{"id":421,"date":"2023-12-28T13:37:12","date_gmt":"2023-12-28T12:37:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=421"},"modified":"2023-12-28T13:39:06","modified_gmt":"2023-12-28T12:39:06","slug":"das-kollektive-fremdeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2023\/12\/28\/das-kollektive-fremdeln\/","title":{"rendered":"Das kollektive Fremdeln"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie Rassismus die Demokratie zersetzt<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Melanie Appel (SoSe 2023)<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>1. Einleitung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Bis heute ist nicht gekl\u00e4rt, ob Angela Merkel in der Sommerpressekonferenz am 31. August 2015 in dem Bewusstsein vor das Mikrofon trat, dass ein Satz ihre Amtszeit \u2013 und vermutlich sogar sie selbst \u2013 \u00fcberdauern wird. \u201eWir schaffen das.\u201c \u2013 lautete die Affirmation in die Gesellschaft und das Mantra der Bundesregierung. Jenes \u201eWir schaffen das\u201c bezog sich auf die Gefl\u00fcchteten, die bis zu Angela Merkels Aufnahmezusage unter menschenunw\u00fcrdigsten Bedingungen auf der sogenannten \u201eBalkanroute\u201c zur\u00fcckgehalten wurden und ausharren mussten. Dass Angela Merkel mit ihrem \u201eWir\u201c die deutsche Gesellschaft in ihre Selbstvergewisserung miteinschloss, deutet zweierlei an: erstens die Gewissheit dar\u00fcber, dass das politische Gelingen von gesellschaftlicher \u00dcberzeugung abh\u00e4ngig ist. Zweitens die Sicherheit, dass die Politik f\u00e4hig ist, funktionale L\u00f6sungen hervorzubringen. Schon fr\u00fch deutete sich an, dass beide Annahmen auf ein weitreichendes \u201ekollektives Fremdeln\u201c in der deutschen Gesellschaft trafen, das sowohl tiefsitzende Ressentiments und Ablehnung gegen die als \u201efremd\u201c empfundenen \u201eAnderen\u201c reaktivierte als auch eine Zur\u00fcckweisung von demokratischen Grunds\u00e4tzen als Grundlage des politischen Handelns f\u00f6rderte. Diese gesellschaftlichen Reflexe sind jedoch keineswegs neu und auch nicht erst im Kontext der Fluchtbewegungen 2015 sichtbar geworden. Im Gegenteil: Rassistische Einstellungen sind schon immer fester Bestandteil einer kulturellen Identit\u00e4t, die sich \u00fcber die Ausgrenzung bestimmter Menschengruppen in der Logik \u201ezugeh\u00f6rig &#8211; nicht zugeh\u00f6rig\u201c definiert. Der Kolonialismus stand wie keine andere politische Idee f\u00fcr diese Ausnutzung von Macht, indem sich wei\u00dfe Menschen durch die Herstellung von Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnissen \u00fcber ethnische Gruppen erhoben. Mitnichten hat sich bereits eine vollst\u00e4ndige Dekolonialisierung eingestellt, nein: die kolonialen Kontinuit\u00e4ten wirken fort. F\u00fcr ein auf demokratischen Werten aufgebautes Gemeinwesen stellen Diskriminierungen basierend auf rassistischen Konzepten in vielerlei Hinsicht eine Bedrohung dar. Denn klar ist: sobald der gesellschaftliche Konsens \u00fcber ein gleichberechtigtes, freiheitliches und solidarisches Miteinander erodiert, zerf\u00e4llt gleichzeitig die Bereitschaft, allen Menschen die gleichen b\u00fcrgerlichen und politischen sowie wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zuzugestehen. Eine Gesellschaft, die dazu \u00fcbergeht, Menschen bestimmte Wertigkeiten zuzuschreiben, ist nicht l\u00e4nger in der Lage, eine friedvolle, gerechte und w\u00fcrdevolle Gemeinschaft zu organisieren \u2013 sie zerf\u00e4llt in Einzelteile. Die Ebene, auf der sich diese Zersetzungsprozesse am ehesten nachweisen lassen, ist die politische. Durch ihre politischen Pr\u00e4ferenzen, Einstellungen und Werte bringen Menschen ihre Vorstellungen \u00fcber die Gesellschaft und die Politik zum Ausdruck. Sie sind deshalb ein verl\u00e4sslicher Gradmesser f\u00fcr den gesellschaftlichen Zustand insgesamt. In diesem Abschlussessay werde ich die Erkenntnisse zu rassistischen Einstellungen in Deutschland mit ihren Auswirkungen auf die Demokratie zusammentragen und diskutieren. \u00a0<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>2. Bestandsaufnahme: Der gesellschaftliche Zustand<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Als eine \u201eGesellschaft in der Dauerkrise\u201c lie\u00dfe sich die Situation in Deutschland in wenigen Worten wohl am besten beschreiben. Es erschlie\u00dft sich von selbst, dass multiple Krisenauswirkungen belastend auf die Gesellschaft wirken. Sozio\u00f6konomisch benachteiligte Gruppen leiden unter diesem Zustand ganz besonders und f\u00fchlen sich mehr denn je abgeh\u00e4ngt und vernachl\u00e4ssigt. Aber auch die \u201egesellschaftliche Mitte\u201c ist von Sorgen und Unsicherheiten gepr\u00e4gt. In einem solchen Klima der \u00c4ngste und des Misstrauens gedeihen Vertrauensverlust und R\u00fcckzugstendenzen ins Private \u2013 es findet also eine Entfremdung sowohl von politischen als auch von gesellschaftlichen Prozessen statt. Im Ergebnis entsteht das gesteigerte Bed\u00fcrfnis, verbliebene Privilegien einem limitierten Zugriff zu unterwerfen, um die Gruppe derer, die sich Ressourcen teilt, nicht weiter zu vergr\u00f6\u00dfern. In historischer Betrachtung bedienen sich Menschen zur Erreichung dieses Ziels schon immer der Logik des gruppenbezogenen Ein- und Ausschlusses, \u00fcber den festgelegt wird, wer Zugangsm\u00f6glichkeiten zu bestimmten Rechten hat und wem dies verwehrt bleibt. Die Einteilung von Menschen in bestimmte Gruppen kann entlang von unterschiedlichen Merkmalen erfolgen, wobei f\u00fcr dieses Essay das Distinktionsmerkmal der ethnischen Herkunft im Mittelpunkt stehen soll. Bezogen auf dieses Attribut entscheidet sich die Zugeh\u00f6rigkeit und Nicht-Zugeh\u00f6rigkeit von Menschen anhand der Bewertung \u201e[\u2026] ihres \u00c4u\u00dferen, ihres Namens, ihrer (vermeintlichen) Kultur, Herkunft oder Religion [\u2026]\u201c<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>. Dass Rassismus Teil der deutschen Gesellschaft ist, belegen unterschiedliche Studien. So zeigt die \u201eMitte-Studie 2023\u201c der Friedrich-Ebert-Stiftung beispielsweise, dass 40 Prozent der Befragten der Aussage \u201eWir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgef\u00fchl haben\u201c zustimmen.<a id=\"_ftnref2\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Noch deutlicher dr\u00fcckt sich die \u00dcberh\u00f6hung der eigenen Nation gegen\u00fcber anderen Nationen in der Aussage \u201eDie Bundesrepublik ist durch die vielen Ausl\u00e4nder in einem gef\u00e4hrlichen Ma\u00df \u00fcberfremdet\u201c aus, welcher \u00fcber 25 Prozent der Befragten zustimmen.<a id=\"_ftnref3\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> Die l\u00e4ngsschnittliche Betrachtung erh\u00e4rtet den Befund, dass rechtsextreme Einstellungen im Vergleich zu den Vorjahren weiter angestiegen sind. Die Fremdenfeindlichkeit erreichte in den Jahren 2022\/2023 mit 16,2 % ihren H\u00f6chstwert und \u00fcbertrifft den zweith\u00f6chsten Wert aus den Jahren 2018\/2019 (8,7 %) damit fast um das Doppelte.<a id=\"_ftnref4\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Ein manifestes rechtsextremes Weltbild l\u00e4sst sich 2022\/2023 bei 8,3 % der Befragten feststellen. Auch dieser Wert \u00fcbertrifft alle Vorjahreswerte, die zwischen 2-3 % lagen.<a id=\"_ftnref5\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<br>Zusammenfassend l\u00e4sst sich also ein gesellschaftliches Auseinanderfallen konstatieren, das auf rassistischen Vorstellungen von Nation und Nationalit\u00e4t beruht. Die Konstruktion eines spezifischen \u201eDeutschseins\u201c rechtfertigt die Abwertung von Menschen, die als \u201enichtdeutsch\u201c beurteilt werden. Sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene sind die Gefahren einer solchen Entwicklung offensichtlich. F\u00fcr Individuen, die von Rassismus betroffen sind, resultieren daraus politische, soziale und \u00f6konomische Nachteile sowie psychische und physische Gef\u00e4hrdungen. Zum Beispiel haben sie unter strukturellen Benachteiligungen im schulischen Kontext zu leiden, die sich negativ auf ihre Bildungschancen auswirken.<a id=\"_ftnref6\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> Des Weiteren sind sie Diskriminierungen auf dem Wohnungsmarkt ausgesetzt. \u201eDer Wohnungsmarkt ist einer der Lebensbereiche in dem Menschen mit (famili\u00e4rer) Einwanderungsgeschichte am h\u00e4ufigsten aufgrund ihrer (zugeschriebenen) ethnischen Herkunft oder Religionszugeh\u00f6rigkeit diskriminiert werden.\u201c<a id=\"_ftnref7\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> Zuletzt ist auch ein Anstieg der gruppenbezogenen Hasskriminalit\u00e4t beobachtbar. Die Straftaten in diesem Bereich haben im Jahr 2022 gegen\u00fcber dem Jahr 2021 um 9,7 % zugenommen.<a id=\"_ftnref8\" href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> \u201e2021 gab es demnach 10.501 solcher Straftaten, 2022 bereits 11.520.\u201c<a id=\"_ftnref9\" href=\"#_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<br>All diese Zahlen demonstrieren, dass Rassismus das Fundament der Gesellschaft angreift. Es entstehen Spaltungsdynamiken, die Hass, Hetze und Gewalt mit sich bringen. Sie machen au\u00dferdem deutlich, dass Demokratie l\u00e4ngst keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist \u2013 aber dazu im n\u00e4chsten Kapitel mehr. \u00a0<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>3. Folgenabsch\u00e4tzung: Die politischen Auswirkungen\u00a0\u00a0\u00a0<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Politische Pr\u00e4ferenzen, Einstellungen und Werte entwickeln sich nicht losgel\u00f6st vom sozialen Umfeld und den gesellschaftlichen Bedingungen. Deshalb besteht ein Wechselverh\u00e4ltnis zwischen dem im vorherigen Kapitel skizzierten Gesellschaftszustand und den politischen Verh\u00e4ltnissen. Spiegelbildlich ist auch auf der Ebene der Politik erkennbar, was f\u00fcr die Gesellschaft gilt: Das \u201ekollektive Fremdeln\u201c auf der Grundlage rassistischer Motive gewinnt an Pr\u00e4gekraft und beeinflusst so auch die politische Situation. Eine \u201eNormalisierung rechtsextremer Einstellungen in der Bev\u00f6lkerung\u201c<a id=\"_ftnref10\" href=\"#_ftn10\">[10]<\/a> schl\u00e4gt sich in der wachsenden Zustimmung f\u00fcr die rechtsextreme AfD nieder. Gleichzeitig deutet dieser Befund aber auch auf eine tiefgehende Skepsis gegen\u00fcber dem politischen System der Bundesrepublik selbst hin. Denn eine Identifikation mit rechtsextremen Standpunkten f\u00fchrt zumindest zu einer Tolerierung von antidemokratischen Ideen. Das ist vor allem deshalb der Fall, weil rassistische Argumente an die zunehmende Unzufriedenheit mit der Politik ankoppeln und zu Abgrenzungen \u00fcber die <em>\u201eDeservingness\u201c<\/em>-\u00dcberlegung f\u00fchren. Das hei\u00dft: aus Sicht vieler Menschen muss sich der Anspruch auf bestimmte Rechte und Privilegien ausdr\u00fccklich verdient werden. Diese Anspruchsberechtigung wird wiederum vor allem Menschen nichtdeutscher Herkunft abgesprochen, die als \u201eanders\u201c und damit \u201eminderwertig\u201c markiert werden. Rechtsextreme Parteien machen sich damit gleich mehrere gesellschaftliche Problemlagen zunutze: den tief verwurzelten Rassismus, die allgemeine Unzufriedenheit mit der Politik und die \u00dcberzeugung von Menschen deutscher Herkunft, sich f\u00fcr die Gesellschaft verdienter gemacht zu haben und damit Vorrechte genie\u00dfen zu m\u00fcssen. Es ist ersichtlich, dass diese Tendenzen \u2013 so sie politisch nicht ausreichend wahrgenommen und von demokratischen Parteien adressiert werden \u2013 auf fruchtbaren Boden fallen und eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie darstellen. Gerade in diesen Zeiten scheinen diese Bef\u00fcrchtungen berechtigt: Im ARD-DeutschlandTREND f\u00fcr November 2023 liegt die AfD in der Sonntagsfrage zur Bundestagswahl bei 22 Prozent.<a id=\"_ftnref11\" href=\"#_ftn11\">[11]<\/a> Insgesamt 76 % der Befragten sind weniger bzw. gar nicht zufrieden mit der Bundesregierung.<a id=\"_ftnref12\" href=\"#_ftn12\">[12]<\/a> Der ARD-Deutschlandtrend f\u00fcr Oktober 2023 bekr\u00e4ftigt das Bild des fortschreitenden politischen \u00dcberdrusses: 35 Prozent der Befragten sind weniger zufrieden, 20 Prozent gar nicht zufrieden mit der Demokratie.<a id=\"_ftnref13\" href=\"#_ftn13\">[13]<\/a> Eine \u00e4hnlich hoch ausgepr\u00e4gte Demokratieunzufriedenheit wurde zuletzt im Oktober 2008 ermittelt.<a id=\"_ftnref14\" href=\"#_ftn14\">[14]<\/a> Auff\u00e4llig ist, dass mit dem Anstieg der Entt\u00e4uschung \u00fcber die Politik und der Entfremdung von dieser die migrationspolitischen Einstellungen restriktiver werden. So vertreten 64 % der Befragten im ARD-DeutschlandTREND Oktober 2023 die Meinung, dass Zuwanderung eher Nachteile f\u00fcr Deutschland hat. Dies bedeutet eine Steigerung von 10 Prozentpunkten gegen\u00fcber dem ARD DeutschlandTREND f\u00fcr Mai 2023.<a id=\"_ftnref15\" href=\"#_ftn15\">[15]<\/a> Ebenfalls 64 % finden, dass Deutschland weniger Fl\u00fcchtlinge aufnehmen sollte \u2013 ein Plus von 12 Prozentpunkten gegen\u00fcber Mai 2023.<a id=\"_ftnref16\" href=\"#_ftn16\">[16]<\/a> Zuletzt halten 71 % der Befragten die Einf\u00fchrung von Obergrenze f\u00fcr die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen f\u00fcr richtig, das sind 8 Prozentpunkte mehr als im M\u00e4rz 2016.<a id=\"_ftnref17\" href=\"#_ftn17\">[17]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<br>Angesichts dieser Erkenntnisse best\u00e4tigt sich, dass Rassismus nicht nur ein Machtinstrument darstellt, durch das strukturelle Positionierungen in der Gesellschaft hervorgebracht werden. Rassismus beeinflusst dar\u00fcber hinaus politisches Verhalten, indem Reflexe der eigenen Privilegiensicherung zum Nachteil rassifizierter Menschen ausgetragen werden. Menschenw\u00fcrde, Mitmenschlichkeit und Zusammenhalt als Kitt der Gesellschaft werden \u00fcbetrumpft von dem massiven Gef\u00fchl, dass sich Menschen deutscher Herkunft Exklusivrechte verdient h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>4. Fazit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Angesichts der vorgenannten Erkenntnisse best\u00e4tigt sich, dass Rassismus eine gesellschaftsstrukturierende und damit eine auf Machtverh\u00e4ltnissen basierende Ideologie ist, durch die gruppenbezogene Dynamiken des Ein- und Ausschlusses gerechtfertigt werden. Rassismus ist aber mehr als das: Er ist die Fortsetzung kolonialer Ausbeutungslogiken, die sich als Kontinuit\u00e4ten in den rassistischen Realit\u00e4ten der Gesellschaft wiederfinden. Die Ausf\u00fchrungen zur gesellschaftlichen Zustandsbeschreibung haben dies sehr deutlich gezeigt: Es geht eben nicht nur um den Zugang zu gesellschaftlichen Gruppen, es geht vor allem auch um den Zugang zu Ressourcen \u2013 finanzieller, materieller, rechtlicher Art. Den Zugriff an die ethnische Herkunft zu koppeln, garantiert eigene Privilegien und sichert die Verf\u00fcgbarkeit. In einer krisengebeutelten Gesellschaft, die nachweislich auch unter \u00f6konomischen Unsicherheiten zu leiden hat, erh\u00f6ht sich der Hang dazu, bestimmte Gruppen von spezifischen Rechten ausschlie\u00dfen zu wollen. Wie sich best\u00e4tigt, geht diese Gemengelage mit Gefahren f\u00fcr die Demokratie einher. Dies ist darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass sich vor allem rechtsextreme Parteien den Dreiklang aus rassistischen Einstellungen, allgemeiner Unzufriedenheit und \u00f6konomischer Unsicherheit zunutze macht. Sie verachten den Grundkonsens einer demokratischen Gesellschaft und treiben die Spaltung auf dem R\u00fccken benachteiligter ethnischer Gruppen weiter voran. Wie sich zeigt, sind Menschen bereit, diesen Weg mitzugehen, solange er ihnen eine Verbesserung der individuellen Situation verspricht. Diese auf rassistischen Vorurteilen und antidemokratischen Elementen basierende Strategie entfaltet vor allem in einer Phase der umfassenden politischen Verbitterung ihre Wirkung. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<br>Nachdem ich mit Angela Merkel in dieses Abschlussessay eingestiegen bin, halte ich es f\u00fcr konsequent, sie auch f\u00fcr den letzten Satz des Fazits zu zitieren. \u201eEs ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.\u201c<a id=\"_ftnref18\" href=\"#_ftn18\">[18]<\/a> \u2013 so ihr Aufruf an die Bev\u00f6lkerung w\u00e4hrend der Corona-Pandemie. \u201eEs ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst\u201c m\u00f6chte ich mir auch f\u00fcr mein Pl\u00e4doyer an die Gesellschaft zu eigen machen, welches den Schlussteil dieses Essays bildet. \u00a0<br>\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>5. Zum Abschluss: Ein pers\u00f6nliches Pl\u00e4doyer an die Gesellschaft<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df aus pers\u00f6nlicher Erfahrung, wie m\u00fchsam es ist, auf \u201ebessere Zeiten\u201c zu hoffen. \u00d6konomische Unsicherheiten, soziale Benachteiligungen, strukturelle Ungleichheiten verursachen reales Leid. Das Gef\u00fchl zu haben, in seinem Schmerz gerade von den Menschen nicht wahrgenommen zu werden, deren Aufgabe es ist, politische L\u00f6sungen zu finden, ist nur schwer ertr\u00e4glich. Pessimismus und Zukunfts\u00e4ngste geh\u00f6ren f\u00fcr viele Menschen in Deutschland zum Alltag \u2013 sie erahnen, dass ihre Anstrengung f\u00fcr die Gesellschaft nicht in dem Ma\u00dfe belohnt wird, wie sie es verdient h\u00e4tten. Es ist nicht verwunderlich, dass das Motiv dieser \u201eDeservingness\u201c deshalb auch als Bewertungsgrundlage in Richtung der Mitmenschen wirkt. Wer hat was beigetragen? Wer verdient aus diesem Beitrag heraus was? Zu schnell f\u00fchrt Menschen diese Denklogik dazu, anhand der ethnischen Herkunft zu unterscheiden: als \u201erichtiger\u201c Deutscher ergibt sich die \u201eDeservingness\u201c qua Geburt. Menschen anderer Herkunft m\u00fcssten sich dieser Systematik nach mit weniger zufriedengeben oder zumindest mehr f\u00fcr das Gleiche leisten. Das Gef\u00e4hrliche f\u00fcr unsere Demokratie dabei ist, dass sich die Gesellschaft zunehmend auch emotional verschlie\u00dft. Im Ergebnis ist sie nicht mehr nur dagegen, materielle Rechte zu teilen. Nein, der R\u00fcckzug nimmt grunds\u00e4tzlichere Ausma\u00dfe an: die Gesellschaft scheint nicht mehr empf\u00e4nglich und gespr\u00e4chsbereit. Sie tr\u00e4gt eine ausgepr\u00e4gte Kompromisslosigkeit vor sich her, die sie davor sch\u00fctzt, in zwischenmenschliche Verbindung zu treten. Die Geschichte der anderen \u00fcberhaupt wahrzunehmen, geschweige denn, diesen Geschichten eine gleichberechtigte Bedeutung beizumessen, wird durch diese Strategie verunm\u00f6glicht. Was aber w\u00fcrde passieren, wenn wir uns bewusst mit den Geschichten \u201eder anderen\u201c auseinandersetzten, wenn wir einander zuh\u00f6rten, wenn wir hins\u00e4hen? \u201eH\u00f6r zu und schau dich um!\u201c war der Aufruf am Ende des dekolonialen H\u00f6rspaziergangs zur\u00fcck &lt;&lt; erz\u00e4hlt. \u201eH\u00f6r zu und schau dich um!\u201c ist mein Pl\u00e4doyer an die Gesellschaft. Versuchen wir, uns gegenseitig wahrzunehmen. \u201eEs ist ernst, nehmen Sie es auch ernst.\u201c ist meine Mahnung an die Gesellschaft. In diesem Sinne: Versuchen wir, den Kontakt wieder aufzunehmen. Versuchen wir, uns menschlich wieder nahe zu sein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>6. Literaturverzeichnis<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Amadeu Antonio Stiftung. <em>Was ist Rassismus?<\/em> URL: <a href=\"https:\/\/www.amadeu-antonio-stiftung.de\/rassismus\/was-ist-rassismus\/\">https:\/\/www.amadeu-antonio-stiftung.de\/rassismus\/was-ist-rassismus\/<\/a> (abgerufen am 25.11.2023).\u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beauftragte der Bundesregierung f\u00fcr Antirassismus. 2023. <em>Lagebericht Rassismus in Deutschland. Ausgangslage, Handlungsfelder, Ma\u00dfnahmen. <\/em>Berlin.<\/p>\n\n\n\n<p>infratest dimap. <em>ARD-DeutschlandTREND Oktober 2023.<\/em> URL: <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend\/deutschlandtrend-pdf-126.pdf\">https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend\/deutschlandtrend-pdf-126.pdf<\/a> (abgerufen am 25.11.2023).<\/p>\n\n\n\n<p>infratest dimap. <em>ARD-DeutschlandTREND November 2023.<\/em> URL: <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend\/deutschlandtrend-pdf-128.pdf\">https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend\/deutschlandtrend-pdf-128.pdf<\/a> (abgerufen am 25.11.2023).<\/p>\n\n\n\n<p>Merkel, Dr. Angela. 2020. <em>Fernsehansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel.<\/em> URL: <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/fernsehansprache-von-bundeskanzlerin-angela-merkel-1732134\">https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/fernsehansprache-von-bundeskanzlerin-angela-merkel-1732134<\/a> (abgerufen am 25.11.2023).<\/p>\n\n\n\n<p>tagesschau.de. 2023. <em>Sorge \u00fcber wachsende Hasskriminalit\u00e4t.<\/em> Stand: 11.09.2023 14:04 Uhr. URL: <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/hasskriminalitaet-deutschland-bundesbeauftragte-100.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/hasskriminalitaet-deutschland-bundesbeauftragte-100.html<\/a> (abgerufen am 25.11.2023)<\/p>\n\n\n\n<p>Zick, Andreas, K\u00fcpper Beate und Nico Mokros (Hrsg.) f\u00fcr die Friedrich-Ebert-Stiftung. 2023. <em>Die distanzierte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegef\u00e4hrdende Einstellungen in Deutschland 2022\/23. <\/em>Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. GmbH.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Amadeu Antonio Stiftung. <em>Was ist Rassismus?<\/em> URL:<a href=\"https:\/\/www.amadeu-antonio-stiftung.de\/rassismus\/was-ist-rassismus\/\"> https:\/\/www.amadeu-antonio-stiftung.de\/rassismus\/was-ist-rassismus\/<\/a> (abgerufen am 25.11.2023)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Zick, Andreas, K\u00fcpper Beate und Nico Mokros (Hrsg.) f\u00fcr die Friedrich-Ebert-Stiftung. 2023. <em>Die distanzierte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegef\u00e4hrdende Einstellungen in Deutschland 2022\/23. <\/em>Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. GmbH, S. 66.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Zick et al. 2023, S. 66.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. Ebd., S. 69.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. Zick et al. 2023, S. 71.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. z.B. Die Beauftragte der Bundesregierung f\u00fcr Antirassismus. 2023. <em>Lagebericht Rassismus in Deutschland. Ausgangslage, Handlungsfelder, Ma\u00dfnahmen. <\/em>Berlin, S. 50.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> Ebd., S. 68.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn8\" href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> tagesschau.de. 2023. <em>Sorge \u00fcber wachsende Hasskriminalit\u00e4t.<\/em> Stand: 11.09.2023 14:04 Uhr. URL: <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/hasskriminalitaet-deutschland-bundesbeauftragte-100.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/hasskriminalitaet-deutschland-bundesbeauftragte-100.html<\/a> (abgerufen am 25.11.2023)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a> Zick et al. 2023, S. 85.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn11\" href=\"#_ftnref11\">[11]<\/a> infratest dimap. ARD-DeutschlandTREND November 2023, S.3. URL: <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend\/deutschlandtrend-pdf-128.pdf\">https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend\/deutschlandtrend-pdf-128.pdf <\/a>(abgerufen am 25.11.2023).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref12\" id=\"_ftn12\">[12]<\/a> Vgl. Ebd., S. 5.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn13\" href=\"#_ftnref13\">[13]<\/a> Vgl. infratest dimap. ARD-DeutschlandTREND Oktober 2023, S. 9. URL: <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend\/deutschlandtrend-pdf-126.pdf\">https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend\/deutschlandtrend-pdf-126.pdf<\/a> (abgerufen am 25.11.2023).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref14\" id=\"_ftn14\">[14]<\/a> infratest dimap Oktober 2023, S. 9.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref15\" id=\"_ftn15\">[15]<\/a> Vgl. ebd., S. 15.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref16\" id=\"_ftn16\">[16]<\/a> Vgl. ebd., S. 17.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref17\" id=\"_ftn17\">[17]<\/a> Vgl. ebd., S. 22.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn18\" href=\"#_ftnref18\">[18]<\/a> Merkel, Dr. Angela. 2020. <em>Fernsehansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel.<\/em> URL: <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/fernsehansprache-von-bundeskanzlerin-angela-merkel-1732134\">https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/fernsehansprache-von-bundeskanzlerin-angela-merkel-1732134<\/a> (abgerufen am 25.11.2023).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Melanie Appel, <em>Das kollektive Fremdeln \u2013 Wie Rassismus die Demokratie zersetzt<\/em>, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 27.12.2023, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=421\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=421<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie Rassismus die Demokratie zersetzt Melanie Appel (SoSe 2023) 1. Einleitung Bis heute ist nicht gekl\u00e4rt, ob Angela Merkel in der Sommerpressekonferenz am 31. August 2015 in dem Bewusstsein vor das Mikrofon trat, dass ein Satz ihre Amtszeit \u2013 und vermutlich sogar sie selbst \u2013 \u00fcberdauern wird. \u201eWir schaffen das.\u201c \u2013 lautete die Affirmation in &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2023\/12\/28\/das-kollektive-fremdeln\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDas kollektive Fremdeln\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2643,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[327720],"tags":[2740],"class_list":["post-421","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-essay","tag-rassismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/421","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2643"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=421"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/421\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":422,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/421\/revisions\/422"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=421"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=421"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=421"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}