{"id":113,"date":"2021-08-30T11:46:38","date_gmt":"2021-08-30T09:46:38","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=113"},"modified":"2021-08-30T15:08:42","modified_gmt":"2021-08-30T13:08:42","slug":"was-haben-picknick-und-pinkeln-mit-geographie-zu-tun-ein-essay-uber-das-gegenseitige-konstruieren-von-gender-und-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2021\/08\/30\/was-haben-picknick-und-pinkeln-mit-geographie-zu-tun-ein-essay-uber-das-gegenseitige-konstruieren-von-gender-und-raum\/","title":{"rendered":"Was haben Picknick und Pinkeln mit Geographie zu tun?\u2013 Ein Essay \u00fcber das gegenseitige Konstruieren von Gender und Raum"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Marielene Wicke (SoSe 2021)<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Einleitung<\/h3>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich noch gut an die Frage, die mir im ersten Semester meines Geographiestudiums dauernd gestellt wurde: Was machen Geograph:innen eigentlich? Was zeichnet Geograph:innen aus? Was ist \u00fcberhaupt Geographie? Gestellt wurden mir diese Fragen von Dozierenden, Freund:innen oder Familienmitgliedern. W\u00e4hrend ich meiner Familie erkl\u00e4ren musste, dass Geographie viel mehr ist als Erdkundeunterricht und Fl\u00fcsseaufsagen, zielten die Dozierenden auf den Kern der Sache. Geographie ist so gut wie alles, denn sie besch\u00e4ftigt sich mit Raum. Raum nicht im Sinne eines Landes, welches sich durch gemalte Striche auf einer Karte von anderen L\u00e4ndern abgrenzt. Sondern vielmehr Raum im Sinne von dem, was ich als Person allt\u00e4glich denke, handle und f\u00fchle. Raum im Sinne eines \u201aallt\u00e4glichen Geographiemachens\u2018. Ich mache Raum. Wir alle machen Raum. Jeden Tag. Die Geographie untersucht, wie R\u00e4ume geschaffen wurden und werden, sie untersucht die Beschaffenheit von R\u00e4umen, Zusammenh\u00e4nge und Wechselwirkungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun bin ich mittlerweile im vierten Semester und es werden andere Fragen gestellt. Aber egal mit welcher Thematik ich mich besch\u00e4ftige, die Sache mit dem Raum l\u00e4sst sich immer wieder anwenden. Und genau deswegen schreibe ich dieses Essay.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte mich hier mit dem Zusammenhang von Raum und \u201aGender\u2018 auseinandersetzen. Ich w\u00e4hle bewusst den englischen Begriff <em>gender<\/em>, da dieser im Gegensatz zum deutschen Begriff \u201aGeschlecht\u2018 auf die soziale Konstruiertheit abzielt. Wird der Begriff \u201aGeschlecht\u2018 gew\u00e4hlt, dann soll dieser nicht synonym zur Zweigeschlechtlichkeit verstanden werden. Vielmehr verwende ich diesen Begriff, um auf die kon-struierte \u201aWeiblichkeit\u2018 und \u201aM\u00e4nnlichkeit\u2018 hinzuweisen, die im \u00f6ffentlichen Raum und auch in unserem Alltag eingeschrieben ist (Wastl-Walter 2010, S.15). \u201aGeschlecht\u2018 wird hier im sozialen und diskursiven Sinne verwendet und soll auf die gesellschaftlichen Konzepte hinwiesen, welche in diesem Essay hinterfragt werden. Denn mir stellen sich die Fragen, wie Geschlecht durch r\u00e4umliche Praxen hergestellt und wie Raum vergeschlechtlicht wird. Und ob Ver\u00e4nderungen in Geschlechternormen und -relationen auch zu anderen Geographien f\u00fchren k\u00f6nnen. Den Antworten dieser Fragen m\u00f6chte ich anhand einer Auseinandersetzung zum allt\u00e4glichen Beispiel \u201aPinkeln im \u00f6ffentlichen Raum\u2018 n\u00e4her kommen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Die Begriffe und was sie meinen<\/h3>\n\n\n\n<p>Bevor ich mich mit dem Zusammenhang von Raum und Gender auseinandersetzen m\u00f6chte, werde ich zuerst grundlegend die Begriffe Raum und Gender bzw. \u201aGeschlecht\u2018 n\u00e4her vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bereits angedeutet, wird Raum in der Geographie als sozial konstituiert und konstruiert verstanden. Raum ist damit keine Kategorie des Starren oder Materiellen, sondern des Sozialen (G\u00fcnzel 2015, S.19). Raum wird durch Menschen \u201agemacht\u2018 und muss daher \u201ein seinem Verh\u00e4ltnis von Personen, Dingen und Distanzen\u201c begriffen werden (Bauer 2015, S.24).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sozialphilosoph Pierre Bourdieu unterscheidet in einen physischen und in einen sozialen Raum. Das Soziale, sprich das stetig durch Sprache, Handlungen und Gedanken Reproduzierte und Konstruierte, schl\u00e4gt sich materiell im Physischen nieder. Raum ist damit nicht \u201avon Natur aus gegeben\u2018 und muss im Kontext von gesellschaftlichen Machtverh\u00e4ltnissen und (historischen) soziokulturellen Strukturen erfasst werden (Ruhne 2011, S.73f.). Im Raum sind dementsprechend Marker wie Geschlecht, Hautfarbe und Gesellschaftsschicht ablesbar und dar\u00fcber hinaus verewigt (Endler 2021, S.42).<\/p>\n\n\n\n<p>Gender muss ebenso als ein soziales Konstrukt verstanden werden, welches stetig kulturspezifischen Zuschreibungen und Erwartungen sowie gesellschaftlichen Machtverh\u00e4ltnissen unterliegt. Gender und Raum sind als soziale Konstrukte offen, dynamisch und damit wandelbar (Ruhne 2011, S.115). Der Begriff des \u201aGeschlechts\u2018 dient in der Geographie als eine soziale Analysekategorie, welche in den K\u00f6rper eingeschrieben ist. Der K\u00f6rper kann dabei als \u201eText, der von anderen gelesen wird\u201c (Str\u00fcver 2005, S.74) verstanden werden und verk\u00f6rpert soziale und r\u00e4umliche Normen. So unterliegt der eigene K\u00f6rper einer permanenten Inszenierung, wodurch dieser in sozialer Interaktion einem bestimmten Geschlecht zugeordnet wird. Inszenierungen in Form von geschlechtsspezifischen Verhaltensmustern oder wie Doris Wastl-Walter schreibt \u201ein der Art, wie man geht, die Nase putzt oder isst\u201c (Wastl-Walter 2010, S.71) m\u00fcssen vor dem soziokulturellen Hintergrund und \u201eals Folge offener oder versteckter Hierarchien in jeweils spezifischen R\u00e4umen betrachtet [werden]\u201c (Ruhne 2011, S.121). Das in den westlichen Gesellschaften dominierende zweigeschlechtliche, heteronormative Ordnungssystem unterscheidet in <em>den<\/em> \u201aMann\u2018 und in <em>die <\/em>\u201aFrau\u2018 und ist bis heute als soziale Realit\u00e4t Folge historischer-kolonialistischer vergeschlechtlichter Konstruktionen und hierarchischer Strukturen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. \u201aDoing space by doing gender\u2019 oder \u2018Doing gender by doing space\u2019<\/h3>\n\n\n\n<p>Mit unserem allt\u00e4glichen Denken und Handeln werden allt\u00e4glich Geographien erschaffen. So erzeugen wir \u201aGeschlecht\u2018 bzw. Gender und Raum durch gesellschaftlich getragene soziokulturelle Vorstellungen \u00fcber Personengruppen und R\u00e4ume (Wastl-Walter 2010, S.12). Dabei sind wir \u00fcber unsere K\u00f6rper in R\u00e4umen und f\u00fchlen, handeln und repr\u00e4sentieren uns \u00fcber diese. \u00dcber unsere K\u00f6rper werden wir gelesen, beispielsweise als \u201aFrau\u2018 oder \u201aMann\u2018. Und \u201e[d]a es nicht m\u00f6glich ist, diesen K\u00f6rper zu verlassen, sind wir an das, was \u00fcber ihn gedacht wird, und an seine M\u00f6glichkeiten, sich in der nat\u00fcrlichen und gebauten Umwelt zu bewegen, gebunden\u201c (Wastl-Walter 2010, S.68). Das bedeutet schlichtweg, dass in unseren K\u00f6rpern r\u00e4umliche Strukturen sowie gesellschaftliche Machtverh\u00e4ltnisse verinnerlicht sind und dadurch Machtverh\u00e4ltnisse sowie R\u00e4ume reproduziert werden (Str\u00fcver 2014, S.179f.). Geschlecht und Raum sind damit nicht nur abh\u00e4ngig voneinander, sie sind eng miteinander verwoben, bedingen einander und best\u00e4tigen sich gegenseitig. \u201eGeschlecht erf\u00e4hrt im Alltag eine kontextuelle Verankerung und Verortung so wie Raum durch die handelnden Personen vergeschlechtlicht wird. Beides sind Voraussetzungen f\u00fcr das jeweils andere und gleichsam dessen Folge\u201c (Wastl-Walter 2010, S.13).<\/p>\n\n\n\n<p>Der franz\u00f6sische Philosoph Michel Foucault entwickelte das Konzept der Performativit\u00e4t, welches aussagt, dass der K\u00f6rper Ausdruck sozialer Praktiken und Machtverh\u00e4ltnisse ist. Performieren als \u201aAkt der Verk\u00f6rperung\u2018 dient beispielsweise der Konstruktion von Geschlechtsidentit\u00e4ten. Beispiele dieses \u201a<em>doing gender<\/em>\u2018 ist das wiederholte Ansprechen als \u201aMann\u2018 oder \u201aFrau\u2018, aber auch die K\u00f6rperhaltung und Kleidungswahl. Diese verinnerlichten Handlungsabl\u00e4ufe und Handlungserwartungen sind ebenso verr\u00e4umlicht (Wastl-Walter 2010, S.32f.). Dieser Punkt wird bei der Auseinandersetzung mit dem allt\u00e4glichen Beispiel \u201aPinkeln im \u00f6ffentlichen Raum\u2018 nochmals eine Rolle spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die Raumkonstruktion von Menschen erfolgt und daher von gesellschaftlichen Machtstrukturen abh\u00e4ngt, ist Raum ebenso Ausdruck sozialer Ungleichheit. Wie ich \u00fcber Raum denke und wie ich mich im Raum bewegen kann, h\u00e4ngt von meinen Handlungsm\u00f6glichkeiten und materiellen Faktoren ab. Das bedeutet, dass nicht alle gleicherma\u00dfen R\u00e4ume konstruieren k\u00f6nnen. Die gesellschaftlich verfestigte Heteronormativit\u00e4t organisiert, <em>wer <\/em>Raum <em>wie <\/em>konstituieren kann. Sie organisiert, wo ich mich sicher f\u00fchle, wo ich verletzbar bin, wo ich gesch\u00fctzt bin. Raum hat somit einen erheblichen Einfluss darauf, wie ich mich f\u00fchle und bewege (Hark 2015, S.156f.). \u201eSo ist weder M\u00e4nnlich- noch Weiblichkeit einfach ein Attribut, das zu einer Identit\u00e4t hinzugef\u00fcgt wird, sondern eine allt\u00e4gliche Erfahrung im sozialen Raum\u201c (Hark 2015, S.157). Bei Betrachtung allt\u00e4glicher Erfahrungen im sozialen Raum m\u00fcssen neben der Kategorie \u201aGeschlecht\u2018 ebenfalls Kategorien der Hautfarbe und sozialen Herkunft ber\u00fccksichtigt werden. So lassen sich das Produzieren von Raum und das Wirken von Raum nicht auf die Kategorie Geschlecht reduzieren, da verschiedene Machtmechanismen und gesellschaftliche Wirklichkeiten \u00fcberlappend Einfluss nehmen (Sexismus, Rassismus, Ableismus) und daher eine intersektionale Perspektive bei der Untersuchung von Raum herangezogen werden muss.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4. Was Pinkeln mit Machtverh\u00e4ltnissen zutun hat<\/h3>\n\n\n\n<p>Am Sonntag, dem 04.07.2021 war ich mit Freund:innen im G\u00f6rlitzer Park verabredet. Wir haben gepick-nickt, wenn Wassermelone, Hummus und Schokobr\u00f6tchen definitionstechnisch als Picknick gelten. Jedenfalls genossen wir die Sonne auf unserer Haut und tranken dabei Bier. Und nach einem Bier fing bereits meine Blase an zu dr\u00fccken. Ich musste aufs Klo. Meinen Freund:innen ging es da nicht anders. W\u00e4hrend meine Freunde Maxi und Tom, welche beide einen Penis haben, in den n\u00e4chsten Busch zum Pinkeln gehen konnten, war das bei mir und meinen Freundinnen ohne Penis anders. Wir mussten um uns zu Entladen, f\u00fcnf Minuten laufen und nett im n\u00e4chsten Lokal fragen, ob wir denn die Toilette benutzen d\u00fcrfen. Von insgesamt vier Pinkelg\u00e4ngen mussten wir zwei davon mit f\u00fcnfzig Cent bezahlen. Kurz darauf, ich glaube, es war der Montag, dr\u00fcckte mir meine Mitbewohnerin ein Buch in die Hand, welches nicht besser h\u00e4tte passen k\u00f6nnen. Es handelte sich um das Buch von Rebekka Endler namens \u201aDas Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt\u2018. In diesem widmet sie mehrere Seiten der Frage, warum wer wo pinkeln darf. Und so oft ich diese Situation des \u201aIch-will-nicht-im-Freien- Pinkeln-kommt-jemand-mit-eine-Toilette-suchen\u201c erlebt habe, so oft habe ich es als selbstverst\u00e4ndlich empfunden. Doch warum ist das so? Warum geh\u00f6ren ungerechte Pinkelm\u00f6glichkeiten im \u00f6ffentlichen Raum zu meiner sozialen Wirklichkeit?<\/p>\n\n\n\n<p>Meiner Recherche nach befinden sich in der N\u00e4he des G\u00f6rlitzer Parks in Berlin-Kreuzberg zwei City- Toiletten. Aufgrund der Gr\u00f6\u00dfe des Parks sind diese Pinkelm\u00f6glichkeiten nicht f\u00fcr alle Personen gleicherma\u00dfen gut zu erreichen, weshalb meine Freundinnen und ich (allesamt mit Vulven ausgestattet) auf Toilettensuche gegangen sind. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte jetzt gefragt werden, warum wir nicht ebenfalls einen Busch als stilles \u00d6rtchen aufgesucht haben. Erstens war es nachmittags und damit noch hell, womit die Gefahr, sich zu entbl\u00f6\u00dfen, relativ gro\u00df ist. Zweitens ist Wildpinkeln im Park unbequem und l\u00e4stig. Drittens empfinde ich bei dieser Variante die Gefahr, sich dabei Anzupinkeln, besonders hoch. Viertens ist Pinkeln im Freien nach deutschem Gesetz auch nicht erw\u00fcnscht. So absurd diese ganze Pinkelthematik auch klingen mag, f\u00fchrt sie gerade durch ihre Allt\u00e4glichkeit wichtige Fragen an: Wem geh\u00f6rt eigentlich der \u00f6ffentliche Raum? Warum muss f\u00fcr den Eintritt von Damentoiletten h\u00e4ufig bezahlt werden, f\u00fcr Nutzung von Pissoirs dagegen h\u00e4ufig nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Historisch (aber leider auch gegenw\u00e4rtig) gesehen l\u00e4sst sich diese Allt\u00e4glichkeit durch die Dominanz der heteronormativen und zweigeschlechtlichen Gesellschaftsordnung erkl\u00e4ren. So konnten sich seit vielen Jahrhunderten und Jahrtausenden die Geschlechterverh\u00e4ltnisse in den \u00f6ffentlichen Raum einschreiben. Durch die Unterscheidung in zwei Geschlechter entstanden zwei Pinkelm\u00f6glichkeiten: Die Sitztoilette im Damenklo und die Pissoirs im Herrenklo. Patriarchale Strukturen haben daf\u00fcr gesorgt, dass \u201aM\u00e4nner\u2018 eine Vormachtstellung gegen\u00fcber \u201aFrauen\u2018 genie\u00dfen und damit Privilegien besitzen. Zudem sei es f\u00fcr eine Frau nicht \u201ageschickt\u2018, im \u00f6ffentlichen Raum auf die Toilette zu gehen. Endler schreibt passend zu dieser Geschlechterrolle: \u201eDiese Ansicht, so emp\u00f6rend sie vielen von uns heute erscheint, hat Tradition. Sie entspricht der ebenfalls lang gehegten Auffassung, dass wir Frauen, um den Anforderungen unseres Geschlechts zu entsprechen, die volle Kontrolle \u00fcber unsere K\u00f6rperfunktionen besitzen. Wenn\u2018s juckt, wird nicht gekratzt. Wenn\u2019s langweilig ist, wird nicht geg\u00e4hnt. Und wenn\u2019s dr\u00fcckt, wird nicht gepupst und eben auch nicht gepinkelt. Die anst\u00e4ndige Frau wei\u00df sich zu beherrschen.\u201c (Endler 2021, S.49). Das bedeutet kurzum, dass gesellschaftlich getragene Vorstellungen von Verhaltensnormen \u201aeiner Frau\u2018 bzw. \u201aeines Mannes\u2018 sich in den Raum materiell eingeschrieben haben. So gab es bis vor wenigen Jahren \u00fcberwiegend Pissoirs im \u00f6ffentlichen Raum. Dass bis heute bei der Nutzung eines Sitzklos in der Regel gezahlt werden muss, und bei der Nutzung eines Pissoirs h\u00e4ufig nicht, spiegelt patriarchale Strukturen wider. \u201aDer Mann\u2018 dominiert bis heute den \u00f6ffentlichen Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Pinkeln im \u00f6ffentlichen Raum ist meines Erachtens vergeschlechtlicht und verr\u00e4umlicht. Als Person, welche eine Vulva besitzt und Pinkeln im Stehen \u00e4u\u00dferst schwierig findet, finde ich mich in Situationen wie am Sonntag entweder mit der unbequemen Pinkelmethode im Freien ab oder muss einen Aufwand betreiben, um eine Toilette in der N\u00e4he zu finden. Dadurch werde ich immer daran erinnert, dass ich es eben nicht so leicht habe wie Personen mit Penis. Als weiblich gelesene Person wird au\u00dferdem von mir erwartet, dass ich m\u00f6glichst vermeide, im Freien zu pinkeln. Wenn ich also aufgrund von Harndrang eine Toilette in der Umgebung suche, anstatt mich in den n\u00e4chsten Busch zu hocken, reproduziere ich soziale und r\u00e4umliche Normen. Damit performiere ich und konstruiere den Raum so, wie er vorher war. Und wenn wir schon bei dem Thema sind, muss auch dar\u00fcber geredet werden, dass es auch Personen gibt, die sich weder auf dem Damen- oder Herrenklo zuhause f\u00fchlen oder bei deren Nutzung behindert werden und die auch mal pinkeln m\u00fcssen (Endler 2021, S.57). \u201eErst wenn jeder Mensch, ungeachtet seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner Religion, seiner k\u00f6rperlichen Beschaffenheit, einen sicheren Platz zum Pinkeln gefunden hat\u201c, dann kann dieses Thema abgehakt werden (Endler 2021, S.57). Doch bis dahin muss der \u00f6ffentliche Raum inklusiver und feministischer gestaltet werden, so dass mehr unterschiedliche Menschen den \u00f6ffentlichen Raum gleichberechtigt nutzen k\u00f6nnen. An dieser Stelle sollte noch gesagt werden, dass es seit mehreren Jahren geschlechtsneutrale Pinkelm\u00f6glichkeiten gibt, diese bisher jedoch nicht von der Politik umgesetzt worden sind (Endler 2021, S.54ff.).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5. Fazit<\/h3>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend l\u00e4sst sich sagen, dass Gender und Raum so ineinander verwoben sind, dass bis heute Wild- pinkeln f\u00fcr Personen mit Vulva (in der Regel) anstrengender ist als f\u00fcr Personen mit Penis. Pinkeln ist ein menschliches Grundbed\u00fcrfnis und dennoch ist es nicht f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen befriedigend auszuf\u00fchren. Zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst sich diese Tatsache auf historisch und soziokulturell verankerte Vorstellungen von Geschlecht und geschlechtstypischen Verhalten, welche sich bis heute im \u00f6ffentlichem Raum niederschlagen. So haben Personen mit Vulven schlechtere M\u00f6glichkeiten, sich beispielsweise im G\u00f6rlitzer Park zu entladen und weichen wie ich und meine Freundinnen auf andere M\u00f6glichkeiten aus. Der Raum bleibt dadurch der gleiche.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn sich also die Frage stellt, wie Gender durch r\u00e4umliche Praxen hergestellt wird, dann ist es der Raum selber, welcher Handlungsm\u00f6glichkeiten vorweist. Es sind ebenso die gesellschaftlichen Strukturen, welche Handlungserwartungen vorgeben. Wir selber vergeschlechtlichen Raum. W\u00fcrde die Raumkonstruktion von der Kategorie \u201aGeschlecht\u2018 losgel\u00f6st sein, dann w\u00fcrden andere, neue R\u00e4ume entstehen. Und damit auch eine neue Geographie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, wenn mich das n\u00e4chste Mal jemand fragt, was Geograph:innen so machen, dann werde ich antworten, dass wir uns mit allem besch\u00e4ftigen k\u00f6nnen, weil wir von allem ein wenig Ahnung haben. Zum Beispiel vom Pinkeln im \u00f6ffentlichen Raum. Mal schauen, ob daraus interessante Gespr\u00e4che zustande kommen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Literaturverzeichnis<\/h3>\n\n\n\n<p>Bauer, J. (2015): <em>Differentielles Denken, heterogene R\u00e4ume und Konzepte von Allt\u00e4glichkeit. Ankn\u00fcpfungen an Henri Lefebvres Raumkonzept aus feministischer Perspektive<\/em>. In: Lehmann, S. (Hrsg.): <em>Neue Muster, alte Maschen? Interdisziplin\u00e4re Perspektiven auf die Verschr\u00e4nkungen von Geschlecht und Raum<\/em>. 1. Auflage. Bielefeld. S.23-41.<\/p>\n\n\n\n<p>Endler, R. (2021): <em>Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt<\/em>. K\u00f6ln. 334 S.<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00fcnzel, S. (2015): <em>Dimensionen des Theoretischen<\/em>. In: Lehmann, S. (Hrsg.): <em>Neue Muster, alte Maschen? Interdisziplin\u00e4re Perspektiven auf die Verschr\u00e4nkungen von Geschlecht und Raum<\/em>. 1. Auflage. Bielefeld. S.19-22.<\/p>\n\n\n\n<p>Hark, S. (2015): <em>Dimensionen der Verortung<\/em>. In: Lehmann, S. (Hrsg.): <em>Neue Muster, alte Maschen? Interdisziplin\u00e4re Perspektiven auf die Verschr\u00e4nkungen von Geschlecht und Raum<\/em>. 1. Auflage. Bielefeld. S.155-158.<\/p>\n\n\n\n<p>Ruhne, R. (2011): <em>Raum Macht Geschlecht. Zur Soziologie eines Wirkungsgef\u00fcges am Beispiel von (Un)Sicherheiten im \u00f6ffentlichen Raum<\/em>. 2. Auflage. Wiesbaden. 232 S.<\/p>\n\n\n\n<p>Str\u00fcver, A. (2005): <em>Macht K\u00f6rper Wissen Raum? Ans\u00e4tze f\u00fcr eine Geographie der Differenzen<\/em>. 1. Auflage. Wien. 126 S.<\/p>\n\n\n\n<p>Str\u00fcver, A. (2014): <em>K\u00f6rper<\/em>. In: Belina, B., Naumann, M. &amp; Str\u00fcver, A. (Hrsg.): <em>Handbuch Kritische Stadtgeographie<\/em>. S.179-184.<\/p>\n\n\n\n<p>Wastl-Walter, D. (2010): <em>Gender Geographien. Geschlecht und Raum als soziale Konstruktionen<\/em>. Band 2. Stuttgart. 245 S.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Marielene Wicke, Was haben Picknick und Pinkeln mit Geographie zu tun? Ein Essay \u00fcber das gegenseitige Konstruieren von Gender und Raum, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 30.08.2021, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2021\/07\/06\/black-beauty-white-standards-an-essay-on-the-appropriation-of-black-cultures\/\"> https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=113<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marielene Wicke (SoSe 2021) 1. Einleitung Ich erinnere mich noch gut an die Frage, die mir im ersten Semester meines Geographiestudiums dauernd gestellt wurde: Was machen Geograph:innen eigentlich? Was zeichnet Geograph:innen aus? Was ist \u00fcberhaupt Geographie? Gestellt wurden mir diese Fragen von Dozierenden, Freund:innen oder Familienmitgliedern. 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