{"id":215,"date":"2022-06-08T12:09:12","date_gmt":"2022-06-08T10:09:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=215"},"modified":"2023-04-18T17:35:47","modified_gmt":"2023-04-18T15:35:47","slug":"essay-zum-thema-gendergerechte-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/06\/08\/essay-zum-thema-gendergerechte-sprache\/","title":{"rendered":"Essay zum Thema: Gendergerechte Sprache"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><em>Anonym<\/em>, WiSe 2021-2022<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Einleitung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap has-white-background-color has-background\">Einer meiner ersten Ber\u00fchrungspunkte mit den Themen um Gender und Diversity war, wenn ich mich richtig erinnere, vor einigen Jahren das Gendern in der Sprache. Meine gro\u00dfe Schwester hat sich zu dem Zeitpunkt damit besch\u00e4ftigt und das Gendern wurde bei uns auch in der Familie diskutiert. Ich selbst habe mich aber nicht wirklich damit auseinandergesetzt und bin erst im und Verlauf meines Studiums und bei meinem Werkstudent*innenjob mehr mit gendergerechter Sprache und generell mit Gender in Verbindung gekommen. Deswegen sehe ich mich selbst auch als Neuling und merke, auch im Rahmen dieses Seminars, dass ich vieles noch nicht wei\u00df und gerade \u00fcber die komplexen Zusammenh\u00e4nge von Rassismus, Intersektionalit\u00e4t, Diskriminierung und Gender noch einiges zu lernen habe. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-background-color has-background\">Das Gendern, also bewusst auf eine gendergerechte Sprache zu achten, habe ich dabei recht schnell \u00fcbernommen. Lange habe ich aber nicht gro\u00df dar\u00fcber nachgedacht oder hinterfragt, warum das vielleicht wichtig ist. Auch ist mir aufgefallen, dass ich im Kontext der Uni und der Arbeit stark darauf achte, aber es im Freundeskreis eher vernachl\u00e4ssige. Ich vermute das liegt daran, dass ich noch zu wenig dar\u00fcber wei\u00df, beziehungsweise f\u00fcr mich selbst nicht gut begr\u00fcndet habe, warum ich gendergerechte Sprache eigentlich nutzen m\u00f6chte. Deswegen m\u00f6chte ich mich in diesem Essay damit auseinandersetzen und herausfinden, was die wesentlichen Argumente im \u00f6ffentlichen Diskurs f\u00fcr und gegen eine gendergerechte Sprache sind und welche Erkenntnisse es aus der Wissenschaft und Forschung gibt. Zu dem Thema gibt es bereits umfassende Studien, Artikel, Interviews und Meinungen. Das Ziel des Essays soll es nicht sein, dazu einen wissenschaftlichen Mehrwert zu bieten. Ich m\u00f6chte mir, begr\u00fcndet durch meine Recherche, eine eigene subjektive Meinung bilden.&nbsp;Ich habe mich dazu entschieden, die Formulierung \u201egendergerechte\u201c Sprache zu verwenden. Andere Bezeichnungen w\u00e4ren geschlechtergerechte, gendersensible oder genderneutrale Sprache. F\u00fcr das Gendern selbst werde ich das Gendersternchen * verwenden.&nbsp; Was der Begriff der gendergerechten Sprache genau bedeutet (und welche Aussage das Gendersternchen in meinem Essay hat), spiegelt f\u00fcr mich die Definition der Uni-Kassel gut wider: \u201eZiel geschlechter-gerechter Sprache ist es, alle Geschlechter auf respektvolle Art und Weise anzusprechen und sichtbar zu machen. Dabei geht sie \u00fcber die schlichte Benennung von M\u00e4nnern und Frauen hinaus und spricht Trans*- und Inter- sowie nicht-bin\u00e4r verortete Personen an\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Argumente im \u00f6ffentlichen Diskurs<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte einige Argumente des \u00f6ffentlichen Diskurses f\u00fcr oder gegen eine gendergerechte Sprache herausarbeiten. Sie sind aus verschiedenen Quellen zusammengetragen und stellen nur einen kleinen Teil der Gesamtargumentation dar, deren Darstellung den Rahmen des Essays gesprengt h\u00e4tte. Mein Standpunkt soll in diesem Abschnitt noch keine Rolle spielen und erst zum Ende mit einflie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Pro<\/pre>\n\n\n\n<p><em>Sprache beeinflusst unser Denken (und sollte die Realit\u00e4t abbilden)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das generische Maskulin und dessen Gebrauch in der Sprache f\u00fchrt zu einer engen gedanklichen Verbindung zwischen Genus und nat\u00fcrlichem Geschlecht und ist deswegen nicht neutral, sondern f\u00fchrt dazu, dass Frauen gedanklich ausgeschlossen werden (Irmen &amp; Kaczmarek, 2000; Kania, 2021). Die Sprache hat dabei Symbolcharakter und beeinflusst das Denken, die Wahrnehmung und unsere Wirklichkeit, deswegen kann eine gendergerechte Sprache auch Benachteiligungen entgegenwirken. Sprachdebatten sind deswegen auch politische Debatten, bei denen es um Dominanz und Macht geht (Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung, 2022).<\/p>\n\n\n\n<p>Weiterhin sollte die Sprache der Realit\u00e4t entsprechen. Diese sieht so aus, dass es, neben einem nahezu gleichen Verh\u00e4ltnis von M\u00e4nnern und Frauen, auch Trans*- und Inter- sowie nicht-bin\u00e4r verortete Personen gibt, welche ebenso in der Sprache Beachtung finden sollten. Eine gendergerechte Sprache ist deswegen auch eine politische Positionierung f\u00fcr eine neue emanzipative Geschlechterordnung (GEO, 2021).<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sprache ver\u00e4ndert sich<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Sprache entwickelt sich st\u00e4ndig weiter. Die Ver\u00e4nderungen (die oft mit anf\u00e4nglicher Ablehnung einhergehen) geh\u00f6ren sozusagen zur linguistischen Geschichte (GEO, 2021). Dabei empfinden die Menschen den Wandel und das Gehirn die unbekannten W\u00f6rter als anstrengend. Je \u00f6fter wir diese W\u00f6rter aber verwenden, umso mehr neuronale Verkn\u00fcpfungen entstehen und umso leichter fallen sie uns. Mit der Zeit gew\u00f6hnen wir uns also an Ver\u00e4nderungen in unserer allt\u00e4glichen Sprache, weswegen Argumente zur Lese- und Redefreundlichkeit sowie Verst\u00e4ndlichkeit nicht nachhaltig begr\u00fcndet sind (Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung, 2022).<\/p>\n\n\n\n<p><em>M\u00e4nnliche Dominanz in der Sprache<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Verbindung von grammatischem und nat\u00fcrlichen Geschlecht kommt es zu einer m\u00e4nnlichen Dominanz in der Sprache. Das liegt auch daran, dass das Maskulinum sowohl f\u00fcr alle Personen (\u201eStudenten\u201c) als auch nur f\u00fcr die m\u00e4nnlichen Personen (\u201eStudenten\u201c) gelten kann. Die feminine Bezeichnung wird demgegen\u00fcber nur bei Frauen verwendet (\u201eStudentinnen\u201c) und kann die M\u00e4nnlichen nicht ersetzen, was zu einer Asymmetrie zugunsten des M\u00e4nnlichen f\u00fchrt (Wesian, 2007). Das historisch gepr\u00e4gte generische Maskulin ist dabei keine grammatikalische Notwendigkeit, denn es gibt genug Alternativen, sondern eine Gewohnheit des (historisch m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten) Sprachgebrauchs.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Contra<\/pre>\n\n\n\n<p><em>Das grammatische Geschlecht (Genus) ist nicht gleich dem biologischen Geschlecht<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Bestandteil in der Debatte ist das generische Maskulin. Dabei wird argumentiert, dass es in der deutschen Sprache einen Unterschied zwischen dem biologischen und dem grammatischen Geschlecht gibt. W\u00f6rter k\u00f6nnen maskulin (\u201eder Teppich\u201c), feminin (\u201edie Gitarre\u201c) oder neutral (\u201edas Fenster\u201c) sein, unabh\u00e4ngig davon, wie sie mit dem biologischen Geschlecht in Verbindung stehen. So kommt zum Beispiel \u201eder Lehrer\u201c von dem Wort \u201elehren\u201c und sagt nichts \u00fcber das Geschlecht der Person aus (Kania, 2021). Genus und Sexus sind also unabh\u00e4ngig. Weiterhin wird in diesem Zuge angebracht, dass durch die Betonung beider Geschlechter nicht erreicht wird, dass diese auch als gleichwertig angesehen werden. Au\u00dferdem werden durch den Diskurs Frauen bei einer weiteren Verwendung eines generischen Maskulin gedanklich dann erst recht ausgeschlossen werden (Lorenz, 1991).<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sprache hat nicht zwingend etwas mit Gleichberechtigung zu tun<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dem Argument der gedanklichen Kategorienbildung (z.B. bei \u201eSchauspieler\u201c wird an einen m\u00e4nnlichen Schauspieler gedacht) wird entgegengehalten, dass diese Kategorien mehr durch den Kontext beeinflusst werden. So denkt man bei zum Beispiel bei \u201ePolitikern\u201c vor allem an m\u00e4nnliche Politiker*innen, weil man nicht so viele weibliche Personen in diesem Berufsfeld kennt- weniger wegen der Formulierung. Bestimmte Berufe werden dabei sozialgesellschaftlich eher den M\u00e4nnern zugeschrieben. Um dem entgegenzuwirken, sollte also nicht die Sprache ver\u00e4ndert werden, weil es zweifelhaft ist, dass diese zu mehr Gleichberechtigung und zu einer gerechteren Welt f\u00fchrt (Klein, 1988; GEO, 2021). &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung lehnt das Gendern ab<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Allgemein scheint eine gendergerechte Sprache, unabh\u00e4ngig von der Begr\u00fcndung in Deutschland eher auf Ablehnung zu sto\u00dfen. Laut verschiedenen Umfragen lehnen z.B. aktuell circa 65% der Bev\u00f6lkerung das Gendern ab. Dieser Wert lag im vergangenen Jahr noch bei 56%, ist also gestiegen. Und auch in der Politik sind laut Umfragen (je nach Partei) zwischen 47 % (die Gr\u00fcnen) und 83% (die AfD) gegen eine gendergerechte Sprache (FAZ, 2021). Weiterhin halten \u00fcber 60% der Menschen in Deutschland eine gendergerechte Sprache (zur Gleichstellung der Frau) f\u00fcr \u201esehr-\u201c oder \u201eeher unwichtig\u201c (INSA-Consulere f\u00fcr \u201eVerein Deutsche Sprache\u201c, 2019).<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sprach\u00e4sthetik und Lesbarkeit<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es wird angebracht, dass gendergerechte Formulierungen Texte unverst\u00e4ndlicher und lese- beziehungsweise h\u00f6runfreundlicher machen. Viele deutsche Zeitungen und Nachrichtenagenturen gendern angeblich aus diesem Grund nicht. Kritiker sehen eine Verzerrung der Sprache, die von den Inhalten ablenkt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wissenschaft und Forschung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p><em>Generisches Maskulin und Sexus<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Professorin f\u00fcr historische Sprachwissenschaft Damaris N\u00fcbling erl\u00e4utert in Ihrem Artikel \u201eund ob das Genus mit dem Sexus\u201c aus dem Jahr 2018 verschiedene Studien zur Korrelation von generischem Maskulin und Sexus. Zum Beispiel die Untersuchung von Pascal Gygax um den m\u00e4nnlichen Genderisierungsgrad maskuliner Personenbezeichnungen: Den Teilnehmenden wurden hier zun\u00e4chst S\u00e4tze gezeigt, welche Formulierungen mit dem generischen Maskulin enthielten (\u201edie Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof\u201c). Anschlie\u00dfend wurden Bilder gezeigt, einmal mit m\u00e4nnlichen und einmal mit weiblichen Akteur*innen, wobei bewertet werden sollte, ob dieses Bild eine \u201em\u00f6gliche Fortsetzung\u201c des Satzes sei. Dabei zeigte sich, dass die Fortsetzungen mit den m\u00e4nnlichen Akteuren deutlich spontaner und h\u00e4ufiger akzeptiert wurde \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob die T\u00e4tigkeit gesellschaftlich als eher m\u00e4nnlich (Spione), neutral (Zuschauer) oder eher weiblich (Sozialarbeiter) gilt.&nbsp; Den Vergleich dazu stellte die englische Untersuchungsgruppe dar, wobei es im Englischen kein nominales Genus gibt. Hier wurde die Assoziation ausschlie\u00dflich durch die sozialen Zuschreibungen, anders als in der deutschen Gruppe, gesteuert. Die Ergebnisse zum Zusammenhang von generischen Maskulin und Sexus wurden durch zahlreiche andere Studien best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Textverst\u00e4ndlichkeit<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Argument, das gendergerechte Sprache die Qualit\u00e4t und die kognitive Verarbeitung von Texten beeintr\u00e4chtigt, wurde zum Beispiel in einer Studie von Friederike Braun et al. im Jahr 2007 untersucht. Dabei lasen 86 Teilnehmer*innen drei verschiedene Versionen einer fiktiven Packungsbeilage eines Medikaments, die sich hinsichtlich der Form der Personenbezeichnung (generisches Maskulin, Beidnennung mit Neutralisierung und Binnen-I) unterschieden. Anschlie\u00dfend wurde erhoben, wie gut sich die Teilnehmenden an den Text und dessen Inhalte erinnerten &#8211; aber auch wie der Text hinsichtlich seiner Qualit\u00e4t (Verst\u00e4ndlichkeit, Lesbarkeit, Formulierungen) bewertet wurde. Das Ergebnis war, dass es bei den Frauen hinsichtlich der kognitiven Verarbeitung der Texte aber auch bei der Bewertung der Qualit\u00e4t bei unterschiedlichen Personenbezeichnungsformen keine Unterschiede gab. Die m\u00e4nnlichen Teilnehmer zeigten in der Erinnerungsleistung ebenfalls keine (bedeutsamen) Unterschiede, bewerteten die Textqualit\u00e4t aber bei den Texten am h\u00f6chsten, in denen das generische Maskulin verwendet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sprache und kindliche Wahrnehmung von Berufen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In einer Studie der Freien Universit\u00e4t Berlin untersuchten Bettina Hannover und Dries Vervecken 2015, wie Sprache die kindliche Wahrnehmung von Berufen pr\u00e4gt. Hintergrund war, dass M\u00e4dchen nach wie vor seltener als Jungen Berufe aus dem MINT-Bereich ergreifen. Als eine Begr\u00fcndung daf\u00fcr vermutete man stereotypischen Vorstellungen \u00fcber diese Berufe, da sie nach wie vor als typisch m\u00e4nnlich gelten. Im Rahmen der Untersuchungen wurde knapp sechshundert Grundsch\u00fcler*innen aus Deutschland und Belgien im Alter von sechs bis zw\u00f6lf Jahren Berufsbezeichnungen vorgelesen &#8211; entweder in gendergerechter (\u201eIngenieurinnen und Ingenieure\u201c) oder in m\u00e4nnlicher Sprachform (\u201eIngenieure\u201c). Anschlie\u00dfend sch\u00e4tzten die Kinder in einem Fragebogen f\u00fcr jeden Beruf ein, wie viel man verdient, wie wichtig er ist, wie schwer er zu erlernen und auszuf\u00fchren ist und ob sie sich selbst zutrauen w\u00fcrden, diesen Beruf auszu\u00fcben. Es zeigte sich, dass die Kinder, denen die geschlechtergerechten Bezeichnungen pr\u00e4sentiert worden waren, sich viel eher zutrauten die Berufe zu ergreifen, die als typisch m\u00e4nnlich gelten. Durch eine geschlechtergerechte Sprache k\u00f6nnen Kinder also ermutigt werden, mehr Berufe in diesem Bereich zu ergreifen. Auch wurde deutlich, dass die Berufe mit geschlechtergerechter Bezeichnung als weniger wichtig und die Bezahlung als niedriger als bei der m\u00e4nnlichen Bezeichnung eingesch\u00e4tzt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Audiovisuelle Diversit\u00e4t<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die MaLisa Stiftung hat im Jahr 2016 eine Studie initiiert, bei der, gemeinsam mit den gr\u00f6\u00dften deutschen TV-Gruppen, eine umfassende Analyse des deutschen Fernseh- und Kinoprogramms durchgef\u00fchrt wurde. Ziel war es, herauszufinden, wie Geschlechter in Film und Fernsehen dargestellt werden. Daf\u00fcr wurden \u00fcber 3500 Stunden Fernsehprogramm sowie 800 Kinofilme aus den Jahren 2010-2016 ausgewertet. Es zeigte sich, dass Frauen deutlich unterrepr\u00e4sentiert sind. Der Anteil von M\u00e4nner zu Frauen liegt demnach bei zwei zu eins. Je \u00e4lter die Frauen dabei werden, desto geringer ist ihr Anteil. Ab dem 30. Lebensjahr verschwinden die Frauen sukzessive von den Bildschirmen. Die M\u00e4nner hingegen nehmen h\u00e4ufig die Hauptrollen ein: nur jede*r dritte Hauptakteur*in ist weiblich. Dabei sind besonders die Expert*innen und Moderator*innen fast immer m\u00e4nnlich (80%). Die Ergebnisse spiegeln dabei nicht nur das Erwachsenenfernsehen wider- bei den Kindersendungen und -filmen ist der Anteil genauso hoch oder h\u00f6her.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Diskussion und Fazit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend betrachtet bin ich etwas entt\u00e4uscht. Gerade weil die Debatte rund um gendergerechte Sprache so viel und hitzig diskutiert wird, hatte ich erwartet, dass es ein ausgeglicheneres Verh\u00e4ltnis von (nachvollziehbaren) Argumenten gibt. Auf die Begr\u00fcndungen gegen eine gendergerechte Sprache war ich besonders gespannt und diese finde ich insgesamt d\u00fcnn. Was dabei von verschiedenen Quellen h\u00e4ufig als Erstes angebracht wurde, ist, dass das grammatische Geschlecht nicht dem biologischen Geschlecht entspricht, was mir grunds\u00e4tzlich verst\u00e4ndlich erscheint. Trotzdem kommt es, denke ich, nicht darauf an, was die urspr\u00fcngliche grammatikalische Bedeutung ist, sondern vielmehr, was diese dann in der Realit\u00e4t mit uns macht. Und abgesehen davon, dass die Studienlage hier klar ist, finde ich auch das Argument wichtig, dass es logische Alternativen zum generischen Maskulin gibt. Wenn man eine Frau direkt (mit-) ansprechen k\u00f6nnte, aber stattdessen die m\u00e4nnliche Form w\u00e4hlt, ist es f\u00fcr mich logisch, dass wir dementsprechend immer eher etwas M\u00e4nnliches damit assoziieren. Die Begr\u00fcndung, dass Sprache nicht zwingend etwas mit Gleichberechtigung zu tun hat und zu einer gerechteren Welt f\u00fchrt, konnte ich nicht verstehen. Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass Sprache unsere Wirklichkeit bestimmt und die Aussage so h\u00f6chstwahrscheinlich falsch ist. Zudem haben einige Quellen es auch so formuliert: \u201eF\u00fchrt nicht zwingend [\u2026]\u201c Aber selbst, wenn nur die M\u00f6glichkeit besteht, dass eine gerechte Sprache zu mehr Gerechtigkeit f\u00fchrt, sollte das Grund genug sein. Was ich tats\u00e4chlich auch bei mir selbst beobachtet habe, ist, dass ich aus Bequemlichkeit nicht gegendert habe, weshalb ich mich mit dem Argument des Redeflusses identifizieren konnte. Leider habe ich gemerkt, dass die Gr\u00fcnde daf\u00fcr zu gut sind, weswegen ich mich von der Begr\u00fcndung vor mir selbst wohl verabschieden muss. Spannend war f\u00fcr mich, dass es bereits so viele Studien gibt, die die Wirkung einer gendergerechten Sprache belegen und damit auch die Bedeutung davon unterstreichen. Ich denke, insgesamt ist die Datenlage schon eindeutig und es f\u00fchlt sich ein bisschen so an, als w\u00fcrde hier Tatsachen gegen Bequemlichkeit und Tradition argumentieren. Besonders interessiert hat mich die Studie von Hannover und Vervecken, auch weil sie an der FU durchgef\u00fchrt wurde. Ich denke, die Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig eine gesellschaftliche Entwicklung jetzt sein kann &#8211; auch f\u00fcr die Zukunft. Die letzte Studie zu den Medien habe ich mit angef\u00fchrt, obwohl sie nicht hundertprozentig zu gendergerechter Sprache passt. Ich denke die Studie spiegelt wider, was vermutlich eines der Probleme bei der Umsetzung von gendergerechter Sprache ist: N\u00e4mlich, dass bei einem zu gro\u00dfen Teil der Gesellschaft das Denken und die Ansichten hin zu einer m\u00e4nnlichen Dominanz und Machtposition noch sehr pr\u00e4sent ist. Deswegen glaube ich auch, das gendergerechte Sprache nur ein kleiner (aber sinnvoller Teil) von einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung sein kann. Gleichzeitig zeigt sich, dass sich noch viele Menschen gegen das Gendern aussprechen, dass die Entwicklung noch am Anfang steht und einiges passieren muss. F\u00fcr besonders wichtig halte ich es deswegen herauszufinden, wie man es schafft die \u201eLager\u201c, die es nach meinem Empfinden gibt, aufzuweichen und das Thema mehr Menschen zug\u00e4nglich zu machen. Eine wichtige Rolle spielen in meinen Augen die Medien, welche mit ihrer Berichterstattung viel beeinflussen und gleichzeitig viel bewegen k\u00f6nnen. Leider scheinen besonders diese h\u00e4ufig gegen eine gendergerechte Sprache zu sein. Auf der Seite tagesschau.de, die ich t\u00e4glich besuche, wird zum Beispiel nicht gegendert.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mich pers\u00f6nlich noch sehr interessieren w\u00fcrde ist, wie die Meinungen vom \u201eBetroffenen\u201c dazu sind, insbesondere von LGBTQ-Personen. Das liegt auch daran, dass (auch wenn ich die Argumente f\u00fcr eine gendergerechte Sprache gut nachvollziehen kann) es mir schwerf\u00e4llt, die Perspektive von Betroffenen zu \u00fcbernehmen, beziehungsweise dar\u00fcber nachzudenken: Wie w\u00fcrde es mir gehen, wenn ich in der Situation w\u00e4re und durch Sprache Ungleichbehandlung erfahren w\u00fcrde? Ein erster Gedanke ist dabei, dass ich mir gar nicht sicher bin, ob es mich st\u00f6ren w\u00fcrde. Damit w\u00fcrde ich es mir aber viel zu einfach machen. Ich wei\u00df nicht, wie sich die Situation anf\u00fchlt, was damit verbunden sein kann und auch nicht, wie die pers\u00f6nlichen Hintergr\u00fcnde sein k\u00f6nnen. Deswegen denke ich, meine eigene Vorstellung ist eher nebens\u00e4chlich. Genau deshalb w\u00fcrden mich subjektive Meinungen und Erfahrungen dazu interessieren. Im Rahmen der Arbeit zum Essay habe ich leider keine Interviews oder \u00c4hnliches gefunden und bin dahingehend noch auf der Suche.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Literatur- und Quellenverzeichnis<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Braun, F., Oelkers, S., Rogalski, K., Bosak, J. &amp; Sczesny, S. (2007). \u201eAus Gr\u00fcnden der Verst\u00e4ndlichkeit\u2026\u201c. Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten. <em>Psychologische Rundschau, 58 (3),<\/em> 183-189.<\/p>\n\n\n\n<p>FAZ (2021). Die B\u00fcrger wollen keine Gendersprache. <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/grosse-mehrheit-laut-umfrage-gegen-gendersprache-17355174.html\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/grosse-mehrheit-laut-umfrage-gegen-gendersprache-17355174.html<\/a> (11.03.2022)<\/p>\n\n\n\n<p>GEO (2021). Was spricht F\u00dcR und GEGEN das Gendern?&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <a href=\"https:\/\/www.geo.de\/magazine\/geo-magazin\/pro--und-contra-liste-was-spricht-fuer-und-gegen-das-gendern--30675936.html\">https:\/\/www.geo.de\/magazine\/geo-magazin\/pro&#8211;und-contra-liste-was-spricht-fuer-und-gegen-das-gendern&#8211;30675936.html<\/a> (09.03.2022)<\/p>\n\n\n\n<p>INSA-Sprachumfrage (2019\/20). Was denkt Deutschland \u00fcber die deutsche Sprache?&nbsp; <a href=\"https:\/\/deutsche-sprachwelt.de\/2020\/01\/insa-sprachumfrage-2019-20-teil-7-gendersterne-haben-wenige-freunde\/\">https:\/\/deutsche-sprachwelt.de\/2020\/01\/insa-sprachumfrage-2019-20-teil-7-gendersterne-haben-wenige-freunde\/ <\/a>(09.03.2022)<\/p>\n\n\n\n<p>Irmen, L. &amp; Kaczmarek, N. (2000). Beeinflusst das grammatische Geschlecht die Repr\u00e4sentation von Personen in einem mentalen Modell? Ein Vergleich zwischen einer englischsprachigen und einer deutssprachigen Stichprobe. 42. <em>Kongress der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Psychologie<\/em>, Jena<\/p>\n\n\n\n<p>Kania, T. (2021). Gendern- Eine ehrliche Pro- und Contra-Liste. <a href=\"https:\/\/www.blue-satellite.de\/gendern-eine-ehrliche-pro-und-contra-liste\/\">https:\/\/www.blue-satellite.de\/gendern-eine-ehrliche-pro-und-contra-liste\/ <\/a>(10.03.2022)<\/p>\n\n\n\n<p>Klein, J. (1988): Benachteiligung der Frau im generischen Maskulin \u2013 eine feministische Schim\u00e4re oder psycholinguistische Realit\u00e4t?, In: N. Oellers (Hrsg.), Germanistik und Deutschunterricht im Zeitalter der Technologie. Selbstbestimmung und Anpassung. <em>Vortr\u00e4ge des Germanistentages Berlin 1987, Band 1<\/em> ( 310\u2013319). T\u00fcbingen: Niemeyer.<\/p>\n\n\n\n<p>Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung (2022). Gendern- ein Pro und Contra. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <a href=\"https:\/\/www.lpb-bw.de\/gendern#c76345\">https:\/\/www.lpb-bw.de\/gendern#c76345<\/a> (11.03.2022)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Lorenz, D. (1991). Die neue Frauensprache. \u00dcber die sprachliche Apartheid der Geschlechter. Muttersprache &#8211; <em>Zeitschrift zur Pflege und Erforschung der deutschen Sprache, 3, <\/em>272-277.<\/p>\n\n\n\n<p>N\u00fcbling, D. (2018). Und ob das Genus mit dem Sexus: Genus verweist nicht nur auf das Geschlecht, sondern auch auf die Geschlechterordnung. <em>Sprachreport Jg. 34 (3)<\/em>, 44-50.<\/p>\n\n\n\n<p>Prommer, E. &amp; Linke, C. (2017). Audiovisuelle Diversit\u00e4t? Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland<em>. Institut f\u00fcr Medienforschung-Philosophische Fakult\u00e4t<\/em>, Universit\u00e4t Rostock.<\/p>\n\n\n\n<p>Universit\u00e4t Kassel (2021). Gendergerechte Sprache. <a href=\"https:\/\/www.uni-kassel.de\/hochschulverwaltung\/themen\/gleichstellung-familie-und-diversity\/geschlechtergerechte-sprache#:~:text=Das%20Ziel%20geschlechtergerechter%20Sprache%20ist,nicht%2Dbin%C3%A4r%20verortete%20Personen%20an\">https:\/\/www.uni-kassel.de\/hochschulverwaltung\/themen\/gleichstellung-familie-und-diversity\/geschlechtergerechte-sprache#:~:text=Das%20Ziel%20geschlechtergerechter%20Sprache%20ist,nicht%2Dbin%C3%A4r%20verortete%20Personen%20an<\/a> (03.02.2022)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/psycnet.apa.org\/journals\/zsp\/46\/2\/76\">Vervecken, D., &amp; Hannover, B. (2015). Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children\u2019s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy.&nbsp;<em>Social Psychology, 46<\/em>, 76-92.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wesian, J. (2007). Sprache und Geschlecht: Eine empirische Untersuchung zur \u201egeschlechtergerechten Sprache\u201c. Forschungsarbeit Universit\u00e4t M\u00fcnster<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Anonym, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/06\/08\/essay-zum-thema-gendergerechte-sprache\/\"> <\/a>Essay zum Thema: Gendergerechte Sprache, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 08.06.2022, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/06\/08\/essay-zum-thema-gendergerechte-sprache\/\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/06\/08\/essay-zum-thema-gendergerechte-sprache\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anonym, WiSe 2021-2022 Einleitung Einer meiner ersten Ber\u00fchrungspunkte mit den Themen um Gender und Diversity war, wenn ich mich richtig erinnere, vor einigen Jahren das Gendern in der Sprache. 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