{"id":300,"date":"2022-11-07T10:40:35","date_gmt":"2022-11-07T09:40:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=300"},"modified":"2022-11-22T14:33:42","modified_gmt":"2022-11-22T13:33:42","slug":"bourdieus-habitus-und-seine-relevanz-fuer-die-klassismus-forschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/11\/07\/bourdieus-habitus-und-seine-relevanz-fuer-die-klassismus-forschung\/","title":{"rendered":"Bourdieus\u2019 Habitus und seine Relevanz f\u00fcr die Klassismus-Forschung"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Lynn Hruschka (SoSe 2022)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist das Konzept des Habitus eines der wenigen akademischen Theorien, auf die ich im Laufe meines Studiums gesto\u00dfen bin und die mich nachtr\u00e4glich beeindruckt haben. Der Habitus hat mir pl\u00f6tzlich Dinge verst\u00e4ndlich gemacht, f\u00fcr die ich vorher keine Worte hatte. Besonders interessant war auch f\u00fcr mich die Erkenntnis, dass es \u00fcber Geld hinaus unterschiedliche Kapitalformen gibt und welche ich von meiner Herkunft \u201egeerbt\u201c habe und welche nicht. Ich bin nun seit einem Jahr Mutter einer kleinen Tochter und frage mich jetzt, was ich meinem Kind f\u00fcr einen Habitus vererben m\u00f6chte. Kann ich das \u00fcberhaupt beeinflussen? W\u00e4hrend des Seminars wurde mir die Rolle des Habitus f\u00fcr jegliche Klassenfrage wieder bewusst und wollte deswegen die wichtigsten Punkte kompakt hier zusammenfassen:<\/p>\n\n\n\n<p>Im folgenden Essay soll die Frage nach der Relevanz von Bourdieus Habitus Konzept diskutiert werden. Inwiefern kann die Theorie des Habitus f\u00fcr die aktuelle Forschung zu Klassismus fruchtbar gemacht werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Konzepte von Pierre Bourdieu spielen f\u00fcr jegliche Forschung zu Klassismus eine Rolle. Vor dem Hintergrund seiner theoretischen Grundannahmen widmen wir uns hier insbesondere seinem Konzept des Habitus. 1979 in seinem Opus Magnum \u201eLa distinction\u201c eingef\u00fchrt, ist es der zentrale Baustein seiner Sozioanalyse.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Habitus<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Aber was ist der Habitus \u00fcberhaupt?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Habitus stellt ein Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft dar. Unter Habitus versteht Bourdieu die inkorporierte Position, die ein Mensch im sozialen Gef\u00fcge einnimmt (Ernaux 2016, 30). Er besteht aus der Gesamtheit von Haltungen, Dispositionen, Gewohnheiten und Einstellungen eines Individuums gegen\u00fcber der Welt. Diese werden wiederum von den \u00f6konomischen und sozialen Existenzbedingungen diktiert. Somit nimmt der Habitus eine klassenspezifische Form an, ausgehend von der Annahme, dass sich die Gesellschaft in Klassen gliedert, welche sich durch ihre \u00f6konomischen Bedingungen voneinander scheiden. F\u00fcr Bourdieu erlangt die theoretische Annahme der Existenz sozialer Klassen erst Bedeutung, wenn die Klassenzugeh\u00f6rigkeit sich in unterschiedliche Formen der Lebensf\u00fchrung \u00fcbersetzt (Fuchs-Heinritz und K\u00f6nig 2014, 89f; Bourdieu 1987, 182). Mit Lebensf\u00fchrung sind hier die soziale Praxis und der Blick auf die Welt gemeint. Diese generieren sich aus dem Habitus und zeigen durch ihre sichtbaren Formen, wie beispielsweise Behausung, kulinarische Vorlieben oder Konsum von kulturellen G\u00fctern, soziale Unterschiede an. (Krais und Gebauer 2014, 36) Der Erwerb des Habitus geschieht in der Sozialisation. Die kulturelle und materielle Ausstattung einer Familie pr\u00e4gt die Vorlieben des Kindes. (Fuchs-Heinritz und K\u00f6nig 2014, 96) Dabei nimmt das Individuum das an, was zur Verf\u00fcgung steht. Mit anderen Worten: Man mag, was man hat. (Krais und Gebauer 2014, 41). In der physischen Erscheinung eines Individuums sieht Bourdieu eine objektivierte, \u00e4u\u00dferlich sichtbare Form des Habitus. Die soziale Welt formt den K\u00f6rper. An ihm werden gesellschaftliche Hierarchien und die Position des Individuums sichtbar. Gesellschaftliche Hierarchien werden durch manifeste Symbole \u00e4u\u00dferlich sichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Innerhalb des globalen Gef\u00fcges des sozialen Raumes bestehen kleinere Einheiten von sozialen Feldern, in denen ihre eigenen Regeln gelten. Soziale Felder sind Schaupl\u00e4tze des Konkurrenzkampfes. Neben der Akkumulation von \u00f6konomischem und kulturellem Kapital k\u00e4mpfen die Individuen um die Deutungshoheit, d.h. um die Vorherrschaft ihrer Weltsicht (Schmitt 2016, 16). Diese Vorherrschaft wird durch Symbole \u00e4u\u00dferlich kenntlich gemacht. Folglich ist der Kampf um die Deutungshoheit ein Kampf um das symbolische Kapital. Der Habitus eines Individuums beeinflusst, welches Feld es sich aussucht und wie es sich dort verh\u00e4lt. Als handlungsleitend gibt der Habitus n\u00e4mlich ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die in einem Feld vorherrschenden Spielregeln mit (Schmitt 2006, 17).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Befreiung vom Habitus<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ist es m\u00f6glich, sich vom eigenen Habitus zu l\u00f6sen und ihn zu \u00fcberwinden? L\u00e4sst sich der \u201eTeufelskreis\u201c aus reproduzierendem Kapital durchbrechen? Robert Schmidt argumentiert skeptisch (Schmidt 2014, 234): Bourdieu selbst h\u00e4tte zwar durchaus auf die M\u00f6glichkeit des reflexiven Bewusstwerdens der symbolischen Gewalt hingewiesen, jedoch gleichzeitig erkannt, dass ein blo\u00dfes Beseitigen der m\u00e9connaissance nicht reiche, um sich von der symbolischen Herrschaft (sei sie m\u00e4nnlich oder neoliberal) zu befreien. Lothar Peter lenkt den Blick auf die drei M\u00f6glichkeiten:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erstens<\/strong>, wenn der Habitus und die Struktur so weit auseinanderklaffen, dass die Realit\u00e4t und die symbolische Erwartung unvermeidlicher Weise kollidieren, zum Beispiel der Schriftsteller der sich \u00c9douard Louis nennt, aber als Eddy Bellegeulle als homosexueller Mann im franz\u00f6sischen Arbeitermilieu aufgewachsen ist. Dies gilt letztlich f\u00fcr alle queere Menschen, die in unserer heteronormativen Gesellschaft aufwachsen. Ebenso anwenden k\u00f6nnte man den Gedanken auf Frauen in m\u00e4nnergepr\u00e4gten Berufen \u2013 sie m\u00fcssen unwillk\u00fcrlich sich einen anderen Habitus erarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zweitens<\/strong> gibt es die M\u00f6glichkeit den Habitus zu erkennen und ihn wissenschaftlich zu analysieren, wie es zum Beispiel in diesem Essay passiert. In dem Moment, in dem \u00fcber den Habitus geschrieben wird, kann er ausgesetzt werden, in dem man sich von ihm distanziert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Drittens<\/strong> gibt es in der \u201ebiographisch-sozialisatorischen\u201c (Peter 2011, 29) Entwicklung die Chance f\u00fcr symbolische Gewalt immun gemacht zu werden. Das kostet viel Kraft und ist ein Prozess, der immer wieder von gesellschaftlichen Kr\u00e4ften verlangsamt werden wird. Die b\u00fcrgerliche Klasse hat kein wirkliches Interesse daran, dass sich Menschen emanzipatorisch frei machen und so leben, wie sie wollen. Diese Arbeit wird viel von der LGBTQ+ Community geleistet und trifft vielleicht gerade deswegen auf so viel Widerspruch, weil ihr Erfolg ein Umwerfen aller essentialistischen Wahrheiten der b\u00fcrgerlichen Klasse bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade mit seinem Werk \u201eLa domination masculine\u201c von 1998 schaffte Bourdieu einen wichtigen Grundstein f\u00fcr poststrukturalistische und postkoloniale Forschung. Zur m\u00e4nnlichen Herrschaft sagte er: \u201eDie Macht der m\u00e4nnlichen Ordnung zeigt sich an dem Umstand, dass sie der Rechtfertigung nicht bedarf: Die androzentrische Sicht zwingt sich als neutral auf und muss sich nicht in legitimatorischen Diskursen artikulieren. [&#8230;] Das gesellschaftliche Deutungsprinzip konstruiert den anatomischen Unterschied. Und dieser gesellschaftlich konstruierte Unterschied wird dann zu der als etwas Nat\u00fcrliches erscheinenden Grundlage.\u201c (Bourdieu 2012, 21) Dieses Zitat ist auch noch in der Argumentationsweise feministischer Literatur wiederzufinden und scheint nichts an seiner Aktualit\u00e4t verloren zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Des Weiteren wird Bourdieus Ethnografie zur kabylischen Gesellschaft (auf der der Habitus basierte) auch heute noch rezipiert: 2007 Loic Wacquant analysierte in Bezugnahme auf Bourdieu die Entwicklungen in den franz\u00f6sischen Banlieues (Schmidt 2014, 234).<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Klassismus-Forschung sind einige Aspekte des Habitus-Konzeptes relevant. Zun\u00e4chst ist der Habitus ein mehrdimensionales Konzept: \u201eKlassenhabitus, geschlechtspezifizierter Habitus, ethnisierter Habitus\u201c (Schmitt 2006, 14). Lars Schmitt beschreibt ihn in seiner Heuristik als Matrix, die die inneren und \u00e4u\u00dferen Grenzen des Denk- und Handelbaren (in Anlehnung an Foucaults Episteme) umfasst. Gleichzeitig kann Klassismus-Forschung mit dem Konzept generationen\u00fcbergreifend Konflikte bearbeiten, da sich der Habitus in seiner Form zwar ver\u00e4ndert, jedoch nicht an bestimmte Verhaltensformen gekn\u00fcpft ist (Schmitt 2006, 16).<\/p>\n\n\n\n<p>In der Analyse der Performativit\u00e4t des Habitus gelingt Bourdieu die Allt\u00e4glichkeit des menschlichen Lebens und Leidens einzufangen, unterschiedliche Subjekte selbstbestimmt zu Wort kommen zu lassen, und sie trotzdem in ihre Herrschaftsverh\u00e4ltnisse einzuordnen. Dabei bleiben diese Menschen in ihren Konfliktthemen rationale Entscheidungsfinder, aber immer im Hinblick ihres schon vorher sich manifestierten Habitus. Dadurch ver\u00e4ndert sich der Blick auf Opfer-T\u00e4ter-Analysen. W\u00e4hrend diese oft eine dichotomische Weltsicht voraussetzen, sieht Bourdieu \u201eoppression as a cooperative game\u201c (Schmitt 2006, 21). Denn auch die Herrschenden werden von ihrer Herrschaft beherrscht (Schmidt 2014, 233).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Beispiel Habitus-Struktur-Konflikt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Analytisches Potenzial bietet das Konzept des Habitus insbesondere in sog. Habitus-Struktur-Konflikten (HSK). In solchen Konflikten ger\u00e4t das Individuum mit den Erwartungen und Regeln seines sozialen Umfelds in Widerspruch. Schmitt (2006, 18) f\u00fchrt das Beispiel einer weiblichen Chef\u00e4rztin an, die in ihrem beruflichen Umfeld mit den m\u00e4nnlichen Strukturen und Anforderung an \u201eden\u201c Arzt konfrontiert wird. Dieses empirische Beispiel l\u00e4sst sich nun mit Bourdieu durchdringen. In seiner Terminologie haben wir es mit einem sozialen Feld zu tun, in dem bestimmte Regeln und Anforderungen an den individuellen Habitus gelten. Individuen w\u00e4hlen dieses Feld in der Regel nur, wenn ihr Habitus mit dem geforderten Habitus \u00fcbereinstimmt. D.h., die Wahrscheinlichkeit ein soziales Feld zu betreten ist ungleich zwischen Individuen verteilt, je nach der N\u00e4he des Feldes zu dem Habitus des Individuums. Das Beispiel der weiblichen Chef\u00e4rztin zeigt, dass der Zutritt nicht grunds\u00e4tzlich im Vorfeld determiniert ist. In ihrem Feld begegnet sie nun den Tr\u00e4gern der \u201eorthodoxen\u201c Position. Sie selbst hat nun die M\u00f6glichkeit, diese Position nachzubilden, oder eine \u201eheterodoxe\u201c Position einzunehmen. Letztlich findet zwischen den Individuen in dem Feld ein Kampf \u00fcber die Deutungshoheit \u00fcber die Spielregeln statt (Schmitt 2006, 18).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Beispiel Sprache<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Beispiel f\u00fcr den Habitus ist die Sprache, die sehr interessant f\u00fcr die Klassismus-Forschung sein kann und die wir im Seminar auch in verschiedenen Texten besprochen hatten:<\/p>\n\n\n\n<p>Im Franz\u00f6sischen wie im Deutschen nutzen marginalisierte Gruppen Sprache, um sich von der wei\u00dfen Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen. Im Franz\u00f6sischen weitaus komplexer sorgt das sogenannte \u201eVerlan\u201c (abgeleitet von \u201e\u00e0 l\u2019envers\u201c) zuweilen daf\u00fcr, dass Au\u00dfenstehende die hervorgebrachten, auf franz\u00f6sischen W\u00f6rtern basierenden, Sch\u00f6pfungen nicht verstehen (Pr\u00e9vos 1996). Im Deutschen wird die \u201eKanacksprack\u201c oft als einfacher Akzent, der darauf hindeutet, dass der- oder diejenige die Sprache nicht korrekt beherrscht, missverstanden (Rehbein, Schalowski, und Wiese 2014).<\/p>\n\n\n\n<p>Die sogenannte Eloquenz einer akzentfreien Sprache der wei\u00dfen Mittelschicht (die auch in dieser wissenschaftlichen Arbeit wiederzufinden ist) steht hier im krassen Kontrast. Schiller und Moli\u00e8re sind Ikonen ihrer Sprache und werden gerne als Vertreter einer h\u00f6heren Sprache, einer \u201ebesseren\u201c Sprache dargestellt, einer Sprache, die, wenn sie richtig beherrscht wird, aus den Sprechenden \u201eetwas\u201c macht. Aus \u201eIsch\u201c muss \u201eich\u201c werden und wer \u201eFriedrisch\u201c anstatt \u201eFriedrich\u201c sagt, geh\u00f6rt nicht zur deutschen Gesellschaft (Kreuder 2018, 271).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kooperation und Assimilation an die deutsche Sprache werden gleichgesetzt mit der Vorstellung, etwas erreichen zu k\u00f6nnen. Dies kn\u00fcpft an post-koloniale Theorien wie zum Beispiel Achille Mbembe sie formuliert hat, an, die die Verwendung der Kolonialsprache als Aufgabe der eigenen Identit\u00e4t sehr kritisch betrachten (Mbembe 2014).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kritik am Habitus Konzept<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Gibt es auch Kritik am Habitus-Konzept?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Habitus-Konzept kann au\u00dferdem die gesamte akademische Klassismus-Forschung kritisch hinterfragt werden: Bourdieu sah auch im akademischen Feld einen Raum, der symbolische Gewalt reproduziert. So war f\u00fcr ihn beispielsweise die Idee einer herrschaftsfreien Kommunikation nach J\u00fcrgen Habermas \u201ehabitusblind\u201c (Schmitt 2006, 20). Entscheidend ist also nicht nur, welche Symboliken die Realit\u00e4t bestimmen, sondern auch, wer die Definitionsmacht hat, sie zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade ein so viel zitiertes Konzept wie der Habitus zieht selbstredend auch Kritik auf sich. Externe akademische Kritik am Konzept kam dabei immer wieder aus unterschiedlichen Richtungen: Stephan Moebius verweist auf Alain Caill\u00e9, der bem\u00e4ngelt, dass in Bourdieus Theorie die Menschen immer nur nach dem Kosten-Nutzen-Kalk\u00fcl handeln w\u00fcrden und au\u00dferdem das \u00f6konomische Kapital ohne Beweis zum wichtigsten der vier Kapitale verkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere Kritiker*innen beanstanden die fehlende terminologische Unterscheidung zwischen Gewalt, Macht und Herrschaft. Verschiedene Poststrukturalist*innen (darunter Judith Butler) verweisen auf die \u201eUnberechenbarkeit der f\u00fcr die Strukturerhaltung notwendigen Wiederholung\u201c des Habitus \u00fcber Generationen hinweg (Moebius 2011, 66). Schmitt sieht eher die Problematik eines zu hoch angelegten sozialen Determinismus, sowie die M\u00f6glichkeit, dass nicht alle situativen Konflikte mit dem Konzept realit\u00e4tsnah erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnten (Schmitt 2006, 27). Als Leser*in vom Bourdieus Texten springt jedoch als gr\u00f6\u00dfter Kritikpunkt seine klassistische Schreibweise mit ihren Formulierungen und sehr langer Satzketten selbst ins Auge, die f\u00fcr Leser*innen au\u00dferhalb des akademischen Milieus kaum verst\u00e4ndlich zu sein scheint.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz bleibt Bourdieu ein wichtiger Faktor f\u00fcr jedes emanzipatorische Denken, dass sich aus den uns jeweilig betreffenden versteckten Herrschaftsverh\u00e4ltnissen symbolischer Gewalt befreien m\u00f6chte und damit auch f\u00fcr die Klassismus-Forschung. F\u00fcr mich hat das Konzept eine gewisse Zeitlosigkeit erreicht, vielleicht ebenso wie \u201eDas Kapital\u201c von Karl Marx f\u00fcr jegliche Kapitalismuskritik. Selbst wenn einige Aspekte noch weiter ausformuliert und ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnten, so wird der Habitus doch in der Grundausstattung eines jeden Werkzeugkastens f\u00fcr Klassismus bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch meiner Tochter werde ich versuchen mitzugeben, welche Habitus-Struktur-Konflikte ihr in ihrem Leben begegnen k\u00f6nnten und wie sie sich daraus befreien kann. Dies wird kein einfacher Weg sein, aber das Bewusstsein f\u00fcr den Habitus, den wir alle im Alltag und in jeder Konversation \u201eperformen\u201c, ist ein erster Schritt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Bibliographie<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Bourdieu, Pierre. Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2014\u2014\u2014. Die m\u00e4nnliche Herrschaft. 5. Auflage.&nbsp; Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2012.<\/p>\n\n\n\n<p>Ernaux, Annie. \u201eLa distinction, oeuvre total et revolutionnaire\u201c. In : Edouard Louis. Pierre Bourdieu: L\u2019insoumission en h\u00e9ritage, herausgegeben von Edouard Louis. Paris: Presses Universitaires de France, 2016.<\/p>\n\n\n\n<p>Fuchs-Heinritz, Werner, und Alexandra K\u00f6nig. Pierre Bourdieu Eine Einf\u00fchrung. Konstanz: UVK, 2014.<\/p>\n\n\n\n<p>Krais, Beate und Gunter Gebauer. Habitus, 31\u201360. Bielefeld : transcript, 2002. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.14361\/9783839400173-004\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/doi.org\/10.14361\/9783839400173-004\">https:\/\/doi.org\/10.14361\/9783839400173-004 <\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Moebius, Stephan. \u201ePierre Bourdieu: Zur Kultursoziologie und Kritik der symbolischen Gewalt\u201c. In: Stephan Moebius und Dirk Quadflieg. Kultur. Theorien der Gegenwart, 55\u201369. Wiesbaden: VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften, 2011.<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/978-3-531-92056-6_5\"> https:\/\/doi.org\/10.1007\/978-3-531-92056-6_5 <\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Peter, Lothar. \u201eProlegomena zu einer Theorie der symbolischen Gewalt\u201c. \u00d6ZS. \u00d6sterreichische Zeitschrift f\u00fcr Soziologie 36, Nr. 4 (2011): 11\u201331. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/s11614-011-0001-7\">https:\/\/doi.org\/10.1007\/s11614-011-0001-7 <\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt, Robert. \u201eSymbolische Gewalt (violence symbolique)\u201c. Stuttgart: JBMetzler, 2014. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/978-3-476-01379-8_51\">https:\/\/doi.org\/10.1007\/978-3-476-01379-8_51 <\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Schmitt, Lars. \u201ePierre Bourdieu: Symbolische Gewalt\u201c. Konfliktdynamik 2, Nr. 1 (2013): 74\u201376. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5771\/2193-0147-2013-1-74\">https:\/\/doi.org\/10.5771\/2193-0147-2013-1-74 <\/a><\/p>\n\n\n\n<p>\u2014\u2014\u2014. \u201eSymbolische Gewalt und Habitus-Struktur-Konflikte: Entwurf einer Heuristik zur Analyse und Bearbeitung von Konflikten\u201c. Wissenschaftliche EinrichtungenSCHIFF &#8211; Schleswig-Holsteinisches Institut f\u00fcr Friedenswissenschaften, 2006. <a href=\"http:\/\/edoc.vifapol.de\/opus\/volltexte\/2011\/3406\/\">http:\/\/edoc.vifapol.de\/opus\/volltexte\/2011\/3406\/<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Kreuder, Friedemann. 2018. \u201eTheater zwischen Reproduktion und Transgression k\u00f6rperbasierter Humandifferenzierungen\u201c. In <em>Un\/doing Differences<\/em>, 234\u201358. Velbr\u00fcck Wissenschaft. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5771\/9783845292540-235\">https:\/\/doi.org\/10.5771\/9783845292540-235 <\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Mbembe, Achille. 2014. <em>Kritik der schwarzen Vernunft<\/em>. 1. Auflage. Berlin: Suhrkamp.<\/p>\n\n\n\n<p>Pr\u00e9vos, Andr\u00e9 J. M. 1996. \u201eThe Evolution of French Rap Music and Hip Hop Culture in the 1980s and 1990s\u201c. <em>The French Review<\/em> 69 (5): 713\u201325. <a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/397134\">https:\/\/www.jstor.org\/stable\/397134<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Rehbein, Ines, S\u00f6ren Schalowski, und Heike Wiese. 2014. \u201eThe KiezDeutsch Korpus (KiDKo) Release 1.0\u201c. In .<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Lynn Hruschka, <em>Bourdieus\u2019 Habitus und seine Relevanz f\u00fcr die Klassismus-Forschung<\/em>, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 07.11.2022, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=300\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=300 <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lynn Hruschka (SoSe 2022) F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist das Konzept des Habitus eines der wenigen akademischen Theorien, auf die ich im Laufe meines Studiums gesto\u00dfen bin und die mich nachtr\u00e4glich beeindruckt haben. Der Habitus hat mir pl\u00f6tzlich Dinge verst\u00e4ndlich gemacht, f\u00fcr die ich vorher keine Worte hatte. 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