{"id":357,"date":"2023-05-16T16:22:23","date_gmt":"2023-05-16T14:22:23","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=357"},"modified":"2023-05-16T16:22:23","modified_gmt":"2023-05-16T14:22:23","slug":"geschlechtervielfalt-in-musikwirtschaft-und-livebranche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2023\/05\/16\/geschlechtervielfalt-in-musikwirtschaft-und-livebranche\/","title":{"rendered":"Geschlechtervielfalt in Musikwirtschaft und Livebranche"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was sind die Hintergr\u00fcnde mangelnder geschlechtlicher Diversit\u00e4t im deutschen Musikmarkt?<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eva Briegel (WiSe 2022\/23)<\/h2>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h1>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eFrauen machen Kunst f\u00fcr Frauen, M\u00e4nner machen Kunst f\u00fcr Menschen\u201c <\/p><cite>(Liere, 2022)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Diversit\u00e4t, Gendergerechtigkeit und Inklusion sind in den vergangenen Jahren in den Fokus der deutschen Musiklandschaft ger\u00fcckt. Immer mehr Musikschaffende fragen sich, wie es um ihre Chancen, ihre Kunst einer breiteren \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich zu machen und davon leben zu k\u00f6nnen, eigentlich bestellt ist. Bereits seit einigen Jahren wird eine lebhafte Debatte dar\u00fcber gef\u00fchrt, wie es um das Geschlechterverh\u00e4ltnis in allen Bereichen der deutschen Musikindustrie, aber auch bei den Musikschaffenden selbst, den Songschreiber*innen, Musiker*innen auf und hinter der B\u00fchne, im Bereich Komposition, Musikproduktion, Livegesch\u00e4ft, in Booking-agenturen,&nbsp; bei Radiostationen, im Mediengesch\u00e4ft und vielen anderen Teilbereichen des Musikbusiness steht. Die Bilanz ist ern\u00fcchternd: Trotz vielf\u00e4ltiger Initiativen, einer wachsenden Anzahl an kritischen Stimmen in den Medien und der Branche selbst und eines sich wandelnden Problembewusstseins sind die Fortschritte seit dem Aufkommen der Debatte um mehr Inklusion im Popgesch\u00e4ft und eine Entwicklung in Richtung Vielfalt bescheiden. Noch immer ist der allergr\u00f6\u00dfte Teil der Musikwirtschaft m\u00e4nnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin seit vielen Jahren Teil der Musikbranche und habe immer wieder erlebt, in welchen Abh\u00e4ngigkeiten sich junge K\u00fcnstler*innen befinden, welche gro\u00dfe Rolle es spielt, (von M\u00e4nnern) gemocht zu werden und in welchem Ausma\u00df junge K\u00fcnstler*innen von allen Formen von Sexismus betroffen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Arbeit soll beleuchtet werden, welche Gender-Stereotypen dazu f\u00fchren, dass es einer Branche, die von sich behauptet, sich durch Offenheit, Toleranz und Vielf\u00e4ltigkeit auszuzeichnen, so schwerf\u00e4llt, sich sichtbar zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hauptteil<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zahlen<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Anteil an Frauen in den deutschen Charts ist seit Jahren r\u00fcckl\u00e4ufig. Eine Studie des Streaminganbieters Qobuz kommt zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2021 nur 7,32% &nbsp;aller Top-20-Titel in Deutschland von Frauen interpretiert wurden (<em>Diversit\u00e4t in den deutschen Charts: Frauenquote erreicht 2021 Tiefstwert<\/em>, 2022). In einer Erhebung der MaLisa Stiftung sollten noch genauere Daten erhoben werden. 2021 veranlasste sie Recherchen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit in der Musikbranche. Dar\u00fcber hinaus wurde in Kooperation mit der GEMA und Music S Women*, dem Dachverband der Musikfrauen* in Deutschland, eine Studie zum Thema \u201eCharts, Werke und Festivalb\u00fchnen\u201c durchgef\u00fchrt. Aus deren Ergebnissen l\u00e4sst sich leider das Gegenteil dessen ablesen,&nbsp; was \u00f6ffentlich gefordert wird: in jedem der Bereiche Songwriting, GEMA-Mitgliedschaft, Gema-gemeldete Autorenschaft und Engagements bei Musikfestivals lag der Frauenanteil bei weit unter 20 %, und trotz einiger Initiativen, beispielsweise Selbstverpflichtungen der Veranstalter und der medialen Aufmerksamkeit war dieser Prozentsatz in den meisten Bereichen im Vergleich zu 2010 r\u00fcckl\u00e4ufig. Einzig die weibliche Teilnehmer*innenquote kleinerer Festivals stieg leicht an.&nbsp; Waren die Festivals von mittlerer bis gro\u00dfer Gr\u00f6\u00dfe (41.00 \u2013 200.000 Besucher*innen), stieg der Anteil der Musiker*innen von 2010 bis 2019 lediglich von 6 % auf 8 %. Der m\u00e4nnliche Autorenanteil aller bei der GEMA gemeldeten Werke liegt sogar bei \u00fcber 90 %, Tendenz steigend. Dagegen betrug der Anteil an nicht bin\u00e4ren Personen und Personen ohne Geschlechtsangabe in allen Bereichen unter 1 %. Songs aus rein weiblicher Autorenschaft machten 2010 noch knapp \u00fcber 3 %,&nbsp; 2015 knapp 2 % und&nbsp; 2019 weit unter 1% aus (<em>Gender in Music \u2013 Charts, Werke und Festivalb\u00fchnen<\/em>, 2022). Eine Ausnahme bildet das \u00f6ffentlich-rechtliche Radio mit einer Mitarbeiterinnenquote von 50 %. Die redaktionelle und programmliche Entscheidungsmacht liegt aber nach wie vor weitgehend in m\u00e4nnlicher Hand (R\u00f6ben, 2022). Diese Zahlen \u00fcberraschen, da in unserer Wahrnehmung das Geschlechterverh\u00e4ltnis im Radio und bei Streamingdiensten ausgeglichen zu sein scheint. Es gibt gro\u00dfe weibliche Popstars, die vermeintlich das Musikgesch\u00e4ft dominieren. Doch diese mediale Fokussierung auf einzelne weibliche Superstars wie Taylor Swift oder&nbsp; Miley Cyrus \u00fcberdeckt offenbar die Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Musikwirtschaft als people business<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Musikindustrie ist in vielen Bereichen ein sog. \u201epeople business\u201c, eine personenbezogene Branche, in der pers\u00f6nliche Kontakte, Freundschaften, und die Eigenschaft, gemocht zu werden von gro\u00dfer Bedeutung sind. Viele Businesskontakte, aber auch Engagements und die Jobvergabe funktionieren \u00fcber Sympathie, pers\u00f6nliche Pr\u00e4ferenzen und Beziehungen. Da extrem viele Angeh\u00f6rige der Branche Autodidakten ohne Berufsabschl\u00fcsse sind, bzw. Berufsabschl\u00fcsse im Feld der Popmusik eine untergeordnete Rolle spielen, ist die Persona der oder des Einzelnen von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung als in anderen Branchen. Hier gibt es selten Zeugnisse oder Auswahlverfahren, mit Hilfe derer sich der diskriminierungsfreie Zugang zu verschiedenen Positionen gew\u00e4hrleisten l\u00e4sst. Das Musikbusiness bietet gute M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Quereinsteiger*innen, egal ob als Musiker*in, im Management, als Licht-Operator*in, als Gitarrentechnikern*in, als \u201eRoadie\u201c, oder in vielen anderen Berufen. Dabei ist das, was das Musikgesch\u00e4ft ausmacht, gleichzeitig Chance und Nachteil: Subjektivit\u00e4t und Geschmack. Gerade im Pop ist die Qualit\u00e4t eines Acts nicht objektiv messbar. Die Kunst kann nicht von dem oder der K\u00fcnstler*in getrennt beurteilt werden und nicht selten hat der oder die Musiker*in mit der objektiv schlechtesten Stimme oder die Band mit den geringsten musikalischen F\u00e4higkeiten den gr\u00f6\u00dften Erfolg. Eine langj\u00e4hrige Ausbildung mit anerkanntem Abschluss kann einem oder einer Musiker*in den Weg ins Pop-Gesch\u00e4ft erm\u00f6glichen, sie ist aber nicht zwingend notwendig. Im Bereich elektronischer Musik ist der Weg \u00fcber eine musikalische Ausbildung eher selten, da die verwendeten Technologien relativ neu sind und die technologische Entwicklung so schnell voranschreitet, dass sich die Inhalte der verschulten Weitergabe entziehen. Oft entscheiden Geschmack, die pers\u00f6nliche Sympathie oder private Kontakte \u00fcber ein Booking auf einem Festival oder einen Slot als Vorband bei einem etablierten Act. Die Musikindustrie funktioniert also h\u00e4ufig und viel \u00fcber Netzwerke. Suchen Popstars Live-Musiker*innen f\u00fcr ihre Tour, suchen K\u00fcnstler*innen Produzent*innen f\u00fcr ihre Tonaufnahmen, suchen Bands Toningenieur*innen oder Lichttechniker*innen f\u00fcr ihre Live-Shows, gehen sie bewusst den Weg \u00fcber Netzwerke, Mund-zu-Mund-Propaganda und pers\u00f6nliche Empfehlungen und Referenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bereich des Live-Tour-Gesch\u00e4ftes gibt es so gut wie keine objektiven Auswahlverfahren. Das wichtigste Qualifikationskriterium f\u00fcr einen dieser Berufe ist neben guten Beziehungen die Erfahrung. Diese kann aber nur erworben werden, wenn es einen initialen Zugang zum Musikgesch\u00e4ft und Live-Business gibt, somit f\u00e4llt auch dort Frauen der Quereinstieg deutlich schwerer. Auf die Frage der Malisa-Studie \u201eMit welchen Barrieren sehen Sie sich pers\u00f6nlich in Ihrer beruflichen Weiterentwicklung konfrontiert?\u201c antworten 54 % aller befragten Frauen mit \u201eVetternwirtschaft\u201c, 49 % sahen sich mit \u201eStereotypen und Vorurteilen\u201c konfrontiert und 47 % gaben \u201eintransparente Entscheidungskriterien\u201c als Hindernis an (<em>Geschlechtergerechtigkeit in der Musikbranche<\/em>, 2021).<\/p>\n\n\n\n<p>Mangelnde Repr\u00e4sentanz im Live-Gesch\u00e4ft und auf Festivals ist aber f\u00fcr viele Musikschaffende in erster Linie ein finanzielles Problem. Die vorwiegende Nutzung von Streamingdiensten und die damit einhergehenden geringen Absatzzahlen physischer Tontr\u00e4ger macht f\u00fcr viele Musiker*innen das Livegesch\u00e4ft zur einzigen wirklichen Einnahmequelle. Die Kosten einer eigenen Headliner-Tour aber sind oft so hoch, dass sich die Touren kaum selbst finanzieren und nur in der Mischkalkulation mit Festivalauftritten k\u00f6nnen viele Musiker*innen leben, \u00fcben, ihre Musik schreiben und produzieren. Der erschwerte Zugang zu Festivalb\u00fchnen stellt f\u00fcr nicht m\u00e4nnliche Musiker*innen also sowohl ein inhaltliches als auch ein wirtschaftliches Problem dar.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">M\u00f6gliche Hintergr\u00fcnde mangelnder Vielf\u00e4ltigkeit im Musikgesch\u00e4ft<\/h3>\n\n\n\n<p>Fragt man auf Entscheider*innenebene nach, also bei Radioredakteur*innen, Festival-Veranstalter*innen, oder in (\u00fcberwiegend m\u00e4nnlich besetzten) Jurys f\u00fcr die Musikpreisvergabe, werden diverse Gr\u00fcnde genannt. Frauen seien angeblich oft \u201enicht so gut\u201c, es g\u00e4be ohnehin nicht viele Frauen, die Musik machten oder das Publikum wolle lieber M\u00e4nner als Frauen sehen, das zeige sich anhand des Kartenverkaufs.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich haben Frauen aufgrund ihres Seltenheitswertes, aber auch wegen inhaltlicher Gr\u00fcnde eine Sonderstellung inne. Nicht selten offenbart sich ein m\u00e4nnlicher Blick auf weibliche und nicht-bin\u00e4re Kolleg*innen. So bezeichnet man Bands, deren Mitglieder zu gr\u00f6\u00dferen Teilen weiblich sind, oft als \u201eFrauenbands\u201c. Inhaltlich unterstellt man K\u00fcnstlerinnen, dass sich ihre Lieder um typische Frauenthemen wie Partnerschaft, ihre Rolle als Frau, ihr Aussehen oder die Anforderungen der Gesellschaft an sie als Frau drehen. In vielen Sparten des Unterhaltungsbetriebs dr\u00e4ngt sich der Gedanke auf, dass Frauen, die diesem Klischee entsprechen, \u00f6fter gebucht werden. So bestehen zum Beispiel die Inhalte weiblicher Comedians aus typisch \u201eweiblichen Themen\u201c. Das k\u00f6nnte daran liegen, dass Entscheider*innen, die K\u00fcnstler*innen f\u00fcr Festivals buchen, K\u00fcnstlerinnen bevorzugen, die ihrem Bild von \u201eweiblicher Kunst\u201c, \u201eweiblichen Themen\u201c oder auch der Vorstellung von dem, was \u201eweibliches Publikum\u201c interessiert und bevorzugt, entsprechen. Durch die gr\u00f6\u00dftenteils m\u00e4nnlich besetzten Entscheidungspositionen definiert also der m\u00e4nnliche Blick auf andere Geschlechter, was gut und sehenswert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Argument, es gebe keine guten, interessanten Frauen im Rock und Popbusiness l\u00e4sst sich vergleichsweise schnell widerlegen, indem man sich das Angebot der unterschiedlichen Streamingplattformen ansieht. Dort findet man eine unglaubliche F\u00fclle an Musik, deren Urheber*innen und Interpret*innen von allerlei Geschlechtern vertreten sind. Das Problem liegt also zum einen eher in der F\u00f6rderung und Sichtbarmachung vorhandener Talente. Zum anderen stellt sich ohnehin die Frage, was \u201egut\u201c im Sinne der Popmusik eigentlich bedeutet soll. In erster Linie entspricht \u201egute Musik\u201c oft dem eigenen Geschmack und der ist bekanntlich durch individuelle Erfahrungen, \u00c4hnlichkeiten zur eigenen Person und Identifikationspotential des K\u00fcnstlers gepr\u00e4gt. Umso wichtiger ist es f\u00fcr die Gatekeeper in der Musikwirtschaft, sich vorhandene blinde Flecke bewusst zu machen, um den eigenen Geschmack nicht als Objektivit\u00e4t zu labeln und dadurch Andersartigkeit und fremde Perspektiven, Grundvoraussetzungen des Pop und der Kunst allgemein, zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Konsument*innensicht ist eine andere: einer Studie der Malisa Stiftung in Kooperation mit der Initiative \u201eKeychange\u201c zufolge bescheinigt die Altersgruppe der 16 bis 29-j\u00e4hrigen Musikh\u00f6rer*innen dem Thema Geschlechtervielfalt eine hohe Relevanz. Jede*r Zweite w\u00fcnscht sich eine verst\u00e4rkte \u00f6ffentliche Auseinandersetzung, viele sind bereit, f\u00fcr mehr Diversit\u00e4t auch ihr Konsumverhalten zu ver\u00e4ndern oder anzupassen. Allerdings sehen 43 % der Befragten die Verantwortung f\u00fcr geschlechtliche Ausgewogenheit in der Mehrheit bei den Veranstalter*innen, Streamingdiensten und Radioprogrammen (<em>Geschlechtergerechtigkeit in der Musikbranche<\/em>, 2021).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein h\u00e4ufig genannter Grund f\u00fcr die Dominanz m\u00e4nnlicher K\u00fcnstler auf Gro\u00dfveranstaltungen und Festivalb\u00fchnen wie \u201eRock am Ring\u201c ist die Behauptung, \u201eFrauen verkauften keine Tickets\u201c, der Auftritt nicht-m\u00e4nnlicher K\u00fcnstler*innen stelle also nur aufgrund ihren Geschlechtes f\u00fcr Festivalbesucher keinen Kaufanreiz f\u00fcr ein Ticket dar. Eine Behauptung, die sich schwer \u00fcberpr\u00fcfen l\u00e4sst, da aufgrund mangelnder Repr\u00e4sentanz viele Themen und Formen der Kunst nicht in ausreichender Bandbreite dargeboten werden. Gibt es z.B nur wenige weibliche Rapperinnen, ist die Frage, ob ich Rap mag, der von Frauen gemacht wird, in viel h\u00f6herem Ma\u00dfe von einzelnen sichtbaren K\u00fcnstlerinnen abh\u00e4ngig, als wenn es eine Vielzahl an weiblichen Musiker*innen eines Genres gibt, und ich mir unabh\u00e4ngig vom Geschlecht ein geschmackliches Urteil bilden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch stellt sich die Frage nach der Zielgruppe von Konzerten und Festivals. Werden Festivals haupts\u00e4chlich mit Bands und K\u00fcnstlern, die eine stereotype Maskulinit\u00e4t erz\u00e4hlen, besetzt, ist wom\u00f6glich dadurch die Attraktivit\u00e4t f\u00fcr nicht m\u00e4nnliche Festivalbesucher geringer und das System reproduziert sich selbst. \u201eHarter Rock\u201c auf der B\u00fchne, \u201eharte M\u00e4nner\u201c im Publikum, Festivalveranstalter, die auf dieses Publikum eingehen, und so weiter. Das rein weiblich besetzte DCKS-Festival von Carolin Kebekus 2022 in K\u00f6ln erhielt viel mediale Aufmerksamkeit und war au\u00dferdem sowohl ausschlie\u00dflich mit female artists besetzt als auch sehr gut besucht. Beide Argumente, fehlende weibliche Acts sowie die Annahme, weibliche K\u00fcnstler z\u00f6gen kein Publikum, sind somit zumindest fragw\u00fcrdig.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein System reproduziert sich selbst<\/h3>\n\n\n\n<p>Viele Personen, die als Quereinsteiger in der Musikbranche t\u00e4tig sind, haben meiner Erfahrung nach vormals als Musiker*innen gearbeitet. H\u00e4ufig f\u00f6rdern sie in ihrer zweiten Karriere Bands und Solok\u00fcnstler*innen nach pers\u00f6nlicher Pr\u00e4ferenz und nach Kredibilit\u00e4t, also Glaubw\u00fcrdigkeit und Authentizit\u00e4t. Diese sind subjektiv und nicht messbar. Es bleibt der Verdacht, dass auch hier die \u00c4hnlichkeit ausschlaggebendes Kriterium daf\u00fcr ist, dass eine Person gef\u00f6rdert wird, die andere nicht. So werden im Rock und Pop Aggressivit\u00e4t und Aktivit\u00e4t, typisch m\u00e4nnliche Zuschreibungen, als authentischer eingesch\u00e4tzt als Introvertiertheit oder Weichheit, Eigenschaften, die gesellschaftlich eher Frauen zugeschrieben werden. Kunst aber besch\u00e4ftigt sich mit allen Facetten menschlichen Seins. In der neuen Z\u00fcricher Zeitung schreibt Sarah Pines: \u201eWeibliche Kunst wird vor allem als Kunst anerkannt, wenn sie explizit feministisch ist. Der Rest interessiert nicht wirklich. Unser Verh\u00e4ltnis zu Frauen in der Kunst ist ebenso von Unnat\u00fcrlichkeit gepr\u00e4gt wie von Ausblendung.\u201c (Pines, 2022). K\u00fcnstler*innen, die ihre geschlechtliche Identit\u00e4t zum Thema ihres musikalischen Ausdrucks machen, werden derzeit in besonderer Weise geh\u00f6rt. Das ist eine begr\u00fc\u00dfenswerte Entwicklung, die sich unbedingt weiterentwickeln muss zu einer nicht m\u00e4nnlichen Perspektive der Vielf\u00e4ltigkeit menschlichen Erlebens. Immer noch wird auch in der Musik die m\u00e4nnliche Sichtweise als \u201eDefault\u201c (Voreinstellung) akzeptiert und von allen Geschlechtern angenommen. Frauen k\u00f6nnen sich mit m\u00e4nnlichen K\u00fcnstlern besser identifizieren als m\u00e4nnliche Zuh\u00f6rer sich mit Frauen identifizieren. Das l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass die weibliche Perspektive immer noch eine zweitrangige ist, die zwar beachtet, verstanden und respektiert werden kann, sich aber nicht zur Identifikation eignet, keine Vorbildfunktion erf\u00fcllt und maximal Begehren, aber kaum Gefolgschaft und Fantum ausl\u00f6sen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem mangelnder Vielfalt in Kunst und Kultur ist l\u00e4ngst ein Trendthema, dem sich Magazine und der Musikjournalismus, Mainstreammedien und Kulturformate verst\u00e4rkt zuwenden. Sie berichten \u00fcber das Problem mangelnder Diversit\u00e4t, die Hintergr\u00fcnde und m\u00f6gliche Faktoren der Entstehung sowie Stellschrauben f\u00fcr Ver\u00e4nderung. Doch auch hier fehlt immer wieder die nicht-m\u00e4nnliche Perspektive, denn auch im Musikjournalismus ist das Geschlechterverh\u00e4ltnis traditionell alles andere als ausgewogen. Auff\u00e4llig ist dabei gerade die Diskrepanz von Wunsch und Wirklichkeit in einer Branche, die f\u00fcr sich in Anspruch nimmt, Vordenker und Initiator gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Problembewusstsein und L\u00f6sungswege<\/h3>\n\n\n\n<p>So unterschiedlich die verschiedenen, an der Vermarktung und Verbreitung von Musik beteiligten Organisationen sind, aus so unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten sie dabei Diversit\u00e4t. W\u00e4hrend Privatradiostationen oder Plattenfirmen neue K\u00e4uferschichten suchen und neue Absatzm\u00e4rkte erschlie\u00dfen m\u00f6chten, haben institutionell gef\u00f6rderte Kultureinrichtungen eher die Verantwortung, die Vielfalt der Gesellschaft abzubilden. H\u00e4ufig sind auch hier Gremien zur F\u00f6rderung von Kunst und Kultur \u00fcberwiegend m\u00e4nnlich besetzt, so dass aufgrund fehlender objektiver Parameter \u00fcber die F\u00f6rderung junger Talente anhand von Geschmacks- und Kritiker*innenurteilen entschieden wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher fordert der Dachverband der Musikfrauen* in Deutschland \u201eMusic Women*\u201c in seinem 20 Punkte umfassenden Forderungskatalog unter anderem die \u201eEinf\u00fchrungen von intersektionalen Quotenregelungen\u201c, die \u201eEinf\u00fchrung verbindlicher Diversit\u00e4tskriterien in Gremien, Findungskommissionen, Beir\u00e4ten, Vorst\u00e4nden, Aufsichtsr\u00e4ten u.a. bei staatlicher F\u00f6rderung\u201c sowie die \u201eEinf\u00fchrung von Diversit\u00e4ts Checklisten bei staatlich gef\u00f6rderten Projekten und Institutionen im Bereich Programm, Personal und Publikum\u201c (Music Women* Germany, 2022). Die 2015 gegr\u00fcndete Initiative Keychange fordert mehr Geschlechtergerechtigkeit bei Konferenzpanels, Orchestermusikern und Komponisten und will Produzentinnen und Technikerinnen f\u00f6rdern. Der Keychange-Pledge, einer Selbstverpflichtung zu 50 % geschlechtergerechten Quote auf deutschen Festivalb\u00fchnen, schlossen sich mehrere deutsche Festivals an. Seit 2020 f\u00f6rdert Keychange 37 Musiker*innen und 37 Akteur*innen aus der Musikindustrie \u00fcber einen Zeitraum von 4 Jahren und wird daf\u00fcr von der Europ\u00e4ischen Union mit 1,4 Millionen Euro unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Schluss<\/h2>\n\n\n\n<p>Geht man der Frage nach, warum das Geschlechterverh\u00e4ltnis in der Musikwirtschaft, unter Musiker*innen, Komponist*innen und in allen mit Musik zusammenh\u00e4ngenden Branchen des Kunst- und Kulturbetriebe,s so unausgeglichen ist, kommt man zu keiner einfachen L\u00f6sung. In erster Linie kann man die Qualit\u00e4t und die Qualifikation von Popmusikern schlecht messen. Ein Qualit\u00e4tsmerkmal popul\u00e4rer Musik ist die Einzigartigkeit und Emotionalit\u00e4t, die sich der objektiven Bewertung entziehen. Daraus folgt, dass die Mechanismen, nach denen eine Karriere im Musikbusiness, ob als Musiker*in oder als Produzent*in, als Sound Engineer*in oder als Fotograf*in, als Musikredakteur*in oder als Autor*in, sehr anf\u00e4llig sind f\u00fcr Diskriminierung aller Art. Die einzige M\u00f6glichkeit, mehr Chancengleichheit zu gew\u00e4hrleisten, ist, die entscheidenden Positionen mit Angeh\u00f6rigen aller Geschlechter zu besetzen. Nur so kann man sicher sein, dass im Pop auch wirklich die Vielfalt aller Perspektiven und aller Gef\u00fchle repr\u00e4sentiert und behandelt werden. Daher unterst\u00fctze ich die Forderungen von Music Women* nach einer festen Quote in allen relevanten Bereichen der Musikbranche.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend bliebe noch die Frage zu kl\u00e4ren, was man gew\u00f6nne, wenn man die Musikwirtschaft um die Perspektiven aller Geschlechter erweiterte. Nicht nur, dass der Pool an Kunst- und Kulturschaffenden sich nahezu verdoppeln w\u00fcrde, sondern es g\u00e4be die Chance auf die Entwicklung einer neuen Art von Musik. Wenn Musiker*innen mehr Unterst\u00fctzung, Solidarit\u00e4t, Mentor*innenschaft und Schutz erfahren w\u00fcrden, w\u00fcrde das in hohem Ma\u00dfe ihre Musik beeinflussen und w\u00fcrde auf ihren kreativen Ausdruck wirken. Die Folge dessen k\u00f6nnte sein, dass wir ein Verst\u00e4ndnis der menschlichen Gef\u00fchlswelt erfahren k\u00f6nnten wie noch nie zuvor, unabh\u00e4ngig von Geschlechtszuschreibungen und Stereotypen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Arbeit habe ich mich bewusst dagegen entschieden, der Frage nachzugehen, inwieweit diskriminierende Erfahrungen in Bezug auf das Geschlecht in Zusammenhang mit Sexismus und sexuellen \u00dcbergriffen stehen. Dies ist ein Thema, das unbedingt in weiteren Arbeiten reflektiert werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00a0Literaturverzeichnis<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Diversit\u00e4t in den deutschen Charts: Frauenquote erreicht 2021 Tiefstwert<\/em>. (2022, 20. Dezember). Qobuz. Abgerufen am 1. Februar 2023, von <a href=\"https:\/\/www.qobuz.com\/de-de\/info\/News\/Diversitat-in-den-deutschen-Charts185703\">https:\/\/www.qobuz.com\/de-de\/info\/News\/Diversitat-in-den-deutschen-Charts185703<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gender in Music \u2013 Charts, Werke und Festivalb\u00fchnen<\/em>. (2022, 19. September). malisa Stiftung. Abgerufen am 1. Februar 2023, von <a href=\"https:\/\/malisastiftung.org\/gender-in-music\/\">https:\/\/malisastiftung.org\/gender-in-music\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Geschlechtergerechtigkeit in der Musikbranche<\/em>. (2021, 17. Dezember). malisa Stiftung. Abgerufen am 2. Februar 2023, von <a href=\"https:\/\/malisastiftung.org\/studien-und-recherchen-zu-geschlechtergerechtigkeit\/\">https:\/\/malisastiftung.org\/studien-und-recherchen-zu-geschlechtergerechtigkeit\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Liere, J. (2022, 4. Juni). <em>Mitleid mit Musikm\u00e4nnern<\/em>. www.zeit.de. Abgerufen am 4. Februar 2023, von <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zustimmung?url=https%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2Fkultur%2F2022-06%2Frock-am-ring-festival-maenner-bands-frauenanteil%3Fpage%3D4\">https:\/\/www.zeit.de\/zustimmung?url=https%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2Fkultur%2F2022-06%2Frock-am-ring-festival-maenner-bands-frauenanteil%3Fpage%3D4<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Music Women* Germany. (2022, 4. Mai). <em>MW*G Tagung schlie\u00dft mit Forderungskatalog \u201cGender Equality Now!\u201d f\u00fcr Politik und Branche<\/em>. Abgerufen am 4. Februar 2023, von <a href=\"https:\/\/www.musicwomengermany.de\/news\/346-test\">https:\/\/www.musicwomengermany.de\/news\/346-test<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Pines, S. (2022, 16. Juli). <em>Kunst von Frauen: Nur feministische Kunst ist gute Kunst<\/em>. Neue Z\u00fcrcher Zeitung. Abgerufen am 4. Februar 2023, von <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/kunst-von-frauen-nur-feministische-kunst-ist-gute-kunst-ld.1692076?reduced=true\">https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/kunst-von-frauen-nur-feministische-kunst-ist-gute-kunst-ld.1692076?reduced=true<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>R\u00f6ben, B. (2022, 28. April). <em>ProQuote im Rundfunk: \u201eBewusstsein ist da!\u201c<\/em> M &#8211; Menschen Machen Medien (ver.di). Abgerufen am 3. Februar 2023, von <a href=\"https:\/\/mmm.verdi.de\/beruf\/proquote-im-rundfunk-bewusstsein-ist-da-81093\">https:\/\/mmm.verdi.de\/beruf\/proquote-im-rundfunk-bewusstsein-ist-da-81093<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Eva Briegel, <em>Geschlechtervielfalt in Musikwirtschaft und Livebranche<\/em>, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 16.05.2023, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=357\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=35<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was sind die Hintergr\u00fcnde mangelnder geschlechtlicher Diversit\u00e4t im deutschen Musikmarkt? Eva Briegel (WiSe 2022\/23) Einleitung \u201eFrauen machen Kunst f\u00fcr Frauen, M\u00e4nner machen Kunst f\u00fcr Menschen\u201c (Liere, 2022) Diversit\u00e4t, Gendergerechtigkeit und Inklusion sind in den vergangenen Jahren in den Fokus der deutschen Musiklandschaft ger\u00fcckt. 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