{"id":254,"date":"2022-10-27T16:14:20","date_gmt":"2022-10-27T14:14:20","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=254"},"modified":"2022-11-22T14:34:11","modified_gmt":"2022-11-22T13:34:11","slug":"erinnerung-an-die-deutsche-kolonialgeschichte-im-bildungsplan-baden-wurttembergs-mit-fokus-auf-den-volkermord-der-herero-und-nama","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/10\/27\/erinnerung-an-die-deutsche-kolonialgeschichte-im-bildungsplan-baden-wurttembergs-mit-fokus-auf-den-volkermord-der-herero-und-nama\/","title":{"rendered":"Erinnerung an die deutsche Kolonialgeschichte im Bildungsplan Baden-W\u00fcrttembergs mit Fokus auf den V\u00f6lkermord der Herero und Nama"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Constanze Luise Selegrad (SoSe 2022)<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p>Diese Hausarbeit schlie\u00dft an eine Gruppenarbeit zum Thema \u201eRassismus\u201c im Seminar \u201eGender, Diversity und Gender Mainstreaming\u201c an.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Vergangenheit zu vergegenw\u00e4rtigen, gibt es viele unterschiedliche M\u00f6glichkeiten, eine der effektivsten und auch gesamtgesellschaftlichsten ist und bleibt jedoch die Schule. Deswegen soll im Folgenden betrachtet werden, wie im Bundesland Baden-W\u00fcrttemberg Kolonialismus am Gymnasium behandelt wird und, ob in dem Bildungsplan Raum f\u00fcr Verbesserung besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu soll zuerst der Begriff des Kolonialismus eingegrenzt werden, und dann der Weg zum Aufstand und Genozid der Herero und Nama in der ehemaligen Kolonie S\u00fcdwestafrika des Deutschen Reiches nachgezeichnet werden. Dies soll als Beispiel f\u00fcr die Grausamkeit des Deutschen Reiches als Kolonialmacht dienen und verdeutlichen, warum es wichtig ist, sich heute mit diesem Teil der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen. Anschlie\u00dfend daran werden erst die relevanten Punkte des Bildungsplanes von Baden-W\u00fcrttemberg vorgestellt und auch Punkte zur besseren Einarbeitung der kolonialen Erinnerung in den Bildungsplan aufgef\u00fchrt. Au\u00dferdem werde ich meine eigenen Erfahrungen im Schulsystem in Bezug auf die deutsche Kolonialgeschichte nachzeichnen. Zum Schluss werden die resultierenden Schlussfolgerungen aufgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Kolonialismus<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2.1&nbsp;Begriffseingrenzungen<\/h2>\n\n\n\n<p>Zu Beginn soll der Begriff des Kolonialismus eingegrenzt und definiert werden. Dieser Begriff wird von Trutz von Trotha wie folgt definiert <a><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kolonialismus ist ein Proze\u00df \u00fcberregionaler Herrschaftsbildung und Herrschaftsaus\u00fcbung. Auf der Grundlage von kriegerischer Gewalt oder der Drohung mit ihr wird ein Herrschaftsverh\u00e4ltnis von einem Staat oder einer ihm direkt verbundenen, organisierten Gruppe von Menschen \u00fcber eine Gesellschaft errichtet, die in einem Land beheimatet ist, das typischerweise von dem Territorium des imperialen, besitznehmenden Staates durch einen Ozean getrennt ist, sich mindestens in seiner sozio-kulturellen Ordnung von der Gesellschaft des imperialen Staates in wesentlichen Merkmalen unterscheidet und eine eigene Geschichte besitzt. Das Herrschaftsverh\u00e4ltnis ist territorial bestimmt. Die unterworfene Gesellschaft verliert nach au\u00dfen ihre politisch-diplomatische und, mehr oder minder vollst\u00e4ndig, ihre v\u00f6lkerrechtliche Selbst\u00e4ndigkeit und ger\u00e4t in direkte formelle Abh\u00e4ngigkeit von der Kolonialmacht oder ihren Repr\u00e4sentanten. Die Ziele der kolonialistischen Herrschaft sind in ausgepr\u00e4gter Einseitigkeit an den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Interessen und der Kultur der Kolonialmacht orientiert.&#8220; (Trotha, 2004, p.&nbsp;50).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2.2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Deutsche Kolonialgeschichte<\/h2>\n\n\n\n<p>Die von Bismarck gepr\u00e4gte Au\u00dfenpolitik des Deutschen Reiches im 19. Jahrhundert f\u00fchrte dazu, dass Deutschland erst 1884 anfing zu kolonialisieren. In diesem Jahr \u00e4nderte Bismarck seine Meinung zum Thema Kolonisation (Gr\u00fcnder, 2018, p.&nbsp;55). Er verfolgte allerdings immer eine Politik, die eine offene Auseinandersetzung mit anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, vor allem Gro\u00dfbritannien, vermied (Gr\u00fcnder, 2018, pp.&nbsp;92\u201393). Denn die guten Beziehungen zu den europ\u00e4ischen Nachbarstaaten hatten f\u00fcr ihn eine h\u00f6here Priorit\u00e4t als die Kolonien (Gr\u00fcnder, 2018, p.&nbsp;103).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Abl\u00f6sung Bismarcks als Reichskanzler durch Graf Leo von Caprivi \u00e4nderte sich auch die Au\u00dfenpolitik des deutschen Kaiserreichs was die Kolonialpolitik betraf. Denn Caprivi wollte die in S\u00fcdafrika unter \u201eSchutzvertr\u00e4gen\u201c stehenden Gebiete in \u201eKolonialgebiete\u201c umwandeln (Gr\u00fcnder, 2018, p.&nbsp;121).<\/p>\n\n\n\n<p>Die in diesen Gebieten lebenden Nama-St\u00e4mme widersetzten sich von Beginn an gegen die neuen Vertr\u00e4ge, da durch diese ihr bisheriges Nomadenleben nicht mehr m\u00f6glich w\u00e4re (Gr\u00fcnder, 2018, p.&nbsp;121). Im Gegensatz dazu widersetzten sich die Herero zu Beginn nicht gegen die \u201edeutsche Schutzherrschaft\u201c, da sie sich von dieser Schutz vor den Expansionsideen der Nama versprachen (Gr\u00fcnder, 2018, pp.&nbsp;121\u2013122). Eben diese bereits bestehenden Konfliktlinien zwischen den Herero und Nama wurden vom deutschen Kaiserreich ausgenutzt, um eine \u201edeutsche Oberherrschaft\u201c schaffen zu k\u00f6nnen. Au\u00dferdem nutzten sie die Stellung der Stammesh\u00e4uptlinge, indem sie diesen eine Rente versprachen im Gegenzug f\u00fcr die Gebietsverluste der St\u00e4mme und Einflussverluste der H\u00e4uptlinge (Gr\u00fcnder, 2018, pp.&nbsp;122\u2013123). W\u00e4hrend das Ziel der Regierung in Deutschland noch eine \u201eSchutzherrschaft\u201c war, forderten die Siedler*innen <a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> vor Ort l\u00e4ngst eine \u201eSiedlerkolonie\u201c (B\u00f6cker, 2020, p.&nbsp;50). Die eskalierende Brutalit\u00e4t sowie die ausbeuterischen Gesch\u00e4ftspraktiken der wei\u00dfen Siedler*innen gegen\u00fcber den Herero und Nama, als auch die Morddrohungen gegen den Oberh\u00e4uptling der Herero, Samuel Maharero, werden als die Ausl\u00f6ser f\u00fcr den Aufstand der Herero und Nama gewertet (Gr\u00fcnder, 2018, p.&nbsp;129).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufstand begann am 12.01.1904 (B\u00f6cker, 2020, p.&nbsp;51). Im Januar 1904 f\u00fchrten die Herero einen \u00dcberraschungsschlag gegen eine Stationsbesatzung, au\u00dferdem zerst\u00f6rten sie Eisenbahnlinien und Telegraphenverbindungen. Die Herero waren bis Juni 1904 erfolgreich, bei Waterberg wurde ein Gro\u00dfteil der Herero-Gruppen eingekesselt, es folgte ein Vernichtungsschlag. Diejenigen, die \u00fcberlebten, wurden in ein D\u00fcrregebiet zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, wo sie dem Wetter und Wassermangel zum Opfer fielen (Gr\u00fcnder, 2018, p.&nbsp;130).<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Niederlage der Herero widersetzten sich auch die Nama ab Oktober 1904 den deutschen Truppen. Allerdings hatten die Nama nach dem Tod von Hendrik Witbooi keinen gemeinsamen Anf\u00fchrer mehr. So konnten manche Stammesanf\u00fchrer dazu bewegt werden, die Waffen niederzulegen, andere widersetzten sich weiter, bis sie bis 1906 besiegt wurden (Gr\u00fcnder, 2018, p.&nbsp;131). Am 31.03.1907 wurde der Kriegszustand in S\u00fcdwestafrika offiziell als f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt, manche St\u00e4mme hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht am Aufstand beteiligt (Gr\u00fcnder, 2018, p.&nbsp;131).<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die vom Kaiserreich verfolgte Vernichtungsstrategie \u00fcberlebten von den Herero etwa 25% den Aufstand, bei den Nama waren es in etwa 50%. (Gr\u00fcnder, 2018, p.&nbsp;131). Die Stammesverb\u00e4nde waren nach dem Aufstand de facto kein Machtfaktor mehr (Gr\u00fcnder, 2018, p.&nbsp;133). Das Stammesverm\u00f6gen wurde aufgel\u00f6st, f\u00fcr den Besitz von Vieh und Land wurde nicht nur eine Obergrenze eingef\u00fchrt, es wurde auch eine Genehmigung der Kolonialmacht ben\u00f6tigt. Dies, und der Arbeitsvertragszwang und die Passpflicht, schufen ein System der Abh\u00e4ngigkeit, \u00dcberwachung und Kontrolle (Gr\u00fcnder, 2018, pp.&nbsp;133\u2013134). Au\u00dferdem wurden Konzentrationslager f\u00fcr die Herero und Nama geschaffen, die 1908 nur wegen des Arbeitskr\u00e4ftemangels aufgel\u00f6st wurden (B\u00f6cker, 2020, p.&nbsp;51). Es wurde versucht, die Herero und Nama davon abzuhalten, Lesen und Schreiben zu lernen und ihre eigenst\u00e4ndigen Identit\u00e4ten aufzul\u00f6sen, um eine \u201eeinheitliche Arbeiter*innenklasse\u201c zu schaffen (Gr\u00fcnder, 2018, p.&nbsp;137).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Heute f\u00e4llt der Massenmord an den Herero und Nama unter die von der UN gegebene Definition von Genozid (B\u00f6cker, 2020, p.&nbsp;51). Seit 1999 versuchen Vertretungen der Herero vor verschiedenen Gerichtsh\u00f6fen Klage auf Schadensersatz zu erheben, diese sind bis jetzt allerdings immer wieder gescheitert (B\u00f6cker, 2020, p.&nbsp;52). Die deutsche Politik versucht best\u00e4ndig den Fokus nicht auf den Genozid zu legen, sondern auf die Geldmittel, die Namibia von Deutschland seit der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung erh\u00e4lt. Diese Gelder gingen allerdings nicht and die Opfer des V\u00f6lkermordes (B\u00f6cker, 2020, p.&nbsp;52). Am 14.08.2004 entschuldigte sich die Bundesministerin Wieczorek-Zeul ausdr\u00fccklich bei der Gedenkfeier f\u00fcr die Schlacht von Waterberg (Lutz and Brumlik, 2005, p.&nbsp;23). Bis heute folgte allerdings noch keine Entschuldigung des Regierungs- oder Staatsoberhauptes von Deutschland. In Afrika wird der Aufstand der Herero und Nama heute als Freiheitskrieg interpretiert (Gr\u00fcnder, 2018, p.&nbsp;132).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Koloniale Erinnerung im deutschen Bildungswesen<\/h2>\n\n\n\n<p>Um herausarbeiten zu k\u00f6nnen, inwieweit und in welcher Form koloniale Erinnerung im deutschen Bildungswesen existiert, wird der Bildungsplan Baden-W\u00fcrttembergs von 2016 der F\u00e4cher Geschichte, Gemeinschaftskunde und Ethik an Gymnasien untersucht. Es soll herausgearbeitet werden, an welchen Stellen im Bildungsplan auf die koloniale Vergangenheit Deutschlands besser eingegangen werden kann. Anschlie\u00dfend werde ich darauf eingehen, wie das Thema kolonialer Erinnerung in meiner Schulzeit behandelt wurde.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3.1&nbsp;Baden-W\u00fcrttemberg<\/h2>\n\n\n\n<p>Im Fach Geschichte wird in der 7. Bis 8. Klasse das Konzept des Imperialismus am Beispiel Afrikas eingef\u00fchrt (Bildungspl\u00e4ne Baden-W\u00fcrttemberg). Allerdings ist hier weder vorgeschrieben, auf die Lebensrealit\u00e4t in den damaligen Kolonien einzugehen, noch das Deutsche Reich im Speziellen als Kolonialmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>In der 9. und 10. Klasse liegt der Fokus beim Thema Imperialismus auf dem Vergleich ehemaliger Imperial-M\u00e4chte mit einem Fokus auf Russland, China, dem osmanischen Reich und der T\u00fcrkei (Bildungspl\u00e4ne Baden-W\u00fcrttemberg). Die Entwicklung der ehemaligen Kolonien, und wie diese bis heute vom Kolonialismus gepr\u00e4gt sind, wird hier nicht thematisiert. Um in Deutschland das Verst\u00e4ndnis der Kolonialgeschichte des Landes zu st\u00e4rken, k\u00f6nnte das Deutsche Reich unter diesem Punkt ebenfalls als Imperiale Macht betrachtet werden, mit einem Fokus auf bis heute andauernden Folgen des Kolonialismus in den ehemaligen deutschen Kolonien.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Halbjahr der 12. Klasse steht die Behandlung postkolonialer R\u00e4ume auf dem Bildungsplan. Ein Unterpunkt sind antikoloniale Bewegungen, die sich nach 1918 ereigneten, unter anderem mit dem Aspekt des Selbstbestimmungsrechts der V\u00f6lker nach dem ersten Weltkrieg (Bildungspl\u00e4ne Baden-W\u00fcrttemberg). Deutschland verpflichtete sich mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrages 1918 allerdings alle Kolonien aufzugeben, deswegen k\u00f6nnen antikoloniale Bewegungen oder Widerstand gegen das Deutsche Reich in den Kolonien mit diesem Zeitrahmen nicht betrachtet werden. Wird allerdings auch die Zeit vor 1918 betrachtet, ist dies ein guter Rahmen, um den Genozid an den Herero und Nama in Schulen zu thematisieren, der vom Deutschen Reich ver\u00fcbt wurde. Den Sch\u00fcler*innen soll ebenfalls die Kompetenz vermittelt werden, Dekolonialisierungsprozesse beschreiben und aktuelle Probleme auf den Kolonialismus zur\u00fcckf\u00fchren zu k\u00f6nnen (Bildungspl\u00e4ne Baden-W\u00fcrttemberg). Dieser Punkt kann erweitert werden, indem die Rolle Europas in der Kolonisation und Dekolonisation in den Fokus ger\u00fcckt wird, damit Europa st\u00e4rker in die Verantwortung gezogen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fach Gemeinschaftskunde wird in der Mittelstufe im Bereich Internationale Beziehungen die Bew\u00e4ltigung heutiger Konflikte thematisiert, zum Beispiel unter dem Aspekt des Ziels der universalen Umsetzung der Menschenrechte (Bildungspl\u00e4ne Baden-W\u00fcrttemberg). Wird neben der Konfliktbew\u00e4ltigung auch die Konfliktursache bearbeitet, k\u00f6nnen auch an dieser Stelle die Folgen des Kolonialismus thematisiert werden, da viele heutige Konflikte auf die Kolonialzeit zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. So zum Beispiel Grenzkonflikte, die erst durch Grenzziehungen von Europa auf anderen Kontinenten entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Oberstufe wird in Gemeinschaftskunde die Au\u00dfenpolitik Deutschlands behandelt mit der UN und der NATO als Schwerpunkt (Bildungspl\u00e4ne Baden-W\u00fcrttemberg). Dieser Punkt kann um die heutigen Beziehungen zwischen Deutschland und Namibia erweitert werden, indem zum Beispiel die Gelder thematisiert werden, die von Deutschland nach Namibia flie\u00dfen, oder die in Deutschland gef\u00fchrte Debatte um eine offizielle Entschuldigung der Bundesrepublik an die Herero und Nama. Auch die bisher stattgefundenen R\u00fcckf\u00fchrungen von Gebeinen kann an dieser Stelle eingearbeitet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Oberstufe wird auch gesellschaftlicher Wandel behandelt (Bildungspl\u00e4ne Baden-W\u00fcrttemberg). Derzeitig \u00e4ndern sich viele Aspekte der Gesellschaft in Deutschland, einer dieser Aspekte ist die Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit dem Deutschen Reich als Kolonialmacht und welche Verantwortungen Deutschland heute aus dieser Geschichte \u00fcbernehmen soll oder muss. So kann zum Beispiel die Kontroverse um die ethnologische Ausstellung des Humboldt Forum und die dort zu besichtigende Raubkunst diskutiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fach Ethik wird das Konzept der Freiheit unter naturalistischen und anthropologischen Blickwinkeln in der Oberstufe behandelt (Bildungspl\u00e4ne Baden-W\u00fcrttemberg). Dieses Gebiet kann \u00fcber die Fragen, wie Menschen Freiheit definieren und welchen Stellenwert Freiheit f\u00fcr einzelne Individuen hat, hinweg erweitert werden, dahin zu fragen, was es bedeutet, dass manchen Menschen w\u00e4hrend der Kolonialisierung nicht nur ihre Freiheit, sondern auch ihr Menschsein abgesprochen wurde und wie verhindert werden kann, dass dies wieder passiert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3.2&nbsp;Pers\u00f6nliche Erfahrungen<\/h2>\n\n\n\n<p>In der Schule belegte ich Geschichte in der Oberstufe als Leistungskurs und schrieb auch eine Abiturpr\u00fcfung in diesem Fach. Allerdings konnte ich mich nicht daran erinnern, je das Thema Kolonialismus, geschweige denn den Genozid der Herero und Nama, im Geschichtsunterricht behandelt zu haben. Mein Wissen zu diesem Thema hatte ich mir au\u00dferhalb des Rahmens des Schulsystems angeeignet.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Kursbuch f\u00fcr Geschichte, das wir zur Vorbereitung f\u00fcr das Abitur in der Schule nutzten, beschr\u00e4nkt sich die Erw\u00e4hnung der deutschen Kolonialgeschichte auf einen Absatz mit neun S\u00e4tzen (vgl. Berg, 2010, p.209). Hier wird betont, dass das Deutsche Reich sp\u00e4ter als andere europ\u00e4ische L\u00e4nder zu Kolonialmacht wurde. Auch werden Bismarcks wirtschaftliche Interessen an den Kolonien erw\u00e4hnt (Berg, 2010, p.&nbsp;209). \u00dcber die Grausamkeiten, die w\u00e4hrend der deutschen Kolonialbesetzung stattfand oder dem Genozid, wird kein Wort verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Absatz zur Kolonialpolitik bietet das Buch allerdings einen Verweis f\u00fcr LEMO (\u201eLebendiges Museum Online\u201c), der dort verlinkte Beitrag f\u00fchrt zu einem Text \u00fcber die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches. In diesem Text wird der Aufstand der Herero und Nama zumindest erw\u00e4hnt, vor allem werden die Opferzahlen der Herero, Nama und auch die der Siedler*innen aufgez\u00e4hlt. Allerdings wird es nicht als Genozid beschrieben (Asmuss, 2011), obwohl es offiziell von der UN als Genozid eingestuft ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3.3&nbsp;&nbsp;Schlussfolgerung<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Bildungsplan von Baden-W\u00fcrttemberg bietet genug Ansatzstellen, um sich in der Schule mehr mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands und die daraus resultierenden Folgen f\u00fcr die Gegenwart auseinanderzusetzen. Allerdings muss dies explizit in den Bildungsplan festgeschrieben werden, damit es auch in den Schulen umgesetzt wird. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen auch die f\u00fcr den Schulunterricht zugelassenen Schulb\u00fccher dahingehend \u00fcberarbeitet werden, dass der Kolonialismus einen angemessenen Stellenwert erh\u00e4lt und nicht weiterhin in einem Absatz abgehandelt werden kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">4. Fazit<\/h1>\n\n\n\n<p>Die Schule ist ein Ort, in dem viele junge Menschen den ersten Kontakt zu dem Thema Kolonialismus erhalten. Deswegen ist es wichtig, dass in diesem Rahmen grundlegendes Wissen und ein Gef\u00fchl der Verantwortung vermittelt werden kann, um gesamtgesellschaftlich ein besseres Bewusstsein f\u00fcr diesen Teil der deutschen Geschichte zu schaffen. Der Bildungsplan Baden-W\u00fcrttembergs hat bereits die n\u00f6tigen Voraussetzungen, um diese Grundlagen zu vermitteln, allerdings muss die Umsetzung noch verbessert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gilt allerdings weiterhin in allen Lebensbereichen nach neuen Wegen der Aufarbeitung und Wiedergutmachung zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Reference list<\/h2>\n\n\n\n<p>Asmuss, B. (2011) <em>Kolonialpolitik<\/em>. Available at: <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/kaiserreich\/aussenpolitik\/kolonialpolitik.html\">https:\/\/\u200bwww.dhm.de\u200b\/\u200blemo\/\u200bkapitel\/\u200bkaiserreich\/\u200baussenpolitik\/\u200bkolonien.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Berg, R. (ed.) (2010) <em>Kursbuch Geschichte<\/em>. Berlin: Cornelsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bildungspl\u00e4ne Baden-W\u00fcrttemberg (no date). Available at: <a href=\"https:\/\/\u200bwww.bildungsplaene-bw.de\u200b\/,\u200bLde\/\u200bLS\/\u200bBP2016BW\/\u200bALLG\/\u200bGYM\/\u200bGK\">https:\/\/\u200bwww.bildungsplaene-bw.de\u200b<\/a> (Accessed: 8 August 2022).<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00f6cker, J. (2020) \u2018Juristische, politische und ethische Dimensionen der Aufarbeitung des V\u00f6lkermords an den Herero und Nama\u2019, Sicherheit &amp; Frieden, 38(1), pp.&nbsp;50\u201354. doi:&nbsp;10.5771\/0175-274X-2020-1-50  <\/p>\n\n\n\n<p>Gr\u00fcnder, H. (2018) <em>Geschichte der deutschen Kolonien \/\/ Geschichte der Deutschen Kolonien<\/em>. 7th edn. (Uni-Taschenb\u00fccher, Nr. 1332 \/\/ 1332). Paderborn: Ferdinand Sch\u00f6ningh; Sch\u00f6ningh.<\/p>\n\n\n\n<p>Lutz, H. and Brumlik, M. (eds.) (2005) <em>Kolonialismus und Erinnerungskultur: Die Kolonialvergangenheit im kollektiven Ged\u00e4chtnis der deutschen und niederl\u00e4ndischen Einwanderungsgesellschaft<\/em>. M\u00fcnster: Waxmann (Niederlande-Studien, Bd. 40).<\/p>\n\n\n\n<p>Trotha, T. von (2004) \u2018Was war Kolonialismus? Einige zusammenfassenden Befunge zur Soziologie und Geschichte des Kolonialismus und der Kolonialherrschaft\u2019, <em>Saeculum<\/em>, 55(1), pp.&nbsp;49\u201396. doi:&nbsp;10.7788\/saeculum.2004.55.1.49 <span><a href=\"\"><\/a><\/span><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> In diesem Text wird mithilfe des Gendersternchen gegendert, um auch Geschlechtsformen, die nicht m\u00e4nnlich oder weiblich sind, miteinzubeziehen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Constanze Luise Selegrad,<em> Erinnerung an die deutsche Kolonialgeschichte im Bildungsplan Baden-W\u00fcrttembergs mit Fokus auf den V\u00f6lkermord der Herero und Nama<\/em>, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 27.10.2022, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/10\/27\/erinnerung-an-die-deutsche-kolonialgeschichte-im-bildungsplan-baden-wurttembergs-mit-fokus-auf-den-volkermord-der-herero-und-nama\/\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/10\/27\/erinnerung-an-die-deutsche-kolonialgeschichte-im-bildungsplan-baden-wurttembergs-mit-fokus-auf-den-volkermord-der-herero-und-nama\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Constanze Luise Selegrad (SoSe 2022) 1. 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