{"id":316,"date":"2022-11-22T14:30:29","date_gmt":"2022-11-22T13:30:29","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=316"},"modified":"2022-11-22T14:33:12","modified_gmt":"2022-11-22T13:33:12","slug":"wieso-klassismus-als-diskriminierungsform-anerkannt-werden-sollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2022\/11\/22\/wieso-klassismus-als-diskriminierungsform-anerkannt-werden-sollte\/","title":{"rendered":"Wieso Klassismus als Diskriminierungsform anerkannt werden sollte."},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Essay.  <\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Anonym (SoSe 2022)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Nicht jedes Jahr in den Urlaub fahren, die B\u00fccher von der Schule gestellt bekommen, Antr\u00e4ge stellen um mit auf Klassenfahrt zu k\u00f6nnen. So sah meine Lebensrealit\u00e4t aus und im Studium geht es weiter: keine gro\u00dfen Auslandsaufenthalte, kein unbezahltes Praktikum annehmen k\u00f6nnen, nach Berlin pendeln, da Wohnen hier so teuer ist, die Berliner- Mieten stemmen zu m\u00fcssen, nur ein weiteres Problem, ein weiterer Stressfaktor w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend meine KommilitonInnen f\u00fcr all diese Dinge Ressourcen zur Verf\u00fcgung haben, diese Sorgen in ihrem Leben keine Rolle spielen, plane ich beim Stundenplan-Erstellen meinen Nebenjob fest mit ein, kann dabei nicht so frei w\u00e4hlen, wie ich will und f\u00fcr ein unbezahltes Praktikum ist auch keine Zeit. Es sind kleine Unterschiede, denen ich mir zuvor nie richtig bewusst war. Dass auch ich von Klassismus betroffen bin, habe ich erst richtig im Seminar verstanden. Auch wenn ich diese Unterschiede gemerkt habe, waren sie kein gro\u00dfes Thema oder ich wollte sie nicht an mich heranlassen. Schlie\u00dflich komme ich so ja auch klar. Ich tue nur einfach immer mehr, k\u00e4mpfe immer mehr, um das, was ich will und erreichen mag, weil ich das alles allein stemmen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich nie richtig ausgeschlossen gef\u00fchlt, aber auch nie richtig dazugeh\u00f6rig. Das ist genauso unangenehm. Vielleicht weil es subtiler ist, weil dich niemand wegst\u00f6\u00dft und direkt ablehnt. Vielleicht weil du immer denkst, das hat etwas mit dir zu tun, du bist nicht genug, du bist nicht richtig. Dabei kannst du gar nichts daf\u00fcr. Aber Klassismus, also diese kleinen feinen Unterschiede, machen es so einfach dich selbst in Frage zu stellen, dich mit Personen zu vergleichen, die eine ganz andere Lebensrealit\u00e4t haben, an die du nicht so einfach herankommst, mit der du nicht aufgewachsen bist. Am Ende hat mich Klassismus gelehrt, stark zu sein, stark sein zu m\u00fcssen. Mich zu positionieren, durchzuk\u00e4mpfen, meine St\u00e4rke ist harte, ehrliche Arbeit und damit kann ich meine Ziele erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ganze erst so sp\u00e4t zu verstehen, ist schwierig. Es hat mich ein wenig aus der Bahn geworfen, mich ganz anders auf mein Leben zur\u00fcckblicken lassen. Im Seminar habe ich schlie\u00dflich nicht nur gelernt, dass Klassismus existiert und mich betrifft, sondern auch, dass das Thema lange ignoriert wurde. Zwar erkl\u00e4rt das, wieso ich zuvor nie wirklich etwas davon geh\u00f6rt habe, wirklich fair finde ich das aber nicht. Klassismus ist nicht einfach nur ein Thema f\u00fcr Uniseminare, sondern ein Diskriminierungsgrund, ein real existierendes Problem, das Ungleichheiten erzeugt. Ein Problem, \u00fcber das AkademikerInnen schreiben und forschen, w\u00e4hrend ArbeiterInnen sich klein und wertlos f\u00fchlen. Ein Problem unserer modernen Gesellschaft, dem mehr Aufmerksamkeit zuteilen werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Andreas Kemper macht sich f\u00fcr diese Auffassung stark. Er f\u00fchrt an, dass \u2013 laut dem dritten Antidiskriminierungsbericht \u2013 die soziale Herkunft neben dem Geschlecht die wirkungsm\u00e4chtigste Querschnittskategorie ist.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Als wei\u00dfe cis Frau kann ich dem nur zustimmen. In der Caleidoscopia-\u00dcbung zu Beginn des Seminars haben die Kategorien Geschlecht und soziale Herkunft bei mir die ersten beiden Pl\u00e4tze eingenommen, da ich ansonsten viele Privilegien genie\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Diskriminierungserfahrungen ich als Frau mache, welche Benachteiligungen ich dadurch erfahre, m\u00f6chte ich im Folgenden nicht weiter thematisieren, da es sich zum einen mit vielen \u00fcberschneidet, was bereits bekannt ist und ich in diesem Essay einen Fokus auf Klassismus als gesellschaftliche Unterdr\u00fcckungsform werfen m\u00f6chte. Auch wenn Kategorien sich immer wieder \u00fcberschneiden und Mehrfachdiskriminierungen erzeugen, eine gewisse Intersektionalit\u00e4t nicht zu vernachl\u00e4ssigen ist, entscheide ich mich hier ganz bewusst \u00fcber Klasse, Klassenherkunft- und -unterschiede zu schreiben. Denn dieser wirkungsm\u00e4chtigen Kategorie wird noch zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht. Ein Grund daf\u00fcr k\u00f6nnte sein, dass es Ende der 1990er Jahre ohne weitere Diskussionen im Zuge der Amsterdamer Vertr\u00e4ge als Diskriminierungsmerkmal entfernt wurde und seitdem nicht wieder aufgenommen wurde.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Weitere Gr\u00fcnde wie Diskriminierung aufgrund des Alters, der sexuellen Orientierung und k\u00f6rperlicher Behinderung sollte im Zuge der Amsterdamer Vertr\u00e4ge ebenfalls entfernt werden, wurden jedoch wieder aufgenommen.<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wieso die soziale Herkunft nicht? Wieso soll diese keine Rolle spielen, wenn dadurch eine Abwertung und eine Abgrenzung stattfindet? Wie Francis Seek betont, ist Klassismus nichts anderes als die Aufrechterhaltung und Legitimierung von sozialer Ungleichheit in unserer Gesellschaft.<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff, um dieses Diskriminierungsmerkmal zu beschreiben, ist bereits vorhanden und das nicht erst seit Kurzem. Er existiert seit \u00fcber hundert Jahren. Erstmals tauchte er 1974 bei der US-amerikanischen Gruppe \u201eThe Furies\u201c auf. Auch in Deutschland organisierten sich in den 1970er- und 1980er-Jahren Arbeiter_Innent\u00f6chter an Hochschulen. In den sp\u00e4ten 80er-Jahren bildeten sich Prolesben-Gruppen, die Strategien gegen soziale Ungleichheit und ein Umverteilungsfond f\u00fcr Lesben in prek\u00e4ren Situationen einrichteten.<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Klassismus ist demnach kein neuer Begriff, er wurde in der Breite nur nicht zur Kenntnis genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ankn\u00fcpfend an diese ersten Gruppen f\u00fcr eine antiklassistische Praxis f\u00fchrt Andreas Kemper eine Bestandaufnahme f\u00fcr Deutschland an. Neben den feministischen Selbstorganisationen gibt es die sogenannten Social Justice Trainings, die als Empowerment f\u00fcr Menschen aus den benachteiligten Gruppen dienen sollen sowie f\u00fcr privilegierte Menschen, um eine Sensibilisierung zu schaffen. Hier wird Klassismus als ein Modul gelernt, neben weiteren Diskriminierungsformen wie Sexismus, Heterosexismus und Antisemitismus. Als weiteren Bereich nennt Kemper die antiklassistische Bildungspolitik. Dazu z\u00e4hlt er die WCPCA-Verteiler, die aus der US-amerikanischen Gruppe \u201eWorking Class\/Poverty Class Academics\u201c entstand. Dabei handelt es sich um E-Mail-Verteiler, von AkademikerInnen mit einer Herkunft aus der ArbeiterInnenklasse. Nachdem der j\u00e4hrlich stattfindende Kongress zur Bildungsbenachteiligung\/Klassismus 2011 vom Fikus-Referat an der Uni M\u00fcnster ausgerichtet wurde, etablierten sich auch in Deutschland WCPCA-Verteiler. Seither existieren \u00fcber 60 deutschsprachige.<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Hier endet die Bestandsaufnahme von Kemper, da er folglich nur noch von Perspektiven und Ma\u00dfnahmen reden kann, die getroffen werden sollten. Fehlende Ma\u00dfnahmen, offene Baustellen, die zeigen, wie wenig Beachtung Klassismus entgegengebracht wird. Es erscheint wie eine traurige Selbstironie, wenn ein Institut f\u00fcr Klassismusforschung nicht gen\u00fcgend finanzielle Ressourcen besitzt. Und es wird deutlich, was f\u00fcr ein blinder Fleck Klassismus in Institutionen und im Schulbereich ist, wenn Ma\u00dfnahmen gegen Diskriminierung existieren und sogar Projekte wie \u201eSchule gegen Rassismus\u201c entstehen, diese aber nicht auf Klassismus \u00fcbertragen oder angepasst werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine antiklassistische Praxis in Deutschland existiert bereits und verweist darauf, dass Klassismus ein Problem ist, eine Diskriminierungsform, der wir \u2013 genauso wie anderen Formen der Unterdr\u00fcckung und Benachteiligung von Menschen \u2013 nachgehen und bek\u00e4mpfen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Aktualit\u00e4t Klassismus besitzt, betont Seek, als sie auf die Coronapandemie verweist. W\u00e4hrend die Wirtschaft eingebrochen ist, haben Milliard\u00e4re weltweit ihr Verm\u00f6gen um 60% gesteigert und auch die zehn reichsten Deutschen haben im Coronajahr 2020 eine Steigerung ihres Verm\u00f6gens um 35% gegen\u00fcber dem Vorjahr verbucht. Die Armutsquote liegt bei 15,9% und ist damit so hoch wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr.<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Dabei sind die Langzeit-Auswirkungen von zwei Jahren Pandemie noch nicht Mal im vollen Ma\u00dfe sp\u00fcrbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Zahlen verdeutlichen bereits jetzt, dass auch vor dem Coronavirus nicht alle Menschen gleich sind. \u00dcber diese Unterschiede, \u00fcber diese Zahlen, die Klassismus auf dem Silbertablett servieren, ist jedoch wenig bekannt, wird wenig berichtet. Denn Klassismus ist &#8211; gegen\u00fcber anderen Diskriminierungsformen wie Sexismus oder Rassismus &#8211; weitgehend unbekannt. Auch wenn Andreas Kemper und Heike Weinbach bereits \u00fcber zehn Jahren eine Einf\u00fchrung in das Thema Klassismus ver\u00f6ffentlichten, passierte erst etwas, nachdem literarische und autobiografische B\u00fccher erschienen sind. Von Einzelschicksalen zu erfahren, funktionierte nicht nur in den Massenmedien, sondern auch hier besser, brachte dem Thema mehr Aufmerksamkeit und ein besseres Verst\u00e4ndnis entgegen. So konnten sich alle &#8211; privilegierte Menschen sowie benachteiligte &#8211; mehr darunter vorstellen, dem noch eher unbekannten Begriff etwas zuordnen beziehungsweise endlich einen Begriff haben, der alles beschreibt und ihn mit Wissen f\u00fcllen oder eigenen Erfahrungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es funktionierte auch bei mir. Der Einstieg ins Seminar mit autobiographischen Texten war augen\u00f6ffnend, hat den ganzen diffusen Erfahrungen, die ich gemacht habe und nicht so recht einordnen konnte, die ich damals nicht so recht verstand, einen Spiegel vorgehalten. Es ist so wie Arslan meint: \u201eIch glaube als Arbeiter*innen-Kind, dass man aus der Person der Betroffenen schon sehr viel reflektiert. Du hast einfach den Blick von unten.\u201c <a href=\"#_ftn8\" id=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Mir fiel es leicht mich in den Beschreibungen von den unterschiedlichen Autor*innen wiederzufinden. Zum Beispiel berichtet Stengele \u00fcber ihre Klassenherkunft, erz\u00e4hlt wie sie bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist, im Studium keine unbezahlten Praktika annehmen konnte und auf eine Notl\u00f6sung zur\u00fcckgreifen musste, beschreibt damit auch die Unterschiede zwischen ihr und den anderen Studierenden. Zudem beschreibt sie einen Entfremdungsprozess von ihrem bisherigen Umfeld und wie sich ihre Ansichten und ihre Sprache ver\u00e4ndert haben.<a href=\"#_ftn9\" id=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Jedes Mal, wenn ich meine Familienmitglieder \u00fcber meine Hausarbeiten lesen lasse, sp\u00fcre ich diese Unterschiede, wie fremd ihnen diese akademische Sprache ist und was ich da eigentlich tue. Wenn ich mit anderen Studierenden rede, in der Mensa zusammensitze, sp\u00fcre ich ebenfalls Unterschiede. Ich kann nicht so einfach l\u00e4nger studieren, mir noch Zeit lassen, da ich auf Baf\u00f6g angewiesen und damit an die Regelstudienzeit gebunden bin. Zwar teilen wir auch viele Erfahrungen, k\u00f6nnen uns austauchen, werde ich in einigen Punkten besser verstanden, kann mich und meine akademische Sprache entfalten, aber uns trennen dennoch verschiedene Welten. So wie Stengele hat meine Klassenherkunft mein Leben gepr\u00e4gt und tut es immer noch. Ich bin mitten in diesem Entfremdungsprozess, stehe zwischen den St\u00fchlen, geh\u00f6re in beide Welten, meiner Heimat und der der akademischen Lehre, nicht (mehr) recht hin. Durch die Texte, das Seminar und die gesamte Auseinandersetzung mit dem Thema Klassismus habe ich gelernt, dass das Ganze, dieser Prozess, nicht einfach nur etwas mit dem Erwachsenwerden zu tun hat, der Tatsache, dass ich n\u00e4chsten Sommer meine Bachelorarbeit schreibe und dann wieder ins Ungewisse trete. Nein, es ist meine Klassenherkunft, die mir diese Erfahrungen einbringt, mich diese Unterschiede sp\u00fcren l\u00e4sst, mich unpassend f\u00fcr die St\u00fchle macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am meisten konnte ich mich mit den Schilderungen von Barbara Blaha identifizieren. So wie bei ihr ist irgendwie immer aufgefallen, dass wir mit f\u00fcnf Kindern viele sind, dass diese Familiengr\u00f6\u00dfe nicht ganz \u00fcblich ist. Bei dem Besuch von SchulfreundInnen sind mir auch Kleinigkeiten aufgefallen, die ich als Kind einfach erstmal nur registriert habe. Ich habe die besseren Einrichtungen gesehen, die teuren technischen Ger\u00e4te und das meine FreundInnnen sich ihre Zimmer nicht mit den Geschwistern teilen mussten. Meine Mutter ist alleinziehend und neben den Klamotten meiner Geschwister, die ich getragen habe, haben wir auch welche geschenkt bekommen. Das kannten die anderen nicht, das gab es bei denen nicht. Auch meiner Mutter war mein schulischer Erfolg nicht so wichtig, sie hat mir da nie Druck gemacht. Ihr war es immer nur wichtig, dass es mir gut geht, dass ich gl\u00fccklich werde.<a href=\"#_ftn10\" id=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Mich mit Baha zu identifizieren, war so einfach, da auch f\u00fcr mich das \u201eLesen ein sehr gro\u00dfer Punkt ist\u201c<a href=\"#_ftn11\" id=\"_ftnref11\">[11]<\/a>. Ich habe immer gern und viel gelesen und gehe begeistert in meine Literaturseminare, f\u00fchle mich in der Germanistik gut aufgehoben. Ich bin die einzige meiner Geschwister, die studiert. Zwei von ihnen haben ebenfalls begonnen, aber wieder abgebrochen. Somit bin ich die Einzige, die einen Universit\u00e4tsabschluss in Sichtweite hat. (Ein ganz komisches Gef\u00fchl, dass auf einmal so aufzuschreiben, weil ich mich dadurch nicht anders oder besser als sie f\u00fchle.)<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den Erfahrungen, die auch Blaha schildert, wie sich st\u00e4ndig darum zu k\u00fcmmern, welche soziale Unterst\u00fctzungsm\u00f6glichkeiten man beantragen kann, sind es auch die Empfindungen, die \u00fcbereinstimmen und die sie so treffend beschreibt. Denn es ist ein permanenter Stress, ein Gef\u00fchl nicht ganz hierherzugeh\u00f6ren, \u201eein Gef\u00fchl grunds\u00e4tzlicher \u00dcberforderung\u201c <a href=\"#_ftn12\" id=\"_ftnref12\">[12]<\/a>. Tats\u00e4chlich will ich mich aber gar nicht gro\u00df beklagen, habe nicht das Gef\u00fchl, dass es mir so schlecht ging. Denn wir hatten alles, was wir brauchten, f\u00fcr unsere Grundversorgung war gesorgt. Auch ich habe oft geh\u00f6rt, dass wir uns etwas nicht leisten k\u00f6nnen, dass etwas zu teuer ist, fr\u00fch gelernt was Sparen ist und gelernt mich in W\u00fcnschen, die Konsumg\u00fcter betreffen, zur\u00fcckzunehmen. Aber: \u201eEs war mehr das Gef\u00fchl, dass wir zwar keine Kohle haben, aber es ist trotzdem okay\u201c <a href=\"#_ftn13\" id=\"_ftnref13\">[13]<\/a>. Wir hatten immer zu Essen, ein Dach \u00fcber den Kopf, unsere Schulbildung. Das hat alles geklappt, das hat uns allen auch zugestanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will mich nicht gro\u00df beklagen, da meine Klassenherkunft mich schlie\u00dflich vieles gelehrt hat, mir vor allem beibrachte, wie ich ganz allein stark sein muss, wie stark ich sein kann. Ich wusste es ja, habe es immer gesp\u00fcrt, dass ich andere Voraussetzungen hatte und habe und ich daher immer mehr strampeln muss, mich selbst organisieren und somit extrem selbst\u00e4ndig werden musste. Doch das ist auch, wie Blaha betont, eine starke Antriebskraft, zu wissen, ich habe das ganz allein gemacht, ich habe das alles allein geschafft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich sp\u00fcre das und ich sch\u00e4tze das sehr, doch ich merke auch, dass meine KommilitonInnen ge\u00fcbter darin sind, das Wort in sozialen Situationen zu ergreifen, dass sie mehr freie Zeit zur Verf\u00fcgung haben, Zeit und Geld haben in den Ferien lange Urlaub im Ausland zu machen. Und inzwischen, da bin ich mir ziemlich sicher, merke nicht nur ich das, sondern auch die anderen. Auch meinen privilegierten Mitstudierenden f\u00e4llt auf, dass es Unterschiede gibt. Ich erinnere mich gut an die Situation, als ich mit einem Freund zusammen in der Mensa sa\u00df, der mit mir Germanistik an der FU studiert und er meinte, er w\u00fcsste gar nicht wie er das alles manchmal machen soll, wenn er noch arbeiten gehen m\u00fcsste, so wie ich. W\u00e4hrend er seine Hausarbeiten immer wieder aufschiebt, als Altlasten mitschleppt, plant sich mehr Zeit f\u00fcrs Studium zu lassen, so sieben vielleicht auch acht Semester, bin ich dazu angehalten, dass alles schnell zu erledigen, da ich Arbeit noch einplanen und mir meinen Stundenplan in jedem Semester vollhauen muss, da ich in sechs Semestern abschlie\u00dfen sollte, um finanzielle Unterst\u00fctzung zu erhalten. Er zieht den Hut vor mir. Einen Hut, den ich mir niemals aufsetzten kann, da er mir nie passen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Gespr\u00e4ch, durch all meine Erfahrungen im Leben und im Seminar habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, dar\u00fcber zu reden. Ich will das tun, das ganze Thema nicht unsichtbar werden lassen. Ich will weiterhin lernen mit anderen ins Gespr\u00e4ch zu kommen, mich auszutauschen und meine Erfahrungen zu berichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die soziale Herkunft und Lage pr\u00e4gen unser Leben, unsere Ansichten, unsere Sprache, M\u00f6glichkeiten und Voraussetzungen, die Art, wie wir mit Geld umgehen, wie wir von unserem zuk\u00fcnftigen Leben tr\u00e4umen. Klassismus bildet eine Diskriminierungsform, einen Grund sich ausgeschlossen zu f\u00fchlen, Benachteiligungen zu erfahren oder von seinen Privilegien zu profitieren. Demnach bin ich daf\u00fcr, diesen Ismus als eine Art der Diskriminierung anzuerkennen und sich dar\u00fcber zu bilden sowie Ma\u00dfnahmen gegen Klassismus zu entwickeln und zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> vgl. Andreas Kemper. 2018. Die vergessene Benachteiligung. Warum Klassismus ein eigenst\u00e4ndiges Diskriminierungsmerkmal sein sollte, S.2.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> vgl. ebd. S.1.<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> vgl. Friedrich Ebert Stiftung. Landesb\u00fcro Th\u00fcringen (Hrsg.). Andreas Kemper 2016. \u201eAntiklassistische Praxis in Deutschland\u201c. In: Klassismus. Eine Bestandsaufnahme, S.20.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> vgl. Francis Seek 2022. Klassismus. Die ignorierte Diskriminierungsform.&nbsp;In: Dies. Zugang verwehrt, S.13.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> vgl. ebd. S.17-18.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> &nbsp;vgl. Andreas Kemper 2016. \u201eAntiklassistische Praxis in Deutschland\u201c. In: Klassismus. Eine Bestandsaufnahme, S. 16.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> vgl. Francis Seek 2022. Klassismus: Die ignorierte Diskriminierungsform. In: Dies. Zugang verwehrt, S.15.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a> Zeyneb Arslan 2021. Ich will dahin, aber ich komme nicht rein. &nbsp;In: Bettina Aumair\/Brigitte Thei\u00dfl (Hrsg.). Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben pr\u00e4gt, S. 142.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> vgl. Julischka Stengele 2021. Ich habe einen hohen Preis bezahlt. In: Bettina Aumair\/Brigitte Thei\u00dfl (Hrsg.). Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben pr\u00e4gt, S.167-170.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a> vgl. auch Blaha, Barbara 2021. Arbeiter*innen sind nicht die besseren Menschen.&nbsp;In: Bettina Aumair\/Brigitte Thei\u00dfl (Hrsg.). Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben pr\u00e4gt, S.53- 59.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref11\" id=\"_ftn11\">[11]<\/a> ebd. S. 60.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref12\" id=\"_ftn12\">[12]<\/a> ebd. S.63.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn13\" href=\"#_ftnref13\">[13]<\/a> ebd. S.64.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Anonym, <em>Wieso Klassismus als Diskriminierungsform anerkannt werden sollte. Ein Essay<\/em>, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 22.11.2022, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=316\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=316<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Essay. Anonym (SoSe 2022) Nicht jedes Jahr in den Urlaub fahren, die B\u00fccher von der Schule gestellt bekommen, Antr\u00e4ge stellen um mit auf Klassenfahrt zu k\u00f6nnen. 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