{"id":347,"date":"2023-05-16T16:05:28","date_gmt":"2023-05-16T14:05:28","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=347"},"modified":"2023-05-17T11:44:26","modified_gmt":"2023-05-17T09:44:26","slug":"who-matters-fehlende-diversitaet-in-der-deutschen-klimabewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2023\/05\/16\/who-matters-fehlende-diversitaet-in-der-deutschen-klimabewegung\/","title":{"rendered":"Who matters? (Fehlende) Diversit\u00e4t in der deutschen Klimabewegung"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kim Winter (WiSe 2022\/23)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Wie ich zum Klimaschutz gekommen bin? Na, in der Grundschule habe ich schon bei Umweltschutzaktionen in der bayrischen Kleinstadt mitgewirkt, in der ich aufgewachsen bin. Meine Mutter hat mich begleitet als ich mit 8 Jahren unbedingt zu Greenpeace wollte \u2013 auch wenn die mir nur eine Brosch\u00fcre in die Hand gedr\u00fcckt haben. Als ich in der Schule war, gab es Fridays for Future nicht, aber ich bin mir sicher ich h\u00e4tte an den Demos teilgenommen, denn meine Noten lie\u00dfen es zu, mal einen Tag zu fehlen und die Lehrer*innen meinten es meistens gut mit mir. Wie ich aufgewachsen bin? Na, in einem Reihenhaus mit meiner Mutter, (meinem Vater), meiner Schwester und einer Katze. Klar, war ich auf dem Gymnasium. Absolute deutsche, <em>wei\u00dfe<\/em> Mittelschicht. In den sp\u00e4ten 2010er Jahren entsprach ich dem absoluten Clich\u00e9: Ich esse vegetarisch und kleide mich hippie-esk. Grade mit dem Abi fertig, m\u00f6chte ich durch die Welt reisen, am liebsten nach Indien oder S\u00fcdafrika und mich dort sozial engagieren. Rassistisch? Bin ich nicht \u2013 ich bin doch kein Nazi!<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist schon klar, worauf ich hinauswill. N\u00e4mlich, dass mir der Zugang zu politischer Bildung und klimasch\u00fctzendem Engagement nicht schwer gemacht wurde. Dennoch wurde in meiner Sozialisation so vieles ausgeblendet. \u00dcber (Neo-)Kolonialismus wusste ich nichts, au\u00dfer dass es mal so eine Konferenz gab auf der ein paar alte, wei\u00dfe M\u00e4nner aus Europa den ganzen Kontinent Afrika wie einen Kuchen unter sich aufteilten (habe ich in einer Karikatur gesehen). Die kolonialen Kontinuit\u00e4ten, die anhaltende Ungerechtigkeit, die katastrophalen Auswirkungen des ausbeuterischen Systems Kapitalismus im Globalen S\u00fcden wurden nicht erw\u00e4hnt. Damals h\u00e4tte man au\u00dferdem noch guten Gewissens \u201eDritte-Welt L\u00e4nder\u201c gesagt. Auch das Thema (Anti-)Rassismus wurde nur unzureichend behandelt. Rassismus wurde mit Neo-Nazis gleichgesetzt. Genauso wenig wurde in der Schule oder dem dominierenden \u00f6ffentlichen Diskurs \u00fcber die Widerstandsbewegungen marginalisierter Menschen aus dem globalen S\u00fcden und\/oder BIPoC-Aktivist*innen gesprochen. Dass diese langj\u00e4hrigen, mutigen Bewegungen auch etwas mit meinem pers\u00f6nlichen Herzensthema Umweltschutz zu tun haben k\u00f6nnten, kam mir dabei nie in den Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei basiert die heutige Klima(gerechtigkeits)bewegung auf der Arbeit so vieler Schwarzer Menschen und Menschen of Color, deren Engagement und Einsatz von der (deutschen,) <em>wei\u00dfen<\/em> Dominanzgesellschaft aktiv ausgeblendet und unsichtbar gemacht wird. Wie drastisch diese Tatsache ersichtlich wird, m\u00f6chte ich im sp\u00e4teren Verlauf an einem Beispiel aufzeigen. W\u00e4hrend Menschen des Globalen Norden historisch gesehen f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Anteil des menschengemachten Klimawandels verantwortlich sind und von der Ausbeutung des Globalen S\u00fcdens und der Zerst\u00f6rung von \u00d6kosystemen enorm wirtschaftlich profitiert haben, sind es L\u00e4nder und Menschen des Globalen S\u00fcdens, die am st\u00e4rksten unter den Folgen der Klimakrise leiden (Bechert, Dodo, Kartal, 2021, S.9). Sehr anschaulich ist diese ungerechte Verteilung von Ressourcen und historischer Verantwortung an der Klimakrise in der <em>Carbon Map<\/em> dargestellt, die alle L\u00e4nder der Erde nach Background (Hintergrund), Responsibility (Verantwortung) und Vulnerability (Verwundbarkeit) aufteilt und dabei die L\u00e4nder je nach Anteil fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig vergr\u00f6\u00dfert oder verkleinert (Kiln, Carbon Map).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"946\" height=\"494\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/files\/2023\/05\/1-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-349\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/files\/2023\/05\/1-1.png 946w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/files\/2023\/05\/1-1-300x157.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/files\/2023\/05\/1-1-768x401.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Abb.1: Fl\u00e4che der L\u00e4nder nach historischer Verantwortung an freigesetztem CO<sub>2<\/sub> von 1850 bis 2011.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"995\" height=\"538\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/files\/2023\/05\/2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-350\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/files\/2023\/05\/2.png 995w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/files\/2023\/05\/2-300x162.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/files\/2023\/05\/2-768x415.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Abb. 2: Fl\u00e4che der L\u00e4nder nach Armutsrisiko.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden werde ich die deutsche Klimabewegung anhand verschiedener Diskriminierungsebenen genauer betrachten. Eingehen werde ich hierbei auf die Merkmale Klasse\/soziale Herkunft, Gender und race\/ethnicity. Auch weitere Diversit\u00e4tsdimensionen wie Ability spielen eine Rolle f\u00fcr die Diversit\u00e4t in der deutschen Klimabewegung sowie f\u00fcr das Ausma\u00df der Betroffenheit von Klimafolgen. Leider bietet dieses Essay nicht den Rahmen, auf alle Dimensionen einzugehen, weswegen ich nur die zuvor genannten hier beleuchten werde. Abschlie\u00dfend er\u00f6rtere ich verschiedene L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge und Verbesserungsm\u00f6glichkeiten, wie die deutsche Klimabewegung inklusiver und gerechter werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zum Begriff Klimagerechtigkeit und Rassismus in der deutschen Klimabewegung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eRassismus und die Klimakrise haben dieselben Wurzeln. Wir k\u00f6nnen keines dieser Probleme ignorieren, wenn wir das andere bek\u00e4mpfen wollen. Eine rassistische Klimabewegung kann niemals eine gerechte Zukunft schaffen.\u201c (Nowshin, 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Klimakrise ist keine Gefahr, die in ferner Zukunft liegt. F\u00fcr viele Menschen sind die Auswirkungen der Erderhitzung schon seit Jahrzehnten deutlich sp\u00fcrbar. Extremwetterereignisse, Naturkatastrophen, D\u00fcrreperioden und der Anstieg des Meeresspiegels nehmen Menschen im Globalen S\u00fcden nach und nach die Existenzgrundlagen. Diese Folgen werden f\u00fcr die deutsche Dominanzgesellschaft aber erst relevant, wenn sie hier vor Ort sp\u00fcrbar werden, wie die Flutkatastrophe im Ahrtal im Sommer 2021 gezeigt hat. \u00dcber dieses Ereignis berichten deutsche Medien immer noch vereinzelt. Die wesentlich verheerendere, monatelang anhaltende Flutkatastrophe in Pakistan im darauffolgenden Jahr, in der Millionen Menschen ihr Zuhause verloren (bpb, 2022), war den deutschen Medien hingegen nur ein paar Tage der Berichterstattung wert.<\/p>\n\n\n\n<p>Klimagerechtigkeit ist also ein Ansatz, in dem Verantwortung an der Klimakrise und deren Folgen sowie die von dieser Betroffenen mitgedacht werden und globale Gerechtigkeit eine wichtige Rolle spielt. Die Anf\u00e4nge der Klimagerechtigkeitsbewegung, damals Umweltgerechtigkeitsbewegung, sind vermutlich in den 1980er Jahren der USA zu finden als die mehrheitlich Schwarze Bev\u00f6lkerung in Warren County, North Carolina, anfing sich zu organisieren, nachdem die Regierung beschlossen hatte, Giftm\u00fcll in der Region zu deponieren. Die Bewohner*innen veranstalteten Protestm\u00e4rsche und \u00fcbten zivilen Ungehorsam aus, wobei insgesamt \u00fcber 500 Menschen festgenommen wurden. Die Protestierenden stellten sich nicht nur gegen Umweltverschmutzung, sondern gegen soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Hierarchien. Viele der nachfolgenden Umweltgerechtigkeitsbewegungen entstanden aus dem Engagement von BIPoC-Communities (Bechert, Dodo, Kartal, 2021, S.47f.).<\/p>\n\n\n\n<p>Klimaschutz muss intersektional gedacht werden und umfasst mehr als den Schutz und Erhalt der \u00d6kosysteme. Globale Machtdynamiken und bestehende strukturelle Ungerechtigkeiten m\u00fcssen beachtet werden. Es reicht nicht aus, auf technische Innovation zu hoffen, um die Erderhitzung einzud\u00e4mmen. Die Klimakrise ist eine globale Verteilungskrise, die nur aus einer sozialen Perspektive gel\u00f6st werden kann. Diversit\u00e4tskomponenten wie Gender, soziale Herkunft\/Klasse, race\/Ethnicity, Nationalit\u00e4t sowie Ability spielen eine Rolle in der Klimakrise. Das Konzept Klimagerechtigkeit fordert demnach die gerechte Verteilung der Verantwortung an der L\u00f6sung der Klimakrise. Gesellschaftliche Aspekte m\u00fcssen ebenso mitgedacht werden wie \u00f6kologische. Daher spreche ich auch nicht von Umwelt- oder Klimaschutz, sondern vorrangig von Klimagerechtigkeit. Bezugnehmend auf die deutsche Klimabewegung werde ich den Begriff Gerechtigkeit sparsamer miteinbinden, da es sich in einzelnen Organisationen nach Definition teilweise noch nicht um einen Kampf f\u00fcr Klimagerechtigkeit handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Black, Indigenous und People of Color (BIPoC) sind in der deutschen Klimabewegung noch immer unterrepr\u00e4sentiert und ihr Einsatz wird bewusst unsichtbar gemacht. So z. B. Anfang 2020, als Vanessa Nakate, eine Schwarze Klimaaktivistin aus Uganda, von einer Nachrichtenagentur aus einem Pressefoto vom Weltwirtschaftswirtschaftsforum in Davos mit vier weiteren, <em>wei\u00dfen<\/em> Klimaaktivist*innen ausgeschnitten wurde (Weissenburger, 2020). Eine \u00e4hnliche Situation ereignete sich sp\u00e4ter im selben Jahr in Deutschland, als die Klimaaktivistin Tonny Nowshin an einer Protestaktion gegen ein Kohlekraftwerk, das in Bangladesch entstehen sollte, teilnahm. Auf den offiziellen Pressefotos wurden im Nachhinein nur <em>wei\u00dfe<\/em> Klimaktivist*innen abgegbildet, Nowshin war als einzige Person of Color nicht abgebildet (Bechert, Dodo, Kartal, 2021S.42). Dies sind offensichtlich rassistische Handlungen, die so vermutlich nicht beabsichtigt waren, aber dennoch deutlich zeigen, wie rassistische Strukturen und internalisierter Rassismus die deutsche Gesellschaft pr\u00e4gen. Aktivist*innen of Color werden unsichtbar gemacht, werden nicht geh\u00f6rt oder gesehen und die Klimabewegung wird <em>wei\u00df<\/em> gelesen. <em>Wei\u00dfe <\/em>Aktivist*innen pr\u00e4gen den Diskurs und ihre Forderungen beziehen sich h\u00e4ufig auf den Globalen Norden. So werden Forderungen aus dem Globalen S\u00fcden weniger Aufmerksamkeit zuteil und die Menschen werden schlichtweg nicht beachtet (ebd., S.45f.) Nowshin schreibt selbst zu dem Vorfall und ihrer Position in der deutschen Klimabewegung: \u201eIch werde in der Klima-Szene geduldet, solange ich sie mir nicht so zu eigen mache wie die&nbsp;<em>wei\u00dfen<\/em>&nbsp;Aktivist:innen. Als&nbsp;BIPoC \u2013 also Schwarze, Indigene und People of Color&nbsp;\u2013 sind wir nur willkommen, wenn wir die&nbsp;Vorzeige-Betroffenen spielen\u201c (Nowshin, 2020).<a><\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Klassismus in der deutschen Klimabewegung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die taz titelte 2019 \u201eZu jung, zu wei\u00df, zu akademisch\u201c und traf den Nagel auf den Kopf. Neben Rassismus ist eine weitere auffallende Komponente der Zusammensetzung von Klimabewegungen in Deutschland die Exklusivit\u00e4t der Bewegung, wie beispielsweise bei Fridays For Future. Am 15. M\u00e4rz 2019 fand ein globaler Klimaprostest statt und Forscher*innen nutzten die Gelegenheit, um Teilnehmende in neun europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zu ihrer Person zu befragen. In Deutschland sprachen die Forscher*innen in Bremen und Berlin mit insgesamt 343 Menschen ab 14 Jahren und f\u00fchrten eine Onlineumfrage mit weiteren 339 Teilnehmenden durch. Das Ergebnis war, dass die meisten Personen Sch\u00fcler*innen zwischen 14 und 19 Jahre alt waren, dicht gefolgt von Studierenden (20-25 Jahre). Au\u00dferdem stellten sie fest:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMehr als die H\u00e4lfte der Befragten wollten das Abitur oder die Fachhochschulreife machen, 30 Prozent hatten einen Uni-Abschluss oder studierten noch, nur knapp 5 Prozent der Aktivisten gaben einen Mittleren Schulabschluss an. 43 Prozent der Befragten f\u00fchlten sich der oberen Mittelschicht zugeh\u00f6rig, ein knappes Drittel der unteren, lediglich 4,5 Prozent z\u00e4hlten sich selbst zur Arbeiterschicht.\u201c (Langrock-K\u00f6gel, 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>Das zeigt: Die Klimaproteste decken nicht alle Bev\u00f6lkerungsgruppen gleicherma\u00dfen ab. Sie vertreten nicht \u201edie Mitte der Bev\u00f6lkerung\u201c, sondern setzen sich tendenziell eher aus privilegierteren Schichten zusammen. Klima-Aktivismus und politisches Engagement sind ein Privileg, dass sich nicht alle leisten k\u00f6nnen. Die wenigsten jungen Menschen k\u00f6nnen es sich leisten, regelm\u00e4\u00dfig freitags in der Schule\/Uni zu fehlen, denn von der Abschlussnote h\u00e4ngen zu h\u00e4ufig auch die Job- und Ausbildungsperspektiven ab. Au\u00dferdem setzt die klimasensible Bubble nicht selten einen bestimmten Lebensstil und Habitus voraus \u2013 wer Fleisch oder tierische Produkte isst, ein Flugzeug besteigt oder der akademischen Sprache mit all ihren Fachbegriffen nicht folgen kann, braucht gar nicht erst versuchen, Teil der Gruppe zu werden. So ist zumindest eine weit verbreitete Vorstellung von der Klima-Bubble, die auch Vorurteilen und falscher Repr\u00e4sentation geschuldet ist, die ich in Teilen aber auch best\u00e4tigen kann. Hier greifen auch intersektionale Diskriminierungen: Beispielsweise machen nicht alle Personen, die ein Flugzeug besteigen, einen All-Inclusive-Urlaub auf Bali, sondern viele Menschen m\u00f6chten ihre Familie in anderen L\u00e4ndern und auf anderen Kontinenten sehen. Doch das wird in der Debatte oft au\u00dferacht gelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Klimabewegung immer noch eine zu kleine, exklusive Gruppe von meist <em>wei\u00dfen<\/em>, privilegierten, jungen Menschen anspricht, ist unter anderem dem neoliberalen Narrativ des \u201e\u00f6kologischen Fu\u00dfabdrucks\u201c geschuldet. Nat\u00fcrlich kann und sollte jede*r Einzelne das eigene Konsumverhalten kritisch reflektieren, aber die Klimakrise ist nicht dadurch gel\u00f6st, dass wir alle Second Hand Kleidung tragen und Hafermilch kaufen. Es braucht eine Ver\u00e4nderung im Fokus von individuellem Konsumverhalten hin zu der Notwendigkeit einer politisch initiierten gesamtgesellschaftlichen Transformation und der Ver\u00e4nderung unseres Wirtschaftssystems. &nbsp;Diese Ver\u00e4nderung l\u00e4sst sich langsam aufgrund von politischer Aufkl\u00e4rungsarbeit von vorrangig BIPoC in Form von Podcasts, Videos, B\u00fcchern und Artikeln zu dem Thema, finden (so z. B. im Online-Talkformat Karakaya Talk, dem Podcast Kanackische Welle oder bei BBQ \u2013 Der Black Brown Queere Podcast #29). Diese r\u00fctteln an den bestehenden eurozentristischen Strukturen und Normen, kritisieren vorherrschende Machtdynamiken und bieten L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge an, auf die ich sp\u00e4ter auch noch eingehen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn unserer Gesellschaft sei ziviles politisches Engagement ein Privileg, das man sich leisten k\u00f6nnen m\u00fcsse. \u201aViele haben erst einmal ganz andere Probleme: Armut, Care-Arbeit oder auch Rassismus und andere Formen von Diskriminierung.\u2018\u201c (Langrock-K\u00f6gel, 2020, Cordula Weimann zitierend)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gender in der deutschen Klimabewegung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die angesprochene Problematik des Privilegs der Klimabewegung manifestiert sich auch in der Diversit\u00e4tsdimension Gender. Wie im obigen Zitat erw\u00e4hnt, spielen neben Klasse und race auch Dinge wie Care-Arbeit eine Rolle beim Grad der Betroffenheit von der Klimakrise und dem Kampf f\u00fcr Klimagerechtigkeit. Care-Arbeit bezeichnet in diesem Kontext jegliche unbezahlte Sorgearbeit. Darunter fallen z. B. Kinderbetreuung und Haushaltsaufgaben. Diese Arbeit wird \u00fcberwiegend von FLINTA* (Female, Lesbian, Inter, Non-Binary, Trans und Agender Personen*) \u00fcbernommen. Somit haben FLINTA* weniger Zugang zu Macht- und Entscheidungspositionen und erhalten weniger Einkommen als cis-m\u00e4nnliche Personen. In der Folge sind sie in Bezug auf Klimafolgen verletzlicher (f\u00fcr eine ausf\u00fchrlichere Erkl\u00e4rung siehe Bechert, Dodo, Kartal, 2021, S.10-12). Auch hier greifen verschiedene Diskriminierungsebenen ineinander: Queere oder trans* BIPoC machen sich angreifbarer, wenn sie sich klimapolitisch engagieren und setzen sich einer anderen Gefahr aus als <em>wei\u00dfe<\/em>, cis-M\u00e4nner, die sich in der \u00d6ffentlichkeit politisch \u00e4u\u00dfern. Die deutsche Klimabewegung ist ungew\u00f6hnlich stark von FLINTA* dominiert. Das ist eine positive Beobachtung, dennoch muss man sich fragen, woran das liegt. Wie zuvor kurz ausgef\u00fchrt, sind FLINTA* von den Folgen der Klimakrise st\u00e4rker betroffen und handeln somit aus einer Position der Unterdr\u00fcckung heraus, aus der sie sich durch politisches Engagement selbst erm\u00e4chtigen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu merkst: Es ist insbesondere f\u00fcr Menschen, die direkt von den Klimafolgen betroffen sind, nicht m\u00f6glich, Klimakrise und Umweltzerst\u00f6rung von sozialer Ungleichheit und global wirksamen Macht- und Unterdr\u00fcckungsstrukturen zu trennen.\u201c (Bechert, Dodo, Kartal, 2021, S.10-12)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr eine diversere Klimabewegung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Durch die herausgearbeiteten Diversit\u00e4tsdimensionen wird ersichtlich: Die Klimabewegung weist deutlichen Bedarf an Anpassungen und Verbesserungen auf. Hierf\u00fcr haben Klima-Aktivisti schon einige Vorschl\u00e4ge gemacht. So argumentiert Tonny Nowshinb, dass es f\u00fcr mehr Diversit\u00e4t in der Klimabewegung die Notwendigkeit gibt, dieses Problem zun\u00e4chst anzuerkennen: \u201eWeltweit gibt es Diversit\u00e4t in der Klimabewegung, sie wird von Medien jedoch unsichtbar gemacht [\u2026] Die Klimaproteste in Bangladesch gibt es seit 2011. Seit 2016 sind sie richtig gro\u00df. Wenige in Deutschland wissen das.\u201c (Nowshin, zitiert nach Opitz, 2019) Denn nur wer die globalen K\u00e4mpfe f\u00fcr Klimagerechtigkeit kennt, kann sich damit solidarisieren. Um erfolgreich zu sein, muss der Kampf f\u00fcr Klimagerechtigkeit aus vielen verschiedenen Perspektiven solidarisch angegangen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch hier bleibt die Frage: Wer wird geh\u00f6rt und gesehen? Aufgrund der ungerechten Machtgef\u00e4lle ist es wichtig, dass von <em>wei\u00dfen<\/em> Personen dominierte Klimabewegungen nicht-<em>wei\u00dfen<\/em> Menschen zuh\u00f6ren und diesen den R\u00fccken st\u00e4rken. Hier ist aber auch der Kontext wichtig. Wie zuvor beschrieben, sind BIPoC-Aktivist*innen durch ein rassistisches System h\u00f6heren Gefahren ausgesetzt als <em>wei\u00dfe<\/em> Aktivist*innen und erfahren st\u00e4rkere Repression. Aktivist*in Winta P. von \u201eBIPoC for Future\u201c erkl\u00e4rt in Bezug darauf: \u201eEs macht etwa keinen Sinn, BIPoC als Kontaktpersonen zur Polizei zu benennen.\u201c (Malkiowski, 2022) Es braucht also einen sensiblen Umgang mit marginalisierten Personengruppen sowie anti-rassistische Praktiken. Dazu geh\u00f6ren auch Critical-Whiteness- oder Diversity-Trainings, die in sozialen Bewegungen standardisiert werden sollten. Au\u00dferdem, so Winta weiter, braucht es mehr BIPoC- und MAPA-Aktivist*innen (Most Affected People and Areas) in leitenden Positionen, um die Sichtbarkeit zu erh\u00f6hen (ebd.).<\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf Klassismus in der Klimabewegung braucht es ein niedrigschwelliges Angebot f\u00fcr junge Menschen, welches deren eigene Lebenswelt widerspiegelt. Bekannte Personen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, z. B. Sportler*innen, Rapper*innen oder Influencer*innen, k\u00f6nnen eine Vorbildfunktion erf\u00fcllen und Jugendlichen zeigen, dass Klimagerechtigkeit ein Thema ist, das f\u00fcr alle relevant ist und nicht nur einer bestimmten Bubble von privilegierten Personen zug\u00e4nglich ist (Langrock-K\u00f6gel, 2020). Au\u00dferdem ist es wichtig, dass die Klimabewegung mit Gewerkschaften und Arbeiter*innen zusammenarbeitet. Wenn Aktivist*innen beispielsweise Stra\u00dfen blockieren und Menschen daran gehindert werden, ihrer notwendigen Lohnarbeit nachzukommen, von der ihre Existenz abh\u00e4ngt, kann das problematisch sein und abschrecken. Wichtiger w\u00e4re es, diese Menschen auf eine gemeinsame Seite zu bringen und zu verdeutlichen, dass die Industrie und gro\u00dfe Konzerne den Gro\u00dfteil der Treibhausgas-Emissionen verursachen. Insgesamt m\u00fcssen f\u00fcr eine diversere Beteiligung am Kampf f\u00fcr Klimagerechtigkeit Selbstwirksamkeitserfahrungen gest\u00e4rkt werden, sodass Menschen sich erm\u00e4chtigen k\u00f6nnen, sich unterst\u00fctzt und sicher f\u00fchlen, egal welchen Hintergrund sie haben. F\u00fcr deutsche Non-Profit-Organisationen, die an der Schnittstelle von Klimaschutz und Gerechtigkeit arbeiten, gilt: Sie m\u00fcssen auch die Personen besch\u00e4ftigen, die sie als Zielgruppen benennen, um betroffenen Gruppen Raum und Gestaltungsm\u00f6glichkeiten zu lassen, sowie die vorhandene Expertise nutzen zu k\u00f6nnen (Cardoso, Groneweg, 2021). Beispielsweise m\u00fcssen Stellenausschreibungen auch in den passenden Netzwerken gestreut werden und \u201eausdr\u00fccklich die Bewerbung von Menschen f\u00f6rdern, die sich mit marginalisierten Gruppen identifizieren, wie Migrant:innen, BIPoC, Queers und Menschen mit Behinderungen.\u201c (ebd.)<\/p>\n\n\n\n<p>Gerne w\u00fcrde ich auf die einzelnen Ebenen genauer eingehen und weitere Diversit\u00e4tsdimensionen miteinbeziehen, die hier leider keinen Platz gefunden haben. Jedoch hoffe ich, dass dieses Essay einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber die Vielschichtigkeit der Klimagerechtigkeitsbewegung gibt und einen Ansto\u00df f\u00fcr weitere \u00dcberlegungen in diesem Feld bieten kann.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Literatur<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Bechert, L.\/ Dodo, Kartal, S. (Jugend im Bund f\u00fcr Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V., 2021). <em>Kolonialismus und Klimakrise. \u00dcber 500 Jahre Widerstand<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.bundjugend.de\/wp-content\/uploads\/Kolonialismus_und_Klimakrise-ueber_500_Jahre_Widerstand.pdf\">https:\/\/www.bundjugend.de\/wp-content\/uploads\/Kolonialismus_und_Klimakrise-ueber_500_Jahre_Widerstand.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung (20.10.2022). <em>Flutkatastrophe in Pakistan<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/hintergrund-aktuell\/514557\/flutkatastrophe-in-pakistan\/\">https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/hintergrund-aktuell\/514557\/flutkatastrophe-in-pakistan\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Groneweg, M.\/Cardoso, I. (Klimareporter, 13.09.2021) <em>Wie Klima-NGOs inklusiv werden k\u00f6nnen: Diversit\u00e4t kommt nicht von allein.<\/em> <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/protest\/diversitaet-kommt-nicht-von-allein\">https:\/\/www.klimareporter.de\/protest\/diversitaet-kommt-nicht-von-allein<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Langrock-K\u00f6gel, C. (11.02.2020) <em>Nicht wirklich bunt. Wie elit\u00e4r sind die Klimaproteste?<\/em> <a href=\"https:\/\/goodimpact.eu\/recherche\/fokusthema\/wie-elitar-sind-die-klimaproteste\">https:\/\/goodimpact.eu\/recherche\/fokusthema\/wie-elitar-sind-die-klimaproteste<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Malkiowski, J. (taz, 23.09.2022) <em>Kli\u00adma\u00adak\u00adti\u00advis\u00adt*in \u00fcber Diversit\u00e4t. <\/em><em>\u201eFridays for Future ist wei\u00df\u201c <\/em><a href=\"https:\/\/taz.de\/Klimaaktivistin-ueber-Diversitaet\/!5879828\/\">https:\/\/taz.de\/Klimaaktivistin-ueber-Diversitaet\/!5879828\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Nowshin, T. (klimareporter, 17.06.2020) <em>Die Klimabewegung hat ein Rassismus-Problem.<\/em> <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/protest\/die-klimabewegung-hat-ein-rassismusproblem\">https:\/\/www.klimareporter.de\/protest\/die-klimabewegung-hat-ein-rassismusproblem<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Opitz, N. (taz, 13.12.2019) <em>Diversit\u00e4t beim Klimaprotest. Zu jung, zu wei\u00df, zu akademisch. <\/em><a href=\"https:\/\/taz.de\/Diversitaet-beim-Klimaprotest\/!5645995\/\">https:\/\/taz.de\/Diversitaet-beim-Klimaprotest\/!5645995\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Weissenburger, P. (taz, 27.10.2020). <em>Vanessa Nakate und das Foto der AP. Davos, eurozentriert<\/em>. <a href=\"https:\/\/taz.de\/Vanessa-Nakate-und-das-Foto-der-AP\/!5656696\/\">https:\/\/taz.de\/Vanessa-Nakate-und-das-Foto-der-AP\/!5656696\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Abbildungsverzeichnis<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Kiln Enterprises Ltd. <em>The Carbon Map<\/em><strong>. <\/strong><a href=\"https:\/\/www.carbonmap.org\/\"><strong>https:\/\/www.carbonmap.org\/<\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Kim Winters, <em>Who matters? (Fehlende) Diversit\u00e4t in der deutschen Klimabewegung<\/em>, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 16.05.2023, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=347\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=347<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kim Winter (WiSe 2022\/23) Wie ich zum Klimaschutz gekommen bin? Na, in der Grundschule habe ich schon bei Umweltschutzaktionen in der bayrischen Kleinstadt mitgewirkt, in der ich aufgewachsen bin. Meine Mutter hat mich begleitet als ich mit 8 Jahren unbedingt zu Greenpeace wollte \u2013 auch wenn die mir nur eine Brosch\u00fcre in die Hand gedr\u00fcckt &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2023\/05\/16\/who-matters-fehlende-diversitaet-in-der-deutschen-klimabewegung\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWho matters? 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