{"id":178,"date":"2022-01-21T13:55:21","date_gmt":"2022-01-21T12:55:21","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=178"},"modified":"2022-01-21T13:59:10","modified_gmt":"2022-01-21T12:59:10","slug":"narrative-und-single-storys-uber-gastarbeiterinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/01\/21\/narrative-und-single-storys-uber-gastarbeiterinnen\/","title":{"rendered":"Narrative und Single Storys \u00fcber \u201eGastarbeiter*innen\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><em>Fragmentierung des Widerstandes und Intersektionen<\/em><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Liana Maria Saccone (SoSe 2021) <\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Als im Dezember 2018 allm\u00e4hlich bekannt wurde, dass mit Daniela Cavallo eine Frau mit italienischen Eltern an die Spitze des Volkswagen-Betriebsrates ernannt werden soll, um somit an Stelle von Bernd Osterloh eine der wichtigsten Spitzenpositionen deutscher Gewerkschaften zu bekleiden, erschien im Kontext einer scheinbar positiven Neuigkeit ein Rattenschwanz verschiedener diskursiver Topoi. Aus einer auf den ersten Blick erfreulichen Nachricht wird an dieser Stelle der Ausgangspunkt des vorliegenden Gedankenspiels, das ein nicht abflachendes Unbehagen in mir selbst verbalisieren soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Handelsblatt titelte zu dieser Gelegenheit: \u201eGastarbeiter-Tochter wird Kronprinzessin von VW-Betriebsratschef Osterloh\u201c.<a href=\"#_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Zwei Komponenten konzentrieren sich bereits in der \u00dcberschrift des Artikels (verfasst von Stefan Menzel): Einer davon ist der Sexismus, der mit der Verniedlichung einer Frau einhergeht. Daniela Cavallo wird implizit, mittels des Sprachgebrauchs, zur \u201eKronprinzessin\u201c und \u201eGastarbeiter-Tochter\u201c reduziert\u2014 also auf ihr Verh\u00e4ltnis zu zwei M\u00e4nnern (der m\u00e4chtige Betriebsrat Osterloh und der anonyme italienische \u201eGastarbeiter\u201c), anstatt sie als \u00f6ffentliche Persona ernst zu nehmen. Die zweite Komponente ist die Intersektion mit einem verzerrten und euphemistischen Umgang mit der Geschichte sogenannter Gastarbeiter*innen, die das Spannungsverh\u00e4ltnis des vorliegenden Textes konstituieren, in dem sich der Prozess meiner eigenen Subjektwerdung selbst vollzieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Menzel beginnt seinen Text mit folgenden Worten:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eRein \u00e4u\u00dferlich k\u00f6nnten die Unterschiede kaum gr\u00f6\u00dfer sein. Bernd Osterloh kommt an die 1,90 Meter heran. Gro\u00df, kr\u00e4ftig. Allein an seiner Statur wird deutlich, dass er voll im Leben steht. Daniela Cavallo, einen guten Kopf kleiner und zierlich, k\u00f6nnte sich hinter dem Betriebsratsvorsitzenden von Volkswagen nahezu problemlos verstecken.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Cavallo wird hier ein diskursiver Ausgangspunkt aufgesetzt, dem sie sich einer solchen stets sich wiederholenden Sprachstruktur nicht entziehen kann. Ihre Geschichte wird zu einer Figur auf einem Spielbrett, dessen Regeln sie nicht umgehen kann. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit ihrer Arbeit (beziehungsweise die \u00fcberwundenen und hier verschwiegenen Hindernisse, um die Arbeit \u00fcberhaupt ausf\u00fchren zu k\u00f6nnen), wird immer an dem Selbstverst\u00e4ndnis ihrer deutschen und m\u00e4nnlichen Vorg\u00e4nger gemessen werden. Sie wird sich nicht der Frage entziehen k\u00f6nnen, was sie als <em>\u201eGastarbeiter-Tochter\u201c<\/em> leistet. Und unter diesem Sprachschirm erkundet eine Dominanzkultur ihren eigenen Status als tolerante Gesellschaft. Sie in einer Spitzenposition hei\u00dft: eine enorme Projektionsfl\u00e4che von Narrativen, die sich durch ihre Ernennung nicht ver\u00e4ndern werden. Viel mehr gilt die Geschichte von sogenannten Gastarbeiter*innen als Erfolg f\u00fcr alle Beteiligten, eine harmonische Geschichte von gelungener Integration durch Assimilation.<a href=\"#_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Daher die Fragen: <em>An wen richten sich solche Geschichten? Von wem d\u00fcrfen sie erz\u00e4hlt werden? Und welche Wahrheiten konstituieren sie?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Geschichte versteckt die realen Biografien und Geschichten ihrer Protagonist*innen. Sie dient einem Wunschdenken eines hegemonialen Diskurses, den selbst Cavallo nicht brechen d\u00fcrfte, wenn ihre Reichweite als \u00f6ffentliche Person und somit die Gunst und Euphorie der \u00d6ffentlichkeit sich nicht gegen sie wenden soll. Als Repr\u00e4sentation der <em>gesamten<\/em> postmigrantischen Community, muss sie die gew\u00fcnschten Anforderungen rezitieren; also das Bild der \u201eguten Migrantin\u201c \u2014 vor allem durch Dankbarkeit \u2014 bedienen.<a href=\"#_ftn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>&nbsp; Dar\u00fcber hinaus wirft diese Erz\u00e4hlung eine gef\u00e4hrliche Hierarchisierung auf, die sich eben durch ihre geschichtsvergessene Reproduktion perfide an andere Gruppen richtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diesen Gedanken zu illustrieren, soll folgender Absatz aus dem Wikipediaartikel <em>Italiener in Deutschland <\/em>angebracht werden:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eItaliener geh\u00f6rten zwar zu den beliebtesten Einwanderern in Deutschland, seien jedoch oft schlecht\u00a0integriert\u00a0und h\u00e4tten wenig Kontakte zu Deutschen. Da sich die Berichterstattung \u00fcber fehlgeschlagene Integration in den Medien sowie integrationsf\u00f6rdernde Ma\u00dfnahmen jedoch meist auf Einwanderer aus dem\u00a0islamischen\u00a0Kulturkreis beschr\u00e4nken, werden Integrationsprobleme und\u00a0Benachteiligungen insbesondere in Sachen Bildung\u00a0unter italienischen Migranten oft nicht deutlich wahrgenommen. Das mag auch daran liegen, dass die Italiener, wie die anderen S\u00fcdeurop\u00e4er auch, wirtschaftlich vergleichsweise gut integriert sind und ihre Bildungsdefizite im Erwerbsleben erfolgreich ausgleichen k\u00f6nnen. Dadurch erreichen die Menschen mit italienischem Migrationshintergrund bei einigen Arbeitsmarktindikatoren beinahe die Werte der Einheimischen.\u201c<a href=\"#_ftn4\"><sup>[4]<\/sup><\/a><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Diese \u00e4u\u00dferst unsensible Ausf\u00fchrung dient hervorragend zur Konkretisierung der Blick- und Machtverh\u00e4ltnisse, innerhalb derer der \u201eeinheimische\u201c K\u00f6rper einer bunten Masse an verschiedenen Einwanderergruppen gegeb\u00fcbersteht, die dessen Integrationsprozess aus einer erh\u00f6hten Position beobachten und bewerten kann. Dieses dichte Machtverh\u00e4ltnis ist eben jene Machtperformance und Meta-Othering, die nach Parameter <em>Blut und Boden<\/em> einen stabilen Gesellschaftskern konstruiert, und somit auch seine Peripherien und m\u00f6glichen Zugest\u00e4ndnisse schaffen. Diese Argumentation findet sich sowohl institutionalisiert (und somit naturalisiert) in der Erhebung und Messung von \u201emigrantisch\u201c definierten K\u00f6rpern, in verschiedenen Facetten aufbereitet in intermedialen Aufbereitungen; und schlie\u00dflich materialisiert auf der Stra\u00dfe und auf dem Wahlzettel.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich werden \u2014 wie mit einem Zirkel \u2014 \u201eKulturkreise\u201c gezogen und koloniale Deutungshoheiten aufrechterhalten. Neben dieser r\u00e4umlich-kulturlaisierten Dimension, schlie\u00dft sich eine zeitliche Dimension an, die paradoxerweise dadurch agiert, dass sich der gegenw\u00e4rtige Diskurs von seinen historischen Ablagerungen distanziert, z.B. in der Aussage \u201eItaliener waren in den 1950er und 1960er Jahren oftmals starken Diskriminerungen ausgesetzt\u201c<a href=\"#_ftn5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> oder der gegenw\u00e4rtigen medialen Verschiebung auf muslimisch gelesene Menschen. Es vollzieht sich eine Isolation der Kontinuit\u00e4ten.&nbsp; Diese Verharmlosungen dienen als Strategien der Spaltung und dienen der Eind\u00e4mmung einer kollektiven Anprangerung der Machtverh\u00e4ltnisse durch migrantisierte und vom Patriarchat marginalisierte Personen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Ernennung einer italienischen Frau in den Betriebsrat und der dadurch proklamierten Aufwertung und Toleranz gegen\u00fcber Nachfahr*innen von italienischen Migrant*innen, passiert somit zweierlei: Zum einem werden pers\u00f6nliche Rassismuserfahrungen einer Gruppe trivialisiert, was dazu f\u00fchrt, dass soziale H\u00fcrden als mangelnde Integrationsf\u00e4higkeit erscheinen. Zum anderen wird eine Hierarchie der Unterdr\u00fcckten kreiert, in der die eine Community von der anderen Community fragmentiert wird. &nbsp;Mittels der gemeinsamen Abwertung des jeweiligen Anderen erhoffen sich die Gruppen die diskursive M\u00f6glichkeit von sozialer Akzeptanz (wobei auch Italiener*innen wie ich in der dritten Generation nicht als \u201eeinheimisch\u201c gelten, oftmals kein Wahlrecht besitzen und nach wie vor andauernden Abflachungen ihrer Identit\u00e4t und Mikroaggressionen ausgesetzt sind). Ab dem Moment wo keine \u201e Zugang f\u00fcr Italiener und Hunde verboten\u201c-Schilder<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> mehr vor Lokalen h\u00e4ngen, sieht eine Dominanzkultur keinen Anlass&nbsp; mehr sich mit ihren diskriminierenden Gegenw\u00e4rtigkeiten auseinanderzusetzen. Dabei leben unsere Gro\u00dfeltern noch hier. Nur schreiben sie nach den Jahrzehnten der Arbeit in den Fabriken keine Essays \u00fcber ihre Erfahrungen: Dar\u00fcber, wie sie es bevorzugten zu Schweigen, damit ihre Kinder ein vorteilhafteres Leben im fremden Land haben konnten. Oder dar\u00fcber, wie viele Kinder der zweiten Generationen bereits die Sprache ihrer Eltern verlernten und anfingen, ihnen die Welt auf deutsch zu erkl\u00e4ren. Auch sie wurden dadurch nicht \u201eeinheimisch\u201c. Die Betriebsratsvorsitzenden von ihnen bleiben \u201eGastarbeiter-T\u00f6chter\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ist mit diesen Spaltungen umzugehen? Wie l\u00e4sst sich \u00fcber die pers\u00f6nliche Marginaliserung sprechen, w\u00e4hrend diese mit vielen Privilegien einhergeht; ohne die Strategie einer \u201eOpferolympiade\u201c zu bedienen, die Mohamed Amjahid in <em>Der Weisse Fleck<\/em> hervorragend analysiert?<a href=\"#_ftn7\"><sup>[7]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufarbeitung der eigenen Erfahrungen geht einher mit dem Erkennen der eigenen Privilegien einerseits, die Italiener*innen im Vergleich zu anderen Communities sehr wohl genie\u00dfen (Codierungen als Schlagw\u00f6rter: eher wei\u00df gelesen, europ\u00e4isch, <em>romantisierende Stereotype<\/em>, christlich, etc.), und der Aufarbeitung all jener entm\u00fcndigenden Muster, die Menschen, die aufgrund der Faktoren <em>gender, race and class <\/em>Betroffene stets als Anderes konstituieren, sich Erwartungshaltungen anpassen m\u00fcssen, die sie nicht selbst bestimmen durften<em>. <\/em>Unsere kulturellen Ged\u00e4chtnisse werden entweder infantilisiert, ignoriert oder d\u00e4monisiert. Es werden Bilder produziert und verbreitet und Menschen werden zu (politischen) Metaphern mit verschiedenen Werten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Was passiert, wenn wir weder \u00fcber kollektive und individuelle Traumata, noch \u00fcber gleichzeitige Privilegien sprechen?<\/em><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eine K\u00fcnstlerin, bei der diese Dynamiken besonders stark zum Ausdruck kommen, ist Semra Ertan. In einem titellosen Gedicht schreibt sie:<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter ist eine Arbeiterin,<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater ist ein Arbeiter,<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin eine Arbeitertochter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich liebe Arbeiter*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Arbeiter*innen haben mir geholfen,<\/p>\n\n\n\n<p>Ich helfe den Arbeiter*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich konnte mich nie an die Reichen gew\u00f6hnen,<\/p>\n\n\n\n<p>Die mit Abscheu<\/p>\n\n\n\n<p>Die Klassen unter ihnen<\/p>\n\n\n\n<p>Verachten<a href=\"#_ftn8\"><sup>[8]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Gedicht eignet sich Semra Ertan die politischen Signifikanten wieder an, die ihr zugeschrieben wurden und f\u00fcllt sie mit ihrem eigenen Kontext. Die Spirale Arbeiter-Arbeiterin-Arbeitertochter wirft das Subjekt in die ihm zugeschriebene Rolle, die sie jedoch auf die unterdr\u00fcckende Klasse zur\u00fcckwirft und gleichzeitig zur Solidarit\u00e4t der heterogenen Arbeiter*innenschaft aufruft: \u201eArbeiter*innen haben mir geholfen\/Ich helfe den Arbeiter*innen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese kurze Spirale ist insofern wichtig, als dass hier nicht der Begriff \u201eMigranten\u201c f\u00e4llt, sondern die Unterdr\u00fcckung als etwas begriffen wird, was zum einen \u00fcber die t\u00fcrkische Community hinausgeht, zum anderen auch am Herkunftsland der Eltern ansetzt. Die Dominanzkultur als solche erscheint insofern dynamisch, als dass die Teilhabe von wenigen marginalisierten Menschen an ihr (s. Oben) nicht etwa Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse beendet, sondern sie lediglich nach sozialen und \u00f6konomischen Bed\u00fcrfnissen anpasst; also zum <em>tokenism<\/em> verf\u00fchrt. Andererseits greift es auch die Idee vom dekadenten Herkunftsland an. Es verlie\u00dfen nicht die privilegierten T\u00fcrk*innen, Italienier*innen, Griech*innen ihre Heimat, um in Fabriken zu arbeiten. Die Notwendigkeit treibt Menschen von Orten weg, an denen ihre Familien leben, ihre Geb\u00e4rden und Sprachen erlernt wurden, die alten Gerichte gegessen wurden. Italien bspw., <em>ist <\/em>eine europ\u00e4ische Wirtschaftsmacht mit kolonialer Vergangenheit. Es waren jedoch nie diejenigen mit einer Stimme, die mit Koffern in die Z\u00fcge einstiegen, die sie nach Deutschland, Belgien oder in die Niederlanden brachten. In <em>Christus kam nur bis Eboli<\/em> beschreibt Carlo Levi seine Zeit im s\u00fcditalienischen Exil, die dem geb\u00fcrtigen Turineser Levi wie eine Welt der Magie, Mysterien und Pr\u00e4historizit\u00e4t erschien.<a href=\"#_ftn9\"><sup>[9]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Grenzziehungen und Kategorien erkennt Semra Ertan als flexibel, anpassbar und subtil. Die Beschreibung der eigenen Situation, der Form von Marginalisierung, sind polymorph und unscharf. So ist das Leben der Diasporen nicht nur eins zwischen zwei Kulturen, Sprachen oder L\u00e4ndern, sondern ein komplexes Geflecht zwischen sozialen Dynamiken innerhalb der Herkunftsl\u00e4nder selbst, an dessen Ende sich die Abwertung von K\u00f6rpern und die Materialisierung von sozialer Klasse gegenseitig befruchten:<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Name ist Ausl\u00e4nder,<br>Ich arbeite hier,<br>Ich wei\u00df, wie ich arbeite,<br>Ob die Deutschen es auch wissen?<br>Meine Arbeit ist schwer,<br>Meine Arbeit ist schmutzig.<br>Das gef\u00e4llt mir nicht, sage ich.<br>\u201eWenn dir die Arbeit nicht gef\u00e4llt,<br>geh in deine Heimat\u201c, sagen sie.<br>Meine Arbeit ist schwer,<br>Meine Arbeit ist schmutzig,<br>Mein Lohn ist niedrig.<br>Auch ich zahle Steuern, sage ich.<br>Ich werde es immer wieder sagen,<br>Wenn ich immer wieder h\u00f6ren muss:<br>\u201eSuche dir eine andere Arbeit.\u201c<br>Aber die Schuld liegt nicht bei den Deutschen,<br>liegt nicht bei den T\u00fcrken.<br>Die T\u00fcrkei braucht Devisen,<br>Deutschland braucht Arbeitskr\u00e4fte.<br>Mein Land hat uns nach Deutschland verkauft,<br>Wie Stiefkinder,<br>Wie unbrauchbare Menschen.<br>Aber dennoch braucht sie Devisen,<br>Braucht sie Ruhe.<br>Mein Land hat mich nach Deutschland verkauft.<br>Mein Name ist Ausl\u00e4nder.<a href=\"#_ftn10\"><sup>[10]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Audre Lordes ber\u00fchmte Warnung, dass die Waffen der Unterdr\u00fccker ihr Haus niemals einrei\u00dfen w\u00fcrden<a href=\"#_ftn11\"><sup>[11]<\/sup><\/a>, verstehe ich vor allem als Appell, im Falle einer Privilegierung, diese nicht gegen andere auszuspielen. Das Werkzeug der Unterdr\u00fccker macht nur in diesem Gebilde Sinn, ihr Werkzeug kann sich nur schwer gegen sich selbst richten. Die Alternative w\u00e4re, es sich innerhalb des Hauses gem\u00fctlich zu machen und die erlebten kollektiven Traumata zu verdr\u00e4ngen. So internalisierten unter anderem italienische Migrant*innen sehr fr\u00fch die Ressentiments gegen andere Gruppierungen, den gesellschaftlich anerkannten Sexismus und die Rolle als \u201e\u00fcberlegene Ausl\u00e4nder*innen\u201c. Und so zeigt sich eine Tendenz auf, die sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA vollzogen hat: der Aufstieg des Ausl\u00e4nders, das <em>wei\u00df-werden<\/em> in den Augen der Dominanzkultur, das Angebot vollends amerikanisch zu werden, indem die vorherrschenden Strukturen rigoros verinnerlicht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>So f\u00fchrte die Migration aus Italien zur Aufwertung des deutschen Arbeiters, das Arbeiterabkommen mit der T\u00fcrkei zur Aufwertung der italienischen Arbeiter, usw., und letztlich zur essenzialistischen Fixierung von <em>Deutschland<\/em> als st\u00e4rkste Wirtschaftsnation Europas als deutsche Erfolgsgeschichte. Die Aufwertung des Einen sorgte f\u00fcr die Abwertung des Anderen, die Normalisierung von Ausbeutung bleibt unangetastet und ver\u00e4ndert blo\u00df die F\u00fcllung der Platzhalter.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fu\u00dfnoten: <\/h2>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/industrie\/daniela-cavallo-gastarbeiter-tochter-wird-kronprinzessin-von-vw-betriebsratschef-osterloh\/23773308.html?ticket=ST-3258153-sXZgn1rsx2WWU6qURCi5-cas01.example.org\">https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/industrie\/daniela-cavallo-gastarbeiter-tochter-wird-kronprinzessin-von-vw-betriebsratschef-osterloh\/23773308.html?ticket=ST-3258153-sXZgn1rsx2WWU6qURCi5-cas01.example.org<\/a>, letzter Zugriff: 30.10.2021, 19:32 Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> An dieser Stelle mag auch das Ende des genannten Artikels zitiert werden:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e2023 oder 2024 d\u00fcrfte sich Osterloh zur\u00fcckziehen. Und dann k\u00f6nnte Volkswagen mit einer Neuheit gl\u00e4nzen, die es bislang nirgendwo gibt &#8211; mit der ersten Frau an der Betriebsratsspitze eines gro\u00dfen deutschen Autokonzerns.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> Der Artikel l\u00e4sst Cavallo nur an einer einzigen Stelle zu Wort kommen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eCavallo ist in Wolfsburg geboren, hat aber italienische Eltern. Ihr Vater ist mit der ersten Welle von Gastarbeitern zu Volkswagen nach Niedersachsen gekommen. \u201aMein Vater sagte immer, VW ist der beste Arbeitgeber in der Region. Wenn du im Werk einen Ausbildungsplatz bekommst, hast du eine sichere Zukunft. Das tat ich\u2019, erz\u00e4hlt sie selbst \u00fcber diese Zeit. Sie sei in beiden L\u00e4ndern zu Hause. Aber: \u201aWenn ich in Italien bin, freue ich mich, wieder nach Hause zu fahren, n\u00e4mlich nach Wolfsburg.\u2018\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> Die aktuelle Version des Artikels: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Italiener_in_Deutschland\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Italiener_in_Deutschland<\/a>, letzter Zugriff: 30.10.2021, 21:28 Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a> <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/italien-gastarbeiter-deutschland-abkommen-101.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/italien-gastarbeiter-deutschland-abkommen-101.html<\/a>, letzter Zugang: 30.10.2021, 22:44 Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a> vgl. Mohamed Amjahid, <em>Der Weisse Fleck \u2014 Eine Anleitung zu antirassistischem Denken<\/em>, M\u00fcnchen: 2021.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a> Semra Ertan, 13.11.1979,&nbsp; ohne Titel, aus: <em>Mein Name ist Ausl\u00e4nder<\/em>, M\u00fcnster: 2020, S.116.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a> vgl. Carlo Levi, <em>Cristo si \u00e9 fermato a Eboli, <\/em>Turin: 1945.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\"><sup>[10]<\/sup><\/a> Semra Ertan, <em>Mein Name ist Ausl\u00e4nder, in: <\/em>Mein Name ist Ausl\u00e4nder<em>, <\/em>S.176.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref11\"><sup>[11]<\/sup><\/a> Audre Lorde, <em>Die Werkzeuge der Herrschenden werden das Haus der Herrschenden niemals einrei\u00dfen<\/em>, in: Sister Outsider, USA: 1984 \/ M\u00fcnchen: 2021, S.10.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Liana Maria Saccone, <em>Narrative und Single Storys \u00fcber \u201eGastarbeiter*innen\u201c<\/em>, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 21.01.2022, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=178\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=178<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fragmentierung des Widerstandes und Intersektionen Liana Maria Saccone (SoSe 2021) Als im Dezember 2018 allm\u00e4hlich bekannt wurde, dass mit Daniela Cavallo eine Frau mit italienischen Eltern an die Spitze des Volkswagen-Betriebsrates ernannt werden soll, um somit an Stelle von Bernd Osterloh eine der wichtigsten Spitzenpositionen deutscher Gewerkschaften zu bekleiden, erschien im Kontext einer scheinbar positiven &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/01\/21\/narrative-und-single-storys-uber-gastarbeiterinnen\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eNarrative und Single Storys \u00fcber \u201eGastarbeiter*innen\u201c\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2643,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[327720],"tags":[449562,449561,1227,2740],"class_list":["post-178","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-essay","tag-arbeit","tag-gastarbeiterinnen","tag-migration","tag-rassismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/178","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2643"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=178"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/178\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":182,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/178\/revisions\/182"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=178"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=178"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=178"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}