{"id":309,"date":"2022-11-21T13:33:44","date_gmt":"2022-11-21T12:33:44","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=309"},"modified":"2022-11-21T13:33:44","modified_gmt":"2022-11-21T12:33:44","slug":"check-your-privilege-und-dann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/11\/21\/check-your-privilege-und-dann\/","title":{"rendered":"Check your privilege \u2013 und dann?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Individualisierung des Klassismus-Begriffs und die neo-liberale Vereinnahmung von Diversity<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Amelie Kloas (SoSe 2022) <\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Klassistische Diskriminierung oder kapitalistische Ausbeutung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">W\u00e4hrend der Begriff des Klassismus nicht nur im akademischen Gebrauch, sondern auch gesamtgesellschaftlich immer pr\u00e4senter wird, scheint es, als w\u00fcrde der Begriff Klasse(nkampf) in linksradikalen Ecken versauern. Eine kulturalistische Analyse von Klasse und die Individualisierung klassistischer Diskriminierung charakterisieren einen b\u00fcrgerlichen Diskurs, der die Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung der Arbeiter*innen nicht nur auf die Mikroebene herunterbricht und somit Handlungsm\u00f6glichkeiten unterbindet, sondern diese Mechanismen manifestiert. Auch wenn die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien elementar f\u00fcr die weiterf\u00fchrende Analyse mit gesamtgesellschaftlichen Strukturen ist, tut sich eine Falle auf, wenn das Problem <em>white privilege<\/em> und nicht <em>white supremacy, <\/em>klassistische Diskriminierung und nicht kapitalistische Ausbeutung, Sexismus und nicht Patriarchat, Homophobie und nicht Heteronormativit\u00e4t hei\u00dft. Intersektionale Perspektiven helfen uns, Unterdr\u00fcckungs- und Ausbeutungsmechanismen besser zu verstehen, wenn wir analysieren, dass diese anhand verschiedener Kategorien verlaufen und miteinander verzahnt sind. Die Individualisierung dieser intersektionalen Mechanismen aber raubt politische Handlungsm\u00f6glichkeiten. Im Folgenden werden in Tradition marxistischer Theorie die Individualisierung des Klassismus-Begriffs und die neo-liberale Vereinnahmung von Diversity analysiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu wird zun\u00e4chst die Genese des Klassismus-Begriffs skizziert. In diesem Zuge soll erg\u00e4nzend auch der Begriff Klasse besprochen werden und inwiefern sich diese Kategorie von anderen Identit\u00e4tskonstruktionen unterscheidet. Daran anschlie\u00dfend soll die Individualisierung von Diskriminierungsformen, insbesondere des Klassismus diskutiert werden. Nach einer Skizzierung des Konzeptes der Intersektionalit\u00e4t und ihrer Relevanz f\u00fcr klassenpolitische Fragen wird umrissen, welche Bedeutung aus dem Umgang mit den eigenen Privilegien weiterhin aus dem Konzept der Diversity Trainings hervorgeht. Abschlie\u00dfend sollen Handlungswege und das emanzipatorische Potential ebendieser aufgezeigt werden. Dieses Essay will als schwesterliche Kritik einen Beitrag zu der Diskussion zum Verh\u00e4ltnis der eigenen politischen Praxis, des eigenen politischen Seins, der eigenen Situiertheit in unserer Gesellschaft und den strukturellen Problemen des Systems beitragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Genese des Klassismus-Begriffs<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Klassismus-Begriff ist umstritten. Er bezeichnet je nach Definition die Diskriminierung einzelner Personen oder Personengruppen entweder aufgrund ihrer jeweiligen <em>Klassenumst\u00e4nde<\/em> oder ihrer sozialen <em>Herkunft\/Schicht\/Position<\/em>. Der Begriff reiht sich auch semantisch durch sein Suffix in andere Diskriminierungsformen ein, thematisiert innerhalb der meisten Definitionen eher die Auswirkungen, nicht eigentlichen Urspr\u00fcnge von Klassismus (Dermitzaki, 2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst sich die Nutzung des Begriffs auf die Lesbengruppe Furies, welche sich in den USA in den 1970ern gegen das neoliberale Narrativ des sozialen Aufstiegs durch Anstrengung positioniert und aus einer gesellschaftlichen Positionierung als Arbeiter*innen_t\u00f6chter die klassistische Diskriminierung skandalisiert. Durchsetzen konnte sich diese kapitalismuskritische Analyse aber nicht und einer der heute bekanntesten Klassismusforscher, Chuck Barone, verhandelt Klasse als sozial konstruierte Kategorie. Im deutschsprachigen Raum besteht die Schw\u00e4che des englischen Begriffs <em>class<\/em>, n\u00e4mlich die mangelnde Unterscheidung zwischen Klasse und Schicht, zumindest semantisch nicht. Trotzdem setzt sich in Deutschland bis heute das Verst\u00e4ndnis von Klassismus als \u201epers\u00f6nliche, intergruppale und kulturelle Unterdr\u00fcckung\u201c aus den USA nicht nur in sozialwissenschaftlichen, sondern auch aktivistisch politischen Kontexten durch (Baron, 2014). Andreas Kemper definiert Klassismus als \u201eAusbeutung, Marginalisierung, Gewalt, Macht und Kulturimperialismus aufgrund der sozialen Herkunft oder Position\u201c (Kemper, 2016). Gegenstand von Diskussion sollte hier durchaus sein, warum in dieser Definition der Grund als soziale Herkunft oder Position, nicht die Klassenzugeh\u00f6rigkeit benannt wird. Anhand dessen stellt sich heraus, dass dieser Klassismusbegriff eben als alltagspolitischer Begriff Wirkung entfaltet- die urs\u00e4chlichen Gr\u00fcnde, n\u00e4mlich das kapitalistische Wirtschaftssystem, geraten hier mindestens in den Hintergrund und Klassismus wird zu einer Form von Diskriminierung, die durch \u201eanti-klassistische Praxis\u201c wie das Besuchen von Workshops aufgehoben werden kann. Auff\u00e4llig sind wohl auch Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit den Begriffen Klasse und Klassenkampf. Beispielhaft: Andreas Kemper stellt im Zuge der Konzeptualisierung einer Anti-Klassismus Matrix vier analytische Elemente von Klassismus auf. Eines davon der Klassenkampf. Kemper aber schreibt, dass dieser besser als \u201eKlassenaufhebungspraxis\u201c bezeichnet werden k\u00f6nne (Kemper, 2016). Begriffe mit marxistischer Konnotation werden gemieden bzw. neue Begriffe f\u00fcr solche erfunden, die es seit Jahrhunderten gibt. Weiter noch, die ein und dasselbe meinen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Differenzkategorien \u2013 warum Klasse anders ist<\/h2>\n\n\n\n<p>Einige Klassismus-Forscher*innen verhandeln die Kategorien class, race, gender, sexuality und body analytisch einheitlich. Somit entsteht teilweise die Annahme, auch Klasse w\u00e4re sozial konstruiert. Die analytische Kategorie Klasse aber beschreibt keine mehrheitsgesellschaftlich zugeschriebene Zugeh\u00f6rigkeit, sondern trifft Aussagen \u00fcber die Widerspr\u00fcche des kapitalistischen Systems und versucht die Ursachen struktureller Ungleichheit zu verorten&nbsp;(Baron, 2014). In anderen Worten: Differenzkategorien wie <em>gender<\/em> und <em>race<\/em> m\u00fcnden zwar in materieller Ungleichbehandlung, lassen sich aber nicht dadurch begr\u00fcnden. Sie sind sozial konstruiert, lassen sich historisch mit Kolonialismus, Patriarchat und Kapitalismus verkn\u00fcpfen. Klasse hingegen ist eine Kategorie, die sich aus den systemimmanenten materiellen Ungleichheiten des Kapitalismus begr\u00fcndet. Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit und Ableismus stellen Ausbeutungs- und Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnisse <em>im<\/em> Kapitalismus dar. Tupoka Ogette beschreibt, wie Rassismus schon im 15. Jahrhundert die \u201eideologische Untermauerung\u201c einer \u201eweltweiten Pl\u00fcnderungsindustrie\u201c bildet. Auch wenn wir zu dieser Zeit noch nicht von Kapitalismus sprechen k\u00f6nnen, so wird deutlich, wie die Differenzkategorie <em>race<\/em> konstruiert wird, um Profitmaximierung durch Ausbeutung, hier durch die <em>Maafa, <\/em>zu generieren. Weiterhin, dass wir die Entstehung der Differenzkategorie <em>race<\/em> nicht von Kolonialismus und Imperialismus, sp\u00e4ter auch von Kapitalismus trennen k\u00f6nnen&nbsp;(Ogette, 2020).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Individualisierung von Klassismus<\/h2>\n\n\n\n<p>Die eben angef\u00fchrte Argumentation verwirft nicht den Anspruch, klassistische Diskriminierung anzuerkennen und dagegen zu k\u00e4mpfen. Die Reflektion der eigenen Sprache, die Auseinandersetzung mit Exklusionsmechanismen und Zugangsm\u00f6glichkeiten im eigenen Umfeld muss zwangsl\u00e4ufig erfolgen, darf aber nicht verkennen, dass nicht klassistische Diskriminierung urs\u00e4chlich f\u00fcr Unterdr\u00fcckung und Ausschluss ist, sondern die Ausbeutung im kapitalistischen System. Diese raubt Arbeiter*innen jegliche Ressourcen die n\u00f6tig w\u00e4ren, um am gesellschaftspolitischen Leben teilzuhaben. Personen in Lohnarbeit erwirtschaften mit ihrer Arbeitskraft einen Mehrwert, welcher durch die Kapitalist*innenklasse angeeignet wird. Die Differenz von geschaffenem Mehrwert und verg\u00fcteter Arbeitskraft stellt den erwirtschafteten Profit&nbsp;(Lhotzky, 2016, 2021). Diese Logik bildet die \u00f6konomische Grundlage des Kapitalismus und verzahnt sich mit patriarchaler und rassistischer Unterdr\u00fcckung. Das Kapital \u2013 \u00f6konomisches, kulturelles sowie soziales \u2013 sammelt sich monopolartig in den H\u00e4nden weniger Menschen. Seeck und Thei\u00dfl formulieren treffend: \u201eKlassismus lediglich als Diskriminierungsform zu verstehen, ohne die (Um-)Vertei-lungsfrage zu stellen, greift zu kurz und steht einer emanzipatorischen antiklassistischen Politik entgegen\u201c&nbsp;(Seeck &amp; Thei\u00dfl, 2021).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Individualisierung von Klassismus, wie auch bei allen anderen sozialen Kategorien, entl\u00e4sst das System aus der Verantwortung und verschleiert und\/oder manifestiert damit die bestehenden Verh\u00e4ltnisse. Erfolgt eine Reduktion von Klassismus auf Einstellungen und Verhalten einzelner Personen(gruppen), so ger\u00e4t au\u00dfer Acht, dass Klassismus keine Nebenwirkung des kapitalistischen Systems, sondern eine Notwendigkeit ist. Anti-Klassistische Arbeit ist durchaus notwendig, bleibt aber nur ein leeres Versprechen, wenn nicht auch die \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse in Analyse und Handlungsstrategien mit einbezogen werden. Weiterhin sind Differenzkategorien wie Klasse, Sexualit\u00e4t, Geschlecht und <em>race<\/em> keine Identit\u00e4tsmarker, die ahistorisch und isoliert auftreten, sondern soziale Beziehungen, die sich erst in Einbettung bestehender Machtverh\u00e4ltnisse ausformulieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Individuelle Erfolgsgeschichten werden exemplarisch gerne daf\u00fcr genutzt, das neoliberale Narrativ von sozialem Aufstieg zu untermauern. Dass Klassen- oder Schichtmigration nur den wenigsten m\u00f6glich ist und dem Gro\u00dfteil der Arbeiter*innenklasse verwehrt bleibt, wird dabei ausgelassen. Laut Daten der Hans-B\u00f6ckler Stiftung ist ein sozialer Aufstieg in den Jahren 2009-2013 36% aller armen Menschen in die \u201euntere Mitte\u201c gelungen. Das sind 11% weniger als noch 1991-1995. Der Aufstieg in die \u201eobere Mitte\u201c gelang 2009-2013 nur 7% aller armen Menschen. Als arm gilt in diesen Berechnungen, wer weniger als 60% des mittleren Einkommens in Deutschland erh\u00e4lt (Spannagel, 2016). Weiterf\u00fchrend ist nicht nur das Erfolgsversprechen unrealistisch, auch wird nicht danach gefragt, warum sozialer Aufstieg \u00fcberhaupt notwendig oder w\u00fcnschenswert ist. Neben dem kapitalistischen Leistungsgedanken ist es wohl das Bewusstsein dar\u00fcber, dass die Lebensqualit\u00e4t armer Menschen mit erheblichen M\u00e4ngeln verkn\u00fcpft ist. Das Versprechen des sozialen Aufstiegs versucht diese Widerspr\u00fcche abzud\u00e4mpfen. Weiterhin relevant ist hier, dass die Gr\u00fcnde f\u00fcr das Nicht-Gelingen von Klassenmigration wieder individuell bei Einzel-Personen selbst angesiedelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hanappi-Egger und Kutscher kritisieren, dass die \u201eoftmals rein sozialkategorische, auf der sozialen Identit\u00e4tsebene angesiedelte Konzeptionierung von Gruppen und Subgruppen [.] pers\u00f6nliche Individualit\u00e4t, nicht aber Gemeinschaftlichkeit und Solidarit\u00e4t in den Blick [nimmt]\u201c. Weiterhin Gegenstand von Kritik ist hier die \u201eReproduktion [..] essentialistischer Identit\u00e4tskonzepte[.]\u201c (Hanappi-Egger &amp; Kutscher, 2015, S. 22). Eine festzustellende Individualisierungstendenz des neo-liberalen Zeitalters verschiebt Fragen der sozialen Gerechtigkeit in den privaten Raum und verortet die Verantwortung eben daf\u00fcr bei Einzelpersonen oder Gruppen, nicht aber im Kollektiv. Damit einher geht ein Verlust emanzipatorischen Potentials- ist es doch die eigene individuelle Verantwortung, wenn sich das Versprechen des sozialen Aufstiegs nicht erf\u00fcllt. Weiterhin relevant ist eine \u201eGeneralisierungstendenz\u201c, wonach sich immer mehr Menschen der Mittelschicht zugeh\u00f6rig f\u00fchlen und eine Art klassenlose Gesellschaft postuliert wird, sowie die Zugeh\u00f6rigkeit der sozialen Schicht\/Klasse als fluide verstanden wird. Damit einher geht auch hier die Verantwortungszuschreibung f\u00fcr die eigene sozio\u00f6konomische Position zu einzelnen Individuen. Eine Identifikation mit der Arbeiter*innenklasse findet nicht statt, was das Erkennen struktureller Ungleichheit unterbindet (Hanappi-Egger &amp; Kutscher, 2015).<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt also resultiert aus der Generalisierungstendenz unserer neo-liberalen Gesellschaft zun\u00e4chst eine erschwerte Identifikation als Teil der Arbeiter*innenklasse, also als Gegenstand eines Kollektivs. Weiterhin, selbst wenn eine solche Identifikation erfolgt, wird durch die Individualisierungstendenz die Kausalit\u00e4t f\u00fcr die eigene Armut nicht etwa im strukturellen Kontext verortet, sondern der individuellen Verantwortung zugeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Intersektionalit\u00e4t<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Begriff der Intersektionalit\u00e4t erlaubt es, Unterdr\u00fcckungs- und Ausbeutungsmechanismen zu analysieren, die anhand verschiedener Differenzkategorien verlaufen. Auch wenn sich zumindest Ambitionen feststellen lassen, Klassismus in Diversit\u00e4ts-Diskurse zu integrieren, greifen diese die strukturelle Benachteiligung von Arbeiter*innen zumeist noch eher selten auf. Dabei ist die Klassenzugeh\u00f6rigkeit elementar f\u00fcr die Entstehung der Theoretisierung von Intersektionalit\u00e4t. Der Begriff wurde erstmalig von 1989 von der Juristin Kimberl\u00e9 Crenshaw eingef\u00fchrt und geht zur\u00fcck auf eine arbeitsrechtliche Klage, die nach einer Entlassungswelle von Arbeiter*innen &#8211; dezidiert Schwarzer Frauen* &#8211; bei General Motors veranlasst wurde. Das Unternehmen konnte weder f\u00fcr Rassismus noch Sexismus belangt werden, denn weder wei\u00dfe Frauen*, noch Schwarze M\u00e4nner* wurden entlassen. Hier findet die Intersektionalit\u00e4t Anwendung: die Diskriminierung l\u00e4sst sich bei diesem Beispiel nicht nur auf <em>gender<\/em> oder <em>race<\/em> beziehen, sondern auf die Intersektion dieser Kategorien. Auch heute noch k\u00f6nnen wir Unterdr\u00fcckungs- und Ausbeutungsmechanismen nur treffsicher analysieren, wenn wir die Intersektionen von Differenzkategorien in den Blick nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispielhaft zeichnet sich hier die Korrelation der Intersektion Armut\/Lebensverh\u00e4ltnisse und Rassismus durch eine Wechselwirkung aus. In Deutschland wird der Niedriglohn- bzw. der prek\u00e4re Sektor von Migrant*innen dominiert \u2013 insbesondere Frauen*. Diese Intersektion l\u00e4sst sich in Deutschland historisieren, sp\u00e4testens ab der letzten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts wird diese mehr als deutlich: Im Zuge der Gastarbeiter*innenbewegung aus europ\u00e4ischen S\u00fcdstaaten und der T\u00fcrkei, ab den 70\u2019ern Migrationsbewegungen in die DDR aus zum Beispiel Vietnam, 1988 dann Zuwanderungen aus Russland und sp\u00e4ter Fluchtbewegungen aus zum Beispiel Syrien oder Afghanistan. Gerade im Kontext organisierter Arbeitsmigration migrieren Personen aus eher \u00e4rmeren L\u00e4ndern nach Deutschland, um dann Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse einzugehen, die gesellschaftlich wenig bis nicht anerkannt sind. Das sogenannte deutsche Wirtschaftswunder steht auf den Schultern der Ausbeutung von Arbeitskraft besonders migrantischer Arbeiter*innen. Die Unterscheidung von wei\u00df\/nicht-wei\u00df des deutschen Rassismusbegriffs reicht oft nicht aus, wie am Beispiel rum\u00e4nischer Arbeiter*innen auf deutschen Spargelh\u00f6fen deutlich wird. Die Intersektion von Rassismus und Klassismus wird, wie bei vielen anderen Intersektionen, oft nicht erkannt. Im Weg steht das neoliberale Narrativ: <em>jede*r ist seines Gl\u00fcckes Schmied<\/em>. Der Zugang zu den ben\u00f6tigten Ressourcen aber ist stark abh\u00e4ngig von den finanziellen Mitteln des Elternhauses und Zugangsm\u00f6glichkeiten von struktureller Diskriminierung gepr\u00e4gt. Das beginnt bereits im Kindergarten und der Schule, \u00e4u\u00dfert sich bei der Wohnungssuche oder am Arbeitsplatz (Dermitzaki, 2020). Was die Konzeptualisierung von Intersektionalit\u00e4t auch mit sich bringt, ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien. Besonders, die Bewusstmachung der eigenen Identit\u00e4tsmarker und der gesamtgesellschaftliche Situiertheit.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Privilegiencheck und Diversity Trainings<\/h2>\n\n\n\n<p>Beliebte politische Praxis im Kontext der Diversity Sensibilisierung ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien. Auch in aktivistischen Kreisen ist immer wieder die Rede von \u201eCheck your privilege\u201c. Ob Privilegiengalerie, kritische M\u00e4nnlichkeitsworkshops, critical whiteness oder allyship: all diese Ideen verbindet eine Gemeinsamkeit: der Glaube daran, es selbst besser und damit zumindest das eigene Umfeld zu einem diskriminierungs\u00e4rmeren Raum zu machen. Aber: Welche fundamentalen Zugest\u00e4ndnisse macht das Patriarchat, wenn Cis-M\u00e4nner einen Workshop zu kritischer M\u00e4nnlichkeit besuchen? Lackieren sich dann endlich alle die N\u00e4gel? Das ist nicht der Anspruch dieser Trainings \u2013 vielen ist das klar. Und trotzdem sind diese skizzierten Diskurse keine Seltenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Privilegien sind Vorteile, Anspr\u00fcche und Dominanz, die bestimmten Gruppen innerhalb spezifischer Kontexte gesellschaftlich zugesprochen werden. Sie sind Sondervorteile \u2013 nicht universell, nicht f\u00fcr alle g\u00fcltig. Privilegien werden zugestanden, nicht durch pers\u00f6nliche Anstrengung verdient und stehen in Korrelation zu einem pr\u00e4ferierten Status. Die Aus\u00fcbung von Privilegien erfolgt unter Profitierung derjenigen, die sie besitzen \u2013 auch wenn bei privilegierten Gruppen oft kein Bewusstsein \u00fcber den Besitz dieser Privilegien besteht. Die Unterdr\u00fcckung von Personen ohne spezifische Privilegien erh\u00e4lt den status quo aufrecht. Im Falle klassenspezifischer Privilegien wird das Bestehen der Klassengesellschaft abgesichert (Black &amp; Stone, 2011).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien kann ein erster Schritt sein, um greifbar zu machen, in welchem System wir leben. Allein die Bewusstmachung der eigenen Situiertheit in der Gesellschaft, kann M\u00f6glichkeiten zur Analyse struktureller Ausbeutungs- und Unterdr\u00fcckungsmechanismen er\u00f6ffnen.&nbsp; Privilegienchecks sind wertvoll im Kontext des nahen sozialen Umfelds, die Identifikation der eigenen Perspektive notwendig, um ernsthaft und glaubw\u00fcrdig politische Arbeit zu leisten und dem eigenen Anspruch der Schaffung diskriminierungsarmer R\u00e4ume gerecht zu werden. Unterdr\u00fccker und Unterdr\u00fcckte m\u00fcssen sich ihrer relativen Rolle, also auch dem Besitz von Privilegien, bewusst sein, um gegen ein System der Ungerechtigkeit zu k\u00e4mpfen (Black &amp; Stone, 2011). Privilegien sind etwas Strukturelles, nicht individuell. Entscheidend ist die eigene Auseinandersetzung nicht damit, Privilegien zu besitzen, sondern, mit diesen umzugehen. Eine konstruktive Verhandlung der eigenen Privilegien erkennt an, dass diese aus einem System der Unterdr\u00fcckung hervorgehen und nutzt die damit einhergehenden Ressourcen f\u00fcr einen Beitrag zur Befreiung der Unterdr\u00fcckung Aller (Kashtan, 2019).<\/p>\n\n\n\n<p>Konzepte und Umsetzungen von Diversity Trainings unterscheiden sich mitunter stark. W\u00e4hrend es solche gibt, die die eben skizzierten Chancen er\u00f6ffnen, l\u00e4sst sich gleichzeitig feststellen, dass oft auch eine Aneignung von Diversity f\u00fcr Profitmaximierung festzustellen ist (Hanappi-Egger &amp; Kutscher, 2015). Diversity Trainings k\u00f6nnen zwar zu einem Abbau von pers\u00f6nlicher Voreingenommenheit und Vorurteilen f\u00fchren, evidenzbasiert zeigt sich aber, dass damit nicht automatisch ein R\u00fcckgang von (struktureller) Diskriminierung zu verzeichnen ist. Diese n\u00e4mlich ist Produkt von Einstellungen und Gewohnheiten aber auch institutionalisierten Mechanismen und l\u00e4sst sich nicht allein durch un(ter)bewusste Voreingenommenheit erkl\u00e4ren. Diversity Trainings m\u00fcssen als Teil weiterer Diversity Ma\u00dfnahmen verstanden werden, um strukturelle Diskriminierung abzubauen (Dobbin &amp; Kalev, 2018).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Handlungswege und emanzipatorisches Potential<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eIndividualisierung macht Diskriminierung unsichtbar\u201c \u2013 fasst Dimitra Dermitzaki zusammen (2020). Der Umgang mit den eigenen Privilegien, wie auch das Konzept von Diversity Workshops ist fruchtbar in direkter sozialer Umgebung, f\u00fcr ein systemisches Problem aber braucht es kollektive Antworten. Daf\u00fcr elementar ist zuallererst nat\u00fcrlich ein Problembewusstsein, welches durchaus auch durch eine individualisierte Perspektive geschaffen werden kann. Dabei darf es aber nicht bleiben \u2013 die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien muss weiterf\u00fchren und sich mit Fragen struktureller Diskriminierung, mit systemimmanenten Unterdr\u00fcckungs- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen auseinandersetzen. Durch die Individualisierung, egal welcher Differenzkategorien, werden Handlungswege verschlossen und emanzipatorisches Potential untergraben. Die Identifikation als Kollektiv und die Verortung von Barrieren auf struktureller, systemischer Ebene erst erlaubt es, auf Ver\u00e4nderung zu hoffen. Der Klassismus-Begriff unterscheidet sich je nach Denkschule \u2013 deutlich ist aber, dass die dominante Auslegung auf die soziale Schicht verweist und sich zumeist mit den Auswirkungen klassistischer Diskriminierung befasst. Nicht die Dekonstruktion sprachlicher Vertikalismen, wie einige poststrukturalistische Ans\u00e4tze innerhalb der Diskussion um die Konzeptualisierung des Klassismus-Begriffs versieren, sondern die Identifikation der lohnabh\u00e4ngigen Klasse als potentiell handlungsf\u00e4higes Kollektiv, sowie eine explizite Integration einer Analyse der \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse entfaltet emanzipatorisches Potential und er\u00f6ffnet Handlungsm\u00f6glichkeiten hin zu einer gerechteren Gesellschaft (Baron, 2014). Diversity Trainings k\u00f6nnen, wenn eingebettet in breitere antikapitalistische, diskriminierungskritische Zusammenh\u00e4nge, einen Teil dazu beitragen. Auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien, der eigenen Situiertheit in der Gesellschaft kann ein erster Schritt zu einer weiterf\u00fchrenden Kritik an den unterdr\u00fcckerischen Strukturen des Systems sein, sowie ein essenzieller Bestandteil der eigenen politischen Befreiungsk\u00e4mpfe.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Literaturverzeichnis<\/h2>\n\n\n\n<p>Baron, C. (2014). Klasse und Klassismus. Eine kritische Bestandsaufnahme. <em>PROKLA. Zeitschrift f\u00fcr kritische Sozialwissenschaft<\/em>(175), S. 225-235. doi:10.32387\/prokla.v44i175.172 <span><a href=\"\"><\/a><\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Black, L. L., &amp; Stone, D. (2011). Expanding the Definition of Privilege: The Concept of Social Privilege. <em>Journal of Multicultural Counseling and Development<\/em>(4), S. 243-255. doi:10.1002\/j.2161-1912.2005.tb00020.x <\/p>\n\n\n\n<p>Dermitzaki, D. (2020). Zur \u00dcberschneidung von Rassismus und Klassismus. &#8222;Individualisierung macht Diskriminerung unsichtbar&#8220;. (A. Vangelista, Interviewer) Von https:\/\/rdl.de\/beitrag\/individualisierter-gesellschaft-ist-diskriminerung-unsichtbar abgerufen<\/p>\n\n\n\n<p>Dobbin, F., &amp; Kalev, A. (2018). Why Doesn&#8217;t Diversity Training Work? The Challenge for Industry and Academia. <em>Anthropology Now<\/em>(2), S. 48-55. doi:10.1080\/19428200.2018.1493182 <\/p>\n\n\n\n<p>Hanappi-Egger, E., &amp; Kutscher, G. (2015). Entgegen Individualisierung und Entsolidarisierung: Die Rolle der sozialen Klasse als suprakategorialer Zugang in der Diversit\u00e4tsforschung. In E. Hanappi-Egger, &amp; R. Bendl, <em>Diversit\u00e4t, Diversifizierung und (Ent)Solidarisierung.<\/em> Wiesbaden: Springer VS.<\/p>\n\n\n\n<p>Kashtan, M. (2019). Why and How Facing Your Privilege Can Be Liberating. <em>Understanding &amp; Dismantling Privilege<\/em>(1), S. 22-30.<\/p>\n\n\n\n<p>Kemper, A. (2016). <em>Klassismus. Eine Bestandsaufnahme.<\/em> Th\u00fcringen: Friedrich-Ebert-Stiftung.<\/p>\n\n\n\n<p>Lhotzky, K. (Hrsg.). (2016, 2021). <em>Karl Marx und Friedrich Engels. Gesammelte Werke.<\/em> M\u00fcnchen: Anaconda Verlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ogette, T. (2020). <em>exit RACISM. rassismuskritisch denken lernen.<\/em> M\u00fcnster: UNRAST-Verlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Seeck, F., &amp; Thei\u00dfl, B. (2021). <em>Solidarisch gegen Klassismus organisieren, intervenieren, umverteilen.<\/em> UNRAST.<\/p>\n\n\n\n<p>Spannagel, D. (2016). <em>Soziale Mobilit\u00e4t nimmt weiter ab. WSI-Verteilungsbericht 2016.<\/em> D\u00fcsseldorf: Sertzkasten GmbH.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Amelie Kloas, <em>Check your privilege \u2013 und dann? Die Individualisierung des Klassismus-Begriffs und die neo-liberale Vereinnahmung von Diversity<\/em>, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 07.11.2022, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=309\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=309<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Individualisierung des Klassismus-Begriffs und die neo-liberale Vereinnahmung von Diversity Amelie Kloas (SoSe 2022) Klassistische Diskriminierung oder kapitalistische Ausbeutung W\u00e4hrend der Begriff des Klassismus nicht nur im akademischen Gebrauch, sondern auch gesamtgesellschaftlich immer pr\u00e4senter wird, scheint es, als w\u00fcrde der Begriff Klasse(nkampf) in linksradikalen Ecken versauern. 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