{"id":372,"date":"2023-06-12T13:38:57","date_gmt":"2023-06-12T11:38:57","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=372"},"modified":"2023-06-12T13:51:29","modified_gmt":"2023-06-12T11:51:29","slug":"neoliberalismus-und-postfeminismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2023\/06\/12\/neoliberalismus-und-postfeminismus\/","title":{"rendered":"Neoliberalismus und Postfeminismus"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Unterminierung des kritischen Ansatzes<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Emilia Maise (WS 2022\/23)<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Neoliberalismus und Postfeminismus<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Im Zuge einer sich immer wandelnden Welt ist es selbstverst\u00e4ndlich, dass sich auch soziale Bewegungen, wie der Feminismus, \u00e4ndern und von neuen Gedanken beeinflusst werden. Seit einigen Jahrzehnten verbreiten sich die Ideen des neoliberalen Marktansatzes auch auf die Gesellschaft und soziale Ordnung und sorgen f\u00fcr einen starken Wandel in den Werten, die uns begleiten. Das konstante Streben nach Leistung, Individualisierung und Selbstoptimierung kommt insbesondere im Konstrukt der Meritokratie zum Ausdruck \u2013 also der Auffassung, dass jedes Individuum seinen Status in der Gesellschaft durch Leistung beeinflussen und ver\u00e4ndern kann (El-Mafaalani).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein entsprechender Wandel ist auch im feministischen Kontext zu beobachten, in dem eine neue Sensibilit\u00e4t zu erkennen ist: der Postfeminismus, der oftmals mit dem \u201eVorbeisein\u201c des Feminismus verbunden wird. Ein gro\u00dfer Teil davon wird mit der Entwicklung eines sogenannten Marktfeminismus verbunden. In diesem werden \u201eindividualisierte, erfolgszentrierte Werte [mit] ehemals feministischen Anliegen\u201c (G\u00f6weil, S.22) vermischt. Feminismus wird zur Ware und Humanressource umgedeutet und die Gleichstellung der Geschlechter wird vor allem deshalb gef\u00f6rdert, weil sie wirtschaftlich profitabel sei (Bereswill, S. 53). Weil der Impuls zur Gleichstellung aller Geschlechter in diesem Ansatz fast ausschlie\u00dflich aus \u00f6konomischem Gewinnstreben entspringt, ist der Marktfeminismus \u201ekonsumdominiert, erwerbszentriert, erfolgszentriert [und] individualisiert\u201c (Bruder-Bezzel, S. 58). In der Verbreitung des neoliberal gepr\u00e4gten Postfeminismus und dem daran gekn\u00fcpften Marktfeminismus verlieren vermeintlich feministische Bestrebungen zunehmend gesellschaftliche Strukturen und Hintergr\u00fcnde aus den Augen und somit auch tendenziell ihren sozialkritischen Ansatz. Das folgende Essay wird die Problematik dieser Entwicklung anhand von einigen zentralen Aspekten herausarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Individualisierung, Selbstoptimierung und Meritokratie<\/h2>\n\n\n\n<p>Im Zuge des Neoliberalismus wird individuellen Leistungen ein h\u00f6herer Stellenwert zugewiesen. Die bestehende Gesellschaftsordnung wird als Meritokratie gedeutet \u2013 also einer Ordnung, in der Erfolg und sozialer Status allein von individuellen Leistungen abh\u00e4ngen und grunds\u00e4tzlich alle Menschen gleiche Chancen zum sozialen Aufstieg haben. Der \u201eAmerican Dream\u201c verk\u00f6rpert genau dieses Ideal: alle k\u00f6nnen etwas erreichen und reich werden, wenn sie sich genug M\u00fche geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings wahrt unsere Gesellschaft bei n\u00e4herer Betrachtung nur den Schein einer solchen Meritokratie, denn tats\u00e4chlich sind Erfolge im herk\u00f6mmlichen Sinn (z.B. ein erfolgreicher Schulabschluss) stark vom sozialen Hintergrund einer Person abh\u00e4ngig (El-Mafaalani). Trotzdem halten viele Menschen \u2013 insbesondere einflussreiche, meinungsbildende Politiker*innen und Prominente \u2013 an der Idee fest, dass unsere Gesellschaft eine meritokratische ist, was den Einfluss struktureller Ungleichheiten und H\u00fcrden herunterspielt, beziehungsweise als durch individuelle Anstrengung \u00fcberwindbar darstellt (Bruder-Bezzel, S. 58). Aussagen wie die von Kim Kardashian (\u201eI have the best advice for women and business. Get your f\u2014ing ass up and work. It seems like nobody wants to work these days\u201d) oder Ratschl\u00e4ge, wie der von Sheryl Sandberg (Chief Operating Officer von Meta), man m\u00fcsse sich als Frau nur ein wenig \u201creinh\u00e4ngen\u201c, f\u00f6rdern diese Perspektive, indem sie den Blick auf gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge vernebeln und politische\/strukturelle Ursachen gesellschaftlicher Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern bagatellisieren (Respers France; Bruder-Bezzel, S. 58). Auf diese Weise wird die systematische Benachteiligung vieler Bev\u00f6lkerungsgruppen und Intersektionalit\u00e4t von gesellschaftlicher Diskriminierung ignoriert, und die Verantwortung f\u00fcr den jeweiligen sozialen und \u00f6konomischen Status wird allein dem Individuum (also hier der Frau*) zugeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es liegt also fast ausschlie\u00dflich in der Verantwortung der individuellen Frau*, erfolgreich, gebildet, erfahren und vieles mehr zu sein. Dieses Bild ist extrem problematisch, nicht nur weil es auf Frauen* einen gro\u00dfen Druck aufbaut, sondern auch weil so der Fokus vom gesamtgesellschaftlichen Kontext auf das Individuum verschoben wird. Es wird vom Ursprung des Problems abgelenkt und die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Wandels weg von einer patriarchalen Gesellschaftsform abgestritten, beziehungsweise sogar dadurch bek\u00e4mpft, dass strukturelle Benachteiligungen negiert, beziehungsweise als einfach \u00fcberwindbar dargestellt werden. Es entsteht also der Eindruck einer Gesellschaft, in der ungleiche gesellschaftliche Teilhabe gewisserma\u00dfen eine Entscheidung der Individuen ist, also kann das Problem nicht die Gesellschaft selbst sein. Diverse Machtstrukturen m\u00fcssen unter dieser Annahme nicht bek\u00e4mpft werden, weil sie nicht existieren beziehungsweise von geringer Relevanz sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vom neoliberalen Gesellschaftsmodell versprochene, vermeintliche Selbstbestimmtheit \u00fcbertr\u00e4gt sich au\u00dferdem nicht nur auf die Erwerbst\u00e4tigkeit und einige kulturelle Errungenschaften, sondern auch auf das Frau*sein an sich und das sexuelle Auftreten. Es wird nun von Frauen* erwartet, stets selbstbestimmt und selbstbewusst aufzutreten und einen immensen Erfahrungsschatz zu haben (G\u00f6weil, S. 23). Diese Frau* wird als emanzipiert angesehen und darf in der Regel gesellschaftliche Teilhabe genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil aber diese Anforderungen sehr vielf\u00e4ltig und hoch sind, ist auf dem Markt unz\u00e4hlig viel Ratgeber- oder Coaching-Literatur zu finden, die Frauen* dabei helfen soll, dieses Ideal der Weiblichkeit* und Emanzipation zu erreichen. Feminismus orientiert sich an Konsum und Erfolg und das Bild einer emanzipierten und feministischen Frau* wird mit dem Erreichen von absoluter Selbstbestimmtheit und finanziellem Erfolg verkn\u00fcpft. Weil dies mit vielen hohen Anforderungen verbunden ist, entsteht die Wahrnehmung, dass Konsum in Form von Ratgebern, Coachings oder \u00c4hnlichem zur \u201eEmanzipation\u201c unerl\u00e4sslich ist. Die neoliberale, politische Botschaft lautet: Emanzipation und Freiheit sind individuell zu erreichen. Der pr\u00e4gende, gesellschaftliche Kontext und bestehende Chancenungleichheiten werden ausgeblendet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Der Marktfeminismus<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Entwicklung des Marktfeminismus bedeutet f\u00fcr feministische Bewegungen tendenziell einen Verlust des gesellschaftskritischen Ansatzes, weil das feministische Narrativ sich zu einem erwerbszentrierten wandelt (G\u00f6weil, S.22). Dieser Verlust ist vor allem deshalb problematisch, weil so der gesellschaftliche Ursprung von Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern nicht mehr analysiert wird. Viel mehr stehen Erfolge von Personen, vor allem Frauen*, im Fokus: wer ist in F\u00fchrungspositionen? Wessen Karriere verl\u00e4uft auf welche Weise? Im Kontext des Kapitalismus erfolgreiche, gebildete junge Frauen* werden in dieser Auffassung dann als beispielhaft emanzipiert dargestellt (was durchaus der Fall sein kann), doch die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Hintergr\u00fcnde werden nicht aufgegriffen und analysiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird zum Beispiel nicht hinterfragt, <em>warum <\/em>Emanzipation mit Erwerbst\u00e4tigkeit zusammenh\u00e4ngt und ob Entwicklungen, die M\u00e4nner* und Frauen* gleichstellen tats\u00e4chlich gut\/hilfreich sind. Bis 1994 gab es beispielsweise in Deutschland ein Nachtarbeitsverbot f\u00fcr weibliche* Arbeiterinnen. Als dieses aufgehoben wurde, geschah dies aufgrund des Gleichberechtigungsartikels des Grundgesetzes, der gesellschaftliche Nachteile der Frau* abbauen soll (Grundgesetz) und wurde als Schritt in Richtung Gleichberechtigung aufgefasst. Das ist per se nicht falsch: Frauen* durften genau wie M\u00e4nner* nachts arbeiten und zus\u00e4tzliches Geld verdienen. Allerdings korreliert Nachtarbeit mit vielen Belastungen (Struck et al.), was die Frage aufwirft, wer tats\u00e4chlich davon profitiert, dass auch Frauen* nachts erwerbst\u00e4tig sind. Sind es die Frauen*, die nun mit h\u00f6herer Wahrscheinlichkeit unter Schlafst\u00f6rungen oder Magen-Darm-Beschwerden leiden (Struck et al.)? Von dieser vermeintlich emanzipatorischen Ver\u00e4nderung profitieren in der ersten Linie wohl die Arbeitgeber*innen, die durch die Aufhebung des Gesetzes rund um die Uhr eine gr\u00f6\u00dfere Belegschaft haben und so mehr Profit erzielen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gleichstellung ist in diesem Fall also stark wirtschaftlich motiviert und die Gesellschaftsstruktur, die Profit von Arbeitgeber*innen auf Kosten der Gesundheit der Arbeitnehmer*innen erm\u00f6glicht, wird mit dem Ansatz des Marktfeminismus nicht hinterfragt. Die Verwobenheit des Patriarchats mit dem kapitalistischen Gesellschaftssystem wird als Grundursache f\u00fcr gesellschaftliche Ungleichheiten nicht analysiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Verwobenheit wird in zahllosen F\u00e4llen der sexuellen Bel\u00e4stigung von Frauen* durch m\u00e4nnliche* Vorgesetzte klar sichtbar. In der patriarchalen Gesellschaftsstruktur werden Frauen* abgewertet und es wird erwartet, dass sie der Erf\u00fcllung m\u00e4nnlicher* Bed\u00fcrfnisse dienen \u2013 unter anderem auch sexuell. Im Kapitalismus ist die Macht auch bin\u00e4r aufgeteilt: zwischen Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen. In Situationen des sexuellen Missbrauchs oder der sexuellen Bel\u00e4stigung, wie im Fall von Harvey Weinstein, der von vielen Schauspieler*innen des sexuellen Missbrauchs angeklagt wurde, treffen diese Machtstrukturen aufeinander und arbeiten zusammen. Das Zusammenspiel dieser Dynamiken erm\u00f6glichte es Weinstein Frauen* zu zwingen, nicht nur als Arbeitnehmerinnen zu dienen, sondern auch sexuell, weil er als ber\u00fchmter Hollywood-Produzent die Macht hat, Karrieren zu f\u00f6rdern oder zu zerst\u00f6ren. Jeffrey Epstein hat diese Ausbeutung noch weitergetrieben: unter dem Versprechen eines Arbeitsplatzes, brachte er junge M\u00e4dchen* und Frauen* in prek\u00e4ren finanziellen Situationen in seine beeindruckende Villa, um sie dann auf seine \u201erape island\u201c zu bringen. Hier wurden dann verschiedenste machtvolle, reiche M\u00e4nner* eingeladen, um die Frauen* und M\u00e4dchen* zu vergewaltigen. Auch hier wurde also die finanzielle Macht ausgenutzt, um die patriarchale zu st\u00fctzen (Fraad).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Ann\u00e4herung an M\u00e4nnlichkeit* als Gleichheit<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Ansicht, dass eine verhaltensm\u00e4\u00dfige Ann\u00e4herung von Frauen* an M\u00e4nner* mit Gleichberechtigung und Emanzipation gleichgesetzt werden kann, ist nicht nur auf Erwerbst\u00e4tigkeit und Konsum beschr\u00e4nkt. Auch das soziale Verhalten wird zunehmend so bewertet. Frauen*, die traditionell \u201em\u00e4nnliche\u201c Eigenschaften verk\u00f6rpern, scheinen Gleichberechtigung erlangt zu haben und gelten als emanzipiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Soziologin Angela McRobbie bezeichnet dieses Ph\u00e4nomen als die Entstehung der \u201ephallischen Frau[*]\u201c (McRobbie, S. 83), wobei der Phallus symbolisch fungiert, als begehrenswert gilt und mit diversen Eigenschaften (Autorit\u00e4t, Selbstbestimmung, Aggression, etc.) verbunden wird. Die symbolische Funktion des Phallus beinhaltet au\u00dferdem eine Art Orientierungspunkt; ein begehrenswertes Ziel des Genie\u00dfens und der Selbstbestimmtheit. &nbsp;Diese Funktion war fr\u00fcher M\u00e4nnern* vorbehalten, doch mit einem R\u00fcckgang der symbolischen Ordnung k\u00f6nnen nun auchFrauen* diese symbolische Funktion \u00fcbernehmen (G\u00f6weil, S.26). Es ist Frauen* jetzt also nicht nur erlaubt die phallische Funktion zu \u00fcbernehmen, sondern die \u00dcbernahme dieser mit M\u00e4nnlichkeit* verkn\u00fcpften Charakterz\u00fcgen wird zunehmend mit Emanzipation gleichgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Ph\u00e4nomen ist auch in der Popul\u00e4rkultur zu erkennen, beispielsweise in dem 2015 erschienenen Film \u201e<em>Trainwreck<\/em>\u201c. Hier stellt die Schauspielerin Amy Schumer eine junge Frau* namens Amy dar, die einen sehr hedonistischen Lebensstil pflegt: sie geht oft in Clubs, trinkt viel und schl\u00e4ft mit vielen verschiedenen M\u00e4nnern (wobei sie ihre sexuellen Vorlieben klar ausdr\u00fcckt). Sie ist au\u00dferdem recht schroff, setzt sich wenig mit ihrer Gef\u00fchlswelt auseinander und verurteilt ihre kleine Schwester daf\u00fcr, verheiratet und Mutter zu sein. Es l\u00e4sst sich also sagen, dass sie einige mit M\u00e4nnern* assoziierte Eigenschaften aufweist und sie wirkt auch auf Zuschauer*innen vollkommen emanzipiert. In der Mitte des Films verliebt sie sich, ist in einer festen Beziehung mit einem Mann* namens Aaron, die dann (eben <em>wegen <\/em>dieser Eigenschaften) endet. Daraufhin verliert sie, aufgrund einiger schlechter Entscheidungen, ihren Job und ist am Boden, weshalb sie sich mit ihrer Schwester trifft, um nach Rat zu fragen. Nach diesem Gespr\u00e4ch entscheidet sich Amy dazu, sich bei Aaron f\u00fcr ihr Verhalten zu entschuldigen und verspricht, dass sie sich \u00e4ndern wird, damit ihre Beziehung funktionieren kann. Auf Zuschauer*innen wirkt sie sofort nicht mehr emanzipiert, weil unklar ist, ob diese Ver\u00e4nderung wirklich ihre W\u00fcnsche f\u00fcr sich selbst widerspiegelt oder nur stattfindet, um einem Mann* zu gefallen. Au\u00dferdem ist das Narrativ, dass m\u00e4nnliche* Eigenschaften Emanzipation bedeuten, im ganzen Film durch die Darstellung von Amys Schwester und ihren Freundinnen* erkennbar: Sie und die anderen Frauen* haben Kinder, sind verheiratet, freundlich und liebevoll und es wird (obwohl wenig \u00fcber sie bekannt ist) der Eindruck vermittelt, dass sie komplett von ihren m\u00e4nnlichen* Partnern abh\u00e4ngig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bei diesem Beispiel schon angedeutet wird, wird Frauen* auch abverlangt, f\u00fcr M\u00e4nner* als begehrenswert zu gelten und in deren Sch\u00f6nheitsideal zu passen \u2013 sonst werden sie in der Gesellschaft weniger akzeptiert und erhalten weniger Teilhabe. Eine totale Abwendung von vermeintlich weiblichen* Eigenschaften ist also auch nicht \u201eerlaubt\u201c. Das wird zum Beispiel auch im Film \u201e<em>The Proposal<\/em>\u201c (2009) deutlich. Margaret Tate, von Sandra Bullock dargestellt, ist hier eine erfolgreiche und ambitionierte Verlagslektorin, mit viel Selbstbewusstsein und Durchsetzungsverm\u00f6gen. Als Chefin zeigt sie ein Verhalten, das, wenn es von einem Mann* k\u00e4me, niemanden \u00fcberraschen w\u00fcrde, beziehungsweise nicht als negativ gewertet werden w\u00fcrde. Weil sie sich jedoch genau verh\u00e4lt, wie ein Mann* es in ihrer Situation tun w\u00fcrde, wird sie von allen als \u201eTyrannin\u201c angesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar wird oft auf diese Doppelmoral (also, dass manche Eigenschaften bei M\u00e4nnern* einfach akzeptiert, aber bei Frauen* kritisiert werden) hingewiesen, doch dass die \u00dcbernahme \u201em\u00e4nnlicher*\u201c Eigenschaften mit Emanzipation gleichgesetzt wird, wird nicht hinterfragt. Durch die unkritische Hinnahme der Idee, dass eine Frau*, die sich \u201em\u00e4nnlich*\u201c verh\u00e4lt, emanzipiert sei, wird die m\u00e4nnliche* Hegemonie nicht hinterfragt (McRobbie, S. 83). Mit diesem Ansatz w\u00e4re der Weg zur Emanzipation nur eine Imitation des Mannes*, ohne dass diese Eigenschaften oder pr\u00e4valenten Geschlechterverh\u00e4ltnisse weiter hinterfragt und kritisiert werden, was das vorherrschende Geschlechterregime nur st\u00e4rkt. Der grundlegende gesellschaftliche Umbruch, der notwendig ist, um das patriarchale System abzuschaffen, wird auf diese Weise verhindert und das Ziel der Gleichberechtigung r\u00fcckt weiter in die Ferne.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Fazit<\/h2>\n\n\n\n<p>Die neoliberale Sichtweise, dass \u00f6konomischer und gesellschaftlicher Status des Individuums vor allem von dessen pers\u00f6nlichem Einsatz und Leistung abh\u00e4ngig sind, hat sich auch im Kontext des Feminismus verbreitet. Der sogenannte \u201eMarktfeminismus\u201c im Postfeminismus l\u00e4sst vermeintlich feministische Bestrebungen konsum- und erwerbsdominiert werden und spielt somit der existierenden Gesellschaftsstruktur zu. Von Frauen* wird gefordert, sich bestehende Strukturen und Verhaltensmuster zu eigen zu machen, um erfolgreich und damit \u201eemanzipiert\u201c zu sein. Die aufgef\u00fchrten Beispiele zeigen, dass diese Sichtweise sowohl in Popul\u00e4rkultur als auch im klassischen Gewerbe propagiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verbreitung von explizit an Frauen* gerichteter Ratgeber-Literatur zur F\u00f6rderung der Karriere entspricht dem Zeitgeist der Selbstoptimierung und ist abermals ein Beispiel daf\u00fcr, dass der Marktfeminismus in erster Linie konsumorientiert ist. Sie zeigt auch, dass eine Frau*, die als emanzipiert gelten will, sich im Markt durchsetzen <em>muss<\/em> und die Karriereleiter aufsteigen <em>muss<\/em>. Au\u00dferdem wird Gleichstellung in vielerlei Hinsicht, einerseits mit Blick auf Erwerbst\u00e4tigkeit und andererseits mit Blick auf Verhaltensweisen, mit der Ann\u00e4herung an \u201eM\u00e4nnlichkeit*\u201c gleichgesetzt. So werden Gesellschaftsstrukturen, die Mann*sein \u00fcberhaupt als Norm festgelegt haben, nicht mehr infrage gestellt und der gesellschaftskritische Ansatz geht verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig zeigen F\u00e4lle wie der Harvey-Weinstein-Skandal, dass grundlegende gesellschaftliche Probleme, die vom Zusammenspiel des Patriarchats und der kapitalistischen Ausbeutung zeugen, nach wie vor ungel\u00f6st bleiben, oder sich im Zuge zunehmender sozialer Ungleichheit in unserer Gesellschaft sogar vertieft haben. Frauen* sind nach wie vor Opfer sexueller und kapitalistischer Ausbeutung, insbesondere in niedrigeren, prek\u00e4ren sozialen Schichten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Marktfeminismus kann als Instrument gelten, um bestehende gesellschaftliche Machtverh\u00e4ltnisse des Patriarchats und des Kapitalismus zu verfestigen. Er dient der Schw\u00e4chung emanzipatorischer Kr\u00e4fte und liegt im Interesse der derzeit herrschenden Eliten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Literaturverzeichnis<\/h2>\n\n\n\n<p>BERESWILL, M. (2004): \u00bb Gender \u00ab als neue Humanressource? Gender Mainstreaming und Geschlechterdemokratie zwischen \u00d6konomisierung und Gesellschaftskritik. In: MEUSNER, M., NEUS\u00dcSS, C. (Hrsg.) (2004): Gender Mainstreaming. Konzepte \u2013 Handlungsfelder \u2013 Instrumente. Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung, Schriftenreihe Bd 418. Bonn. S. 52 \u2013 70<\/p>\n\n\n\n<p>BRUDER-BEZZEL, A. (2020): Von der Frauenbewegung zum Postfeminismus. Zeitschrift f\u00fcr Individualpsychologie 45(1) S. 47\u201363.<\/p>\n\n\n\n<p>DEUTSCHLANDFUNK KULTUR (2013): Die Ideologie des Neoliberalismus. <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/die-ideologie-des-neoliberalismus-100.html\">https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/die-ideologie-des-neoliberalismus-100.html<\/a> (letzter Zugriff:14.03.2023)<\/p>\n\n\n\n<p>EL-MAFAALANI, A. (2015): Bildungsaufstieg \u2013 (K)eine Frage von Leistung allein? <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/bildung\/dossier-bildung\/205371\/bildungsaufstieg-k-eine-frage-von-leistung-allein\/\">https:\/\/www.bpb.de\/themen\/bildung\/dossier-bildung\/205371\/bildungsaufstieg-k-eine-frage-von-leistung-allein\/<\/a> (letzter Zugriff: 14.03.2023)<\/p>\n\n\n\n<p>FRAAD, H. (2021): Capitalism &amp; Patriarchy &#8211; Cuomo, Cosby, Weinstein &amp; Epstein. In Capitalism Hits Home. <a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/episode\/1hkkVAeyoMKeUsIjXtIKId?si=ae9589c373fe4959%20\">https:\/\/open.spotify.com\/episode\/1hkkVAeyoMKeUsIjXtIKId?si=ae9589c373fe4959<\/a> (letzter Zugriff: 15.03.2023).<\/p>\n\n\n\n<p>GILL, R. (2018): Die Widerspr\u00fcche verstehen: (Anti-)Feminismus, Postfeminismus, Neoliberalismus. Aus Politik und Zeitgeschichte 68(1) S. 12\u201319.<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00d6WEIL, S. (2017): Grenzen und Chancen der modernisierten Geschlechterordnung: ein geschlechtskritischer Blick auf Gesellschaft und Schule. Psychosozial-Verlag. Gie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>MCROBBIE, A. (2009): The aftermath of feminism: gender, culture and social change. SAGE. Los Angeles, London, New Delhi, Singapore, Washington DC.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00dcLLER, U. G. T. (2013): Dem Feminismus eine politische Heimat \u2013 der Linken die H\u00e4lfte der Welt: Die politische Verortung des Feminismus. Springer VS. Wiesbaden.<\/p>\n\n\n\n<p>RESPERS FRANCE, L. (2022): Kim Kardashian\u2019s business advice for women sparks controversy: \u2018It seems nobody wants to work these days\u2019. <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2022\/03\/10\/entertainment\/kim-kardashian-work-backlash\/index.html\">https:\/\/edition.cnn.com\/2022\/03\/10\/entertainment\/kim-kardashian-work-backlash\/index.html<\/a> (letzter Zugriff: 14.03.2023)<\/p>\n\n\n\n<p>STRUCK, O., D\u00dcTSCH, M., LIEBIG, V., SPRINGER, A. (2014): Arbeit zur falschen Zeit am falschen Platz? Eine Matching-Analyse zu gesundheitlichen Beanspruchungen bei Schicht- und Nachtarbeit. Journal for Labour Market Research 47(3) S. 245\u2013272.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Emilia Meise, Neoliberalismus und Postfeminismus: Die Unterminierung des kritischen Ansatzes, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 12.06.2023, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=372\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=372<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Unterminierung des kritischen Ansatzes Emilia Maise (WS 2022\/23) 1. Neoliberalismus und Postfeminismus Im Zuge einer sich immer wandelnden Welt ist es selbstverst\u00e4ndlich, dass sich auch soziale Bewegungen, wie der Feminismus, \u00e4ndern und von neuen Gedanken beeinflusst werden. 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