{"id":164,"date":"2022-01-03T16:48:24","date_gmt":"2022-01-03T15:48:24","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=164"},"modified":"2022-01-03T16:48:24","modified_gmt":"2022-01-03T15:48:24","slug":"sollten-wir-uns-von-der-maennlichkeit-verabschieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/01\/03\/sollten-wir-uns-von-der-maennlichkeit-verabschieden\/","title":{"rendered":"Sollten wir uns von der M\u00e4nnlichkeit verabschieden?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine historisch-soziologische Analyse zur Toxischen M\u00e4nnlichkeit und ihre Begriffsproblematik<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Marius Glaser (SoSe 2021) <\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Begriff der toxischen M\u00e4nnlichkeit und seine Pr\u00e4gung <\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">M\u00e4nner machen Schwierigkeiten. Sie beanspruchen \u00f6ffentliche R\u00e4ume, haben die Diskurshoheit, \u00fcben die weite Mehrheit aller k\u00f6rperlichen wie auch sexualisierten Gewalttaten aus und stellen sich unwissend, wenn nicht gar verschm\u00e4hend gegen\u00fcber LGBTQIA+ Personen, Frauen und allen von der stereotypisierten Maskulinit\u00e4t abweichenden M\u00e4nner und ihren Interessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich k\u00e4mpfen sie aber auch mit Problemen. So sterben sie h\u00e4ufiger durch Suizid, sind selbst h\u00e4ufiger Opfer von Gewaltverbrechen und haben einen schlechten und eisernen Zugang zur eigenen Gef\u00fchlswelt und ihrem Sexualerleben. Eine geradezu herausragende Eigenheit des konservativen Mainstreams ist das Aufwiegen dieser beiden Gegebenheiten. So wird der Umstand, in dem M\u00e4nner erwiesenerma\u00dfen schlechter als Frauen dastehen, dargestellt, als hebe er jeglichen Feminismus und seine Belange auf und enttarne diesen als reinen M\u00e4nnerhass. Um sich vor dieser Unsinnigkeit zu verteidigen und ihr entgegenzuwirken, bestand das Bestreben um eine Erkl\u00e4rung zum Zusammenhang von m\u00e4nnlichem Dominanzverhalten und \u00a0m\u00e4nnlichen Leidenserfahrungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff der Toxischen M\u00e4nnlichkeit wurde insbesondere in den letzten Jahren im Zusammenhang mit der #metoo Bewegung und feministischen Diskussionen \u00fcber Femizide von jungen M\u00e4nnern in Amerika gepr\u00e4gt. Der weltweit viel beachtete Essay \u201eA Stiff Upper Lip is Killing British Men\u201c und dessen Fortf\u00fchrung in Buchform \u201eBoys don\u2019t cry\u201c vom \u201eVice\u201c-Journalisten Jack Urwin erhielten enorme Aufmerksamkeit und brachten den Begriff der Toxischen M\u00e4nnlichkeit noch st\u00e4rker in den aktuellen Diskurs.(1)<\/p>\n\n\n\n<p>Der historische Ursprung des Begriffs findet sich in den mythopoetischen M\u00e4nnerbewegungen der 80er und 90er Jahre wieder. Anf\u00e4nglich wurde er verwendet, um soziale Randgruppen und deren aggressives und kriminelles Verhalten zu beschreiben. Die mythopoetische M\u00e4nnerbewegung besch\u00e4ftigte sich mit traditionellen M\u00e4nnlichkeitskonzepten, welche sowohl gesellschaftlich, als auch durch die v\u00e4terliche Erziehung gepr\u00e4gt wurden. Ihr Bestreben lag in der eigenst\u00e4ndigen Abgrenzung von dieser \u201egiftigen\u201c M\u00e4nnlichkeit und dem damit einhergehenden Dominanzverhalten und Gef\u00fchlstaubheit. Diese toxischen Verhaltensweisen seien insbesondere auf eine gest\u00f6rte Vater-Sohn-Beziehung zur\u00fcckzuf\u00fchren. So festigte sich in der Bewegung die grundlegende Auffassung M\u00e4nner [k\u00f6nnten] nur wenn [sie] in der Auseinandersetzung mit anderen M\u00e4nnern ein positives Selbstverst\u00e4ndnis [entwickeln], [in der Lage sein, auch] gleichberechtigte Beziehungen zu Frauen zu [f\u00fchren](2). Zeitgleich wurde der Begriff auch vermehrt in der akademischen und politischen Literatur verwendet, beschrieben und gepr\u00e4gt. In der Psychologie, Soziologie und der Geschlechterforschung wurde er vor Allem um die hegemoniale\u00a0 M\u00e4nnlichkeit diskutiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute wurde der Begriff unz\u00e4hlige Male in den verschiedensten Bereichen der Soziologie wissenschaftlich er\u00f6rtert und so wurde uns ein greifbares Konzept dessen geliefert, was wir unter Toxischer M\u00e4nnlichkeit verstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was definiert die toxische M\u00e4nnlichkeit? <\/h3>\n\n\n\n<p>Schon anf\u00e4nglich erw\u00e4hnt, beschreibt die Toxische M\u00e4nnlichkeit die Summe aus und den Zusammenhang von m\u00e4nnlichem Dominanzverhalten und m\u00e4nnlichen Leidenserfahrungen. Der Ausdruck toxisch stellt nicht die M\u00e4nnlichkeit als das Giftige dar, sondern dr\u00fcckt vielmehr aus, dass M\u00e4nnern zugeschriebene Verhaltensweisen toxische Auswirkung haben. Aus meiner Perspektive als Mann sind diese Verhaltensweisen also erstmal schlecht f\u00fcr mich und f\u00fcr alle um mich herum. Doch welche Verhaltensweisen sind denn nun eigentlich toxisch m\u00e4nnlich?<\/p>\n\n\n\n<p>Das m\u00e4nnliche Dominanzverhalten umfasst diverse stereotypisierte Eigenschaften, die M\u00e4nnern aus traditionellem patriarchischem Gedankengut heraus gesellschaftlich anerzogen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann selbst versteht sich immer als Subjekt und strebt ein selbstbestimmtes und vermeintlich unabh\u00e4ngiges Agieren in der Gesellschaft an. Dabei sollten keine Gef\u00fchle ausgedr\u00fcckt werden. Als Ausnahmen werden dabei Wut und Aggression klar kommuniziert, ja sogar der M\u00e4nnlichkeit zugeschrieben. Damit geht selbstverst\u00e4ndlich ein aggressives und dominantes Auftreten einher, was h\u00e4ufig zu Grenz\u00fcberschreitungen und sexueller \u00dcbergriffigkeit f\u00fchrt, die als\u00a0rechtm\u00e4\u00dfig empfunden wird. M\u00e4nner werden in unserer kapitalistischen Gesellschaft mit einem \u00fcbertriebenen Konkurrenzdenken in allen Lebensbereichen erzogen, vom Sport \u00fcber finanziellen und beruflichen Erfolg bis hin zur Anzahl der Geschlechtspartner*innen. Bei all diesen Verhaltensweisen sollte der Mann immer die Kontrolle bewahren und so wenig bis keine Hilfe zulassen. Alle Eigenschaften, die von den genannten abweichen, werden stets als weiblich und schwach angesehen und\u00a0 klar abgelehnt (3). Es wird in unserer Gesellschaft wohl kaum eine Person geben, die zu den genannten Stereotypen keine Erfahrungen gemacht hat. Mir zumindest kommen unz\u00e4hlige Situation in den Kopf, in denen ich von diesem stereotypisierten Verhalten betroffen war oder es selbst ausge\u00fcbt habe. Wir alle sind davon betroffen, individuell und strukturell und es wirkt sich negativ auf unser Leben aus.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Welche Folgen entstehen durch solches Verhalten? <\/h3>\n\n\n\n<p>Wie anhand der genannten Eigenschaften schon zu vermuten ist, hat die Toxische M\u00e4nnlichkeit unz\u00e4hlige negative Folgen. Ich m\u00f6chte sowohl die pers\u00f6nlichen Folgen f\u00fcr M\u00e4nner, als auch die gesamtgesellschaftlichen Folgen er\u00f6rtern. Dabei ist zu beachten, dass diese beiden Bereiche stark miteinander korrelieren, wenn nicht sogar bekr\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Toxisch m\u00e4nnliches Verhalten spielt selbstverst\u00e4ndlich auch in meinem Leben eine gro\u00dfe Rolle. Ich wurde mit diesen Mustern sozialisiert und trage sie wie die meisten inne. Aufgewachsen bin ich in einer Familie, in der klassische Rollenbilder pr\u00e4sent waren. W\u00e4hrend meine Mutter in meiner Kindheit daheim blieb, die Care-Arbeit und vor Allem auch emotionale Erziehung \u00fcbernahm, ging mein Vater als Versorger der Familie arbeiten \u2013 obwohl meine Mutter die besser bezahlte Stelle hatte. Mein Vater stellt f\u00fcr mich bis heute ein Paradebeispiel der Toxischen M\u00e4nnlichkeit dar. Er verk\u00f6rperte, wenn auch nicht aktiv nach au\u00dfen, Homo- und Transfeindlichkeit und war wenig bis nicht emotional zug\u00e4nglich. Diese Eigenschaften tr\u00e4gt er wohl, weil er so sozialisiert wurde, auch weil er Ablehnungs- und Gewalterfahrungen mit seinem Stiefvater gemacht hat. Wie es fatalerweise dann h\u00e4ufig der Fall ist, werden diese Erfahrungen an die eigenen Kinder wieder weitergegeben. Mein Bruder musste durch meinen Vater ebenfalls Gewalt, emotionale K\u00e4lte und Ablehnung erfahren. Gepr\u00e4gt von diesen Erfahrungen und dem M\u00e4nnlichkeitsbild gab mein Bruder diese wiederum an den n\u00e4chst Schw\u00e4cheren, an mich, weiter. W\u00e4hrend der Schulzeit ergaben sich dann mit meinem K\u00f6rperbau wie auch meinem androgyneren Erscheinungsbild neue Zielscheiben. Ich hatte einen schlanken, wenig muskul\u00f6sen K\u00f6rperbau und wenig K\u00f6rperbehaarung, die, wenn vorhanden, hellblond und nicht direkt sichtbar war. Hinzu kam, dass ich mich f\u00fcr einen jugendlichen Jungen wohl ungew\u00f6hnlich kleidete, ich trug gerne auch weiblich assoziierte Farben und engere Hosen. Mit diesem Erscheinungsbild wurde ich dann sehr h\u00e4ufig als nicht-m\u00e4nnlich und als homosexuell bezeichnet, trotz einer Beziehung mit einem\u00a0M\u00e4dchen. Durch das Aufwachsen mit diesen zwei m\u00e4nnlichen Vorbildern und den gemachten Erfahrungen zur M\u00e4nnlichkeit festigten sich nat\u00fcrlich auch bei mir viele toxische Merkmale. Ich habe schon immer viele Schwierigkeiten meine Emotionen, meine Bed\u00fcrfnisse und Wohlbefinden zu \u00e4u\u00dfern und kann auch wenig Hilfe zulassen. Besonders durch das Aufwachsen mit meinem Bruder gepr\u00e4gt, habe ich ein sehr starkes Konkurrenzdenken inne. Gewinnen, intelligenter, schneller und besser zu sein als die anderen war f\u00fcr mich immer wichtig. Dementsprechend schwer f\u00e4llt mir auch der Umgang mit Niederlagen und Scheitern. Eng damit verbunden trage ich auch ein Streben nach Erfolg und Reichtum in mir. In den letzten Jahren in der Beziehung mit meiner Freundin ist mir besonders aufgefallen, dass in mir ein Unabh\u00e4ngigkeitsgef\u00fchl verwurzelt ist, im Kontrast dazu ich aber gleichzeitig in einer emotionalen Abh\u00e4ngigkeit von meiner Freundin bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Hauptleidenserfahrung in Bezug auf die M\u00e4nnlichkeit ist allerdings eine andere, welche der Leipziger Feminist und Publizist Kim Posster in einem Interview gut beschreibt. So sei die Hauptleidenserfahrung, m\u00e4nnlich strukturiert zu werden und sich ein Leben lang die Frage stellen zu m\u00fcssen, ob man denn m\u00e4nnlich genug sei. Er beschreibt das Verh\u00e4ltnis von den meisten M\u00e4nnern zu ihrer M\u00e4nnlichkeit als sadomasochistisch. Einerseits litten sie unter den Anforderungen und Hierarchien, erf\u00fchren Besch\u00e4mung, Gewalt und Entt\u00e4uschung. Andererseits f\u00fchre es dadurch aber oft zu einem noch st\u00e4rkeren Gef\u00fchl des \u201edazu geh\u00f6ren Wollen\u201c (4).<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe viele negative Erfahrungen zur M\u00e4nnlichkeit gemacht und trotz dessen, oder gerade deshalb, bin ich immer wieder in Situationen, in denen ich dazu geh\u00f6ren und als Mann gelesen in der Menge der M\u00e4nnlichkeit untertauchen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Toxische M\u00e4nnlichkeit, \u201edas Kryptonit, das M\u00e4nner schw\u00e4cht, indem es ihnen L\u00fcgenm\u00e4rchen von ewiger St\u00e4rke und Dominanz einfl\u00fcstert\u201c (5), f\u00fchrt h\u00e4ufig zu selbstsch\u00e4digendem Verhalten, welches auch statistisch nachgewiesen werden kann. Vermutlich in Folge der Schwierigkeiten von M\u00e4nnern sich Schw\u00e4che einzugestehen, werden in Deutschland deutlich mehr Frauen als M\u00e4nner mit Depressionen diagnostiziert. Auff\u00e4llig ist jedoch, dass Personen, die infolge einer Depression Suizid begehen zu 60-70% M\u00e4nner sind (6). Insgesamt begehen M\u00e4nner in Deutschland knapp 76% aller Suizide (7). Gegens\u00e4tzlich zu diesem selbstsch\u00e4digenden Verhalten gibt es eben auch die andere Seite. So wurden allein in diesem Jahr bis September in \u00d6sterreich bereits 21 Femizide begangen (8). Tendenz steigend.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch strukturell hat sich dieses Verhalten gefestigt und den Mann als Krone der Sch\u00f6pfung verinnerlicht. Die Auswirkung sind beispielsweise an der Pathophysiologie zu erkennen. Diese ist meist auf die k\u00f6rperliche Beschaffenheit des Mannes ausgerichtet und so werden auch in Lehrb\u00fcchern meist nur m\u00e4nnerspezifische Symptome beschrieben. Eine Folge dessen ist, dass bei Frauen seltener Herzinfarkte diagnostiziert werden, Frauen aber statistisch h\u00e4ufiger an Herzinfarkten sterben. Eine europaweite Studie zu diesem Thema hat ergeben, dass bei Frauen zu 20% seltener Belastungstest angeordnet werden, bei best\u00e4tigtem Verdacht 40% seltener radiologische Untersuchungen und ein Drittel weniger Operationen, wie auch ausreichende Medikamentenversorgung vorgenommen werden. Die Folge war innerhalb eines Jahres doppelt so viele an Herzinfarkt verstorbene Frauen wie M\u00e4nner (9).<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit Crash-Test-Dummies, die fast ausschlie\u00dflich nach dem durchschnittlichen Mann erstellt werden. Dadurch werden gerade kleinere Frauen, die n\u00e4her am Lenkrad sitzen m\u00fcssen, h\u00e4ufiger Opfer schwerer Verletzungen. Passt man beispielweise die Anordnung der Pedale an kleinere Frauen an, so kann man ihr Risiko f\u00fcr schwere Verletzungen der Extremit\u00e4ten um rund das F\u00fcnffache senken (10).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auswirkungen von toxisch m\u00e4nnlichem Verhalten betreffen nicht nur die M\u00e4nner selbst, vielmehr die Personen, die sich diesem System unterordnen m\u00fcssen. Es ist kein oberfl\u00e4chliches Problem, sondern hat sich mittlerweile tief in unseren Strukturen verankert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Begriffsproblematik der toxischen M\u00e4nnlichkeit <\/h3>\n\n\n\n<p>Wie zu Beginn bereits erw\u00e4hnt hat der Begriff der \u201eToxischen M\u00e4nnlichkeit\u201c eine sehr wichtige Aufgabe erf\u00fcllt. Was f\u00fcr uns meist nur ein vages Gef\u00fchl war, fasst er nun umfangreich zusammen, er erkl\u00e4rt m\u00e4nnliches Dominanzverhalten und m\u00e4nnliche Leidenserfahrungen, deren Zusammenhang und Auswirkungen. Die Verwendung des Begriffs \u201eToxisch\u201c ist insofern bedeutsam, als er die Wichtigkeit der Thematik und die Intensit\u00e4t der Auswirkung verdeutlicht und ihnen gerecht wird. Zeitgleich besteht genau in dieser Wortwahl die Problematik. Es f\u00e4llt sehr leicht, sich von solch einer Bezeichnung zu distanzieren, kaum eine Person wird ihr eigenes Verhalten als \u201etoxisch\u201c einstufen, sogar unter den Selbstkritischsten. Der Begriff kann dazu f\u00fchren, dass sich M\u00e4nner von sehr eindeutig als toxisch identifizierbaren M\u00e4nnern abgrenzen und dabei vergessen, dass alle M\u00e4nner, auch sie selbst, betroffen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eToxisch\u201c polarisiert. Die Hauptproblematik liegt wohl darin, dass durch das Toxische automatisch die Frage nach der \u201egesunden\u201c M\u00e4nnlichkeit aufkommt. Der Begriff zieht dort eine Trennlinie, wodurch die Korrelation der \u201eguten\u201c und \u201eschlechten\u201c Anteile, vor Allem aber auch eine Kritik am Patriarchat wegf\u00e4llt. Schaffen wir dieses neue Bild der M\u00e4nnlichkeit, bekr\u00e4ftigen wir nur wieder das Bed\u00fcrfnis von M\u00e4nnern, sich an Idealen zu orientieren und ein richtiger Mann sein zu wollen (11). Doch welche \u00a0Alternativen dazu gibt es?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Reicht die Entgiftungskur? <\/h3>\n\n\n\n<p>Der wohl schwierigste Prozess liegt darin dieses soziokulturelle Konstrukt, das sich hinter der Toxischen M\u00e4nnlichkeit verbirgt, zu bek\u00e4mpfen. Was kann individuell unternommen werden, welche Strukturen m\u00fcssen ge\u00e4ndert werden und welche Konzepte stellen sinnvolle Alternativen dar? Und wie weit m\u00fcssen wir dabei gehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Jede als Mann sozialisierte Person kann bei sich selbst beginnen. M\u00e4nner denken oft erst kritisch \u00fcber sich nach, wenn sie auf Konfrontation sto\u00dfen, wenn sie von feministischer Kritik getroffen werden. Deshalb ist feministische Kritik unerl\u00e4sslich (12).<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin mir dessen bewusst, wie schwer es war und immer noch ist diese Thematik bei mir anzugehen. Leider hat es auch bei mir erst die feministische Kritik meiner Freundin gebraucht. Anfangs reagierte ich mit Wut, Widerstand und es war schmerzvoll. Das kommt immer noch vor, aber je mehr ich mich damit besch\u00e4ftige, je mehr ich verstehe, wie tiefgreifend dieses Konstrukt ist, desto st\u00e4rker m\u00f6chte ich die Ver\u00e4nderung angehen. Das Ank\u00e4mpfen gegen dieses Konstrukt wird wohl ein lebenslanger Prozess sein, bei dem es nur hilft, st\u00e4ndig das eigene Denken und Handeln zu hinterfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um sich der Frage nach dem richtigen Mann zu entziehen, wird eine \u201ekritisch-reflektierende Unterst\u00fctzung darin, sich gegen diese Frage zu widersetzen\u201c ben\u00f6tigt. M\u00e4nner m\u00fcssten \u00fcberdenken, was die Gesellschaft von ihnen verlangt hat und wie sie in ihr geworden sind und die Lust haben diese Sachen aufzubrechen13. Kim Posster erw\u00e4hnt einen Satz von Edgar Forster, der eine m\u00f6gliche Alternative andeutet. Dieser schrieb \u201eM\u00e4nnlichkeitskritik ist offen, weil M\u00e4nnlichkeitskritik keine neuen M\u00e4nnerbilder entwirft. M\u00e4nnlichkeitskritik bezieht ihre Kraft nicht aus der \u201eKrise von M\u00e4nnlichkeit\u201c, sondern aus der Lust auf ein anderes Begehren.\u201c (14)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versp\u00fcre ein Begehren. Wieso sprechen wir \u00fcber das Beseitigen der Toxischen M\u00e4nnlichkeit, wollen wir die M\u00e4nnlichkeit entgiften und uns ein neues Ideal des gutm\u00fctigen Mannes erschaffen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir leben in einer Gesellschaft mit soziokulturell konstruierten Geschlechtern, zwingen Kindern auf Grund ihres biologischen Geschlechts Denkweisen und Verhaltensmuster auf und nehmen ihnen die M\u00f6glichkeit sich frei zu entwickeln. Geborene Frauen sollen das Frausein und geborene M\u00e4nner sollen das Mannsein leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wichtig die Toxische M\u00e4nnlichkeit zu bek\u00e4mpfen, aber das reicht bei Weitem nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sollten die M\u00e4nnlichkeit abschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte, dass das Konstrukt der M\u00e4nnlichkeit und auch das Konstrukt der Weiblichkeit abgeschafft wird. Entledigen wir uns dieser Konstrukte, schaffen wir Raum, in dem Babys, Kleinkinder, Jugendliche und Erwachsene sich frei entwickeln und sie selbst sein k\u00f6nnen. Ein solches Konzept auf unsere Gesellschaft anzuwenden ist mit Sicherheit nicht einfach und braucht seine Zeit. Die Anforderungen an Geschlechter waren zu Zeiten der Aufkl\u00e4rung und Romantik noch ganz andere wie die heutigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so wird sich die Gesellschaft in Zukunft auch wieder \u00e4ndern und neue Konzepte haben \u2013 hoffentlich dann ohne Konstrukte und Anforderungen an biologische Geschlechter. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><sup>1<\/sup> Vgl. Wikipedia, 2021<\/p>\n\n\n\n<p><sup>2<\/sup> Vgl. Keen, 1993<\/p>\n\n\n\n<p><sup>3<\/sup> Vgl. 100Mensch, 2020<\/p>\n\n\n\n<p><sup>4<\/sup> Posster, 2019<\/p>\n\n\n\n<p><sup>5<\/sup> Pickert, 2020<\/p>\n\n\n\n<p><sup>6<\/sup> Vgl. M\u00fcnster, 2017<\/p>\n\n\n\n<p><sup>7<\/sup> Vgl. Statistisches-Bundesamt, 2019<\/p>\n\n\n\n<p><sup>8<\/sup> Vgl. Frauenh\u00e4user, 2021<\/p>\n\n\n\n<p><sup>9<\/sup> Vgl. Spektrum, 2005<\/p>\n\n\n\n<p><sup>10<\/sup> Vgl. Schmid, 2021<\/p>\n\n\n\n<p><sup>11<\/sup> Vgl. Posster, 2019<\/p>\n\n\n\n<p><sup>12<\/sup> Vgl. Posster, 2019<\/p>\n\n\n\n<p><sup>13<\/sup> Vgl. Posster, 2019<\/p>\n\n\n\n<p><sup>14<\/sup> Vgl. Posster, 2019<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Literaturverzeichnis<\/h2>\n\n\n\n<p>100Mensch.\u00a0(2020).\u00a0<em>Toxische M\u00e4nnlichkeit<\/em>.\u00a0Von\u00a0<a href=\"http:\/\/100Mensch: https:\/\/100mensch.de\/lexikon\/toxic_masc\/ abgerufen\">100Mensch: https:\/\/100mensch.de\/lexikon\/toxic_masc\/ abgerufen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Christina, L. (2020). <em>Leachristina<\/em>. Von <a href=\"https:\/\/leachristina.com\/2020\/09\/01\/toxische- maennlichkeit\/ abgerufen\">https:\/\/leachristina.com\/2020\/09\/01\/toxische- maennlichkeit\/ abgerufen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Frauenh\u00e4user, A. \u00d6. (2021). <em>Mutma\u00dfliche Frauenmorde durch (Ex-)Partner oder Familienmitglieder oder durch Personen mit Naheverh\u00e4ltnis zum Opfer 2021 laut Medienberichten:. <\/em><a href=\"https:\/\/www.aoef.at\/images\/04a_zahlen-und-daten\/Frauenmorde_2021_Liste-AOEF.pdf\">https:\/\/www.aoef.at\/images\/04a_zahlen-und-daten\/Frauenmorde_2021_Liste-AOEF.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Keen, S. (1993). <em>Feuer im Bauch. \u00dcber das Mann-sein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcnster,\u00a0U.\u00a0(2017).\u00a0\u00a0<em>Geschlechterunterschiede\u00a0bei\u00a0Suizid\u00a0und\u00a0Suizidalit\u00e4t\/Fachartikel. <\/em><a href=\"https:\/\/gendermedwiki.uni- muenster.de\/mediawiki\/index.php\/Geschlechterunterschiede_bei_Suizid_und_Suizidalit\u00e4t\/ Fachartikel\">https:\/\/gendermedwiki.uni- muenster.de\/mediawiki\/index.php\/Geschlechterunterschiede_bei_Suizid_und_Suizidalit\u00e4t\/ Fachartikel<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Pickert, N. (2020). (S. T. Zykunov, Interviewer) <a href=\"https:\/\/www.brigitte.de\/liebe\/beziehung\/maenner- erzaehlen--ja---toxische-maennlichkeit--haben-wir-schon-mal-gehoert-12221760.html\">https:\/\/www.brigitte.de\/liebe\/beziehung\/maenner- erzaehlen&#8211;ja&#8212;toxische-maennlichkeit&#8211;haben-wir-schon-mal-gehoert-12221760.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Posster, K. (2019). (V. Mokrezowa, Interviewer) <a href=\"https:\/\/www.goethe.de\/ins\/ru\/de\/kul\/sup\/mas\/21581216.html\">https:\/\/www.goethe.de\/ins\/ru\/de\/kul\/sup\/mas\/21581216.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Schmid, M. (2021). <em>\u201eGendern\u201c im Stra\u00dfenverkehr: Konservative wettern gegen \u201eweibliche\u201c Crashtest-Dummys. <\/em>Frankfurter\u00a0Rundschau. <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/politik\/gendern- crashtest-dummies-fegebank-bild-strassenverkehr-konservative-unfall-gefahr- 91058140.html\">https:\/\/www.fr.de\/politik\/gendern- crashtest-dummies-fegebank-bild-strassenverkehr-konservative-unfall-gefahr- 91058140.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Spektrum. (2005). <em>Frauen bei Behandlung von Herzkrankheiten benachteiligt. <\/em>Spektrum. <a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/news\/frauen-bei-behandlung-von-herzkrankheiten- benachteiligt\/788152\">https:\/\/www.spektrum.de\/news\/frauen-bei-behandlung-von-herzkrankheiten- benachteiligt\/788152<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Statistisches-Bundesamt. (2019).\u00a0<em>Suizide. <\/em><a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Themen\/Gesellschaft-Umwelt\/Gesundheit\/Todesursachen\/Tabellen\/suizide.html https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Toxische_M\u00e4nnlichkeit#cite_note-:0-1\">https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Themen\/Gesellschaft-Umwelt\/Gesundheit\/Todesursachen\/Tabellen\/suizide.html https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Toxische_M\u00e4nnlichkeit#cite_note-:0-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Marius Glaser, <em>Sollten wir uns von der M\u00e4nnlichkeit verabschieden? Eine historisch-soziologische Analyse zur Toxischen M\u00e4nnlichkeit und ihre Begriffsproblematik<\/em>, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 03.01.2022,<a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=164\"> https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=164<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine historisch-soziologische Analyse zur Toxischen M\u00e4nnlichkeit und ihre Begriffsproblematik Marius Glaser (SoSe 2021) Der Begriff der toxischen M\u00e4nnlichkeit und seine Pr\u00e4gung M\u00e4nner machen Schwierigkeiten. 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