{"id":197,"date":"2022-02-10T16:26:19","date_gmt":"2022-02-10T15:26:19","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=197"},"modified":"2022-02-10T16:29:04","modified_gmt":"2022-02-10T15:29:04","slug":"catcalling-kein-flirt-sondern-sexuelle-belaestigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/02\/10\/catcalling-kein-flirt-sondern-sexuelle-belaestigung\/","title":{"rendered":"\u201eCatcalling\u201c  \u2013 kein Flirt, sondern sexuelle Bel\u00e4stigung!"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kristin Thimsen (SoSe 2021)<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung <\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Es war zwanzig vor acht. Ich war mal wieder viel zu sp\u00e4t dran. Ich rannte die Treppen runter, zog meine Overkneestiefel \u00fcber meine Beine, holte die Jeansjacke vom Hacken und war gerade dabei die Haust\u00fcr zu \u00f6ffnen, um mich auf mein Fahrrad Richtung Schule zu schwingen. Meine Mutter rief laut meinen Namen und kam aus dem Badezimmer auf mich zugeeilt. Sie musterte mich von oben bis unten. Ich stand verunsichert vor ihr. Dabei hatte ich mich an diesem Tag so wohlgef\u00fchlt, mit mir, meinem K\u00f6rper und meinem neuen Leoprintrock. \u201eGeh sofort nach oben und zieh dich um!\u201c, sagte sie mit w\u00fctender Stimme. \u201eNein! Warum sollte ich?\u201c, werfe ich ihr entgegen. Ihre Stimme verliert mehr an Wut und h\u00f6rt sich besorgter an: \u201eWeil ich dich besch\u00fctzen m\u00f6chte! Ein vierzehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen in einem kurzen Leo-Rock und langen schwarzen Stiefel bis \u00fcber das Knie\u2026 das provoziert. Keine Widerrede. Du ziehst dich um!\u201c Ich schaute sie mit Tr\u00e4nen in den Augen an, streifte meine Overknees langsam von meinen Beinen und lief die Treppen nach oben zu meinem Kleiderschrank. Ich f\u00fchlte eine so tiefe Ungerechtigkeit in mir. Eine Ungerechtigkeit, die bis heute in mir andauert.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedoch hatte sich dieses Gef\u00fchl der Ungerechtigkeit im Teenie-Alter oft gegen meine Mutter gerichtet. Heute richtet sie sich viel mehr an das von patriarchalen Strukturen durchzogene System, in dem ich lebe. Mit zweiundzwanzig verstehe ich sehr gut, wovor meine Mutter so besorgt war. Lange wusste ich es selbst nicht zu benennen, doch heute sprechen Wissenschaftler*innen von \u201cCatcalling\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Forschungsprojekt des kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. zu Catcalling<\/h2>\n\n\n\n<p>Das kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KTN) versteht unter Catcalling:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u2026 [die] sexuell konnotierte Verhaltensweisen bzw. verschiedene Arten der sexuellen Bel\u00e4stigung ohne K\u00f6rperkontakt [\u2026]. Darunter fallen unter anderem Pfeiff- oder Kussger\u00e4usche, aufdringliche Blicke, vermeintliche Komplimente, anz\u00fcgliche Bemerkungen oder Kommentare \u00fcber das \u00c4u\u00dfere einer Person im \u00f6ffentlichen Raum oder auch sexuelle Bel\u00e4stigung mittels digitaler Medien, z. B. durch die ungewollte Konfrontation mit Bildern oder Videos sexuellen Inhalts. <\/p><cite>Lehmann &amp; Goede, 2021<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das KTN hat seit Juli 2021 ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Dr. Lena Lehmann zum Thema Catcalling gestartet.&nbsp; Der Forschungszeitraum endet erst zum Dezember 2021, doch erste Ergebnisse wurden bereits ver\u00f6ffentlicht. Es wurden 1000 \u00fcberwiegend weibliche Teilnehmende befragt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie zeigt, dass vor allem weiblich gelesene Menschen und insbesondere weiblich gelesene Personen, die sich der LGBTIAQ+<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Community zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, von Catcalling betroffen sind. Dabei widerfahren den Befragten nicht nur nonverbales Catcalling. Knapp 80 Prozent der weiblich Befragten haben bereits konkrete sexuelle Kommentare und k\u00f6pernahes Catcalling erfahren. Bei den Befragten der LGBTIAQ+ Community liegen die Zahlen sogar \u00fcber 80 Prozent. Vor allem abends und an \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen oder in Verkehrsmitteln kommt es zu diesen \u00dcbergriffen. Die meisten der Befragten waren entweder allein oder mit anderen weiblich gelesenen Menschen unterwegs. Nur zwei Prozent der Befragten geben an, Catcalling in Anwesenheit eines m\u00e4nnlich gelesenen Begleiters erlebt zu haben. Gerade einmal f\u00fcnf Prozent der Befragten waren bei der Polizei, von denen wiederum nur knapp 20 Prozent geholfen wurde. \u00dcber 40 Prozent hingegen f\u00fchlten sich von der Polizei nicht ernst genommen. Die drei h\u00e4ufigsten Begr\u00fcndungen, weshalb die Betroffenen nicht zur Polizei gegangen sind: Der Vorfall sei zu trivial gewesen, Catcalling sei ein allt\u00e4gliches Ph\u00e4nomen, fehlende Beweise.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Catcalling ist nicht \u201enormal\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>Vor einem Jahr klappte ich meinen Laptop auf und stie\u00df auf eine Reportage der Mediengruppe Funk auf YouTube mit dem Titel \u201eStreit um sexistische Anmache. Catcalling\u201c (vgl. Represent, 2020). Ich hatte von \u201eCatcalling\u201c zuvor noch nie was geh\u00f6rt. Ich war neugierig und bet\u00e4tigte den Play Button, eine Frau beginnt zu erz\u00e4hlen: \u201eDie schlimmste Situation, die mir bisher passiert ist, war im Supermarkt. Auf einmal haben sich drei M\u00e4nner um mich herum platziert. Dann hat der eine Mann eine Salatgurke in die Hand genommen und damit rumgewedelt. Und ausschweifend erkl\u00e4rt, was man damit alles machen kann und wie gut man mich damit penetrieren k\u00f6nnte.\u201c Ich dr\u00fcckte den Stopp-Button. Ich war angewidert! Doch leider konnte ich zu gut nachvollziehen, wovon die Frau in diesem Video spricht. So schlimm diese Geschichte war, so erstaunt war ich dar\u00fcber, dass solche Taten endlich benannt werden k\u00f6nnen und dass es auch andere weiblich gelesene Menschen au\u00dfer mir gibt, die das als eine klare Grenz\u00fcberschreitung wahrnehmen. So sa\u00df ich also da, an meinen Laptop, vor einem Jahr, mit einundzwanzig Jahren und realisierte zum ersten Mal wie sehr ich \u201eCatcalling\u201c bisher als etwas allt\u00e4gliches im Leben einer weiblich gelesenen Person abgetan hatte. Ich wurde w\u00fctend, dann traurig, dann kochte in mir die Wut wieder auf und ganz pl\u00f6tzlich kam in mir ein Gef\u00fchl der Erleichterung hoch. Eine Erleichterung dar\u00fcber, dass mir das Recht zusteht, solche tagt\u00e4glichen Bel\u00e4stigungen nicht mehr als etwas \u201eNormales\u201c hinzunehmen. Es ist nicht normal, wenn ein Mann mir hinterherruft \u201eNa Blondie, Lust durchgefickt zu werden?\u201c. Es ist nicht normal, wenn eine Gruppe von M\u00e4nnern aufh\u00f6rt zu reden, sobald ich an Ihnen vorbeilaufe, sie mich alle mit ekligen Blicken durchdringen und anfangen herabw\u00fcrdigend wie ein Hund nach mir zu pfeifen. Es ist nicht normal, dass dieses Catcalling stoppt, sobald eine m\u00e4nnlich gelesene Person mit mir unterwegs ist. Es ist nicht normal, sondern ein Ausspielen von Macht. Eine Macht, die bei vielen Betroffenen gravierende Folgen hinterl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Folgen f\u00fcr Betroffene von Catcalling<\/h2>\n\n\n\n<p>Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass \u201eCatcalling\u201c sowohl psychische, physische als auch \u00f6konomische Folgen f\u00fcr die Betroffenen mit sich zieht. Catcalling zu erleben, bedeutet f\u00fcr die Betroffene Stress &#8211; Stress der sich k\u00f6rperlich unter anderem durch eine irregul\u00e4re Atmung, Zittern, Muskelanspannungen, \u00dcbelkeit, Schwindel und einer erh\u00f6hten Herzfrequenz bemerkbar machen kann (vgl. Mores, 2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch auf einer psychischen Ebenen leiden die Betroffenen oft sehr stark. Catcalling l\u00f6st nicht nur k\u00f6rperlichen Stress aus, sondern auch mentale Angst &#8211; Angst vor schlimmeren sexuellen \u00dcbergriffen, wie beispielweise einer Vergewaltigung. Diese Angst ist nicht unbegr\u00fcndet, denn weiblich gelesen Menschen werden schon im fr\u00fchen Kindesalter durch die Medien, die Werbung und die Gesellschaft sozialisiert, Angst vor sexuellen \u00dcbergriffen zu haben (vgl.&nbsp; Hanna, 2019). Eine Angst, die sich in der Selbstbestimmung und Freiheit der Betroffene gravierend niederschl\u00e4gt. Nicht selten vermeiden Betroffene bestimmte Routen, verlassen nachts bewusst nicht das Haus oder nutzen \u00f6ffentliche Transportmittel nicht. Auch versuchen sich Betroffene oft durch unauff\u00e4llige Kleidung, wie Sonnenbrille, Schal und bedeckte dunkle Klamotten vor Catcalling zu sch\u00fctzen (vgl. Mores, 2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Wissenschaftler*innen verweisen bei den Folgen von Catcalling auf die Objektivierungstheorie von Fredrickson und Roberts von 1997. &nbsp;Diese Theorie \u201c[\u2026] was designed to explain the effects of living in a culture, where women are consistently sexually objectified or reduced to bodies to be used\/or evaluated by others rather been seen as full persons\u201d (Fisher, Lindner &amp; Ferguson, 2019, S. 1496). &nbsp;Catcalling objektiviert die betroffene Person, sie wird nicht mehr als Individuum gelesen, sondern als ein sexuelles Objekt. Dies kann zur Folge haben, dass Betroffene unter Bodyshaming, Essst\u00f6rungen und Depressionen leiden (vgl. Hanna, 2019). Depressionen k\u00f6nnen oftmals zu Schlafst\u00f6rungen und Konzentrationsmangel f\u00fchren (vgl. Del. Greco &amp; Christensen, 2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der \u00f6konomische Schaden, der durch Catcalling entsteht, darf nicht verharmlost werden. Durch das Vermeiden von bestimmten Routen und \u00f6ffentlichen Transportmitteln ist es manchen Betroffenen nicht m\u00f6glich, zu ihrem Beruf p\u00fcnktlich zu erscheinen. Zudem l\u00f6st die Objektivierung, die Betroffene durch das Catcalling erfahren, in ihnen m\u00f6glicherweise ein vermindertes Selbstwertgef\u00fchl am Arbeitsplatz aus. Depressionen, Schlafst\u00f6rungen und Konzentrationsmangel f\u00fchren nicht selten zu einem Verlust an Professionalit\u00e4t im Arbeitsalltag (vgl. Mores, 2020). Im schlimmsten Falle k\u00f6nnte die betroffene Person dadurch ihren Job verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als eine Person, die bereits selbst sexuelle Gewalt erfahren hat, k\u00f6nnen f\u00fcr mich diese Angstzust\u00e4nde sehr intensiv sein, vor allem wenn ich allein als weiblich gelesene Person unterwegs bin. Umso weniger kann ich M\u00e4nner verstehen, die Catcalling betreiben. Ich spreche hier bewusst von M\u00e4nnern! Denn aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass es sich bei den T\u00e4tern von Catcalling immer um cis-M\u00e4nner mit heteronormativen Denkmustern gehandelt hat. Dennoch sind es M\u00e4nner, denen wohl bewusst sein d\u00fcrfte, dass Frauen und Menschen aus der LGBTIAQ+ Community tagt\u00e4glich unter den patriarchalen Strukturen der Gesellschaft leiden. F\u00fcr mich ist das ein reines Ausspielen von Macht und eine Aufrechterhaltung der Binarit\u00e4t von Geschlechtern: der Mann als das erhabene und unterdr\u00fcckende Geschlecht und die Frau als das zu kontrollierende Gegengeschlecht. In dieser Recherche stellte sich mir also umso \u00f6fter die Frage: Warum ver\u00fcben Menschen, insbesondere cis-M\u00e4nner, Catcalling?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Motivationen der T\u00e4ter hinter Catcalling<\/h2>\n\n\n\n<p>Es besteht Einigkeit dar\u00fcber, dass sexuelle Bel\u00e4stigung Teil einer breiteren Kultur ist, die Diskriminierung, Feindseligkeit und Gewalt gegen\u00fcber Frauen akzeptiert, wenn nicht sogar ermutigt (vgl. Glick &amp; Fiske, 1996; Pryor, 1987; Thomae &amp; Pina, 2015). Sexismus ist tief in traditionellen bzw. konservativen Vorstellungen von Geschlechterrollen verwurzelt (vgl. Spence &amp; Helmreich, 1978; Swim &amp; Cohen, 1997). Soziale Dominanz, in diesem Zusammenhang, ist stark mit Sexismus und traditionellen bzw. konservativen Geschlechterrollen\u00fcberzeugungen verbunden. Personen mit hoher sozialer Dominanzorientierung neigen dazu, sexistische Ideologien und Geschlechterrollenstereotypen zu unterst\u00fctzen (vgl. Pratto et al., 1994; Pryor, 1987).<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Recherche bin ich kaum auf Studien oder wissenschaftliche Texte gesto\u00dfen, die sich mit der Motivation hinter Catcalling auseinandersetzen, obwohl genau solche Studien wichtig w\u00e4ren, um gegen Catcalling vorzugehen. Einer der wenigen Texte war eine Studie, die von K. A. Walton und C. L. Pedersen im April 2021 unter dem Titel \u201eMotivations behind catcalling: exploring men\u2018s engangement in street harassment behaviour\u201c ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Studie wurden insgesamt knapp 260 heterosexuelle cis-M\u00e4nner befragt, von denen 33 Prozent angaben, im letzten Jahr Catcalling betrieben zu haben. An dieser Stelle m\u00f6chte ich darauf hinweisen, dass die Ergebnisse kein reales Bild der T\u00e4ter von Catcalling darstellen, sondern die Ergebnisse durchaus von der sozialen Erw\u00fcnschtheit der Antworten beeinflusst wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der meistgenannte Grund f\u00fcr Catcalling war mit 85 Prozent \u201eto show that I like the women\u201c. \u00dcber 73 Prozent sehen Catcalling auch als \u201e a normal way of flirting\u201d oder \u201cto complimente the women\u201d. &nbsp;F\u00fcr knapp 50 Prozent der Befragten war die Motivation hinter Catcalling \u201eto improve my mood or to cheer me up \u201c, \u201ebecause it turns me on\u201d und \u201cbecause the women was dressed provocatively\u201d. Auch das Aus\u00fcben von Kontrolle ist nicht irrelevant, so best\u00e4tigten 12 Prozent der Teilnehmer \u201ebecause it makes me feel in control\u201c. Catcalling passiert in einem anonymen Setting, dies ist auch ma\u00dfgeblich f\u00fcr den Catcaller. Knapp 40 Prozent bekr\u00e4ftigen dies mit der Antwort \u201ebecause the women doesn\u2018t know who I am\u201c. Der Einfluss von Gruppendynamiken der Catcaller darf hierbei auch nicht untersch\u00e4tzt werden: &nbsp;20 Prozent gaben an \u201ebecause it makes me feel like one of the guys\u201c. Catcalling als Ausdruck von Misogynie wurde von den Befragten kaum in Zusammenhang gebracht. Nur knapp 2,5 Prozent best\u00e4tigten die Aussage \u201eto make fun of the women\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich ist es kein seltenes Ph\u00e4nomen, dass heteronormative cis -M\u00e4nner scheinbar oft nicht den Unterscheid zwischen Flirten und grenz\u00fcberschreitenden Catcalling ausmachen k\u00f6nnen oder vielleicht auch einfach nicht wollen. Ich habe bisher eine gro\u00dfe Ignoranz der Catcaller gesp\u00fcrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn meine mentale Gesundheit und mein K\u00f6rpergef\u00fchl es zugelassen haben den Catcaller zu konfrontieren, so war es immer ein sehr herabwertendes Gel\u00e4chter, was mir als Antwort widerfuhr. \u201eStell dich doch nicht so an!\u201c, wie oft ich diesen Satz zu h\u00f6ren bekam. Nicht selten kamen mir auch Beleidigungen entgegen. Ich habe nicht immer die Kraft in der Situation, in der ich Catcalling erlebe, den T\u00e4ter zu konfrontieren. Fr\u00fcher habe ich mir daf\u00fcr oft Vorw\u00fcrfe gemacht, heute tue ich das aber nicht mehr. Es ist nicht meine Aufgabe und schon erst recht nicht meine Verantwortung, mich selbst f\u00fcr den bestehenden Sexismus und die patriarchalen Strukturen des Systems verantwortlich zu machen. Ich bin nicht diejenige, die sich anstellt, das wei\u00df ich und mit mir viele Betroffene und leidtragenden Menschen von Catcalling. Vielmehr ist es die Politik in Deutschland, die sich anstellt. Eine Politik, die Catcalling bisher noch nicht als einen Strafbestand aufgenommen hat, im Gegensatz zu Frankreich, Belgien oder Portugal.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Petition-Catcalling strafbar machen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die 22 -j\u00e4hrige Antonia Quell schreibt in ihrer Petition, welche daf\u00fcr k\u00e4mpft, Catcalling in Deutschland strafbar zu machen: \u201eCatcalling ist vielmehr das Ausnutzen von Dominanz und Macht. Wieso macht man das \u00fcberhaupt? Die Antwort ist simpel: weil man es kann.\u201c (vgl. Quell, 2020). Von 2020 bis August 2021 sammelte sie knapp 70.000 Unterschriften. Dies waren somit genug Bef\u00fcrworter*innen, um die Petition in den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages zu bringen. Bisher befindet sich die Petition dort in Bearbeitung. Sollte der Ausschuss zum Entschluss kommen, dass die jetzige Gesetzgebung in Bezug auf Catcalling unzureichend ist, kann dieser eine Debatte im Parlament ansto\u00dfen (vgl. Weinmann, 2021).<\/p>\n\n\n\n<p>Unzureichend ist die Gesetzgebung durchaus, denn verbale sexuelle Bel\u00e4stigung ist in Deutschland kein Strafbestand. Voraussetzung f\u00fcr eine sexuelle Bel\u00e4stigung ist strafrechtlich ein sexuell bestimmter K\u00f6rperkontakt. Zwar k\u00f6nnen auch Beleidigungen strafrechtlich verfolgt werden, jedoch gilt das f\u00fcr verbale sexuelle Bel\u00e4stigung nur dann, wenn die \u00c4u\u00dferung ausdr\u00fccklich herabsetzend war (vgl. Weinmann, 2021). Die Formulierung \u2018ausdr\u00fcckliche herabsetzende \u00c4u\u00dferungen\u2018, ist in dem Kontext von Catcalling viel zu vage. Denn schon allein der Akt des Catcalling ist eindeutig herabsetzend. Wie zuvor schon beleuchtet, findet in diesem Moment eine Objektivierung der weiblich gelesenen Person statt. Umso wichtiger ist es, dass strafrechtlich klar festgelegt ist, was Catcalling ist und dass es unter eine Straftat f\u00e4llt. In Frankreich wird seit 2018 Catcalling beispielsweise mit einem Bu\u00dfgeld von bis zu 750 Euro belegt (vgl. Bergh\u00f6fer, 2020).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Konklusion<\/h2>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wird das Strafbarmachen von Catcalling nicht das Catcalling an sich bek\u00e4mpfen, das wird in Belgien deutlich. Dort steht Catcalling schon seit 2014 unter Strafe. Es ist seitdem jedoch nur zu 25 Strafanzeigen gekommen und einer einzigen Verurteilung (vgl. Schwarz, 2020). Dennoch w\u00fcrde es ein richtiges Zeichen setzten &#8211; ein Zeichen daf\u00fcr, dass wir gesamtgesellschaftlich bereit sind, an einer toleranteren, aufgekl\u00e4rteren, und feministischeren Gesellschaft zu arbeiten. Es setzt ein Zeichen f\u00fcr marginalisierte Gruppen, wie Frauen und Menschen aus der LGBTIAQ+ Community.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch es bedarf nicht nur ein geschriebenes Gesetz. Viel wichtiger ist es, ma\u00dfgeblich zu einer Aufkl\u00e4rung \u00fcber Catcalling beizutragen. Betroffene tuen dies bereits mit sogenannten \u201eAnkreiden\u201c in Gro\u00dfst\u00e4dten. Dabei sammeln Aktivist*innen Catcalls von Betroffenen und schreiben die sexuellen Beleidigungen auf die Stra\u00dfe &#8211; genau dort, wo sie den Betroffenen widerfahren sind. Sie wollen damit sichtbarmachen, wie pr\u00e4sent sexuelle Beleidigungen im Alltag von weiblich gelesenen Personen sind (vgl. Fink, 2021).<\/p>\n\n\n\n<p>Allein bei dem \u201aAnkreiden\u2018 darf es nicht bleiben. Eine Aufkl\u00e4rung \u00fcber Catcalling muss strukturell stattfinden. Schulen sollten schon fr\u00fchzeitig Kinder und Jugendliche \u00fcber Catcalling unterrichten und den Sch\u00fcler*innen aufzeigen, was es hei\u00dft als weiblich gelesene Person strukturell benachteiligt zu sein und Sexismus zu erfahren. Es ist vor allem unter j\u00fcngeren Menschen wichtig zu zeigen, dass wir in einem System leben, in dem Menschen immer noch aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Aussehens diskriminiert werden. Und ihnen verst\u00e4ndlich machen, dass dies nicht hinzunehmen ist und es gilt, diese patriarchalen Strukturen aufzubrechen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> LGBTIAQ+ ist eine Abk\u00fcrzung f\u00fcr die Gemeinschaft der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Pansexuellen, Transgender, Intersexuellen, Agender, Asexuellen, Genderqueer, Queer, und Verb\u00fcndeten. Das Akronym bildet sich aus den englischen  Begriffen: Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersexed, Agender, Queer<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Literaturverzeichnis<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Internetquellen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bergh\u00f6fer, B. (2020). \u00bbCatcalling\u00ab ist kein Kompliment. Aufgerufen von <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1142781.catcalling-catcalling-ist-kein-kompliment.html\">https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1142781.catcalling-catcalling-ist-kein-kompliment.html<\/a> [zuletzt abgerufen am 13.12.2021].<\/p>\n\n\n\n<p>Fink, A. (2021): Catcalling ist kein Flirten &#8211; es ist ein sexueller \u00dcbergriff aufgerufen von <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/panorama\/beitrag\/2021\/01\/catcalling-berlin-sexuelle-belaestigung-gewalt-sprueche-frauen-strassen.html\">https:\/\/www.rbb24.de\/panorama\/beitrag\/2021\/01\/catcalling-berlin-sexuelle-belaestigung-gewalt-sprueche-frauen-strassen.html<\/a> [zuletzt abgerufen am 13.12.2021].<\/p>\n\n\n\n<p>Goede , L.-R., &amp; Lehmann, L. (2021). Catcalling. Erste Ergebnisse einer Online-Befragung. Aufgerufen von <a href=\"https:\/\/kfn.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Vortrag%20Catcalling.pdf\">https:\/\/kfn.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Vortrag%20Catcalling.pdf<\/a> [zuletzt abgerufen am 13.12.2021]<\/p>\n\n\n\n<p>Quell, A. (2020): \u201eEs ist 2020. Catcalling sollte strafbar sein\u201c aufgerufen von <a href=\"https:\/\/www.openpetition.de\/petition\/online\/es-ist-2020-catcalling-sollte-strafbar-sein\">https:\/\/www.openpetition.de\/petition\/online\/es-ist-2020-catcalling-sollte-strafbar-sein<\/a> [zuletzt abgerufen am 13.12.2021].<\/p>\n\n\n\n<p>Represent, (2020). Streit um sexistische Anmache. Catcalling. Aufgerufen von <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=gW15lVmSIpU\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=gW15lVmSIpU<\/a> [zuletzt abgerufen am 13.12.2021]<\/p>\n\n\n\n<p>Schwarz, C.&nbsp; (2020): Raus aus der gesetzlichen Grauzon. Aufgerufen von&nbsp; <a href=\"https:\/\/taz.de\/Petition-gegen-Catcalling\/!5713269\/\">https:\/\/taz.de\/Petition-gegen-Catcalling\/!5713269\/<\/a> [zuletzt abgerufen am 13.12.2021].<\/p>\n\n\n\n<p>Weinmann, T. (2021). Frauen im Kampf gegen verbale sexuelle Bel\u00e4stigung. Aufgerufen von <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/frauen-gegen-catcalling-tod-sarah-everard-text-me-when-you-get-home\/a-55565555\">https:\/\/www.dw.com\/de\/frauen-gegen-catcalling-tod-sarah-everard-text-me-when-you-get-home\/a-55565555<\/a> [zuletzt abgerufen am 13.12.2021].<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literarische Quellen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>DelGreco, M., &amp; Christensen, J. (2020).<a> <\/a>Effects of street harassment on anxiety, depression, and sleep quality of college women. <em>Sex Roles<\/em>, <em>82<\/em>(7), 473\u2013481.<\/p>\n\n\n\n<p>Fisher, S., Lindner, D., &amp; Ferguson, C. J. (2019). The effects of exposure to catcalling on women\u2019s state self-objectification and body image. <em>Current Psychology<\/em>, <em>38<\/em>(6), 1495\u20131502.<\/p>\n\n\n\n<p>Glick, P., &amp; Fiske, S. T. (1996). The ambivalent sexism inventory: Differentiating hostile and benevolent sexism. <em>Journal of Personality and Social Psychology<\/em>, <em>70<\/em>(3), 491.<\/p>\n\n\n\n<p>Hanna, R. (2019). \u201cHey Sexy Thing, Why Don\u2019t You Come Over Here?\u201d Simulated Stranger Harassment and Its Effects on Women\u2019s Emotions and Cognitions.<\/p>\n\n\n\n<p>Mores, C. L. (2020). When a Stranger Catcalls: The Need for Street Harassment Remedies in Iowa. <em>Iowa L. Rev.<\/em>, <em>106<\/em>, 971.<\/p>\n\n\n\n<p>Pratto, F., Sidanius, J., Stallworth, L. M., &amp; Malle, B. F. (1994). Social dominance orientation: A personality variable predicting social and political attitudes. <em>Journal of Personality and Social Psychology<\/em>, <em>67<\/em>(4), 741.<\/p>\n\n\n\n<p>Pryor, J. B. (1987). Sexual harassment proclivities in men. <em>Sex Roles<\/em>, <em>17<\/em>(5), 269\u2013290.<\/p>\n\n\n\n<p>Spence, J. T., &amp; Helmreich, R. L. (1979). <em>Masculinity and femininity: Their psychological dimensions, correlates, and antecedents<\/em>. University of Texas Press.<\/p>\n\n\n\n<p>Swim, J. K., &amp; Cohen, L. L. (1997). Overt, covert, and subtle sexism: A comparison between the attitudes toward women and modern sexism scales. <em>Psychology of Women Quarterly<\/em>, <em>21<\/em>(1), 103\u2013118.<\/p>\n\n\n\n<p>Thomae, M., &amp; Pina, A. (2015). Sexist humor and social identity: The role of sexist humor in men\u2019s in-group cohesion, sexual harassment, rape proclivity, and victim blame. <em>Humor<\/em>, <em>28<\/em>(2), 187\u2013204.<\/p>\n\n\n\n<p>Walton, K. A., &amp; Pedersen, C. L. (2021). Motivations behind catcalling: exploring men\u2019s engagement in street harassment behaviour. <em>Psychology &amp; Sexuality<\/em>, 1\u201315.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Kristin Thimsen, \u201eCatcalling\u201c \u2013 kein Flirt, sondern sexuelle Bel\u00e4stigung!: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 10.02.2022, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/02\/10\/catcalling-kein-flirt-sondern-sexuelle-belaestigung\/\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/02\/10\/catcalling-kein-flirt-sondern-sexuelle-belaestigung\/ <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kristin Thimsen (SoSe 2021) Einleitung Es war zwanzig vor acht. Ich war mal wieder viel zu sp\u00e4t dran. 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