{"id":103,"date":"2021-07-06T14:09:31","date_gmt":"2021-07-06T12:09:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=103"},"modified":"2021-11-30T14:58:58","modified_gmt":"2021-11-30T13:58:58","slug":"black-beauty-white-standards-an-essay-on-the-appropriation-of-black-cultures","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2021\/07\/06\/black-beauty-white-standards-an-essay-on-the-appropriation-of-black-cultures\/","title":{"rendered":"Black Beauty, White Standards \u2013  An Essay on the Appropriation of Black Cultures"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kesho-Tabitha Imadonmwinyi (SoSe 2020)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Primitiv, tribal, spirituell und doch majest\u00e4tisch \u2013 eine Reise zum Anfang der Zeit und der Essenz primitiver Wesensart. So beschrieb das Modelabel Valentino im Jahre 2015 seine Afrika-inspirierte Fr\u00fchling\/Sommer 2016 Kollektion. Als Modenshow umgesetzt sah dies so stereotypisierend aus, wie es klingt: \u00fcberwiegend wei\u00dfe Models in Kikuyustoffen, Bast, Knochenketten, Federn und Fransen sowie G\u00fcrteln aus afrikanischen Perlen. Die Haare der Models wurden zu Cornrows und Dreadlocks frisiert. Um diese modische Afrika-Darbietung noch ein wenig zu untermalen, durfte die passende Musik nat\u00fcrlich nicht fehlen. Was eignete sich daf\u00fcr besser als der Sound afrikanischer Bongo-Trommeln (vgl. Stansfield 2015)? Et voil\u00e0, fertig war die Kreation eines authentischen Afrika-Erlebnisses f\u00fcr die Sinne, eine Hommage an einen ganzen Kontinent.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachahmung ist f\u00fcr bekanntlich die h\u00f6chste Form von Anerkennung. Wieso also sollte es problematisch sein, dass f\u00fcnf Jahre nach der Valentino-Modenshow, im Jahre 2020, immer noch wei\u00dfe Models gro\u00dfer Modelabels wie Marc Jacobs und Comme des Garcons mit traditionell Schwarzen Frisuren \u00fcber die Laufstege schreiten? Wieso sollte es problematisch sein, dass nicht-Schwarze Personen, allem voran Celebrities und Influencer*innen, diese Frisuren tragen und mit plastisch vergr\u00f6\u00dferten Lippen, Ges\u00e4\u00dfen und Oberweiten auf Instagram posieren? Oder Hautbr\u00e4unungsmittel und Make-Up verwenden, welches so viele Nuancen dunkler ist als ihr nat\u00fcrlicher Teint, dass nur schwer zu erkennen ist, ob es sich um eine wei\u00dfe, eine Schwarze oder eine Person of Color handelt? Wieso sollte es problematisch sein, wenn wei\u00dfe Menschen traditionell-afrikanische Kleidungsst\u00fccke tragen und sich wohlm\u00f6glich noch eines Blackccents bedienen \u2013 der Authentizit\u00e4t halber.<\/p>\n\n\n\n<p>In den vergangenen Jahren wurden die oben beschriebenen Praktiken immer wieder hitzig diskutiert \u2013 unter dem Schlagwort der kulturellen Aneignung. Auch gegenw\u00e4rtig tritt die gesellschaftliche Debatte um kulturelle Aneignung immer wieder in den Vordergrund, vor allem in den sozialen Medien. K\u00f6nnte es also sein, dass Nachahmung doch nicht die h\u00f6chste Form von Anerkennung ist? Wo verl\u00e4uft die Grenze zwischen kulturellem Austausch begr\u00fcndet auf kultureller W\u00fcrdigung und kultureller Aneignung? Ziel meines Essays ist es, die Problematik kultureller Aneignung und die hegemonialen Machtverh\u00e4ltnisse, die mit dieser Praxis einhergehen, genauer darzulegen. Dies werde ich anhand der g\u00e4ngigsten Argumente und Fehlannahmen in der Debatte rund um kulturelle Aneignung aufzeigen. Aufgrund meiner eigenen Positionierung als Schwarze, afro-deutsche Frau m\u00f6chte ich meinen Essay spezifisch im Kontext der Aneignung Schwarzer beziehungsweise afro-diasporischer Kulturartefakte situieren, mit einem besonderen Augenmerk auf historisch Schwarze Haarfrisuren. Doch zun\u00e4chst einmal: Was genau ist unter kultureller Aneignung \u00fcberhaupt zu verstehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zuge kultureller Aneignung werden Artefakte marginalisierter Kulturen durch Mitglieder der dominanten, meist wei\u00df-privilegierten Mehrheitsgesellschaft \u00fcbernommen. Dabei werden die Herkunftskulturen dieser Artefakte nicht, wie es im Sinne wertsch\u00e4tzenden kulturellen Austauschs geschehen w\u00fcrde, gew\u00fcrdigt. Stattdessen werden ohnehin marginalisierte gesellschaftliche Minderheitsgruppen und ihre Kulturg\u00fcter exotisiert, zu trendigen Fashionstatements reduziert und das Angeeignete oft sogar als das Eigene dargestellt. Der Geschichte und kulturellen Bedeutung dieser Kulturg\u00fcter wird von der dominanten Gruppe meist wenig bis gar keine Beachtung beigemessen. Vielmehr werden kulturelle Artefakte, nicht selten aus wirtschaftlich-kapitalistischen Interessen, willk\u00fcrlich dekontextualisiert. Was f\u00fcr Minderheitsgruppen tief verwurzelte kulturelle Bedeutung hat, dient der dominanten Gruppe zur Unterhaltung oder als modisches Accessoire (vgl. Volkening 2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders offensichtlich wird dies in Bezug auf die Valentino Modenshow. Ein h\u00e4ufiges Argument in der Debatte um kulturelle Aneignung ist, dass Film, Musik, Mode und andere Bereiche immer Inspiration aus anderen Kulturen sch\u00f6pfen. Kultureller Austausch ist nichts Neues, es ist etwas, das seit Jahrhunderten stattfindet. Doch dieser muss immer auf Augenh\u00f6he und respektvolle Art und Weise vollzogen werden. Im Falle der Valentino-Show ist kulturelle Aneignung \u00e4quivalent mit der Stereotypisierung Schwarzer Menschen und Menschen afrikanischer Herkunft. Die Herrichtung der Models und die Auswahl der Laufstegmusik spielt offensichtlich mit Stereotypen um etwas zu kreieren, das von der wei\u00dfen Mehrheitsgesellschaft als afrikanische \u00c4sthetik wahrgenommen wird. Wie so h\u00e4ufig in westlich-wei\u00dfen Diskursen wird ein ganzer, kulturell h\u00f6chst diverser Kontinent als ein gro\u00dfes Ganzes portr\u00e4tiert und mit rassistischer Wortwahl als primitiv umschrieben. Es f\u00e4llt also schwer, hier von wertsch\u00e4tzendem kulturellen Austausch zu sprechen, wenn Schwarze Kulturen stereotypisiert und rassistisch dargestellt und gleichzeitig zu \u201ewarenf\u00f6rmigen Fetisch-Objekten\u201c (Volkening 2020) wei\u00dfen Kapitalismus reduziert werden. Wie auch bei der evident rassistischen Praxis des Blackfacings und dem Tragen von Afroper\u00fccken an Karneval entsteht durch die Valentino-Modenshow der Eindruck, es sei in Ordnung, Kulturen marginalisierter Communities als Kost\u00fcm zu tragen und daraus zus\u00e4tzlich noch Profit zu schlagen. Bezeichnend daf\u00fcr, dass hier wenig W\u00fcrdigung der Kulturen, derer man sich bedient, stattfindet, ist ebenfalls in der Wahl der Models zu sehen: nur acht der 87 Looks der Valentino Modenshow wurden von Schwarzen Models pr\u00e4sentiert (vgl. Stansfield 2015).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Argument derer, die der kulturellen Aneignung beschuldigt werden, ist, dass sie bestimmte Kulturelemente \u00fcbernehmen, weil sie diese <em>sch\u00f6n<\/em> finden und so ihre Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr andere Kulturen ausdr\u00fccken m\u00f6chten. Zu ihrer Verteidigung beteuern sie zudem h\u00e4ufig, dass sie von einer Person der jeweiligen Kultur darin best\u00e4rkt worden seien, ein Kulturartefakt als Fashionstatement zu tragen. Hier gilt zu sagen: eine einzige Person kann nicht f\u00fcr alle Mitglieder einer Community sprechen. Und um etwas wahrhaftig wertzusch\u00e4tzen, muss man Respekt und Verst\u00e4ndnis haben. Valentino beispielsweise hat in seiner Show Perlen verwendet, die in afrikanischen und afro-diasporischen Kontexten tiefe spirituelle Bedeutung haben. Valentino hat diese Perlen benutzt, um ein Produkt zu verkaufen und dabei die urspr\u00fcngliche kulturelle Bedeutung missachtet. Kulturartefakte nach Belieben v\u00f6llig willk\u00fcrlich zu benutzen, wie es einem gerade gef\u00e4llt, hat wenig mit Respekt zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer meiner pers\u00f6nlichen Favoriten in der Debatte um kulturelle Aneignung ist definitiv der Vorwurf der umgekehrten kulturellen Aneignung. Ein prominentes Beispiel bietet Designer Marc Jacobs, welcher 2020 ebenfalls \u00fcberwiegend nicht-Schwarze Models mit Cornrow-Per\u00fccken f\u00fcr seine Modenshow nutzte. Auf den Vorwurf der kulturellen Aneignung reagierte dieser wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-right is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201cAll who cry \u201ccultural appropriation\u201d or whatever nonsense about any race or skin color wearing their hair in any manner- funny how you don\u2019t criticize women of color for straightening their hair. I respect and am inspired by people and how they look. I don\u2019t see color or race- I see people. I\u2019m sorry to read that so many people are so narrow minded\u2026 Love is the answer. Appreciation of all and inspiration from anywhere is a beautiful thing. Think about it.\u201d <\/p><cite>Marc Jacobs zitiert in Alese, 2018<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Tatsache, dass es, anders als Jacobs glaubt, auch Schwarze Menschen gibt, die von Natur aus glattes Haar haben, soll hier einmal au\u00dfen vorgelassen werden. Bei dem Argument der vermeintlich umgekehrten kulturellen Aneignung ist die Annahme zentral, dass Schwarze Menschen ebenfalls kulturelle Aneignung betreiben, wenn sie Erzeugnisse westlicher Kulturen \u00fcbernehmen. Um kulturelle Aneignung zu verstehen, ist ein Verst\u00e4ndnis von allt\u00e4glichem, strukturellem und institutionellem Rassismus in wei\u00dfen Mehrheitsgesellschaften Voraussetzung. Denn so w\u00fcrde bewusst werden, dass umgekehrte kulturelle Aneignung genau so wenig existiert, wie umgekehrter Rassismus. Von kultureller Aneignung kann nur gesprochen werden, wenn ungleiche Machtverh\u00e4ltnisse zwischen Kulturen bestehen. Kulturelle Aneignung impliziert, dass eine privilegierte Gruppe sich an Artefakten marginalisierter Gruppen bedient. Wir leben in einer Welt, in der wei\u00dfe Menschen und wei\u00dfe Institutionen mehr Privilegien und Macht innehaben als Schwarze Menschen und Menschen of Color. Das kulturelle Erbe von ethnischen Minderheiten erf\u00e4hrt in wei\u00dfen Mehrheitsgesellschaften oft eine Abwertung, was dazu f\u00fchrt, dass diese Minderheiten ihr Erbe verstecken oder sich so ver\u00e4ndern, dass sie von der dominanten Gruppe akzeptiert werden. Wenn marginalisierte Menschen sich an einen Standard anpassen, der von der dominanten, westlichen Kultur gesetzt wird, ist dies h\u00e4ufig eine \u00dcberlebensstrategie. Man spricht hierbei also nicht von Aneignung, sondern Assimilation.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Auseinandersetzung mit kultureller Aneignung ist das Betrachten, Verstehen und Hinterfragen von Machtdynamiken also unabdingbar. Wenn man dies tut, dann werden die wohl beliebtesten Argumente, mit welchen kultureller Aneignung begegnet wird, sehr schnell entkr\u00e4ftet: Das sind doch nur Klamotten. Das ist doch nur Make-Up. Das sind doch nur Haare. Es ist eben nicht <em>nur xyz<\/em>, wenn Minderheitsgruppen f\u00fcr das Ausleben ihrer eigenen Kultur Opfer rassistischer Diskriminierung werden. Wenn dieselbe Gruppe, die Minderheitsgruppen abwertet, stigmatisiert, unterdr\u00fcckt und marginalisiert nun deren kulturelle Praktiken \u00fcbernimmt und daf\u00fcr gefeiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwarze Menschen und People of Color sind seit Jahrhunderten einem eurozentrischen Sch\u00f6nheitsstandard ausgesetzt, der f\u00fcr sie nur schwer oder gar unm\u00f6glich zu erreichen ist. Denn innerhalb dieses Standards ist Sch\u00f6nheit in \u00dcbereinstimmung mit Wei\u00dfsein konstruiert: helle Haut, d\u00fcnne Lippen, schmale Nase und glattes Haar gelten als Ideal. Dieses Bild von Sch\u00f6nheit, errichtet auf dem Fundament der Versklavung, Kolonialisierung und Unterdr\u00fcckung Schwarzer Menschen, ist eines, das bis heute vorherrscht. Um dies zu verdeutlichen, m\u00f6chte ich auf die koloniale Geschichte von Afrohaar Bezug nehmen. Haare und das Frisieren dieser hat in vielen afrikanischen sowie afrodiasporischen Kontexten seit Jahrhunderten eine besondere kulturelle und soziale Bedeutung. W\u00e4hrend des transatlantischen Sklavenhandels war es \u00fcblich f\u00fcr Sklavenhalter, Schwarzen M\u00e4nnern und Frauen die Haare abzurasieren und sie so zu objektifizieren. Gesetze verboten es Schwarzen Menschen, ihr Haar \u00f6ffentlich zu zeigen (vgl. Neil und Mbilishaka 2019: 160). Weltweit verbieten die Kodexe verschiedener Unternehmen und Institutionen auch heute noch Schwarzen Menschen, ihr Haar im nat\u00fcrlichen Zustand, als Afro, in Braids, Cornrows oder Dreadlocks zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele nicht-Schwarze Menschen verharren bez\u00fcglich verschiedener Schwarzer Haarstyles in Stereotypen und Vorurteilen, die Schwarze Menschen navigieren m\u00fcssen. Dazu z\u00e4hlt die Stigmatisierung von Afros als wild, rau und ungepflegt oder die Assoziation von Cornrows und Dreadlocks mit Drogenkonsum und Kriminalit\u00e4t oder Braids und anderen nat\u00fcrlichen Haarstyles als unprofessionell. Viele Schwarze Menschen sind sich nicht nur dieser Vorurteile, sondern auch des wei\u00dfen Blickes bewusst, dem sie tagt\u00e4glich ausgesetzt sind und welcher sie in einem Prozess des Otherings als fremd und nicht zugeh\u00f6rig markiert. Das Navigieren des wei\u00dfen Blickes greift W.E.B. Du Bois in seiner Theorie des \u201edouble- consciousness\u201c (Du Bois 2007: 8) auf. Diese beschreibt den inneren Konflikt marginalisierter Minderheitsgruppen in einer repressiven Gesellschaft und die psychologische Herausforderung Schwarzer Menschen und People of Color, sich selbst immer durch die Augen einer rassistischen, wei\u00dfen Gesellschaft wahrzunehmen (vgl. ebd.: 8). Dies beeinflusst auch, wie Schwarze Menschen ihre Haare in bestimmten R\u00e4umen tragen, vor allem, wenn sie vermeiden m\u00f6chten, negative Stereotype in ihrem wei\u00dfen Gegen\u00fcber hervorzurufen. Die Assimilation marginalisierter Gruppen an westliche Ideale ist in vielen F\u00e4llen ein gewaltvolles Anpassen an den wei\u00dfen, eurozentrischen Standard. So greifen zum Beispiel viele Schwarze Personen auf den sogenannten Relaxer zur\u00fcck, eine chemische Haargl\u00e4ttungscreme. Die toxischen Inhaltsstoffe in Relaxern stehen mit einer Vielzahl schwerwiegender Gesundheitsprobleme in Verbindung, darunter Reproduktionsst\u00f6rungen, Geburtsdefekte, Asthma und Krebs (vgl. Murray 2015: 66).&nbsp; Dennoch setzen sich viele Personen diesem Risiko bewusst aus, um Stereotypisierungen, Vorurteilen und dem Policing (Stichwort <em>racial profiling<\/em>) ihrer K\u00f6rper zu entgehen und Zugang zu \u00fcberwiegend wei\u00dfen R\u00e4umen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was hat all das mit kultureller Aneignung zu tun? 2019 erscheint die Novemberausgabe des Magazins ELLE unter dem Titel <em>Back to Black<\/em>. Damit ist aber nicht nur Mode gemeint. Auf einer Doppelseite mit der \u00dcberschrift <em>Black is Back<\/em> sind sechs Schwarze Models (davon eines mit falschem Namen, dem ihrer Kollegin), abgebildet (vgl. Hein 2019). Dies spiegelt das wieder, womit sich viele Schwarze Menschen und Menschen of Color momentan konfrontiert sehen: dass Diversity gerade <em>in <\/em>ist und Schwarzsein beziehungsweise Schwarze Kulturen als Trend behandelt werden. Celebrities und Influencer*innen wie die Kardashians und Jenners betreiben immer wieder massiv kulturelle Aneignung. Sie verwenden Hautbr\u00e4unungsmittel, lassen sich Lippen und Ges\u00e4\u00df vergr\u00f6\u00dfern und ahmen so Schwarze K\u00f6rperformen nach. Sie tragen regelm\u00e4\u00dfig kulturell Schwarze Frisuren wie Cornrows oder Braids, die medial als <em>Kardashian-Z\u00f6pfe <\/em>vermarktet werden. Anstelle sch\u00e4dlicher Vorurteile treten Beschreibungen wie egdy, cool und stylisch. W\u00e4hrend Schwarze Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Haare, gro\u00dfer, voller Lippen und vor allem Schwarze Frauen mit kurvigen K\u00f6rpern in der Historie immer Diskriminierung erfahren haben und es auch gegenw\u00e4rtig tun, werden wei\u00dfe, privilegierte Personen f\u00fcr dieselben Styles gefeiert. Wenn diese K\u00f6rpermerkmale also von wei\u00dfen Frauen in einem kolonialistischen Stil enteignet werden, ist es wieder ein Trend und gilt als zu erreichendes Sch\u00f6nheitsideal.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies bringt uns zur\u00fcck zur Realit\u00e4t ungleicher Machtverh\u00e4ltnisse. Eine wei\u00dfe Person, die sich Teile Schwarzer Kulturen aneignet, wird aufgrund ihrer Privilegien nicht mit denselben Stereotypen behaftet wie eine Schwarze Person. Es ist wei\u00dfen Personen somit m\u00f6glich, zu imitieren, kopieren und Schwarze Kultur zum Teil ihrer Marktstrategie zu machen, ohne die B\u00fcrde rassistischer Diskriminierung tragen zu m\u00fcssen. Nicht-Schwarze Menschen haben die M\u00f6glichkeit, das Nachgeahmte wie ein Kost\u00fcm an- und abzulegen, wann immer es ihnen recht ist. Diese Freiheit haben Schwarze Menschen nicht. Viele Menschen verstehen sich auch als Allies, wenn sie Schwarze Kultur promoten. Die Tatsache, dass diese promotet werden muss, ist in sich wieder ein Beweis daf\u00fcr, dass diese in einem kolonialrassistischen, neokapitalistischen System als weniger wert eingestuft worden ist. Auch, dass wei\u00dfe Menschen erst etwas imitieren m\u00fcssen, damit es normalisiert wird, verdeutlicht die gesellschaftliche Schieflage. Schwarze Menschen und People of Color haben nicht wei\u00dfe Validierung zum Ziel, sondern Gleichberechtigung. Die Intention, die wei\u00dfe Menschen bei der \u00dcbernahme kultureller Elemente im Sinn haben, ist meist hinreichend. Denn Allyship im Sinne eines <em>ich bin mit euch, ich geh\u00f6re zu euch <\/em>macht die Privilegien, die eine wei\u00dfe Person innehat, nicht wett. Vielmehr werden so die Erfahrungen, die Schwarze Personen bez\u00fcglich dieser Elemente machen, au\u00dfer Acht gelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Frage kultureller Aneignung geht es nicht darum, nicht-Schwarzen Menschen zu verbieten, einen historisch und kulturell Schwarzen Haarstyle zu tragen. Vielmehr geht es darum, diesen auch als solchen zu w\u00fcrdigen. Auch eine wei\u00dfe Person kann Kleidung afrikanischen Ursprungs tragen, wenn Anlass und Setting angemessen sind. Nimmt sie beispielsweise an der Hochzeit einer Schwarzen Person teil und wird eingeladen, an dieser Kultur teilzuhaben, kann das Tragen traditioneller Kleidung von Respekt und Wertsch\u00e4tzung zeugen. Es geht also nicht darum, Menschen vorzuschreiben, nicht weiter an den Erzeugnissen anderer Kulturen teilzuhaben. Kulturelle Teilhabe kann vielseitig aussehen: das Lesen von B\u00fcchern, Besuchen von Museen, H\u00f6ren von Musik, Belegen von Kochkursen oder Reisen. Kultur kann auf verschiedenste, respektvolle Weisen kennengelernt und genossen werden, ganz ohne davon willk\u00fcrlich Teile zu \u00fcbernehmen. Im Falle der Modenshows von Valentino und Marc Jacobs h\u00e4tte Wertsch\u00e4tzung bedeuten k\u00f6nnen, die f\u00fcr die Mode verwendeten Stoffe direkt von Menschen der Kultur zu kaufen, von der sie inspiriert waren. Wertsch\u00e4tzung h\u00e4tte auch bedeuten k\u00f6nnen, Schwarzen Models Sichtbarkeit zu verschaffen, indem sie in die Show integriert werden. Und vor allem bedeutet dies f\u00fcr die Mode- sowie viele weitere Branchen, k\u00fcnftig die verg\u00fctete Expertise von Diversity-Berater*innen in Anspruch zu nehmen, wenn es ihnen nicht m\u00f6glich ist, Schwarze Menschen und Kulturen angemessen und ohne Stereotypisierungen zu adressieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tatsache, dass es, anders als Jacobs glaubt, auch Schwarze Menschen gibt, die von Natur aus glattes Haar haben, soll hier einmal au\u00dfen vorgelassen werden. Bei dem Argument der vermeintlich umgekehrten kulturellen Aneignung ist die Annahme zentral, dass Schwarze Menschen ebenfalls kulturelle Aneignung betreiben, wenn sie Erzeugnisse westlicher Kulturen \u00fcbernehmen. Um kulturelle Aneignung zu verstehen, ist ein Verst\u00e4ndnis von allt\u00e4glichem, strukturellem und institutionellem Rassismus in wei\u00dfen Mehrheitsgesellschaften Voraussetzung. Denn so w\u00fcrde bewusst werden, dass umgekehrte kulturelle Aneignung genau so wenig existiert, wie umgekehrter Rassismus. Von kultureller Aneignung kann nur gesprochen werden, wenn ungleiche Machtverh\u00e4ltnisse zwischen Kulturen bestehen. Kulturelle Aneignung impliziert, dass eine privilegierte Gruppe sich an Artefakten marginalisierter Gruppen bedient. Wir leben in einer Welt, in der wei\u00dfe Menschen und wei\u00dfe Institutionen mehr Privilegien und Macht innehaben als Schwarze Menschen und Menschen of Color. Das kulturelle Erbe von ethnischen Minderheiten erf\u00e4hrt in wei\u00dfen Mehrheitsgesellschaften oft eine Abwertung, was dazu f\u00fchrt, dass diese Minderheiten ihr Erbe verstecken oder sich so ver\u00e4ndern, dass sie von der dominanten Gruppe akzeptiert werden. Wenn marginalisierte Menschen sich an einen Standard anpassen, der von der dominanten, westlichen Kultur gesetzt wird, ist dies h\u00e4ufig eine \u00dcberlebensstrategie. Man spricht hierbei also nicht von Aneignung, sondern Assimilation.<\/p>\n\n\n\n<p>Es braucht ein sich Bewusstwerden und -sein \u00fcber die eigenen Privilegien sowie das Hinterfragen dieser, bevor vom Zelebrieren kulturellen Austausches gesprochen werden kann. Ohne diese kritische Reflektion besteht die Gefahr der Fortf\u00fchrung des kolonialrassistischen Ausbeutungssystems, in denen wei\u00dfe Menschen von Schwarzen Kulturen profitieren, w\u00e4hrend Schwarze Menschen gesellschaftliche Benachteiligung f\u00fcr das Ausleben ihrer eigenen Kulturen erfahren. Schwarzsein ist kein Trend im Sinne von <em>Black is Back<\/em>. Schwarze Menschen waren und sind immer da. Schwarzsein ist kein Kost\u00fcm, das man tr\u00e4gt, wenn es gerade angesagt ist. Es ist die Lebensrealit\u00e4t Schwarzer Menschen. Es ist an der Zeit, zu verstehen, dass Kulturartefakte marginalisierter Gruppen nie blo\u00df ein Style, sondern oft mit realen gesellschaftlichen K\u00e4mpfen und Leiden verbunden sind. Durch die willk\u00fcrliche \u00dcbernahme und dem Dekontextualisieren von Kulturg\u00fctern werden diese K\u00e4mpfe trivialisiert. Wem als nicht-Schwarzer Person daran gelegen ist, die systematische Diskriminierung Schwarzer Menschen zu beenden, muss kulturelle Aneignung als Teil dieses unterdr\u00fcckerischen Systems anerkennen. Wer Schwierigkeiten hat, die Grenze zwischen Aneignung und respektvollem Austausch auszumachen, kann sich f\u00fcr den Anfang folgende Fragen stellen: w\u00fcrdige ich die urspr\u00fcngliche Herkunft der Elemente, derer ich mich bediene? Billige ich den Kampf Schwarzer Communities, wenn ich Teile Schwarzer Kulturen \u00fcbernehme? Reduziere ich Kulturg\u00fcter zu einem blo\u00dfen Fashionstatement? Inwiefern profitieren die Menschen, deren Kultur ich mit aneigne? Ist das Setting, in dem ich mich bewege, ein angemessenes, um dieses Kulturartefakt f\u00fcr mich zu nutzen? K\u00e4mpfe ich gegen (Anti-Schwarzen) Rassismus oder ruhe ich mich auf meinen wei\u00dfen Privilegien aus? Sch\u00e4tze ich Schwarze Leben oder nur Schwarze Kulturen?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><strong>Literaturverzeichnis<\/strong>: <\/p>\n\n\n\n<p>Alese, Whitney 2018: What Marc Jacobs\u2019 constant cultural appropriation really means, online: <a href=\"https:\/\/medium.com\/@TheReclaimed\/what-marc-jacobs-constant-cultural-appropriation-really-means-ed9cbf766ffb\">https:\/\/medium.com\/@TheReclaimed\/what-marc-jacobs-constant-cultural-appropriation-really-means-ed9cbf766ffb<\/a> (17.09.2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Du Bois, W.E.B.; Edwards, B. 2007: <em>The Souls of Black&nbsp; Folk<\/em>. Oxford England; New York: &nbsp;Oxford University Press.<\/p>\n\n\n\n<p>Hein, Theresa 2019: Kritik an \u201eElle\u201c-Novemberausgabe \u201eWir sind kein Trend\u201c \u2013 Emp\u00f6rung \u00fcber \u201eBack to Black\u201c-Ausgabe von \u201eElle\u201c. S\u00fcddeutschte Zeitung, online: <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/elle-germany-back-to-black-diskriminierung-1.4662483\">https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/elle-germany-back-to-black-diskriminierung-1.4662483<\/a> (19.09.2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Mbilishaka, A.; Neil, L. 2019: \u201cHey Curlfriends!\u201d: Hair Care and Self-Care Messaging on YouTube by Black Women Natural Hair Vloggers. <em>Journal of&nbsp;Black&nbsp;Studies<\/em> 50(2): 156-177.<\/p>\n\n\n\n<p>Murray, C. 2015: Altered Beauty &#8211; African-Caribbean women decolonizing &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; racialized aesthetics in Toronto, Canada. Your Review, online: <a href=\"https:\/\/yourreview.journals.yorku.ca\/index.php\/yourreview\/article\/view\/40352\/36553\">https:\/\/yourreview.journals.yorku.ca\/index.php\/yourreview\/article\/view\/40352\/36553<\/a> (19.09.2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Stansfield, Ted 2015: Valentino Show inspired by \u2018wild Africa\u2019 sparks controversy, online: <a href=\"https:\/\/www.dazeddigital.com\/fashion\/article\/26895\/1\/valentino-show-inspired-by-wild-africa-sparks-controversy\">https:\/\/www.dazeddigital.com\/fashion\/article\/26895\/1\/valentino-show-inspired-by-wild-africa-sparks-controversy<\/a> (17.09.2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Volkening, Heide 2020: Kulturelle Aneignung &#8211; Das Begehren des Anderen, online:&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2020-05\/kulturelle-aneignung-popkultur-stereotyp-imitation-postkolonialismus\">https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2020-05\/kulturelle-aneignung-popkultur-stereotyp-imitation-postkolonialismus<\/a> (19.09.2020).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Kesho-Tabitha Imadonmwinyi, Black Beauty, White Standards \u2013 An Essay on the Appropriation of Black Cultures, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 06.07.2021, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2021\/07\/06\/black-beauty-white-standards-an-essay-on-the-appropriation-of-black-cultures\/\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2021\/07\/06\/black-beauty-white-standards-an-essay-on-the-appropriation-of-black-cultures\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kesho-Tabitha Imadonmwinyi (SoSe 2020) Primitiv, tribal, spirituell und doch majest\u00e4tisch \u2013 eine Reise zum Anfang der Zeit und der Essenz primitiver Wesensart. So beschrieb das Modelabel Valentino im Jahre 2015 seine Afrika-inspirierte Fr\u00fchling\/Sommer 2016 Kollektion. Als Modenshow umgesetzt sah dies so stereotypisierend aus, wie es klingt: \u00fcberwiegend wei\u00dfe Models in Kikuyustoffen, Bast, Knochenketten, Federn und &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2021\/07\/06\/black-beauty-white-standards-an-essay-on-the-appropriation-of-black-cultures\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eBlack Beauty, White Standards \u2013  An Essay on the Appropriation of Black Cultures\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2643,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[327720],"tags":[417269,416945,412061,417652,418149,418009],"class_list":["post-103","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-essay","tag-beauty","tag-black-cultures","tag-cultural-appropriation","tag-kulturelle-aneignung","tag-pocs","tag-schoenheit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2643"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":149,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103\/revisions\/149"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}