diese Schmerzen auch weiterhin ein nebensächliches Thema selbst in der Ausbildung von medizinischem Personal zu sein scheinen.[26]

Eine zusätzliche Schwierigkeit stellen ökonomische Mängel beziehungsweise Vorbehalte dar. Laut der Endometriose-Vereinigung wurde am 28.05.2025 eine Erhöhung der Forschungsgelder von 8,5 Millionen Euro verkündet.[27] Bis 2023 wurden nur 500 000 Euro in die Erforschung dieser Krankheit gesteckt, ab 2023 waren es dann 5 Millionen Euro.[28] Diese Entwicklungen zeigen, dass sich die Thematik allmählich Gehör verschafft und Anklang auch in der Politik findet, allerdings wird dadurch ebenfalls deutlich, dass die Krankheit eben unter anderem aus finanziellen Gründen bislang großflächig unerforscht blieb beziehungsweise nicht genügend untersucht wurde. Die nötigen finanziellen Mittel waren einfach nicht ausreichend gegeben.

Die langwierigen Therapien erzwingen außerdem hohe Kosten für das Gesundheitssystem.[29] So betragen die direkten sowie indirekten Kosten der Behandlung von Endometriose 4.137.992 Euro,[30] wobei sich die direkten Kosten auf ambulante und stationäre ärztliche Pflege sowie den Medikamentenverbrauch beziehen. Bei diesen direkten Kosten ergibt sich der Großteil, nämlich 31%, aus der stationären Behandlung (zumindest im Jahr 2017, aus welchem diese Arbeit und somit die Quelle stammt). Am eindrücklichsten stechen hier die Zahlen der indirekten Kosten heraus, in denen Arbeitsausfall, Erwerbsminderung und Arbeitszeitreduzierung die Unterteilungen bilden. Der Arbeitsausfall mit 2.766 Euro stellt dabei den größten Anteil dar. Dieses Beispiel demonstriert einmal mehr die alltäglichen und sozialen Einschränkungen, denen sich Betroffene mit Endometriose ausgesetzt sehen. Diese können bis hin zu einer temporären Unfähigkeit, den eigenen Beruf auszuüben, reichen.

4. Fazit und Ausblick

Abschließend lässt sich festhalten, dass weiblich gelesener Schmerz immer weiter ins Licht der Beachtung der Gesellschaft rückt, diese Entwicklung allerdings immer noch sehr langsam vonstatten geht. Die Recherche und Erstellung dieser Arbeit haben deutlich gemacht, dass die These „eine Normalisierung von weiblich gelesenem Schmerz zeigt sich in der medizinischen Behandlung von Betroffenen mit Endometriose“ kein Schwarz-Weiß-Denken erlaubt, da diese Problemstellung sehr vielschichtig ist und dieser viele Argumente zugrunde liegen. Allen voran der Gender Pain Gap, der als grundlegendes Problem anzuerkennen ist. Viele Studien zeigen klar, dass weiblich gelesener Schmerz in der Gesellschaft und somit auch im medizinischen Bereich oftmals nicht ernst genommen oder gar verharmlost wird. Jedoch wird der Gender Pain Gap bereits teilweise bekämpft. So zum Beispiel durch schrittweises Aufbrechen bisheriger Muster und Anschauungen. Der gendermedizinische Ansatz findet zwar immer noch einen recht kleinen Platz im Medizinstudium, allerdings fordern beispielsweise die Ärztekammer Berlin eine feste Verankerung von Gendermedizin im Studium. Ein weiterer wichtiger Aspekt, der nicht unterschätzt werden sollte, ist die Finanzierung von Forschungen. Hier wird seit einigen Jahren die Endometrioseforschung durch erhöhte Forschungsinvestitionen, aktuell in Höhe von 8,5 Millionen Euro[31], vorangetrieben. Doch zeigen die bisherigen Erkenntnisse, vor allem was die Entstehung und zielführende Bekämpfung der Krankheit angeht, dass diese noch unzureichend erforscht ist und der Behandlung hohe Kosten zugrunde liegen. Prof. Dr. Mechsner des Endometriosezentrums der Charité Berlin plädiert für mehr Gründungen solcher Zentren als spezielle Orte, an denen Patient*innen ohne Vorurteile behandelt werden können und eine Tabuisierung der Thematik ausgeschlossen ist. Dies könnte zu einer erhöhten Sichtbarkeit und mehr Respekt bezüglich weiblich gelesenen Schmerzes führen. Dass die Krankheit ernster genommen werden muss, hat sich während der Recherche immer wieder ergeben. Besonders das medizinische Personal sollte dahingehend ausführlicher geschult werden, das Gesundheitssystem durch eine bessere Finanzierung versuchen, größere Kapazitäten für Gynäkolog*innen einzuräumen, um Betroffenen einen langen und kraftzehrenden Leidensweg zu ersparen oder diesen zumindest zu vereinfachen. Im Hinblick auf meine anfangs herrschende Unwissenheit wäre ein sinnvoller Schritt, die Krankheit Endometriose in der Gesellschaft sichtbarer zu machen und über die Thematik aufzuklären. Es sollte die Möglichkeit geben, sich darüber zu informieren und zu ermutigen, sich der Tabuisierung und den Vorurteilen entgegenzustellen.

5. Literaturverzeichnis

Ärztekammer Berlin. (06. März, 2025). Gendermedizin im Medizinstudium verankern! [Pressemeldung]. https://www.aekb.de/aktuelles/detail/gendermedizin-im-medizinstudium-verankern. Stand: 23.02.26.

Basiswissen Endometriose. Hg. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. 2020. https://www.uniklinik-duesseldorf.de/fileadmin/Fuer-Patienten-und-Besucher/Kliniken-Zentren-Institute/Kliniken/Klinik_fuer_Frauenheilkunde_und_Geburtshilfe/Unsere%20Zentren/Endometriose/Homepage_Neu/EVD_Broschuere_Basiswissen_Endometriose_Webseite.pdf. Stand: 27.02.26.

Department for Health and Social Care: Call for evidence outcome: results oft he ‚women’s Health – Let’s talk about it‘ survey. 2021, 2022.

„Dismisses, ignored and belittled“ in: The long road to endometriosois diagnosis in the UK. März 2024.

Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. https://www.endometriose-vereinigung.de/endometriose-forschung/. Stand: 23.02.26.

5 Millionen für Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. https://www.endometriose-vereinigung.de/blog/5-millionen-fuer-endometrioseforschung/. Stand: 23.02.26.

Erbas, Deniz. Volkswirtschaftliche Bedeutung. in: Dissertation: Die ambulante Behandlung von Endometriosepatientinnen unter klinischen und gesundheitsökonomischen Aspekten in einer Einzelpraxis für Gynäkologie und Geburtshilfe, 27. 2017.

Gao X et al. Economic burden of endometriosis. Fertil Steril. 2006. 86(6):1561-72.

Gender Pain Gap: Warum weibliche und männliche Schmerzen nicht gleichbehandelt werden. Medi-Kariere. 2026. https://www.medi-karriere.de/magazin/gender-pain-gap/. Stand: 23.02.26.

Laughey et al. In: Pain in women: bridging the gender pain gap, National Center for Biotechnology Information. 2025. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12094398/. Stand: 23.02.26.

Lloyd et al. Women exaggerate, men downplay: Gendered endorsement of emotionale dramatization stereotypes contributes to gender bias in pain expectations. Hg. Department Of Health & Human Sercives USA. 2023. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10688448/. Stand: 24.02.26.

Marts, Sherry a. u. Keitt, Sarah. „Principles of Sex-based Differences in Physiology: Foreword: a historical overview of advocacy for research in sex based biology“, in: Advances in Molecular and Cell Biology. 2004.  34, 1-333.

Meier zu Biesen, Caroline: Abstract zu: Endo-Werden und -Nicht-Werden Eine geschlechtersensible Perspektive auf das Leben mit Endometriose. in: Curare Gender und Medizin. 47. Ausgabe. 2024.

Oertelt-Prigione, Sabine. „Die Entstehung der geschlechtersensiblen Medizin – von der Frauengesundheitsbewegung zum Gender-Data-Gap“ in: Geschlechtersensible Medizin. Bundesstiftung Gleichstellung. 2024. https://www.bundesstiftung-gleichstellung.de/wissen/themenfelder/geschlechtersensible-medizin/#entstehung-der-geschlechtersensiblen-medizin. Stand: 24.02.26.

Oertelt-Prigione, Sabine. „Definitionen – geschlechtersensible Medizin, Gendermedizin, Frauengesundheit oder doch etwas anderes?“ Bundesstiftung Gleichstellung. 2024. https://www.bundesstiftung-gleichstellung.de/wissen/themenfelder/geschlechtersensible-medizin/#entstehung-der-geschlechtersensiblen-medizin. Stand: 24.02.26.

Paganini et al. Women exaggerate, men downplay: Gendered endorsement of emotionale dramatization stereotypes contributes to gender bias in pain expectations. Hg. Department Of Health & Human Sercives USA. 2023. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10688448/. Stand: 24.02.26.

Priess, Sabine. Das kommt schon an Geburtsschmerzen heran. rbb24. https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2024/03/endometriose-zentrum-charite-berlin-sylvia-mechsner-interview.html. 10. März 2024. Stand: 23.02.26.

Pronina, I., 6 Rule, N.O. Including bias modulates sensitivity to nonverbal cues of other’s pain. European Journal of Pain. 2014. 18(10), 1452-1457.

Schäfer, S. D. & Kiesel, L. Diagnostik und Therapie der Endometriose nach der S2k-

Leitlinie. Der Gynäkologe. 2018. 51 (1), 49–60.

Serbent, Ulrike in: Endometriose: Die unsichtbare Krankheit. AOK Presse und Politik. 29.07.2024. https://www.aok.de/pp/gg/versorgung/interview-endometriose-mechsner-charite/. Stand: 23.02.26.

Sex and Race Differences in the Evaluation and Treatment of Young Adults Presenting to the Emergency Department With Chest Pain. In: Journal of the American Heart Assosiation. Band 11, Nummer 10. 2022. https://www.ahajournals.org/doi/10.1161/JAHA.121.024199?url_ver=Z39.88-2003&rfr_id=ori:rid:crossref.org&rfr_dat=cr_pub%20%200pubmed. Stand: 25.02.26.

The LanCet. Endometriosis: Addressing the roots of slow progress. Band 404, Ausgabe 10460:1279. 2024. https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(24)02179-2/fulltext. Stand: 22.02.26.

Von Korff M, Simon G. The relationship between pain and depression. Br J Psychiatry Suppl. (30):101-8. PMID: 8864155. Juni 1996.

Wischmann, T. Psychologische Aspekte bei Endometriose und Kinderwunsch –

einige kritische Anmerkungen. Geburtshilfe und Frauenheilkunde. 2008. 68 (3), 231–235.


[1] Serbent, Ulrike. Endometriose: Die unsichtbare Krankheit. AOK, Presse und Politik.

[2] The LanCet. Endometriosis: Addressing the Roots of slow Progress.

[3] Gender Pain Gap: Warum weibliche und männliche Schmerzen nicht gleichbehandelt werden. Medi-Karriere.

[4] Laughey et al. In: Pain in women: bridging the gender pain gap. National Center for Biotechnology Information.

[5] Paganini et al. Women exaggerate, men downplay.

[6] Basiswissen Endometriose. Hg. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

[7] Marts, Sherry a. u. Keitt, Sarah (2004). „Principles of Sex-based Differences in Physiology“.

[8] Ärztekammer Berlin. (06. März, 2025). Gendermedizin im Medizinstudium verankern! [Pressemeldung].

[9]ebd.

[10] Oertelt-Prigione, Sabine. „Die Entstehung der geschlechtersensiblen Medizin – von der Frauengesundheitsbewegung zum Gender-Data-Gap“. Bundesstiftung Gleichstellung.

[11] Oertelt-Prigione, Sabine. „Definitionen – geschlechtersensible Medizin, Gendermedizin, Frauengesundheit oder doch etwas anderes?“ Bundesstiftung Gleichstellung.

[12]Lloyd et al. Women exaggerate, men downplay. Hg. Department Of Health & Human Sercives USA.

[13]Paganini et al. „Study 1: Discussion“. In: Women exaggerate, men downplay. Hg. Department Of Health & Human Sercives USA.

[14]Pronina, I., 6 Rule, N.O. (2014). Including bias modulates sensitivity to nonverbal cues of other’s pain. European Journal of Pain.

[15] Sex and Race Differences in the Evaluation and Treatment of Young Adults Presenting to the Emergency Department With Chest Pain. In: Journal of the American Heart Assosiation.

[16]Department for Health and Social Care: Call for evidence outcome: results oft he ‚women’s Health – Let’s talk about it‘ survey.

[17] „Dismisses, ignored and belittled“ in: The long road to endometriosois diagnosis in the UK.

[18]von Korff, M. & Simon, G. The relationship between pain and depression. British Journal of Psychiatry.

[19] Meier zu Biesen, Caroline: Endo-Werden und -Nicht-Werden Eine geschlechtersensible Perspektive auf das Leben mit Endometriose. in: Curare Gender und Medizin.

[20]Wischmann, T. Psychologische Aspekte bei Endometriose und Kinderwunsch – einige kritische Anmerkungen.

[21] Basiswissen Endometriose. Hg. Endemetriose-Vereinigung Deutschland e.V. 2024.

[22] Erbas, Deniz. Operative Therapie. in: Dissertation: Die ambulante Behandlung von Endometriosepatientinnen unter klinischen und gesundheitsökonomischen Aspekten in einer Einzelpraxis für Gynäkologie und Geburtshilfe.

[23] Serbent, Ulrike in: Endometriose: Die unsichtbare Krankheit. AOK Presse und Politik.

[24] Priess, Sabine. Das kommt schon an Geburtsschmerzen heran. rbb24.

[25]Schäfer, S. D. & Kiesel, L. Diagnostik und Therapie der Endometriose nach der S2k-Leitlinie. Der Gynäkologe.

[26] Priess, Sabine. Das kommt schon an Geburtsschmerzen heran.

[27]Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

[28]5 Millionen für Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

[29] Gao X et al. Economic burden of endometriosis. Fertil Steril.

[30]Erbas, Deniz. Volkswirtschaftliche Bedeutung. in: Dissertation: Die ambulante Behandlung von Endometriosepatientinnen unter klinischen und gesundheitsökonomischen Aspekten in einer Einzelpraxis für Gynäkologie und Geburtshilfe.

[31] Endometriose-Forschung. Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.


Quelle: Sophie Tannenberg, Beobachtungen zu weiblich gelesenem Schmerz am Beispiel Endometriose im Gesundheitswesen, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 01.07.2026, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=566

Das Spannungsfeld des Menstruationsdiskurses

Lea Nitsch (WiSe 2024/25)

Einleitung

Jeden Tag menstruieren mehr als 300 Millionen Menschen weltweit (1) und obwohl etwa die Hälfte der Weltbevölkerung diesen biologischen Prozess erlebt, werden damit regelmäßig Scham, Stigmatisierung und Tabus verknüpft. Diese negative Wahrnehmung, die in der Gesellschaft vorherrschend ist, wird als „period shaming“ oder „menstrual shaming“ beschrieben. Übersetzt bedeutet dies „Perioden-Beschämung“ oder „Menstruations-Beschämung“.

„period shaming“ sowie „menstrual shaming“ manifestiert sich in verschiedenen Formen, von Schweigen und kulturellen Tabus bis hin zu offener Diskriminierung, unzureichender Aufklärung und mangelndem Zugang zu Gesundheitsdiensten. Die Auswirkungen sind tiefgreifend und können nicht zuletzt zu gesundheitlichen Komplikationen führen. Menstruierende Menschen sehen sich zum Beispiel gezwungen ihre Periode zu verstecken oder Fakten über ihre Menstruation zu verschleiern, womit negative Auswirkungen auf das körperliche, emotionale und soziale Wohlbefinden verknüpft sind (2).

In dem Diskurs über Menstruation spielt der Aspekt Gender eine wichtige Rolle, da Menstruation traditionell als ein biologisches Merkmal von Frauen wahrgenommen wurde und größtenteils auch weiterhin so wahrgenommen wird. Die Konsequenz ist eine vermeintliche Verknüpfung zwischen dem Konzept von Menstruation und Weiblichkeit (3). Gesellschaftlich wird die Menstruation weitgehend als „weibliches Thema“ angesehen, was oft zur Tabuisierung führt. Allerdings greift diese Perspektive zu kurz, da nicht alle Frauen menstruieren, beispielsweise aufgrund von diversen medizinischen oder hormonellen Faktoren und nicht alle Menschen, die menstruieren, sich als Frauen identifizieren. Menstruierende Menschen können ebenfalls zum Beispiel trans* Männer, nicht-binäre oder genderqueere Personen sein. Das Stigma rund um die Menstruation spiegelt und verstärkt bestehende patriarchale Strukturen, indem es menstruierende Menschen als „unrein“ oder „schwach“ darstellt. Solche Einstellungen tragen zur systematischen Benachteiligung von Frauen und anderen menstruierenden Menschen bei (4).

Die Verknüpfung von Menstruation und Gender zeigt, wie eng biologische Prozesse mit sozialen und kulturellen Strukturen verflochten sind und wie wichtig es ist, diese Verbindungen kritisch zu hinterfragen, um mehr Gleichberechtigung und Inklusion zu schaffen. Besonders deutlich zeigt sich die Verbindung von Menstruation und Gender ebenfalls in der Art und Weise, wie menstruierende Menschen weltweit Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und sozialen Ressourcen erhalten oder daran gehindert werden.

Diese Hausarbeit soll die Verbindung von Geschlechterrollen, Menstruation und Gesundheit genauer beleuchten. Eine geschichtliche Einordnung der Wahrnehmung der Menstruation soll zunächst ein Verständnis für das Spannungsfeld heute geben. Dieses soll daraufhin erörtert werden, indem auf Mythen und das Stigma über Menstruation eingegangen wird. Weiterhin wird Repräsentationsmangel von trans* und non-binären Menschen, die menstruieren eingeordnet. Folglich soll der Einfluss auf die Gesundheit aufgezeigt werden und ein Ausblick auf mögliche Veränderungen dieser gegeben werden. Des Weiteren wird eine persönliche Selbstreflexion zum Thema der Hausarbeit vorgenommen.

Geschichtliche Einordnung

Ein Blick auf die geschichtliche Wahrnehmung der Menstruation zeigt schnell auf, wo sich der Ursprung heutiger Vorurteile befindet. Im alten Ägypten wurde Menstruationsblut in medizinischen Rezepturen verwendet, während bei indigenen Völkern Nordamerikas menstruierende Menschen als spirituell stark galten. In den griechisch-römischen Kulturen fanden jedoch bereits negative Zuschreibungen statt. Aristoteles sah Menstruationsblut als „unreines“ Nebenprodukt des Körpers. In den patriarchalen Weltreligionen wurde dieser Unreinheitsgedanke als Legitimation weiter ausgeführt und stellt die Grundlage dar, um Frauen systematisch zu unterdrücken und auszuschließen, besonders während ihrer Periode (5).

In Europa verstärkte sich im Mittelalter die Pathologisierung der Menstruation, wobei menstruierende Menschen als „krankhaft“ oder gefährlich während dieser galten. Erst mit der Aufklärung begann eine wissenschaftlichere Betrachtung, wobei die Medizin die Menstruation jedoch weiterhin problematisierte und sie in Zusammenhang mit Schwäche gebracht wurde. Im 20. Jahrhundert brachte die industrielle Produktion von Hygieneartikeln (z. B. die Einführung von Tampons in den 1930er-Jahren) eine praktische Erleichterung und eine erste Welle des öffentlichen Diskurses (6). Feministische Bewegungen ab den 1960er-Jahren kämpften für eine Enttabuisierung und körperliche Selbstbestimmung. Dieser Prozess dauert immer noch an.

Mythen über die Menstruation

Die Vorurteile und Mythen, die dazu führen, dass die Menstruation weitestgehend pathologisiert wird und schambehaftet ist, sind vielfältig. Einige Mythen scheinen jedoch besonders herauszustechen, wodurch ihre Entkräftung umso wichtiger ist. Oftmals sind die Übergänge zwischen einzelnen Mythen nicht klar abgrenzbar. Im folgenden Abschnitt werden einige Mythen aufgegriffen, ohne jedoch einem Anspruch an Vollständigkeit zu genügen, da es unzählige Mythen über die Menstruation gibt.

Eines der verbreitetsten Mythen ist jenes der „irrationalen Frau“, welches davon ausgeht, dass (hier ausschließlich und derogativ gemeint) Frauen aufgrund ihrer biologischen Grundvoraussetzung emotionaler sind und folglich eine geringere Kontrolle über ihr selbst haben und weniger Vernunft besitzen (7). Der mögliche Kontrollverlust, der hiermit beschrieben wird, ist Grundlage dafür Frauen z.B. als keine verlässlichen Personen für Führungspositionen einzustufen.

Ein medizinscher Faktor, der dieses Bild weiterhin prägt ist die Diagnose des prämenstruellen Syndroms (PMS) (8). Sally Kingbeschreibt in ihrem Artikel “Premenstrual Syndrome (PMS) and the Myth of the Irrational Female“ (7), dass die Zuschreibung psychologischer Symptome der Menstruation und medizinische Klassifizierung dieser weit über die Beschreibung der eigentlichen physischen Symptome hinaus geht. Sie zeigt auf, dass die Darstellung der Menstruation und ihre Pathologisierung auf einer sexistischen historischen Blickweise auf die Menstruation basiert. King weist darauf hin, dass nur eine Minderheit der menstruierenden Personen schwere zyklische Symptome erlebt, die medizinische Unterstützung erfordern. Das explizite Anerkennen und Entkräften des Mythos der „irrationalen Frau“ und seines Einflusses auf die klinische Beschreibung und Behandlung von PMS ist laut King ein wichtiger Schritt, um diejenigen besser zu unterstützen, die tatsächlich zyklische Symptome erleben (7). Dabei soll vermieden werden, ungewollt oder gewollt zu suggerieren, dass der Menstruationszyklus selbst eine Form von Krankheit darstellt oder eine „biologische“ Rechtfertigung für Geschlechterungleichheit bietet. Sie erwähnt ebenfalls die Wichtigkeit der richtigen sprachlichen Beschreibung. Dazu gehört für sie Forschungsergebnisse aus neutraler Perspektive zu betrachten und vor allem „Frauen“ oder „menstruierende Personen“ als Beschreibung zu vermeiden, wenn eigentlich „Personen mit PMS“ gemeint sind, damit die Grenze zwischen dem Krankheitsbild PMS und der Menstruation selbst nicht verschwimmt. Damit kann dem Vorurteil und Mythos der „pathologisch emotionalen Frau“ entgegengearbeitet werden.

Der Mythos, dass die Menstruation schädlich und ungesund für das vaginale Mikrobiom sei, ist ebenfalls weit verbreitet und trägt dazu bei unbegründeten Ängsten über den eigenen Körper hervorzurufen. Diese Pathologisierung des natürlichen Zyklus wird als gesellschaftliches Machtinstrument benutzt und führt zu Fehleinschätzungen über den Gesundheitszustand des eigenen Körpers und fördert die Schambehaftung der Menstruation selbst  (9).

Repräsentationsmangel von trans* und non-binären Menschen im Menstruationsdiskurs

Menschen, die menstruieren und nicht in die binäre Kategorie „Frau“ passen, erleben oft eine doppelte Marginalisierung. Sie werden mit den gleichen Tabus konfrontiert wie cis Frauen, aber zusätzlich auch mit der Herausforderung, dass ihre Menstruation nicht in die gesellschaftlichen genderbasierten Erwartungen passen. Dies kann zu einer verstärkten Isolation und einem Gefühl der Unsichtbarkeit führen.

Um einen nicht-pathologisierenden Diskurs über Körper und Erfahrungen von trans* Personen und nicht binären Personen zu fördern, ist es essenziell, Perspektiven dieser Personengruppe im Menstruationsdiskurs einzubeziehen. Die Menstruation ist dabei nicht nur ein körperliches Phänomen, sondern auch eng mit gesellschaftlichen Erwartungen, Normen und Vorstellungen von Weiblichkeit verwoben (3).

Die Vorstellung von Weiblichkeit ist durch sichtbare und unsichtbare Normen geprägt, die den weiblichen Körper und seine Funktionen definieren. Trans* Personen und nicht-binäre Menschen, die menstruieren, stehen vor der Herausforderung, ihre Identität gegen gesellschaftlich geprägte Vorstellungen vom weiblichen Körper zu behaupten. Traditionell wurde die Menstruation ausschließlich als Funktion des von der Gesellschaft als weiblich definierten Körpers verstanden. Für trans* und nicht-binäre Personen kann diese biologische Funktion jedoch zu einem gesellschaftlichen Marker für Geschlechts- oder Geschlechteridentität werden (10). So weisen Comics aus einer Studie von Sarah E. Frank (10) auf das Unwohlsein, welches trans* und nicht binäre Personen, die Menstruieren, im Umgang mit Menstruationsprodukten empfinden können. Das Abwerfen von Menstruationsprodukten etwa in der Männertoilette löst in diesem Beispiel Nervosität aus.

Werbungen für Menstruationsprodukte reproduzieren beispielsweise auch diskriminierende Sichtweisen auf die Menstruation. Eine australische Firma hat 2019 die erste Werbung veröffentlicht, in der das Menstruationsblut auf den Menstruationsprodukten nicht blau oder anderweitig gefärbt ist, sondern in der realer roter Farbe dargestellt wird (6). Dennoch wird hier weiterhin von ausschließlich Frauen und nicht von allen menstruierenden Menschen gesprochen. Damit ist das Ziel einer inklusiveren Sprache in Diskussionen rund um die Menstruation sowie geschlechtsneutrale Periodenprodukte noch lange nicht erreicht (11).

Einfluss auf Gesundheit

„period shaming“ hat einen relevanten Einfluss auf die Gesundheit menstruierender Menschen. Die Menstruation und die damit verbundene Schambehaftung führt dazu, dass Frauen und andere menstruierende Menschen sich zum Beispiel sozial isolieren, auf Sport verzichten und sogar nicht zur Schule oder zur Arbeit gehen. Dies hat zum Teil tiefgreifende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen (1).

Eine Umfrage von ActionAid zum Welt-Menstruationshygienetag 2023 ergab, dass 39 % der Frauen und anderer menstruierender Menschen im Vereinigten Königreich während ihrer Periode auf Sport oder Bewegung verzichteten oder sie ausließen. In der Altersspanne 18-24 Jahre betrug dieser Anteil sogar 48 % (12).

Der stigmatisierte Status der Menstruation hat also schädliche Folgen für die Gesundheit, insbesondere das Selbstwertgefühl, das Körperbild, die Selbstpräsentation und die sexuelle Gesundheit von Mädchen und Frauen und anderen menstruierenden Personen (4). Die gesellschaftlichen Erwartungen an menstruierende Menschen und die damit verbundenen Tabus können lebensgefährliche Auswirkungen haben (13).

Ohne die nötige Unterstützung, Information und Orientierung kann die Periode, besonders die erste, eine äußerst isolierende und einsame Erfahrung sein – eine, die oft von Stigmatisierung begleitet wird. Menstruation wird als etwas Schmutziges oder Beschämendes betrachtet, das versteckt werden sollte. Dies wird deutlich bei der Betrachtung von Euphemismen, mit denen wir die Periode beschreiben, ohne das Wort „Blut“ zu verwenden, wie etwa zum Beispiel „die Zeit des Monats“ oder auch „die Erdbeerwoche“.

Der stigmatisierte Status der Menstruation hat also schädliche Folgen für die Gesundheit, insbesondere das Selbstwertgefühl, das Körperbild, die Selbstpräsentation und die sexuelle Gesundheit von Mädchen und Frauen und anderen menstruierenden Personen (4). Die gesellschaftlichen Erwartungen an menstruierende Menschen und die damit verbundenen Tabus können lebensgefährliche Auswirkungen haben (13).

Menstrual health – wo wollen wir eigentlich hin?

Menstrual health, also Menstruationsgesundheit ist ein Zustand des vollständigen physischen, mentalen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechlichkeit im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus  (14).

Das umfassende Konzept der Menstruationsgesundheit beinhaltet, dass menstruierende Personen Zugang zu angemessenen Behandlungen für menstruationsbedingte Symptome und Krankheiten sowie zu Hygieneprodukten und angemessener Pflege während der Periode haben sollten. Aufklärung und Information über Menstruation in einem Umfeld, das frei von Gewalt, Stigmatisierung und Diskriminierung ist, vervollständigen die Agenda. (15)

Alle menstruierenden Menschen sollten Zugang zu präzisen, altersgerechten Informationen über den Menstruationszyklus, Menstruation und die damit verbundenen Veränderungen im Leben haben, sowie zu Selbstpflege- und Hygienepraktiken. Sie sollten in der Lage sein, ihre Körper während der Menstruation so zu pflegen, dass ihre Vorlieben, Hygiene, Komfort, Privatsphäre und Sicherheit unterstützt werden. Dies umfasst den Zugang zu effektiven und erschwinglichen Menstruationsmaterialien sowie zu unterstützenden Einrichtungen wie Wasser-, Sanitär- und Hygienediensten. Ebenso sollten sie rechtzeitig eine Diagnose, Behandlung und Pflege bei menstruationsbedingten Beschwerden erhalten, einschließlich Schmerzlinderung und Selbstpflegestrategien. Menschen sollten ein positives, respektvolles Umfeld erleben, das frei von Stigmatisierung und psychischer Belastung ist, und die Ressourcen haben, um ihren Körper selbstbewusst zu pflegen und informierte Entscheidungen zu treffen. Zudem sollte ihnen die Freiheit gegeben sein, während aller Phasen ihres Menstruationszyklus selbst zu entscheiden, ob und wie sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen – ohne Ausgrenzung, Einschränkungen, Diskriminierung, Zwang oder Gewalt  (14).

Historisch entstandene Vorstellungen und Dichotomien, welche auf veralteten biologischen und medizinischen Erkenntnissen basieren, sollten kritisch hinterfragt werden. Um eine inklusive und menschliche Herangehensweise an die Menstruation zu ermöglichen sollte Gesundheit als multidimensionaler Prozess verstanden werden, indem Klassifikationssysteme nicht binär, sondern auf den Menschen bezogen arbeiten (16).

Reflexion

Mit Menstruation verbinde ich zunächst Anstrengung und Schmerzen. Gleichzeitig verbinde ich damit ein sehr vertrautes und friedliches Gefühl. Während meiner Schulzeit hätte ich diesen Satz nicht so formuliert. Dank einer offenen Herangehensweise zuhause war ich zwar gut informiert über verschieden Phasen des Zyklus, Menstruationsprodukte und mögliche Symptome, jedoch fand lange gar kein öffentlicher Diskurs in meinem sozialen Umfeld über das Thema Menstruation statt. Damit war die Menstruation zunächst ein geheimnisvolles und gefährliches Thema. Ab dem Zeitpunkt, ab dem im Sportunterricht Schulschwimmen stattfand, waren einige meiner Mitmenschen vom Unterricht entschuldigt aufgrund der Menstruation. Dies führte bei mir zu der Überzeugung, dass Sport und menstruieren nicht zeitgleich möglich wären. Zunehmend wurde die Menstruation problematisiert. Blut wurde als „eklig“ beschrieben und alle Veränderungen in der Stimmung der menstruierenden Menschen wurden damit in Verbindung gebracht. Außerdem war es kompliziert, Menstruationsprodukte mit sich zu führen ohne, dass sie von anderen bemerkt wurden, um nicht ausgelacht zu werden. Die Vorstellung, dass es an öffentlichen Orten Menstruationsprodukte zur freien Verfügung geben könnte, war zu diesem Zeitpunkt fast absurd. Am schwierigsten war insgesamt jedoch die Konnotation der ersten Menstruation und dem „Frau“ werden. Da ich mich mit dem Begriff „Frau“ ohnehin nicht wohl gefühlt habe, war es für mich sehr schwer verständlich, wieso ich damit zu einer „Frau“ wurde und inwiefern die Menstruation und die damit einhergehende Fruchtbarkeit das Wertvollste und am Frau-Sein bedeutete.

Heute kann ich diese Erfahrungen kritisch betrachten. Mehr Wissen, Austausch und Sensibilisierung auch durch eigene körperliche Erfahrungen haben dazu geführt, dass ich Menstruation und vermeintliche Weiblichkeit nicht mehr miteinander verknüpfe. Es ist jedoch weiterhin in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten nicht selbstverständlich, offen über das Thema Menstruation reden zu können. Immer wieder begegne ich Situationen, wo ein Informationsdefizit vorliegt, oder mir bestimmte Attribute, wie etwa „zu emotional“ aufgrund meiner Menstruation angerechnet werden. Hierbei versuche ich mit Offenheit und Aufklärung entgegenzuwirken.

Fazit

Das Thema Menstruation ist nach wie vor von gesellschaftlichen Tabus, Stigmatisierung und Missverständnissen geprägt. Diese Haltung beeinflusst nicht nur die Wahrnehmung des eigenen Körpers, sondern führt auch zu erheblichen psychischen und physischen Belastungen für menstruierende Personen. Der Diskurs über die Menstruation sollte vom Status Quo der Pathologisierung und Scham in Richtung einer offenen, inklusiven und respektvollen Auseinandersetzung verändert werden. Die enge Verknüpfung von Menstruation und sozialen, kulturellen und politischen Dynamiken, die von Geschlechterrollen und Ungleichheiten geprägt sind, bringt die Verantwortung den Menstruationsdiskurs inklusiver und offener zu gestalten. Mythen über die Menstruation sind geschichtlich verankert und vielfältig, ihnen entgegenzuwirken ist weiterhin eine Aufgabe, der sich menstruierende Menschen täglich stellen müssen. Um die gesundheitlichen Voraussetzungen für menstruierende Menschen zu verbessern, muss es einen offenen Diskurs und ein Ende des „period shaming“ geben. Eine gendergerechte Herangehensweise trägt dazu bei, Barrieren abzubauen, Stigmata zu reduzieren und allen Menschen ein gesundes und würdevolles Leben zu ermöglichen. „Menstrual health“ ist folglich eine Zielvorstellung, welche gesamtgesellschaftlich erreicht werden sollte.

Literaturverzeichnis

1. Arif N. From shame to solidarity: how we can reverse harmful narratives on period stigma. BMJ. 2024;384:q152.

2. McHugh MC. Menstrual Shame: Exploring the Role of ‘Menstrual Moaning’. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts T-A, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore: Springer Singapore; 2020. p. 409-22.

3. Frank SE, Dellaria J. Navigating the Binary: A Visual Narrative of Trans and Genderqueer Menstruation. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts T-A, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore: Springer Singapore; 2020. p. 69-76.

4.  Johnston-Robledo I, Chrisler JC. The Menstrual Mark: Menstruation as Social Stigma. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts T-A, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore: Springer Singapore; 2020. p. 181-99.

5.  Germerott I. Blut und Scham: Wie die Menstruation zum Tabuthema wurde: National Geographic; 2023 [Available from: https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2023/03/blut-und-scham-wie-die-menstruation-zum-tabuthema-wurde-religion-patriarchat-wissenschaft-medizin.

6. Deutschlandfunk. Der Rest ist Geschichte [Internet]; 2024 25.07.2024. Podcast. Available from: https://www.deutschlandfunk.de/menstruation-geschichte-periode-hysterie-102.html

7.  King S. Premenstrual Syndrome (PMS) and the Myth of the Irrational Female. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts T-A, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore: Springer Singapore; 2020. p. 287-302.

8. Manual M. Prämenstruelles Syndrom (PMS): MSD Manual;  [Available from: https://www.msdmanuals.com/de/profi/gynäkologie-und-geburtshilfe/menstruationsstörungen/prämenstruelles-syndrom-pms?query=prämenstruelles%20syndrom%20(pms)#Symptome-und-Beschwerden_v1062694_de.

9. Sommer M, Chrisler JC, Yong PJ, Carneiro MM, Koistinen IS, Brown N. Menstruation myths. Nature Human Behaviour. 2024;8(11):2086-9.

10. Frank SE. Queering Menstruation: Trans and Non-Binary Identity and Body Politics. Sociological Inquiry. 2020;90(2):371-404.

11. Neve M. War on period shaming goes mainstream. Eureka street. 2019;29(17):25-7.

12. Pycroft H. Cost of living: UK period poverty has risen from 12% to 21% in a year: Actionaid; 2023 [Available from: https://www.actionaid.org.uk/blog/2023/05/26/cost-living-uk-period-poverty-risen.

13. Gottlieb A. Menstrual Taboos: Moving Beyond the Curse. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts TA, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore2020. p. 143-62.

14. Hennegan J, Winkler IT, Bobel C, Keiser D, Hampton J, Larsson G, et al. Menstrual health: a definition for policy, practice, and research. Sex Reprod Health Matters. 2021;29(1):1911618.

15. Carneiro MM. The hidden tales menstruation may tell: time to break the silent spell. Women & Health. 2022;62(4):273-5.

16. Sharon G. Lifting the Curse of Menstruation : A Feminist Appraisal of the Influence of Menstruation on Women’s Lives. New York: Routledge; 2015.


Quelle: Lea Nitsch, Das Spannungsfeld des Menstruationsdiskurses in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 26.05.2025, https://blogs.fu-berlin.de/abv-gender-diversity/?p=494