{"id":125,"date":"2021-09-24T15:05:35","date_gmt":"2021-09-24T13:05:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=125"},"modified":"2021-09-24T15:08:01","modified_gmt":"2021-09-24T13:08:01","slug":"bildung-zur-akzeptanz-von-vielfalt-diversity-als-thema-des-rahmenlehrplans-berliner-schulen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2021\/09\/24\/bildung-zur-akzeptanz-von-vielfalt-diversity-als-thema-des-rahmenlehrplans-berliner-schulen\/","title":{"rendered":"Bildung zur Akzeptanz von Vielfalt (Diversity) als Thema des Rahmenlehrplans Berliner Schulen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Werden queere Kinder immer noch unsichtbar gemacht und Identit\u00e4ten abseits heteronormativer Rollenbilder marginalisiert?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Carolin Brede (SoSe 2021)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Als ein \u00fcbergreifendes Unterrichtsthema f\u00fcr die Schule, wurde im neuen Rahmenlehrplan Berlin-Brandenburg von 2015 im Teil B: Fach\u00fcbergreifende Kompetenzentwicklung \u201eBildung zur Akzeptanz von Vielfalt (Diversity)\u201c ausgewiesen. Dies ist eine Errungenschaft, denn dadurch wird Diversity Education landesweit als Thema des Unterrichts implementiert. Es macht die bildungspolitischen Bem\u00fchungen deutlich, das Thema geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in die schulische Bildung aufzunehmen (vgl. Riegel 2017, 69). Als Basis wird die Schule als Ort der \u201eWertsch\u00e4tzung sozialer, geschlechtlicher, sexueller, altersbezogener, k\u00f6rperlicher, geistiger, ethnischer, sprachlicher, religi\u00f6ser und kultureller Vielfalt\u201c vorausgesetzt (SenBJF 2015a, 25).<\/p>\n\n\n\n<p>Weiterf\u00fchrend hei\u00dft es:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wenn alle am Bildungsprozess Beteiligten, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, als Individuen Achtung und Anerkennung erfahren, entfalten sie angstfrei ihr Bildungspotential und ihre Kreativit\u00e4t. So tragen sie zu einem von Respekt, Akzeptanz und Offenheit gepr\u00e4gten sozialen Miteinander bei. Eine Reflexion der eigenen Haltung und das Wahrnehmen von Vielfalt sind hierbei von Bedeutung.<\/p><cite>SenBJF 2015a, 25<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>\u00dcberdies werden konkret zu erwerbende Kompetenzziele formuliert, die f\u00e4cher\u00fcbergreifend erarbeitet werden sollen. Ein Kompetenzziel ist, dass \u201e[\u2026] Kinder und Jugendliche[ ] eine Haltung [entwickeln], die es ihnen erm\u00f6glicht, Vielfalt als selbstverst\u00e4ndlich und als Bereicherung wahrzunehmen. Sie erwerben die F\u00e4higkeit, sich eigene, tats\u00e4chliche und zugeschriebene Merkmale bewusstzumachen, die eigene Lebenssituation und Lebensweise zu reflektieren und einen Perspektivwechsel im Hinblick auf die Lebenssituationen anderer vorzunehmen.\u201c (ebd.). Noch dar\u00fcber hinaus sollen \u201e[\u2026] gesellschaftliche Vorstellungen von Normalit\u00e4t und Abweichungen sowie bestehende Hierarchien und Machtverh\u00e4ltnisse reflektiert [werden]\u201c (ebd.).<\/p>\n\n\n\n<p>Ob in den vergangenen sechs Jahren seit Ver\u00f6ffentlichung des neuen Rahmenlehrplans eine Implementierung der im Curriculum f\u00fcr die gesamte Schulzeit formulierten Ziele im Bereich Diversity stattgefunden hat, soll im kommenden Essay er\u00f6rtert werden. Hierbei wird sich auf die Repr\u00e4sentation und Ber\u00fccksichtigung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt in der Schule beschr\u00e4nkt, wobei dies einen intersektionalen Blick nicht abl\u00f6sen soll, jedoch die Analyse f\u00fcr den Umfang dieser Arbeit vereinfacht. Selbstverst\u00e4ndlich sei hier betont, dass diese soziale Dimension nicht wichtiger ist als etwa die Behandlung des Themas Ability, rassismuskritische Darstellungen oder religi\u00f6se Vielfalt, um nur einige andere zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Identit\u00e4tsbildung ist Bestandteil kindlicher Entwicklungsaufgaben, begleitet ein Individuum \u00fcber das gesamte Leben, ist nie g\u00e4nzlich abgeschlossen und fluid. Die Auseinandersetzung mit individuellen sozialen Kategorien und Auspr\u00e4gungen von Geschlechtsidentit\u00e4t und sexueller Orientierung spielt sp\u00e4testens zu Beginn der Pubert\u00e4t eine gro\u00dfe Rolle, wobei auch bereits Kindergartenkinder klare Vorstellungen \u201ead\u00e4quaten\u201c (oder vielmehr erw\u00fcnschten) Geschlechterverhaltens haben. So erschien zuletzt eine Dokumentation des ZDF \u00fcber Sexismus in Deutschland (1), im Kontext derer Kindergartenkinder im Interview klassische Rollenklischees den bin\u00e4ren Geschlechtskategorien zuordneten. Hierbei wurde von den Interviewenden nur danach gefragt, was typisch f\u00fcr einen Mann und typisch f\u00fcr eine Frau sei. Zu kritisieren ist, dass selbst im Kontext einer vermeintlich der Aufkl\u00e4rung bestehender Sexismen gewidmeten Dokumentation, sexistische cisgeschlechtliche Bezugnahme auf Geschlecht stattfindet und trans* Identit\u00e4ten durch Suggestivfragen unsichtbar gemacht werden und trans* Personen generell in der Dokumentation keinen Raum finden. Damit ist diese Reportage des \u00f6ffentlich- rechtlichen Rundfunks ein Paradebeispiel f\u00fcr die Bearbeitung des Themas Geschlechtergerechtigkeit und Pluralit\u00e4t im \u00f6ffentlichen, breit gef\u00fchrten Diskurs. Auch in der Institution Schule werden trans* und queere Identit\u00e4ten immer noch unsichtbar gemacht, wie nachfolgend deutlich wird.<\/p>\n\n\n\n<p>An einer Berliner Regelgrundschule habe ich k\u00fcrzlich \u00fcber sechs Monate als Vertretungslehrerin gewirkt, mit Kolleg*innen zusammengearbeitet und auch im Rahmen diverser Praktika im Unterricht verschiedener Lehrkr\u00e4fte hospitiert. In keinem dieser Kontexte wurde konsequent gegendert oder Diversity sichtbar mitgedacht. Wenn \u00fcberhaupt wurde es mitgemeint. Die mangelnde Sichtbarkeit von Vielfalt in Unterrichtsmaterialien, Unterrichtssprache und Themen stellt diese wohlwollend formulierte Vermutung jedoch in Frage.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAndersartigkeit\u201c, sich in seiner Identit\u00e4t abseits der Norm f\u00fchlen, wird im Grundschulkontext erstmals thematisch im vorfachlichen Unterricht aufgegriffen \u2013 meist bezogen auf heterogene \u00e4u\u00dfere Eigenschaften. So behandeln diverse Bilderb\u00fccher und Erz\u00e4hlungen das Thema der \u201eAndersartigkeit\u201c auf eine verniedlichende, dekontextualisierende Art. Hierbei wird sich in vielen F\u00e4llen der Abstraktion der Thematik der \u201eAndersartigkeit\u201c in der kindlichen Realit\u00e4t bedient, indem menschliche Konflikte\/ Emotionen auf vermenschlichte Tiere, welche als Protagonist*innen handeln, projiziert werden. Beispielhaft zu nennen sei an dieser Stelle das Buch Elmar &#8211; welches bei Amazon als \u201eder Kinderbuchklassiker zum Thema \u00b4anders sein\u00b4 und Toleranz\u201c &#8211; beworben wird. Der bunt karierte Elefant f\u00fchlt sich zun\u00e4chst wegen seiner \u201eAndersartigkeit\u201c ausgegrenzt, lernt sich dann jedoch im Laufe der Geschichte selbst wertsch\u00e4tzen. Nicht unproblematisch ist in der Geschichte, dass Elmar seine Wertsch\u00e4tzung erf\u00e4hrt, indem er anderen Tieren weiterhilft und ihnen gutm\u00fctig Ratschl\u00e4ge in kniffligen Lebenslagen gibt. Seine \u201eAndersartigkeit\u201c wird also mit einem Mehrwert f\u00fcr die Gesellschaft \u201eaufgewogen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer weihnachtlicher Klassiker ist die Geschichte von Rudolph dem kleinen Rentier. Auch Rudolph unterscheidet sich nicht im inneren Empfinden von den anderen, sondern in der \u00e4u\u00dferen Erscheinung. Hierbei l\u00f6st sich die Ausgrenzung aus der Peergroup auf, als er am Weihnachtsabend durch sein besonderes Aussehen (die leuchtende Nase) der Gruppe helfen kann, den Schlitten durch den Schneesturm zu lenken. Pl\u00f6tzlich wird er gefeiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Beiden Geschichten gemein ist die Thematisierung von Ausgrenzung und Othering einzelner Akteur*innen, die nicht dem stereotypischen Bild einer Gruppe entsprechen. Andersartigkeit wird also in einem problematisierenden Kontext verortet, bei welchem sich als Moral der Geschichte die Konflikthaftigkeit in der speziellen Bedeutung\/ einem Mehrwert der \u201eAndersartigkeit\u201c f\u00fcr die ansonsten homogen scheinende Peergroup aufl\u00f6st. Damit wird das Thema Diversit\u00e4t aus der eigenen Lebenswelt herausgehoben und vereinfacht bzw. in konstruierten Geschichten aufgel\u00f6st, wobei die Gleichwertigkeit der Individualit\u00e4t nicht deutlich wird, indem die \u201eAndersartigkeit\u201c als eine Abweichung von einer einheitlichen Norm abgegrenzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies sind nur einige Beispiele f\u00fcr popul\u00e4re Kindergeschichten zum Thema Vielfalt. Jedoch gibt es mittlerweile auch gelungenere Werke, in denen identit\u00e4re Vielfalt in einer Geschichte entweder als Normalit\u00e4t dargestellt wird und diverse Eigenschaften unkommentiert repr\u00e4sentiert werden (z.B. \u201eJulian feiert die Liebe\u201c) oder Unterschiede und Gemeinsamkeiten gleichwertig dargestellt werden (z.B. \u201eIch bin anders als du &#8211; Ich bin wie du\u201c, \u201eDu geh\u00f6rst dazu &#8211; Das gro\u00dfe Buch der Familien\u201c). Leider haben diversit\u00e4re Kinderb\u00fccher noch nicht in alle Klassenzimmer Einzug gefunden, da Lehrkr\u00e4fte die Literaturauswahl in der Grundschule selbst treffen und es keinen verbindlichen Kanon gibt (SenBJF 2015c, 32).<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur im Deutschunterricht und dessen Literaturauswahl wird deutlich, dass identit\u00e4re Vielfalt im Schulalltag eine marginalisierte Rolle spielt. Auch in Lehrwerken werden Normen reproduziert und dadurch sexuelle Orientierung und geschlechtliche Zugeh\u00f6rigkeit abseits heteronormativer Vorstellungen vernachl\u00e4ssigt und als \u201ebesonderes Anderes\u201c inszeniert (vgl. Riegel 2017, 69).<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei sitzen in jeder Schulklasse basierend auf Befragungen zur Selbstbezeichnung von Jugendlichen durchschnittlich ein bis zwei Lernende, die nicht heterosexuell sind (vgl. Lehrerfreund 2010). Dar\u00fcber hinaus bezeichnen sich 12% der Millenials als transgender oder gender nonconforming (GLAAD 2017).<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gleichstellungsorientierte Schulbuchanalyse von Melanie Bittner ergab 2011, dass Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativit\u00e4t Schulb\u00fccher dominieren und andere Lebensweisen dadurch als \u201eAbweichung\u201c bagatellisiert werden. Die Nutzung anderer Materialien neben den vom Fachbereich vorgeschriebenen B\u00fcchern liegt im Ermessen der einzelnen Lehrkr\u00e4fte, setzt jedoch eine Sensibilit\u00e4t und Reflexion diesbez\u00fcglich voraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man die Repr\u00e4sentation marginalisierter Geschlechtsidentit\u00e4ten sowie sexueller Identit\u00e4ten, so ist auff\u00e4llig, dass diese im Schulleben vorrangig in Form von Abwertungen auftreten. 2012 gaben bei einer amerikanischen Befragung zu Schwierigkeiten in ihrem Leben 21% der befragten LGBT*Q Jugendlichen an, gravierende Schwierigkeiten im Bereich Schulprobleme und Mobbing zu haben. Unter heterosexuellen, cisgeschlechtlich identifizierten Jugendlichen wurde dieses Problem signifikant seltener genannt. Diese haben eher Probleme im Bereich Leistung und Karriere sowie Finanzen (vgl. HRC Youth Servey Report 2012, 2).<\/p>\n\n\n\n<p>Deutsche Jugendliche beschrieben 2017 in der \u201eComing-out-Studie\u201c, dass sexuelle Orientierung \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 meist nur im Kontext von Ethik, Biologie oder Sexualaufkl\u00e4rung zur Sprache kam (vgl. Krell 2019, 180).<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist im oben zitierten Rahmenlehrplan zum Thema Diversity verankert, dass dieses als Querschnittsthema behandelt werden soll. So werden die F\u00e4cher Deutsch, Ethik, Biologie und Sachunterricht (Klasse 1-4) als F\u00e4cher mit pers\u00f6nlichen Zug\u00e4ngen zum Thema ausgewiesen. In der Grundschule soll die Behandlung in der 5.\/6. Klasse im Kontext von Kin- der- und Menschenrechten Gegenstand sein. Sogar f\u00fcr die F\u00e4cher Kunst, Musik und Sport werden Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr den Unterricht vorgeschlagen (vgl. SenBJFa 2015, 25).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kontext dessen ist es erschreckend, dass Jugendliche angeben, zum Teil gar nicht im Unterricht \u00fcber das Thema sexuelle Orientierung zu sprechen. LSBTIQ* Jugendliche w\u00fcnschen sich laut Befragung gerade die m\u00f6glichst fr\u00fche Ber\u00fccksichtigung und Repr\u00e4sentation bereits im Grundschulalter. Etwa durch bildliche Darstellungen von queeren Lebensentw\u00fcrfen (vgl. Krell 2019, 182). Dies bietet sich sowohl in Unterrichtsmaterialien aller F\u00e4cher an, insbesondere jedoch bei den Themen des Sachunterrichts der Klassen 1-4.<\/p>\n\n\n\n<p>So hei\u00dft es im RLP: \u201eDer Sachunterricht tr\u00e4gt zur Identit\u00e4tsentwicklung bei, dazu geh\u00f6rt, sich und andere Menschen in gro\u00dfer Vielfalt und Unterschiedlichkeit wahrzunehmen und zu respektieren.\u201c (SenBJFb, 3). Das Themenfeld \u201eKind\u201c bietet sich f\u00fcr die Reflexion vielf\u00e4ltiger Identit\u00e4ten und Lebensweisen an. Da die oftmals unbewusste bzw. unreflektierte Selbstverortung im Rahmen sozialer Erwartungen schon vor der Pubert\u00e4t anf\u00e4ngt, sollte auch nicht erst im Sexualunterricht und den Gesellschaftswissenschaften der Klassen 5 und 6 Vielfalt explizit thematisch werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Thematisierung geschlechtlicher Identit\u00e4t und sexueller Orientierung erfolgt oftmals mit einer \u00dcberbetonung, dass Homosexualit\u00e4t oder Transidentit\u00e4t nichts Schlimmes seien (vgl. Klocke 2016; zit. nach Krell 2019, 181). Dies ist insofern problematisch, als dass es durch Betonung der gew\u00fcnschten Anerkennung der als \u201eAnders\u201c inszenierten Lebensweisen zu einer ungewollten Sonderstellung kommen kann, wenn eigentlich nur eine F\u00f6rderung der Akzeptanz intendiert ist. Riegel nennt diesen Prozess \u201eVerbesonderung\u201c (2017, 70). Eine identit\u00e4tsstiftende Darstellung queerer Lebensweisen erfolgt demgegen\u00fcber nicht h\u00e4ufig (vgl. Krell\/ Oldemeier 2016).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Unterrichtskommunikation werden bin\u00e4re Geschlechtergedanken reproduziert. So hospitierte ich im Laufe meiner Ausbildung als Lehrkraft an sechs Berliner Regelgrundschulen. An ausnahmslos keiner der Schulen wurde konsequent gegendert. Es wurde nach wie vor von \u201eSch\u00fcler*innen und Sch\u00fclern\u201c gesprochen, wie bereits zu meiner eigenen Grundschulzeit. Dies ist zwar ein Fortschritt in Sachen Repr\u00e4sentation gegen\u00fcber dem generischen Maskulin, jedoch ist es im Kontext der rechtlichen Anerkennung weiterer Geschlechtsidentit\u00e4ten (\u201edivers\u201c) in Deutschland verwunderlich, dass eine gerechte Sprache in der Universit\u00e4t Einkehr erhalten hat und das ehemalige \u201eStudentenwerk\u201c nun \u201eStudierendenwerk\u201c hei\u00dft, nach der vermeintlich geschlechtersensiblen Lehramtsausbildung in der Ausbildung und Lernbegleitung der Kinder unserer Gesellschaft diese Errungenschaften aber wieder unsichtbar gemacht werden. Auch in Unterrichtsmaterialien und B\u00fcchern hat diese Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber diversen Geschlechtsidentit\u00e4ten oftmals noch keinen Einzug gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders erschreckend sind die Ausz\u00fcge aus der unterrichtlichen Realit\u00e4t an Berliner Grundschulen vor dem Hintergrund, dass es im Kerncurriculum hei\u00dft: \u201eDie Lehr- und Lernmaterialien sowie der Sprachgebrauch spiegeln die vielf\u00e4ltigen Lebenswelten der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler wider.\u201c (SenBJF 2015a, 25). Selbst in dieser Ver\u00f6ffentlichung der Senatsverwaltung wird abstruser Weise bin\u00e4r gegendert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Sprache und bildliche Repr\u00e4sentation hinaus sind auch r\u00e4umliche Schulbereiche bin\u00e4r ausgerichtet. So etwa die Toiletten oder Umkleidekabinen im Sportunterricht, wodurch gerade Kinder in der Grundschule, die in ihrer Genderidentit\u00e4t wom\u00f6glich noch unsicher sind, dazu gezwungen werden, sich bin\u00e4ren Ordnungen unterzuordnen und ihre Identit\u00e4ten vermeintlich \u201eunsichtbar\u201c gemacht werden (vgl. Krell 2019, 178).<\/p>\n\n\n\n<p>Alles in allem bleibt es sicher eine Herausforderung, queere Lebensweisen und Realit\u00e4ten in der Grundschule ausreichend sichtbar zu machen, wenn viele Schulbuchverlage konservative Klischees reproduzieren und man als Lehrkraft sich zur Nutzung eines Schulbuches verpflichtet, was die Schulleitung\/ der Fachbereich aussucht und im Klassensatz anschafft.<\/p>\n\n\n\n<p>Demgegen\u00fcber tr\u00e4gt jede Lehrkraft eine Verantwortung, sich im Kollegium f\u00fcr Themen der Diversit\u00e4t und Vielfalt einzusetzen und auf Missst\u00e4nde aufmerksam zu machen und den eigenen Unterricht entlang dem Prinzip der Gleichstellung aller Individuen zu gestalten. Die Nutzung eigener und zusammengesuchter Materialien ist fast immer m\u00f6glich und die Reflexion vorgegebenen Unterrichtsmaterials ist eine Voraussetzung f\u00fcr die Vorbereitung eines zeitgem\u00e4\u00dfen Unterrichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die im Unterricht verwendete geschlechtergerechte und sensible Sprache liegt in der Verantwortung der Leitung des Unterrichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies setzt eine Wissensbasis und eine klare Haltung der Lehrenden voraus, die wohl nur dadurch erzielt werden kann, dass die Lehrkr\u00e4fte sich privat zu den Themen weiterbilden, oder verpflichtende Module in der Lehramtsausbildung eingef\u00fchrt werden, die Gender und sexuelle Identit\u00e4t\/ Feminismus\/ Intersektionalit\u00e4t usw. als Thema unabh\u00e4ngig von der studierten F\u00e4cherkombination behandeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Institutionellen Schwierigkeiten wie der Trennung der Toiletten in \u201eJungstoiletten\u201c und \u201eM\u00e4dchentoiletten\u201c sowie anderen bin\u00e4ren Geschlechtertrennungen sollte in Schulversammlungen begegnet werden und alternative L\u00f6sungen in Erw\u00e4gung gezogen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus sollten Lehrkr\u00e4fte die Verantwortung f\u00fcr die Thematisierung queerer Lebensweisen in ihren F\u00e4chern \u00fcbernehmen. Der Rahmenlehrplan weist Diversity als Querschnittsthema aus, weshalb alle Akteur*innen der Schule sich dem Thema annehmen sollten und zu jeder Zeit queeren Themen Raum einr\u00e4umen sollten sowie auch bei der Behandlung anderer Themen und in ihrer Sprache queere Perspektiven mitdenken sollten. Zu ber\u00fccksichtigen ist dabei, dass Lehrkr\u00e4fte sich in ihrer Haltung und Performanz von einer Kultur des \u201e(heteronormativen) Othering\u201c, welche eine \u00dcberlegenheit der Mehrheitsgesellschaft impliziert, hin zu einer tats\u00e4chlichen Normalisierung von Vielfalt bewegen sollte, damit die Sonderstellung marginalisierter Gruppen aufgehoben wird und jegliche Form des eigenen Lebensentwurfes als gleichwertig wahrgenommen wird. Vielfalt sollte somit nicht nur als Unterrichtsthema verstanden, sondern als Reflexionsfolie \u00fcber jegliches schulische Handeln gelegt werden. Entgegen des hier der Einfachheit gerichteten Fokus auf sexuelle Identit\u00e4t und Genderidentit\u00e4t sollte in der Schule die Verschr\u00e4nkung (Intersektionalit\u00e4t) von verschiedenen Machtverh\u00e4ltnissen und die damit verbundenen \u00dcberlagerungen und Mehrfachzugeh\u00f6rigkeiten beim Thematisieren von Identit\u00e4t st\u00e4rkere Ber\u00fccksichtigung finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur so kann Schule einen Beitrag dazu leisten, dem Anspruch von Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen, der in der Menschenrechtskonvention, im Grundgesetz sowie im Schulgesetz formuliert ist, gerecht zu werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>(1) 1Wie sexistisch ist Deutschland? &#8211; Frauenbild, Klischees und #metoo, 18.08.2021; abrufbar \u00fcber: <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/dokumentation\/zdfinfo-doku\/wie-sexistisch-ist-deutschland--frauenbild-klischees-- und-metoo-1-100.html\">https:\/\/www.zdf.de\/dokumentation\/zdfinfo-doku\/wie-sexistisch-ist-deutschland&#8211;frauenbild-klischees&#8211; und-metoo-1-100.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Literaturverzeichnis<\/h2>\n\n\n\n<p>Bittner, Melanie (2011): <em>Geschlechterkonstruktionen und die Darstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Inter* (LSBTI) in Schulb\u00fcchern. Eine gesellschaftsorientierte Analyse einer Materialsammlung f\u00fcr die Unterrichtspraxis<\/em>. Frankfurt a.M.: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft<\/p>\n\n\n\n<p>GLAAD (Gay and Lesbian Alliance against Defamation) (2017): <em>Accelerating Acceptance<\/em>. URL: https:\/\/<a href=\"http:\/\/www.glaad.org\/files\/aa\/2017_GLAAD_Accelerating_Acceptance.pdf\">www.glaad.org\/files\/aa\/2017_GLAAD_Accelerating_Acceptance.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>HRC (Human Rights Campaign, Hrsg.) (2012): <em>Growing up LGBT in America<\/em>. HRC Youth Surves Report. New York<\/p>\n\n\n\n<p>Krell, C. (2019): \u201e<em>Schule ist nochmal eine ganz andere Sache<\/em>\u201c. In: Ketelhut, K. &amp; Lau, D. (Hrsg.): Gender \u2013 Wissen \u2013 Vermittlung. Geschlechterwissen im Kontext von Bildungsinstitutionen und sozialen Bewegungen. Wiesbaden: Springer VS, 169-192<\/p>\n\n\n\n<p>Krell, C. &amp; Oldemeier, K. (2017): <em>Coming-out \u2013 und dann\u2026? Coming-out-Verl\u00e4ufe und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland<\/em>. Opladen: Barbara Budrich<\/p>\n\n\n\n<p>Lehrerfreund (2010): \u201e<em>Der ist doch schwul\u201c \u2013 Zum Umgang mit einem verbreiteten Schimpfwort<\/em>. URL: https:\/\/<a href=\"http:\/\/www.lehrerfreund.de\/schule\/1s\/schwul-schimpfwort-interview\/3781\">www.lehrerfreund.de\/schule\/1s\/schwul-schimpfwort-interview\/3781<\/a> (zuletzt abgerufen: 20.08.2021)<\/p>\n\n\n\n<p>Riegel, C.: <em>Queere Familien in p\u00e4dagogischen Kontexten \u2013 zwischen Ignoranz und Othering<\/em> (2017). In: Hartmann, J.; Messerschmidt; A., Thon, C. (Hrsg.): Queertheoretische Perspektiven auf Bildung. P\u00e4dagogische Kritik der Heteronormativit\u00e4t. Opladen ; Berlin ; Toronto: Verlag Barbara Budrich, 69-94<\/p>\n\n\n\n<p>SenBJF (Senatsverwaltung f\u00fcr Bildung, Jugend und Familie des Landes Berlin\/Ministerium f\u00fcr Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg) (Hg.) (2015a): <em>Rahmenlehrplan. Teil B.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>SenBJF (Senatsverwaltung f\u00fcr Bildung, Jugend und Familie des Landes Berlin\/Ministerium f\u00fcr Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg) (Hg.) (2015b): <em>Rahmenlehrplan. Teil C. Sachunterricht. Jahrgangsstufen 1-4<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>SenBJF (Senatsverwaltung f\u00fcr Bildung, Jugend und Familie des Landes Berlin\/Ministerium f\u00fcr Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg) (Hg.) (2015c): <em>Rahmenlehrplan. Teil C. Deutsch. Jahrgangsstufen 1-10<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wie sexistisch ist Deutschland? &#8211; Frauenbild, Klischees und #metoo, 18.08.2021; abrufbar \u00fcber: <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/dokumentation\/zdfinfo-doku\/wie-sexistisch-ist-deutschland-- frauenbild-klischees--und-metoo-1-100.html\">https:\/\/www.zdf.de\/dokumentation\/zdfinfo-doku\/wie-sexistisch-ist-deutschland&#8211; frauenbild-klischees&#8211;und-metoo-1-100.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Carolin Brede, <em>Bildung zur Akzeptanz von Vielfalt (Diversity<\/em>) als Thema des Rahmenlehrplans Berliner Schulen, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 24.09.2021, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=125\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=125<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werden queere Kinder immer noch unsichtbar gemacht und Identit\u00e4ten abseits heteronormativer Rollenbilder marginalisiert? Carolin Brede (SoSe 2021) Als ein \u00fcbergreifendes Unterrichtsthema f\u00fcr die Schule, wurde im neuen Rahmenlehrplan Berlin-Brandenburg von 2015 im Teil B: Fach\u00fcbergreifende Kompetenzentwicklung \u201eBildung zur Akzeptanz von Vielfalt (Diversity)\u201c ausgewiesen. Dies ist eine Errungenschaft, denn dadurch wird Diversity Education landesweit als Thema &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2021\/09\/24\/bildung-zur-akzeptanz-von-vielfalt-diversity-als-thema-des-rahmenlehrplans-berliner-schulen\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eBildung zur Akzeptanz von Vielfalt (Diversity) als Thema des Rahmenlehrplans Berliner Schulen\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2643,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[327720],"tags":[1661,305170,429692,91473,57473,429895,429514],"class_list":["post-125","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-essay","tag-bildung","tag-diversity","tag-heteronormativitaet","tag-identitaet","tag-queer","tag-rollenbilder","tag-vielfalt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/125","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2643"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=125"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/125\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":129,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/125\/revisions\/129"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=125"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=125"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=125"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}