{"id":171,"date":"2022-01-10T11:33:03","date_gmt":"2022-01-10T10:33:03","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=171"},"modified":"2022-01-10T11:35:36","modified_gmt":"2022-01-10T10:35:36","slug":"arielle-die-schwarze-daenische-meerjungfrau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/01\/10\/arielle-die-schwarze-daenische-meerjungfrau\/","title":{"rendered":"Arielle, die Schwarze, d\u00e4nische Meerjungfrau"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Sofia Bucher (SoSe 2021) <\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Einer meiner liebsten Kinderfilme ist \u201eArielle, die kleine Meerjungfrau\u201c. In diesem bekannten Disneyfilm geht es um die gleichnamige Protagonistin Arielle, die durch ihre roten Haare und helle Haut auff\u00e4llt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Unterwasserstadt Atlantica, die irgendwo im Atlantik verortet wird. Ihr gr\u00f6\u00dfter Wunsch ist es allerdings, an Land zu leben und ein Mensch sein zu d\u00fcrfen. Nachdem sie sich in einen menschlichen Prinzen verliebt, wagt sie den Schritt ein Leben an Land zu beginnen. Als Kind fand ich die Story sehr r\u00fchrend. Ich konnte mich mit Arielle gut identifizieren. Die letzte Filmversion von Arielle wurde 1989 ver\u00f6ffentlicht und ist dementsprechend ein wenig veraltet. Als Disney 2019 ank\u00fcndigte eine Realverfilmung von Arielle zu produzieren, war ich sehr erfreut. Die Schauspielerin und S\u00e4ngerin Halle Bailey sollte die Rolle der Arielle \u00fcbernehmen. Die Auswahl sorgte teilweise f\u00fcr Aufruhr, da Halle Bailey Schwarz ist. Insofern verbildlicht sie nicht mehr Arielles roten Haare und ihre blasse Haut. Die Differenz zwischen dem Aussehen von Halle Bailey und dem traditionellen Bild von Arielle f\u00fchrte auch in meinem sozialen Umfeld zu Diskussionen. Die Frage, ob ich Halle Bailey als Besetzung f\u00fcr Arielle angebracht finde, beantwortete ich damals mit \u201eNein\u201c. Als langer Fan kam es mir nicht richtig vor, in der Realverfilmung auf Arielles roten Haare und die blasse Haut zu verzichten. Meine Argumentation bezog sich vor allem auf ihre Haare, so sei eine blonde oder br\u00fcnette Arielle genauso unpassend. W\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs merkte ich zwar, dass mir die Tiefe f\u00fcr weitere Argumente fehlte, trotzdem blieb ich vorerst bei meiner Meinung. Da das Thema auch im Allgemeinen nicht besonders relevant f\u00fcr mich erschien, dachte ich zun\u00e4chst nicht weiter dar\u00fcber nach.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Essay m\u00f6chte ich \u00fcber Halle Bailey als Schwarze Arielle schreiben, und warum diese Besetzung nicht nur passend, sondern auch notwendig ist. Dazu setze ich die Neuverfilmung Arielles in einen Zusammenhang mit alten rassistischen Produktionen Disneys. Zudem m\u00f6chte ich eine Reflektion \u00fcber die Entwicklung meines eigenen Standpunkts im Zeitraum der letzten zwei Jahre beschreiben. Dabei thematisiere ich die Aufarbeitung meiner eigenen Rassismen auch im Zuge der Black Lives Matter-Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste wichtige These in diesem Essay lautet also: Halle Bailey ist f\u00fcr Arielle die richtige Besetzung. Unter dem Hashtag #notmyariel sammeln sich im Internet Kritiken, die sich auf die Haut- und Haarfarbe Halle Baileys beziehen. Arielle sei D\u00e4nin und somit sei ihre Schwarze Hautfarbe unpassend. Disney gab dazu im Juli 2019 \u00fcber den Twitteraccount \u201eFreeform\u201c ein Statement ab: Der Autor sei zwar D\u00e4ne, aber der fiktive Charakter Arielle lebe in der Unterwasserstadt Atlantica im Atlantik und sei von weltlichen Nationalit\u00e4ten ungebunden. Zudem g\u00e4be es auch Schwarze D\u00e4n:innen und daher seien auch Schwarze d\u00e4nische Meerjungfrauen in der Fiktion m\u00f6glich. Weiterhin verwies Disney auf das herausragende Talent Halles und bedeutete den Kritikern auf dieses das Augenmerk zu legen, statt auf die angeblich nicht passende Hautfarbe (Freeform, 2019).<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Disney so auf rassistische Anfeindungen an eine ihrer Schauspieler:innen reagiert ist erfreulich, aber nicht unbedingt selbstverst\u00e4ndlich. In der Vergangenheit musste Disney selbst mit Rassismusvorw\u00fcrfen umgehen. In der Kritik standen einige Disneyproduktionen, beispielsweise \u201edas Dschungelbuch\u201c oder \u201eDumbo\u201c. Die Darstellung von Kulturen sei in diesen Filmen problematisch. Disney verwendet in seinen Produktionen das stilistische Mittel Anthropomorphismus, indem menschliche Eigenschaften auf Tiere \u00fcbertragen werden. Die Darstellung der Tiere reproduziert Stereotype von verschiedenen, oft marginalisierten, Kulturen. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist der Affe \u201eKing Louis\u201c aus \u201edas Dschungelbuch\u201c. Der Affe verk\u00f6rpert typische Eigenschaften eines Schwarzen Menschen. Erkennbar wird dies durch den gesprochenen Slang oder auch King Louis\u00b4 Vorliebe zum Jazz. Der Affe als Karikatur eines Schwarzen ist zudem eine leider sehr \u00fcbliche, rassistische Darstellung. King Louis singt im Film: \u201eI wanna be like you\u201c. Er w\u00e4re gerne ein Mensch. Hierbei spielt vor allem der zeitliche Kontext des Films eine Rolle. Das Dschungelbuch erschien 1967 in den USA, zu Zeiten Schwarzer Revolution und B\u00fcrgerrechtsbewegung. Die Darstellung des King Louis ist wie eine sehr unangebrachte Satire dieses Strebens nach Gleichberechtigung (Willmann, o. D.).<\/p>\n\n\n\n<p>Der 1941 erschienene Disneyklassiker \u201eDumbo\u201c beginnt mit einer Szene, in der Schwarze M\u00e4nner ein Zirkuszelt aufbauen. Die Schwarzen M\u00e4nner haben kein Gesicht und somit keinen individuellen Charakter. W\u00e4hrend der Arbeit singen sie den \u201eSong of the Roustabouts\u201c:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>We work all day, we work all night, we never learned to read or write, we\u00b4re happy-hearted roustabouts. [\u2026] We slave until we\u00b4re almost dead, we\u00b4re happy-hearted roustabouts. [\u2026] We don\u00b4t know when we get our pay, and when we do, we throw our pay away, we get our pay when children say with happy hearts: It\u00b4s circus day today. [\u2026] Grab that rope, you hairy ape!<\/p><cite>Disney, Sharpsteen, 00:13:24-00:15:12<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Text erweckt den Eindruck, die Hilfsarbeitenden w\u00fcrden die harte Arbeit unter schlechten Bedingungen gerne machen und dabei fr\u00f6hlich sein. Sie m\u00fcssen arbeiten, bis sie fast tot umfallen und sie wissen auch nicht, wann sie f\u00fcr ihre Arbeit entlohnt werden. Jedoch mache es ihnen nichts aus, weil gl\u00fcckliche Kinder im Zirkus Lohn genug sind. Dass sie den Lohn direkt wieder \u201ezum Fenster rauswerfen\u201c, bedient weitere abwertende Stereotype von Schwarzen. Zum Ende des Lieds wird ein \u201ehaariger Affe\u201c dazu aufgefordert, ein Seil zu packen. Zum einen wiederholt sich hier das rassistische Symboldbild des Affens, wenn \u00fcber Schwarze gesprochen wird. Zum anderen werden hier schlechte Arbeitsbedingungen verharmlost. Schwarze seien mit ihrer Position in der Gesellschaft zufrieden, weil die Freude von <em>Wei\u00dfen<\/em> (hier <em>wei\u00dfen<\/em> Kindern) ihnen genug Lohnt bringt. Sp\u00e4ter im Film gibt es weitere Formen von Anthropomorphismus. Die Kr\u00e4hen, die dem Protagonisten Dumbo beim Fliegen helfen, symbolisieren erneut stereotypische Eigenschaften von Afroamerikaner:innen. Erkennbar wird dies wieder durch den gesprochenen Slang, einem s\u00fcdlichen Akzent und schlechter Grammatik (Willets, 2013). Der Anf\u00fchrer der Kr\u00e4hen tr\u00e4gt den Namen Jim Crow. Dieser Name verweist auf die Jim-Crow-\u00c4ra (ca. 1877- 1965) in den USA. Wichtig f\u00fcr die Zeit waren die Jim-Crow Gesetze. (Triggerwarnung: Sehr menschenverachtende Weltansicht) Die Ideologie hinter den Gesetzen beschreibt Schwarze als minderwertig, und probiert so die \u201eRassentrennung\u201c und Ungerechtigkeiten gegen\u00fcber der Schwarzen Bev\u00f6lkerung zu legitimieren. Die Minderwertigkeit Schwarzer zeige sich durch verminderte Intelligenz, schlechter Moralvorstellungen und unzivilisiertem Verhalten. Eine Gleichstellung von <em>Wei\u00dfen<\/em> und Schwarzen w\u00fcrde zu ungewollten sexuellen Beziehungen f\u00fchren. Dies wiederum f\u00fchre zur \u201egemischten Rasse\u201c, was in der Zerst\u00f6rung der USA enden w\u00fcrde. Um dies zu verhindern, bestimmen die Jim-Crow-Gesetze den Umgang mit Schwarzen. Schwarze durften <em>Wei\u00dfen <\/em>nicht die Hand anbieten, Frauen nicht zu nahekommen, oder gemeinsam mit <em>Wei\u00dfen<\/em> an einem Tisch sitzen. Auch Intimit\u00e4t unter Schwarzen Menschen sei in der \u00d6ffentlichkeit verboten, da diese <em>wei\u00dfe<\/em> Menschen beleidigen k\u00f6nnte (Pilgrim, 2012). Solche und \u00e4hnliche Verhaltensregeln bestimmten das Leben von Schwarzen Menschen. Den Raben in Dumbo nach dieser \u00c4ra zu benennen, ist demnach sehr bedeutungstr\u00e4chtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt l\u00e4sst sich zusammenfassen, dass in Disneyfilmen marginalisierte Gruppen und diverse Kulturen sehr stereotypisch dargestellt werden. Die fehlende Repr\u00e4sentation von Diversit\u00e4t auch innerhalb einer Kultur ist ein Problem. Dabei geht es nicht nur um das Fehlen von BIPoC-Charakteren, sondern um die einseitige Darstellung. BIPoC-Charaktere \u00fcbernehmen immer wieder dieselben Rollen und bedienen damit immer gleichbleibende Narrative, wodurch die Gefahr einer \u201eSingle Story\u201c entsteht. Der Begriff ist gepr\u00e4gt durch Chimamanda Ngozi Adichie. Adichie ist eine nigerianische Schriftstellerin, die sich selbst als Geschichtenerz\u00e4hlerin beschreibt. \u00dcber Single Stories spricht sie 2009 in dem TedTalk \u201eThe Danger of a Single Story\u201c. Eine Single Story entstehe, wenn eine gleiche Geschichte immer wieder erz\u00e4hlt werde. Wenn Charakteren mit einer bestimmten Herkunft oder Aussehen in Filmen oder Serien immer dieselben Charaktereigenschaften zugeschrieben werden, entsteht beim Rezipienten ein sehr einseitiges Bild. So wird davon ausgegangen, dass Menschen, die ein bestimmtes Aussehen haben, sich auch dementsprechend verhalten: \u201eSo that is how to create a single story, show a people as one thing, as only one thing, over and over again, and that is what they become\u201c (Adichie, 2009, 09:17). Als Beispiel f\u00fcr eine Single Story erz\u00e4hlt die nigerianische Adichie, wie sie zum Studieren in die USA zieht. Ihre Mitbewohnerin konfrontiert sie dort mit sehr spezifischen Erwartungen. Sie ist \u00fcberrascht, dass Adichie flie\u00dfend Englisch spricht, obwohl Englisch die Amtssprache Nigerias ist. Als Musikgeschmack erwartet die Mitbewohnerin traditionelle, nigerianische Musik und ist wieder \u00fcberrascht, dass Adichie gerne Mariah Carey h\u00f6rt. Adichie merkt, dass die Mitbewohnerin ihr nicht nur voreingenommen gegen\u00fcbertritt, sondern sogar Mitleid mit ihr hat, bevor das erste Gespr\u00e4ch zustande kommen konnte. Adichie wird in diesem Moment das Opfer einer Single Story. Das Bild von Afrikaner:innen ist vor allem durch westliche Literatur und Medien gepr\u00e4gt, die ein sehr einseitiges Bild pr\u00e4sentieren Menschen, die in Armut und unter schlechten Lebensbedingungen leben und Kriege f\u00fchren. &nbsp;Menschen, die nicht f\u00fcr sich selbst sprechen k\u00f6nnen und einen <em>Wei\u00dfen<\/em> brauchen, der sie rettet. Durch diese Voreingenommenheit war es den Beiden unm\u00f6glich, sich auf Augenh\u00f6he zu begegnen (Adichie, 2009).<\/p>\n\n\n\n<p>Disneycharaktere wie \u201eKing Louis\u201c aus \u201edas Dschungelbuch\u201c, die Schwarzen Hilfsarbeiter, die in \u201eDumbo\u201c nachts ein Zelt aufbauen, oder auch Jim Crow sind ein Teil von der Single Story, die \u00fcber Schwarze erz\u00e4hlt wird. Indem Kinder diese Filme sehen, werden Rassismen immer weiter reproduziert. Obwohl \u201eRassentrennung\u201c offiziell abgeschafft ist und Schwarze Menschen gesetzlich gleichgestellt sind, bleiben abwertende stereotypische Vorstellungen von marginalisierten Gruppen tief in den K\u00f6pfen der Menschen, und so in der Gesellschaft erhalten. Disney erkennt dieses Problem an und reagiert mit der \u201eStories-Matter\u201c Kampagne. Disney selbst erkl\u00e4rt den Inhalt der Kampagne so:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Stories shape how we see ourselves and everyone around us. So as storytellers, we have the power and responsibility to not only uplift and inspire, but also consciously, purposefully and relentlessly champion the spectrum of voices and perspectives in our world. [\u2026] Because happily ever after doesn\u00b4t just happen. It takes effort. Effort we are making.<\/p><cite>The Walt Disney Company, Stories Matter, o. D<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Im Zuge der Kampagne untersucht Disney seine Produktionen auf diskriminierende Inhalte. Anstatt die Filme jedoch zu l\u00f6schen, versehen sie problematische Inhalte mit einer Warnung: Das nachfolgende Programm enthalte \u201eeine nicht korrekte [Darstellung und] Behandlung von Menschen oder Kulturen\u201c (The Walt Disney Company, Stories Matter, o. D). Zudem wird auf die Internetseite Disneys verwiesen, die die Kampagne \u201eStories-Matter\u201c beschreibt. Dort finden Interessierte detaillierte Ausf\u00fchrungen \u00fcber problematische Inhalte in exemplarischen Disneyproduktionen. Disney w\u00fcnsche sich mit dieser Geste Diskussionen anzuregen. Die Geschichte k\u00f6nne im Nachhinein nicht mehr ge\u00e4ndert werden. Die Filme zu l\u00f6schen und so zu tun als sei nie etwas passiert sei die falsche Botschaft. Stattdessen m\u00fcssen Rassismen aktiv aufgearbeitet, statt vergessen werden. Zur Aufarbeitung seien externe Experten hinzugezogen worden (The Walt Disney Company, Stories Matter, o. D).<\/p>\n\n\n\n<p>Disneys Verpflichtung zu mehr Diversit\u00e4t, Inklusion und Repr\u00e4sentation kann neben den Warnungen bei alten Filmen besonders gut durch neue Produktionen umgesetzt werden. Neu- und Realverfilmungen von Disneyklassikern sollten hierf\u00fcr als Chance begriffen werden. In der Originalfassung \u201eArielle die Meerjungfrau\u201c von 1989 gibt es zwar keine stereotypische Darstellung von BIPoC-Charakteren, allerdings fehlt hier die Repr\u00e4sentation komplett. In der Unterwasserstadt \u201eAtlantica\u201c leben ausschlie\u00dflich <em>wei\u00dfe<\/em> Meermenschen. Auch der Menschenprinz Eric und seine Familie sind <em>wei\u00df<\/em>. Im Film Arielle werden zwar keine stereotypischen Eigenschaften von Schwarzen reproduziert, jedoch ist die fehlende Repr\u00e4sentation genauso sch\u00e4dlich. In der Realverfilmung konnte dieses Vers\u00e4umnis aufgeholt werden, indem Rollen inklusiver besetzt wurden. Eine Schwarze Meerprinzessin, bei der keine \u00fcblichen Narrative bedient, oder Rollenklischees ausgef\u00fcllt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diese Entwicklung als Erfolg anerkennen zu k\u00f6nnen, braucht es eine Sensibilisierung f\u00fcr gesellschaftlich aufrechterhaltene Rassismen und Diskriminierungen. Zuerst muss das Problem erkannt werden, bevor ein L\u00f6sungsschritt seine Relevanz zeigt. Mein Weg dieser Sensibilisierung und Aufarbeitung eigener rassistischer Denkmuster m\u00f6chte ich an diesem Beispiel reflektieren. Vor zwei Jahren h\u00e4tte ich Arielle gerne rothaarig und <em>wei\u00df<\/em> gehabt, da ich wollte, dass sie genauso aussieht wie in dem Originalfilm von 1989. W\u00e4hrend meiner Kindheit konnte ich mich mit einigen Disneyprinzessinnen identifizieren, da sie so aussahen wie ich: <em>wei\u00df<\/em> und blond. Dass diese Identifikationsm\u00f6glichkeit ein Privileg ist, habe ich nicht erkannt. Infolgedessen habe ich auch das dahinterliegende Problem nicht realisiert. Auch in meiner Argumentation vor zwei Jahren, habe ich nicht ber\u00fccksichtigt, dass es ein grundlegendes Inklusions- und Repr\u00e4sentationsdefizit in Disneys Klassikern gibt. Auch dass ich mich nicht zwangsl\u00e4ufig mit Rassismus auseinandersetzen musste, ist ein Privileg. Dieses Privileg teile ich mir mit anderen <em>wei\u00df<\/em>-positionierten Menschen. Zuletzt m\u00f6chte ich in diesem Essay ausf\u00fchren, wie ich als <em>wei\u00df<\/em>-positionierter Mensch mit Rassismus umgehen kann und welche Rolle meine Perspektive spielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowie sich Schwarz nicht unbedingt auf die Hautfarbe bezieht, beschreibt <em>Wei\u00dfsein<\/em> eine soziale Position. Die Position sollte immer im Kontext alter kolonialer Machtstrukturen betrachtet werden. Privilegien von <em>Wei\u00dfen<\/em> konnten nur entstehen, indem Schwarze Menschen ausgebeutet wurden. Die Legitimierung der Ausbeutung erfolgte \u00fcber das Herabsetzen von Schwarzen Menschen. Denkweisen und Machtstrukturen wie diese, haben sich bis heute erhalten. Immer noch profitieren <em>wei\u00dfe<\/em> Menschen, w\u00e4hrend BIPoC in vielen Hinsichten benachteiligt sind. Diese Benachteiligung erfolgt oft auf struktureller Ebene und ist somit nicht immer leicht zu erkennen oder zu begreifen. Rassismus ist insofern oft auch kein absichtsvolles Verhalten, sondern etwas, dass unbewusst geschieht. Bei der Bek\u00e4mpfung von Rassismus spielt diese Erkenntnis eine gro\u00dfe Rolle. Menschen mit <em>wei\u00dfer<\/em> Positionierung werden in bestimmte Machtstrukturen reingeboren. Sie werden in einer rassistischen Welt sozialisiert und \u00fcbernehmen automatisch diskriminierende Denkstrukturen. Rassismus wird so auf einer unbewussten Ebene erlernt. Es erfolgt keine bewusste Auseinandersetzung mit dieser Thematik. Im Gegensatz dazu erfordert die \u00dcberwindung ein aktives Verlernen (B\u00f6nkost, 2016). Dies stellt w<em>ei\u00dfe<\/em> Menschen vor eine emotionale Herausforderung: Die einzige Begegnung, die man als <em>wei\u00dfer<\/em> Mensch mit Rassismus hat, ist die der Verteufelung. Das Schlechte in Rassismus zu sehen kann jeder. Schwierig ist jedoch die Anerkennung des Mitwirkens am Problem und eigene verinnerlichte Rassismen. <em>Wei\u00dfe<\/em> Sozialisierung bedeutet Rassismus zu verleugnen, \u201efarbenblind\u201c zu werden und so <em>wei\u00dfe <\/em>Privilegien aufrecht zu erhalten. Die eigene Position wird nicht mehr als w<em>ei\u00df<\/em> wahrgenommen, da (angeblich) gar keine Position bezogen wird. Diese Sozialisierung erschwert sp\u00e4ter die Besch\u00e4ftigung mit Rassismus. Die Konfrontation mit dem Thema ist emotional belastend. Zu diesen Emotionen geh\u00f6ren Scham, Wut, \u00c4ngste und vor allem auch Ablehnung. Dies f\u00fchrt zu dem Einnehmen einer Abwehrhaltung und die Besch\u00e4ftigung mit Rassismus wird zunehmend schwieriger (Engelhardt, 2018).<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich \u00fcber Arielles Besetzung in der Realverfilmung diskutiert habe, habe ich meine eigene Position nicht als eine <em>Wei\u00dfe<\/em> erkennen k\u00f6nnen. Ich habe auch das Rassismusproblem in dieser Debatte nicht erkannt. Die Konfrontation mit der Kritik an meiner Haltung l\u00f6ste bei mir zuerst Unbehagen aus. Ich f\u00fchlte mich zu Unrecht beschuldigt, da ich mich selbst nicht als rassistischen Menschen gesehen habe. Infolgedessen verh\u00e4rtete sich meine Position als Abwehrreaktion. Im folgenden Jahr 2020 wurde es mir allerdings unm\u00f6glich, den Rassismus in Deutschland weiter zu ignorieren. Die Black-Lives-Matter-Bewegung gewann nach dem Tod des US-Amerikaners George Floyd auch in Deutschland an Popularit\u00e4t und f\u00fcllte meinen Social-Media-Feed. Besonders oft begegnete mir der Satz: Wenn du nicht antirassistisch bist, bist du rassistisch. Nachdem ich die anf\u00e4nglich unbehaglichen Gef\u00fchle beiseiteschieben konnte, informierte ich mich \u00fcber Rassismus in Deutschland. Durch die Besch\u00e4ftigung mit dem Thema wurde mir die Problematik erst mehr und mehr bewusst. Erst durch das Anerkennen von Rassismus als Problem und meiner eigenen <em>wei\u00dfen<\/em> Positionierung konnte ich mir meine eigenen Rassismen eingestehen. Ich habe erkannt, dass antirassistisches Verhalten ein langer Weg ist, an dem aktiv und langfristig gearbeitet werden muss. Auch die Recherche f\u00fcr diesen Essay hat mich erneut motiviert weiter an mir zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Literaturverzeichnis<\/h2>\n\n\n\n<p>Adichie, C. (2009). <em>The danger of a single story<\/em>. [Video]. Ted. <a href=\"https:\/\/www.ted.com\/talks\/chimamanda_ngozi_adichie_the_danger_of_a_single_story\/transcript\">https:\/\/www.ted.com\/talks\/chimamanda_ngozi_adichie_the_danger_of_a_single_story\/transcript<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>B\u00f6nkost, J. (2016). <em>Wei\u00dfe<\/em> Emotionen \u2013 Wenn Hochschullehre Rassismus thematisiert. IDB Paper. No.1, <a href=\"https:\/\/diskriminierungsfreie-bildung.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/IDB-Paper-No-1_Wei%C3%9Fe-Emotionen.pdf\">https:\/\/diskriminierungsfreie-bildung.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/IDB-Paper-No-1_Wei%C3%9Fe-Emotionen.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Disney, W. (Produktion), &amp; Sharpsteen, B. (Regisseur). (1941). <em>Dumbo <\/em>[Film]. USA.<\/p>\n\n\n\n<p>Engelhardt, A. A. (2018). <em>Raus aus Happyland: Zum Umgang mit Scham in der rassismuskritischen Bildungsarbeit <\/em>(Masterarbeit, Sigmund Freud Privat Universit\u00e4t Berlin). WUS. <a href=\"https:\/\/www.wusgermany.de\/de\/wus-service\/wus-aktuelles\/wus-foerderpreis\/wus-foerderpreis-2019\/raus-aus-happyland-zum-umgang-mit-scham-der-rassismuskritischen-bildungsarbeit-0\">https:\/\/www.wusgermany.de\/de\/wus-service\/wus-aktuelles\/wus-foerderpreis\/wus-foerderpreis-2019\/raus-aus-happyland-zum-umgang-mit-scham-der-rassismuskritischen-bildungsarbeit-0<\/a><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Freeform. [FreeformTV]. (2019, 7.Juli). <em>An open letter to the Poor, Unfortunate Souls <\/em>[Tweet] [Link enthalten]. Twitter. <a href=\"https:\/\/twitter.com\/FreeformTV\/status\/1147647797732106240\">https:\/\/twitter.com\/FreeformTV\/status\/1147647797732106240<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Pilgrim, D. (2012). <em>What was Jim Crow<\/em>. Ferris State University. Jim Crow Museum of Racist Memorabilia. <a href=\"https:\/\/www.ferris.edu\/jimcrow\/what.htm\">https:\/\/www.ferris.edu\/jimcrow\/what.htm<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>The Walt Disney Company. (o. D.) <em>Stories Matter. <\/em><a href=\"https:\/\/storiesmatter.thewaltdisneycompany.com\/\">https:\/\/storiesmatter.thewaltdisneycompany.com\/<\/a><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Willets, K. R. (2013). Cannibals and Coons: Blackness in the Early Days of Walt Disney. In J. Cheu (Hrsg.), <em>Diversity in Disney films\u202f: critical essays on race, ethnicity, gender, sexuality and disability <\/em>(1. Aufl., S. 9-22). London, UK: MacFarland &amp; Company, Inc.<\/p>\n\n\n\n<p>Willmann, T. (o. D.) <em>Das Dschungelbuch. <\/em>Artechock. <a href=\"https:\/\/www.artechock.de\/film\/text\/kritik\/d\/dschun.htm#oben\">https:\/\/www.artechock.de\/film\/text\/kritik\/d\/dschun.htm#oben<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Sofia Bucher, <em>Arielle, die Schwarze d\u00e4nische Meerjungfrau<\/em>, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 10.01.2022,<a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/01\/10\/arielle-die-schwarze-daenische-meerjungfrau\/\"> https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/01\/10\/arielle-die-schwarze-daenische-meerjungfrau\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sofia Bucher (SoSe 2021) Einer meiner liebsten Kinderfilme ist \u201eArielle, die kleine Meerjungfrau\u201c. In diesem bekannten Disneyfilm geht es um die gleichnamige Protagonistin Arielle, die durch ihre roten Haare und helle Haut auff\u00e4llt. 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