{"id":204,"date":"2022-04-12T09:18:09","date_gmt":"2022-04-12T07:18:09","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=204"},"modified":"2022-04-12T09:22:31","modified_gmt":"2022-04-12T07:22:31","slug":"das-konstrukt-der-weiblichen-jungfraeulichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/04\/12\/das-konstrukt-der-weiblichen-jungfraeulichkeit\/","title":{"rendered":"Das Konstrukt der weiblichen Jungfr\u00e4ulichkeit"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mina Basergan (WiSe 2021\/20)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Dieser Text wird sich mich mit dem sozialen Konstrukt Jungfr\u00e4ulichkeit befassen. Das Thema besch\u00e4ftigt mich, da ich erst vor wenigen Wochen zum ersten Mal dar\u00fcber nachgedacht habe, dass ein Jungfernh\u00e4utchen keine verschlie\u00dfende Haut in dem Sinne ist. Dies habe ich \u00fcber einen Podcast gelernt; nicht im Sexualunterricht in der Schule, nicht bei Aufkl\u00e4rungsgespr\u00e4chen mit meinen Eltern und auch nicht bei Frauenarztbesuchen. Das ist erstaunlich, denn obwohl zwischen meiner ersten Periode und meinem ersten Geschlechtsverkehr einige Jahre lagen, habe ich mich nie gefragt, wie das Blut rausflie\u00dfen kann, wenn ich scheinbar ein H\u00e4utchen in meiner Vulva habe, was \u201eeinrei\u00dfen\u201c wird, wenn ich meinen ersten Penetrationssex habe. Irgendwann h\u00e4tte ich durch den Blutstau doch explodieren m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diese gel\u00e4ufigen Missverst\u00e4ndnisse zu kl\u00e4ren, wird es zun\u00e4chst um biologische Grundlagen Rund um das Konzept der weiblichen \u201eJungfr\u00e4ulichkeit\u201c gehen. Anschlie\u00dfend setze ich mich mit unterschiedlichen Definitionen f\u00fcr Jungfr\u00e4ulichkeit auseinander. Dann wird es um die gesellschaftliche Funktion des Konzept Jungfr\u00e4ulichkeit gehen und im Anschluss um die Kontrollformen von Jungfr\u00e4ulichkeit.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Biologische Grundlage<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Jungfr\u00e4ulichkeit ist ein kulturelles und soziales Konzept, ohne medizinische oder biologische Grundlage (Gralki, 2020: 1). Ich werde im folgenden Hymen, anstelle von \u201eJungfernh\u00e4utchen\u201c sagen, da wie bereits angesprochen das Wort Haut irref\u00fchrend ist. Das Wort Hymen leitet sich vom griechischen Hochzeitsgott Hymenaios ab, auf die enge Verkn\u00fcpfung zwischen Jungfr\u00e4ulichkeit und Ehe wird sp\u00e4ter im Text eingegangen. Das Hymen ist ein Gewebekranz aus Schleimhaut, der sich direkt am Eingang der Vagina befindet. Er hat keinen medizinischen Zweck und sch\u00fctzt nicht vor Infektionen (Brown, 2019: 2). Es gibt unterschiedliche Hymenalformen. Was die Allermeisten jedoch vereint, ist dass sie ge\u00f6ffnet sind. Wenn dies nicht der Fall ist, liegt eine Hymenaltresie vor. Bei diesen Ausnahmef\u00e4llen ist eine Operation erforderlich, bei der das Hymen ge\u00f6ffnet werden muss, damit Ausfluss (und damit der nat\u00fcrliche Reinigungsmechanismus der Vulva) und Blutung nicht behindert werden (Brown, 2019: 2). Der Hymen ist so dehnbar, dass sogar ein Babykopf hindurch passt. Die Hymen von Jungfrauen und M\u00fcttern sehen identisch aus und sind medizinisch nicht zu unterscheiden (Brown, 2019: 2). Und obwohl ein Penis weit schmaler ist als ein S\u00e4uglingskopf, bluten ca. 60% der Frauen beim ersten Penetrationssex (Brown, 2019: 2). In vielen Kulturen gilt es gar als schambehaftet, nicht zu bluten (Elliot, 2020: 5). Wie passt das zusammen? Das Bluten beim ersten Penetrationssex kommt durch eine Verletzung, also ein Riss der inneren Schleimh\u00e4ute der Frau, welche am Hymen oder einer anderen Stelle sein kann (Gralki, 2020: 2). Diese Verletzungen heilen jedoch vergleichbar mit Verletzungen an Schleimh\u00e4uten im Mundinnenraum innerhalt weniger Tage ab, und sind so nach kurzer Zeit medizinisch nicht mehr nachvollziehbar. Jungfr\u00e4ulichkeitstests oder Hymenrekonstruktionen haben dementsprechend keine medizinische Grundlage (Brown, 2019: 2 f.). Verletzungen der vaginalen Schleimh\u00e4ute sind viel wahrscheinlicher, wenn die Frau angespannt ist und die vaginale Lubrikation (die durch eine sexuelle Erregung bei Frauen ausgel\u00f6st wird) ausbleibt. In der Folge hei\u00dft das, dass die Erwartung, dass Frauen bei ihrem ersten Penetrationssex bluten, daherkommt, dass es gesellschaftliche Norm ist, dass sie sich unwohl und angespannt f\u00fchlen. Sexuelle Praktiken bei der eine Seite sich unwohl f\u00fchlt und in der Folge Schmerzen und Verletzungen erleidet, sind in meinen Augen sexuell \u00fcbergriffig. Zugespitzt kann man sagen, dass die Erwartung des blutbefleckten Lakens die gesellschaftliche Normalisierung von sexueller \u00dcbergriffigkeit gegen Frauen ist. Dabei muss jedoch eingeschr\u00e4nkt werden, dass es gewiss auch Frauen gibt, die trotz Einvernehmlichkeit Anspannung f\u00fchlen und sich verletzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Schw\u00e4che bei der Verkn\u00fcpfung von Hymen und Jungfr\u00e4ulichkeit ist ihre Heteronormativit\u00e4t, durch den Fokus auf Penetrationssex. Andere sexuelle Pr\u00e4ferenzen und Auslebungsformen werden ausgeblendet. Beispielsweise haben homosexuelle Menschen Sex, der aber nicht die Penetration einer Vulva durch einen Penis beinhaltet. Weiter haben viele Menschen mit einer Vulva nicht oder nicht immer einen Orgasmus durch vaginale Stimulationen. Viele reagieren st\u00e4rker auf klitorale Stimulation. Ein reiner Fokus auf Penetrationssex blendet ihre Bed\u00fcrfnisse aus und richtet sich zuallererst auf M\u00e4nner (Elliot, 2020: 2f.). Interessanterweise machen sich einige Frauen in konservativen Lebensrealit\u00e4ten diese \u201eL\u00fccke\u201c in der Definition von Jungfr\u00e4ulichkeit zu nutzen. So kenne ich einige Frauen, die aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden keinen vaginalen Geschlechtsverkehr vor der Ehe haben m\u00f6chten, alternativ haben sie Anal- und Oralverkehr mit ihren Partner*innen. Dies wird in der Forschung um Jungfr\u00e4ulichkeit in muslimischen Communities als \u201etechnische Jungfr\u00e4ulichkeit\u201c bezeichnet (Mahadeen, 2018: 161).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Definitionen von Jungfr\u00e4ulichkeit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das Konzept der Jungfr\u00e4ulichkeit kam zum ersten Mal vor 5000-10000 Jahren mit der neolithischen Revolution auf (Guilbeau &amp; Aguilera, 2021: 1). Die ersten Menschen gaben ihr Nomadenleben auf und lie\u00dfen sich nieder, um Landwirtschaft zu betreiben. Sie bauten feste H\u00e4user und h\u00e4uften Eigentum an. Mit dem Eigentum kam die Frage nach der Erbschaft und Elternschaft und das Konzept der weiblichen Jungfr\u00e4ulichkeit gewann an Bedeutung, denn M\u00e4nner hatten ein Interesse daran sicherzustellen, dass ihre Partnerinnen ihre Familienlinie fortf\u00fchrten (Wagner, 2019: 1f.). Demnach diente Jungfr\u00e4ulichkeit dazu, weibliche K\u00f6rper zu kontrollieren und Erbschaftsfragen abzusichern (Elliot, 2020: 3).<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings gab es nie eine universell einheitliche Definition von Jungfr\u00e4ulichkeit. Beispielsweise war es im antiken \u00c4gypten akzeptiert, vorehelichen Geschlechtsverkehr zu haben. Mit der Abschlie\u00dfung der Ehe wurde allerdings von den Ehepartner*innen erwartet, monogam zu leben. Eine aus unserer heutigen Perspektive au\u00dfergew\u00f6hnliche Definition von Jungfr\u00e4ulichkeit gab es bei den skythischen Amazon*innen, einem nomadischen Reitervolk im heutigen Zentralasien: F\u00fcr sie galten Frauen erst als Jungfrau, und somit als \u201erein\u201c und heiratsf\u00e4hig, wenn sie auf dem Schlachtfeld einen Mann t\u00f6teten. Jungfr\u00e4ulichkeit hatte f\u00fcr sie eine enge Verkn\u00fcpfung mit dem \u201eWert\u201c und der \u201eReinheit\u201c einer Frau und nicht mit einem \u201eintakten\u201c Hymen (Wagner, 2019: 2). Mit dem Aufstreben der abrahamitischen Religionen und ihrem Verst\u00e4ndnis von Jungfr\u00e4ulichkeit wuchs die Sorge, bei \u00e4rztlichen Untersuchungen mit einem Spekulum das Hymen zu verletzten und somit die Jungfr\u00e4ulichkeit zu nehmen. So galt f\u00fcr Mediziner*innen im europ\u00e4ischen Mittelalter bei \u201eJungfr\u00e4ulichkeitstests\u201c, die Vulva der Frau nicht zu ber\u00fchren. Andere konstruierte Indikatoren wurden zur Bestimmung herangezogen. Wagner zitiert aus \u201eDe Secretis Mulierum\u201c einer Schrift aus dem 12. Jahrhundert: \u201e\u2026Shame, modesty, fear, a faultless gait and speech, casting eyes down before men [\u2026] The urine of virgins is clear and lucid, sometimes white and sparkling [\u2026]\u201c (2019: 4). Die Angst von Mediziner*innen vor der Vulva zog sich bis in das 19. Jahrhundert. Hier bestand die Sorge, dass eine Ber\u00fchrung durch das Spekulum einen unkontrollierbaren sexuellen Trieb bei Frauen ausl\u00f6se, der Hysterie und Nymphomanie mit sich br\u00e4chte (Wagner, 2019: 5). In einigen Kulturen gelten Frauen nur als Jungfrauen, wenn sie weiblicher Genitalverst\u00fcmmelung unterzogen wurden. 2020 waren nach Zahlen der Vereinten Nationen \u00fcber 200 Millionen Frauen und M\u00e4dchen weltweit davon betroffen. Die Dunkelziffer liegt jedoch viel h\u00f6her, da es in vielen Regionen und L\u00e4ndern keine offiziellen Zahlen gibt (Equality Now, 2020:2). &nbsp;Die h\u00f6chsten Zahlen gab es in \u00c4thiopien und im Sudan. Hier gelten Frauen nur als Jungfrau und somit als ehrbar und heiratsf\u00e4hig, wenn eine Infibulation durchgef\u00fchrt wurde. Unbeschnittene Frauen gelten als sexuell unkontrolliert und vor sexuellen \u00dcbergriffen von M\u00e4nnern ungesch\u00fctzt (Johansen, 2018:&nbsp; 78f.). Die Infibulation ist eine Form der weiblichen Genitalverst\u00fcmmelung bei der die Klitoris, die inneren Schamlippen, sowie die Innenseite der \u00e4u\u00dferen Schamlippen entfernt werden. Die verbleibende Haut der \u00e4u\u00dferen Schamlippen wird zugen\u00e4ht, sodass nur noch eine enge \u00d6ffnung bleibt zum Ausfluss von Urin und Menstruationsblut. Infibulation ist mit hohen gesundheitlichen Risiken und Schmerzen f\u00fcr die betroffenen Frauen verbunden. Viele erleiden immer wieder Infektionen, die Wundheilung ist langsam oder bleibt aus. Einige Frauen sterben an dem Eingriff oder den Folgen. Beim Geschlechtsverkehr nach der Eheschlie\u00dfung \u201e\u00f6ffnet\u201c der Mann die Vagina der Frau im wortw\u00f6rtlichen Sinne, in dem er seinen Penis in die Narbe rammt. Auch dieses erneute Aufrei\u00dfen der Wunde geht mit hohen gesundheitlichen Risiken einher. Eine enge vaginale \u00d6ffnung gilt als grundlegend f\u00fcr die sexuelle Befriedigung von M\u00e4nnern (Johansen, 2018: 79). Auch in Gesellschaften und Kulturen in denen keine Infibulation praktiziert wird, gilt die \u201eenge\u201c einer Vagina als Grundlage f\u00fcr m\u00e4nnliche Befriedigung. So habe auch ich schon von Menschen in meinem direkten Umfeld oder in Filmen und in Musik, die ich konsumiere, geh\u00f6rt das Frauen, die mit vielen M\u00e4nnern Sex hatten, \u201eausgeleiert\u201c sind und Jungfrauen f\u00fcr die m\u00e4nnliche Befriedigung zu bevorzugen seien. Dies ist aus drei Gr\u00fcnden unlogisch: Erstens ist die gesp\u00fcrte enge oder weite einer Vagina abh\u00e4ngig von der Kontraktion der Muskeln im unteren Beckenboden einer Frau, dies ist trainierbar und nicht angeboren. Zweitens hat Jungfr\u00e4ulichkeit hiermit nicht zu tun, denn selbst wenn man sich bei Jungfr\u00e4ulichkeit unlogischerweise auf das Hymen berufen m\u00f6chte, ist dieses wie bereits erw\u00e4hnt stark dehnbar und sieht unabh\u00e4ngig von der sexuellen Aktivit\u00e4t von Frauen gleichbleibend aus. Und drittens, wenn es eine Abnutzung und Ausleierung tats\u00e4chlich g\u00e4be, m\u00fcssten Frauen, die immer wieder mit demselben Partner Penetrationssex haben doch auch irgendwann eine gedehnte Vagina haben, davon spricht aber nie jemand.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gesellschaftliche Funktionen von Jungfr\u00e4ulichkeit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt nahm die Wichtigkeit des Konzepts der Jungfr\u00e4ulichkeit mit der neolithischen Revolution zu. Im Zuge der Sesshaftigkeit ver\u00e4ndert sich die Strukturierung des gesellschaftlichen Miteinanders der Menschen. Staatlichkeit wird zur Gesellschaftsstruktur. Das Patriarchat erlebt einen Aufschwung. Im Kleinen spiegelt sich dies in patriarchalen Familienstrukturen wider, hier geraten Frauen zum ersten Mal klar unter die direkte systemische Kontrolle von M\u00e4nnern und ihren Familien (Ortner, 1987: 25). Denn Clans und Familien spielen eine strukturierende Rolle in Staaten. Dem Mann wird dabei eine Verantwortung f\u00fcr seine Familie und ihr Wohlergehen zugeschrieben. Damit geht auch eine Verantwortung f\u00fcr die Handlungen seiner Familienangeh\u00f6rigen einher. In der Folge wird die \u201eM\u00e4nnlichkeit\u201c, St\u00e4rke und Macht eines Mannes daran gemessen, inwieweit er in der Lage ist, die Handlungen seiner Familienangeh\u00f6rigen zu kontrollieren und in der Folge die Sexualit\u00e4t seiner Frau und T\u00f6chter (Ortner, 1987: 26 &amp; 29)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kontrolle der weiblichen Sexualit\u00e4t durch M\u00e4nner hat noch weitere Gr\u00fcnde. Frauen werden als Ressource wahrgenommen, ihre Reproduktionsf\u00e4higkeit spielt eine bedeutende Rolle im Wettkampf mit rivalisierenden Gruppen oder Clans (Ortner, 1987: 21). Au\u00dferdem werden strategische Eheschlie\u00dfungen als politisches Mittel zur Bildung von Allianzen genutzt. In der Konsequenz ist die Wahrung der Jungfr\u00e4ulichkeit der Frauen der eigenen Gruppe eine Form von Realpolitik (Ortner, 1987: 21). Das Patriarchat ist dabei ein soziales Austauschsystem, bei dem Frauen die Ware sind. Erst geh\u00f6ren sie der Familie ihres Vaters an, bei einer Hochzeit wird die Frau dem Ehemann und seiner Familie \u00fcbergeben, was sich in vielen g\u00e4ngigen Hochzeitstraditionen spiegelt (Ortner, 1987: 24). Die Wahrung der Jungfr\u00e4ulichkeit ist eine Absicherung f\u00fcr beide Seiten bei der Eheschlie\u00dfung, die Familie der Frau kann ein h\u00f6heres Brautgeld erwarten und die des Mannes, dass sie die Familienlinie weiterf\u00fchren wird (Mahadeen, 2018: 161).&nbsp; Mit der Eheschlie\u00dfung geht in vielen Kulturen ein Einzug der Frau in der Familie des Ehemannes einher, wo die Frau ihre Arbeitskraft nun einbringen muss.&nbsp; Doch auch in vermeintlich geschlechtergerechten Gesellschaften offenbart sich der Gedanke der Frau als Besitz durch die Abgabe des Namens des Vaters und die \u00dcbernahme des Nachnamens des Ehemannes. Die Verkn\u00fcpfung von \u201eReinheit\u201c und \u201eJungfr\u00e4ulichkeit\u201c mit dem Wert einer Frau auf dem Hochzeitsmarkt f\u00fchrt dazu, dass grade Familien in Armut eher dazu verleitet sind, ihre T\u00f6chter sehr jung und somit mit gr\u00f6\u00dferer Sicherheit jungfr\u00e4ulich zu verheiraten. Die \u00f6konomischen Vorteile sind das Brautgeld und die wegfallende finanzielle Verantwortung f\u00fcr die Tochter. Diese Anreize f\u00fchren zur Schlie\u00dfung von Zwangsehen und Kinderehen, welche von den Vereinten Nationen als Formen moderner Sklaverei bezeichnet werden (Gralki, 2020: 3).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Aufkommen von Staatlichkeit und einer erh\u00f6hten Produktionsf\u00e4higkeit von Menschen wurden Frauen zunehmend aus Produktionssph\u00e4ren verdr\u00e4ngt und in h\u00e4usliche Sph\u00e4ren mit Reproduktionsaufgaben verschoben (Ortner, 1987: 27). Damit wurden sie \u00f6konomisch vollst\u00e4ndig abh\u00e4ngig von M\u00e4nnern. Jungfr\u00e4ulichkeit blieb eines der letzten Dinge, \u00fcber welches Frauen selbst verf\u00fcgen konnten. Bei der Eheschlie\u00dfung bedeutet dies konkret ein kleines bisschen Verhandlungsmacht f\u00fcr die Frau. Ihre Jungfr\u00e4ulichkeit ist eine \u201eWare\u201c, welche der Mann nur \u00fcber sie erhalten kann. Dies erkl\u00e4rt auch teilweise, wieso sexuelle Unterdr\u00fcckung h\u00e4ufig durch andere Frauen exerziert wird. Ausschluss einer sexuell aktiven Frau aus ihrer Gruppe, ist dann eine Ausdrucksform des \u00c4rgers, dass das geteilte Gut der Jungfr\u00e4ulichkeit \u201eumsonst\u201c von M\u00e4nnern erlangt werden konnte. Die Verhandlungsmacht aller Frauen sinkt dann potenziell (Berger und Wenger, 1973: 666f.). Eine Umkehrung dieses Trends macht sich in liberalen Gesellschaften bemerkbar in der eine Korrelation zwischen einer vergleichsweise h\u00f6heren sexuellen Freiheit von Frauen und ihrer zunehmenden finanziellen (und allgemeinen) Unabh\u00e4ngigkeit besteht (Berger und Wenger, 1973: 667).<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die gesellschaftlichen Funktionen der weiblichen Jungfr\u00e4ulichkeit umrissen wurden, wird nun darauf eingegangen, wie die sexuelle Inaktivit\u00e4t von Frauen sichergestellt wurde und wird. Eine Strategie ist es, Frauen auf h\u00e4usliche Sph\u00e4re zu beschr\u00e4nken. Dies muss man sich jedoch leisten k\u00f6nnen. \u00c4rmere Familien sind h\u00e4ufig gezwungen, dass auch ihre Frauen sich au\u00dferhalb des Hauses bewegen und arbeiten. Um den weiblichen K\u00f6rper hier zu kontrollieren, gibt es komplexe und je nach Gesellschaft variierende Verhaltenskodexe. Sie k\u00f6nnen von der Kleiderwahl (bedeckende Kleidung, Kopft\u00fccher, Z\u00f6libatringe und Keuschheitsg\u00fcrtel), bis hin zur Einschr\u00e4nkung von Bewegungsraum und -zeitpunkt (n\u00e4chtliche Ausgangssperren, getrennte \u00f6ffentliche R\u00e4ume f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner), Regeln f\u00fcr den Habitus einer Frau (wie sie sich zu bewegen hat, was sie sagen darf), aber auch scheinbar banale Dinge, wie die Kontrolle von Hobbies (dem Verbot von Pferdereiten, Turnen oder Fahrradfahren) oder der Nutzung von Menstruationsprodukten, wie Tampons, um ein intaktes Hymen sicherzustellen (Mahadeen, 2018: 169).<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Die Einhaltung der Verhaltensregeln werden sowohl von der Familie, von der Gemeinschaft (Ortner, 1987: 20) und in einigen F\u00e4llen auch von staatlichen Institutionen (beispielsweise der sogenannten Sittenpolizei) kontrolliert. Sie erfolgt durch M\u00e4nner und durch Frauen (Ortner, 1987: 21). Sanktionen reichen von L\u00e4stern, Zurechtweisung, Ausschluss aus der Gemeinde bis hin zum \u201eEhren\u201cmord.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Jungfr\u00e4ulichkeit ist kein biologischer Zustand. Sie ist ein gesellschaftliches Konzept mit \u00f6konomischen, politischen, kulturellen und religi\u00f6sen Implikationen. Diese Zusammenh\u00e4nge gilt es aufzudecken, um die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen zu erreichen. Penetrationssex ist nur eine von vielen Formen, sexuell aktiv zu sein. Sexuelle Inaktivit\u00e4t oder Aktivit\u00e4t sollte nicht nur f\u00fcr ein Geschlecht ein Wort haben (Jung\u2019frau\u2018), sondern f\u00fcr alle. Sexualit\u00e4t sollte keine fremdbestimmte Ware sein. Und vielleicht sagen wir ja irgendwann nicht mehr, dass jemandem die Jungfr\u00e4ulichkeit \u201egenommen\u201c wurde oder sie gar \u201everloren\u201c wurde, sondern dass eine Person, egal welchen Geschlechts, in die Lebensphase der sexuellen Aktivit\u00e4t \u00fcbergangen ist, eigenm\u00e4chtig.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Meine Nachhilfesch\u00fclerin hat mir vor kurzem aus dem nichts erz\u00e4hlt, dass ihre Mutter ihr die Nutzung von Tampons verboten hatte. Sie war zu dem Zeitpunkt 14 Jahre alt und hatte aktuell Sexualkunde im Biologieunterricht. In der Schule hatten sie \u00fcber die Nutzung von Tampons geredet. Sie war verwirrt gewesen hatte sich in dem Kontext jedoch nicht getraut nachzufragen. Ich sprach mit ihr dar\u00fcber, dass ein Tampon nichts an ihrer Jungfr\u00e4ulichkeit \u00e4ndern w\u00fcrde. &nbsp;Sie glaubte mir, hat aber trotzdem erstmal vor weiter Binden zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Berger, D.G., &amp; Wenger, M.G. (1973). The Ideology of Virginity.&nbsp;In: <em>Journal of Marriage and Family, 35<\/em>, 666.<\/p>\n\n\n\n<p>Brown, V. (2019). Der Mythos der Jungfr\u00e4ulichkeit. In: https:\/\/hpd.de\/artikel\/mythos-jungfraeulichkeit-17436<\/p>\n\n\n\n<p>D\u2019Avignon, A. (2016). Why Have We Always Been So Obsessed With Virginity? In: <a href=\"https:\/\/medium.com\/the-establishment\/a-quick-and-dirty-history-of-virginity-9ceb24b7e08a\">https:\/\/medium.com\/the-establishment\/a-quick-and-dirty-history-of-virginity-9ceb24b7e08a<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Elliot, K. (2020). Why \u2018virginity\u2019 is a damaging social construct. In: <a href=\"https:\/\/schoolofsexed.org\/blog-articles\/2020\/04\/2\/virginity#:~:text=Social%20constructs%20are%20shaped%20by,penis%2Din%2Dvagina%20s\">https:\/\/schoolofsexed.org\/blog-articles\/2020\/04\/2\/virginity#:~:text=Social%20constructs%20are%20shaped%20by,penis%2Din%2Dvagina%20sex.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Equality Now (2020). The Official Global Picture Of FGM\/C Is Incomplete. Aus:&nbsp; <a href=\"https:\/\/www.equalitynow.org\/news_and_insights\/the_official_global_picture_of_fgm_c_is_incomplete\/\">https:\/\/www.equalitynow.org\/news_and_insights\/the_official_global_picture_of_fgm_c_is_incomplete\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Gralki, P. (2020). Mythos Jungfr\u00e4ulichkeit: Warum das Jungfernh\u00e4utchen reine Erfindung ist. In: <a href=\"https:\/\/www.globalcitizen.org\/de\/content\/mythos-jungfraeulichkeit-diskriminierung-frauen\/\">https:\/\/www.globalcitizen.org\/de\/content\/mythos-jungfraeulichkeit-diskriminierung-frauen\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Guilbeau, C. &amp; Aguilera, E. (2021). The Concept of Virginity. In: <a href=\"https:\/\/www.depts.ttu.edu\/rise\/RISE_Peer_Educator_Blog\/TheConceptOfVirginity.php\">https:\/\/www.depts.ttu.edu\/rise\/RISE_Peer_Educator_Blog\/TheConceptOfVirginity.php<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Johansen, R. E. B. (2018). Resistance to Reconstruction: The Cultural Weight of Virginity, Virility and Male Sexual Pleasure. In: Body, migration, re\/constructive surgeries: Making the gendered body in a globalized world<\/p>\n\n\n\n<p>Mahadeen, E. (2018). Hymen reconstruction surgery in Jordan &#8211; Sexual politics and the economy of virginity. In: Body, Migration and Re\/Constructive Surgeries: Making the gendered body in a globalized world.<\/p>\n\n\n\n<p>Ortner, S. B. (1978). The Virgin and the State.&nbsp;<em>Feminist Studies<\/em>,&nbsp;<em>4<\/em>(3), 19\u201335. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.2307\/3177536\">https:\/\/doi.org\/10.2307\/3177536<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wagner, B. (2019). The Shocking History of Virgin Tests and Cures. In: <a href=\"https:\/\/www.ancient-origins.net\/history-ancient-traditions\/virginity-00126\">https:\/\/www.ancient-origins.net\/history-ancient-traditions\/virginity-00126<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Mina Basergan, Das Konstrukt der weiblichen Jungfr\u00e4ulichkeit: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 12.04.2022, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/04\/12\/das-konstrukt-der-weiblichen-jungfraeulichkeit\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mina Basergan (WiSe 2021\/20) Dieser Text wird sich mich mit dem sozialen Konstrukt Jungfr\u00e4ulichkeit befassen. Das Thema besch\u00e4ftigt mich, da ich erst vor wenigen Wochen zum ersten Mal dar\u00fcber nachgedacht habe, dass ein Jungfernh\u00e4utchen keine verschlie\u00dfende Haut in dem Sinne ist. Dies habe ich \u00fcber einen Podcast gelernt; nicht im Sexualunterricht in der Schule, nicht &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/04\/12\/das-konstrukt-der-weiblichen-jungfraeulichkeit\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDas Konstrukt der weiblichen Jungfr\u00e4ulichkeit\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2643,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[327720],"tags":[449569],"class_list":["post-204","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-essay","tag-jungfraeulichkeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/204","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2643"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=204"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/204\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":208,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/204\/revisions\/208"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=204"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=204"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=204"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}