{"id":454,"date":"2024-07-08T13:24:00","date_gmt":"2024-07-08T11:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=454"},"modified":"2024-07-08T13:28:54","modified_gmt":"2024-07-08T11:28:54","slug":"femmephobia-in-der-gesellschaft-und-in-queeren-communities","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2024\/07\/08\/femmephobia-in-der-gesellschaft-und-in-queeren-communities\/","title":{"rendered":"Femmephobia in der Gesellschaft und in queeren Communities"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Victoria Reichenbacher (WiSe 2023\/24) <\/h2>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>Vorbemerkung:<\/strong> Analog zu Begriffen wie Queerphobie, Transphobie oder Homophobie w\u00e4re die Wortbildung mit \u201e-phobie\u201d im Deutschen irref\u00fchrend, da es sich bei all diesen Beispielen nicht um klassische \u00c4ngste im Sinne einer Phobie handelt, sondern um ablehnende Einstellungen und Haltungen. Daher werde ich im Folgenden ausschlie\u00dflich den englischen Begriff Femmephobia verwenden.<\/pre>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Femme als Identifikation und Femmephobia<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Bevor wir definieren k\u00f6nnen, was Femmephobia ist und wie ihre Manifestationen in queeren Communities aussehen k\u00f6nnen, ist es notwendig zu definieren, was \u201efemme\u201c ist und wo die Unterschiede z.B. zu Feminit\u00e4t liegen. Rhea Hoskin definiert \u201efemme\u201c als eine Identit\u00e4t, die sowohl Feminit\u00e4t unabh\u00e4ngig von einem als weiblich gelesenen oder definierten K\u00f6rper umfasst, als auch Feminit\u00e4t, die gesellschaftlich sanktionslos dargestellt werden kann (Blair &amp; Hoskin, 2015, S.232).<br>Unsanktionierte Feminit\u00e4t soll hier als patriarchale Feminit\u00e4t bezeichnet werden, was bedeutet, dass nur jene Feminit\u00e4t gesellschaftlich akzeptiert ist, die von wei\u00dfen, able-bodied, heterosexuell verf\u00fcgbaren cis-Frauen im biologisch-deterministischen Verst\u00e4ndnis performativ hergestellt wird (Blair &amp; Hoskin, 2015, S.232). Femme umfasst also nicht nur diese Definition von patriarchaler bzw. essentieller Feminit\u00e4t, sondern auch Abweichungen oder Ablehnungen ebendieser, z.B. durch die Performanz von Feminit\u00e4t durch andere Geschlechtsidentit\u00e4ten, also z.B. von Trans*-Personen, nicht-bin\u00e4re oder sich als m\u00e4nnlich identifizierende Personen. Ausf\u00fchrliche Definitionen, Abgrenzungen und Diskussionen zu Femme finden sich u.a. in Hoskin (2013) und werden hier aus Platzgr\u00fcnden nicht weiter ausgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Femmephobia ist demnach die Ablehnung von gesellschaftlich als weiblich oder feminin konnotierten Eigenschaften, Verhaltensweisen, Gesten, Sprachelementen, modischen Vorlieben etc. insbesondere, aber nicht ausschlie\u00dflich, wenn diese au\u00dferhalb der essentiellen Feminit\u00e4t liegen. Es handelt sich also um eine systematische Abwertung und gleichzeitige Regulierung von Femininit\u00e4t (Hoskin et al., 2023, S.193).<br>Dabei ist es wichtig, Femmephobia von anderen Formen der Unterdr\u00fcckung wie Misogynie oder Sexismus abzugrenzen, auch wenn sich diese Unterdr\u00fcckungsmechanismen oft \u00fcberlagern und gleichzeitig stattfinden. W\u00e4hrend sich Misogynie und im Wesentlichen auch Sexismus gegen Personen richten, die als weiblich gelesen werden (unabh\u00e4ngig davon, ob diese Feminit\u00e4t performen), richtet sich Femmephobia gegen performante Feminit\u00e4t, unabh\u00e4ngig von der eigenen oder zugeschriebenen Geschlechtsidentit\u00e4t (Hoskin et al., 2023, S.193).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Auspr\u00e4gungen von Femmephobia<\/h2>\n\n\n\n<p>Rhea Hoskin, die in den letzten Jahren die Femme-Theorie und das Ph\u00e4nomen der Femmephobia ma\u00dfgeblich erforscht und wissenschaftlich-theoretisch weiterentwickelt hat, definiert verschiedene Erscheinungsformen der Femmephobia: die strukturelle oder verdeckte Femmephobia, die offene Femmephobia, die Femme Mystification und die moralische Femmephobia {Anm. d. Verf.: freie \u00dcbersetzung von \u201cpious femmephobia\u201d} (Hoskin, 2013).<\/p>\n\n\n\n<p>Strukturelle oder verdeckte Femmephobia sind Alltagspraktiken in Form von Sprache, Ideologie oder Gendering, z.B. \u201cDu siehst nicht aus wie eine Lesbe\u201d. Offene Femmephobia hingegen ist die explizite Ablehnung von Feminit\u00e4t, z.B. die Formulierung \u201cno fems\u201d auf Grindr-Profilen von MSM (M\u00e4nner, die Sex mit M\u00e4nnern haben), die klar die Ablehnung von Feminit\u00e4t bei potentiellen Dates zum Ausdruck bringt (Blair &amp; Hoskin, 2015, S.232).<br>Unter Femme Mystification versteht Hoskin die Herabsetzung oder Objektifizierung von Personen, die femme Charakteristika aufweisen, z.B. wird freiz\u00fcgigere Kleidung damit assoziiert, dass die Person k\u00e4uflich oder leicht zu haben sei (Blair &amp; Hoskin, 2015, S.232). Moralische Femmephobia schlie\u00dflich umfasst Auspr\u00e4gungen wie Slut-Shaming, Victim-Blaming oder Gender Policing, die darauf abzielen, eine \u201canst\u00e4ndige Weiblichkeit\u201d bzw. eine essentielle \/ patriarchale Feminit\u00e4t durchzusetzen (Blair &amp; Hoskin, 2015, S.232).<\/p>\n\n\n\n<p>In einer weiteren umfassenden Studie konnte Hoskin (2019) neben dem \u00fcbergeordneten Frame, dass die Performanz von Feminit\u00e4t das Ziel von Femmephobia ist, verschiedene Subframes identifizieren. Femmephobia \u00e4u\u00dfert sich zudem in Form der Regulierung sexueller Identit\u00e4ten, der Morphologie und des biologischen Determinismus, \u201emasculine right of access\u201c (auf eine \u00dcbersetzung wird verzichtet), feminine joke und Femininit\u00e4t und Passing (Hoskin, 2019, S.691).<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die Regulierung sexueller Identit\u00e4ten umfasst wiederum Ma\u00dfnahmen wie Slut-Shaming, Virgin-Shaming oder Victim-Blaming sowie grunds\u00e4tzlich die Regulierung der heterosexuellen Matrix durch Femmephobia, meist in sprachlicher Form. Ziel ist die Aufrechterhaltung der m\u00e4nnlichen \u00dcberlegenheit in der Geschlechterhegemonie und die Aufrechterhaltung patriarchaler Feminit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Besonders deutlich wird dies in der Sprache: Feminit\u00e4t soll (sexuelle) Avancen akzeptieren, aber nicht eigenst\u00e4ndig handeln. Wehrt sich eine Femme-Person gegen solche Avancen oder lehnt sie ab, wird sie z.B. als \u201cbitch\u201d oder pr\u00fcde betitelt. Geht sie hingegen darauf ein oder ergreift sogar die Initiative, um ihre eigenen Interessen oder W\u00fcnsche zu verwirklichen, wird sie z.B. als \u201cslut\u201d oder \u201cbillig\u201d bezeichnet (Hoskin, 2019, S.691\/692). Es wird also deutlich, dass es einen sehr kleinen Bereich gibt, n\u00e4mlich die essentielle Feminit\u00e4t, der f\u00fcr Femme-Personen als gesellschaftlich akzeptabel angesehen wird. Deviationen in irgendeine Richtung von diesem Bereich werden durch Femmephobia in dieser Auspr\u00e4gung effektiv stigmatisiert. Wichtig ist hier die zentrale Komponente von Femininit\u00e4t unabh\u00e4ngig von der Geschlechtsidentit\u00e4t: Abstinenz wie Promiskuit\u00e4t sind f\u00fcr maskuline Identit\u00e4ten nicht stigmatisiert (Hoskin, 2019, S.692) bzw. werden gesellschaftlich sogar als aufwertend wahrgenommen. Noch deutlicher wird diese Auspr\u00e4gung im Victim Blaming, bei dem z.B. die Kleidungswahl einer femininen Person f\u00fcr sexuelle \u00dcbergriffe verantwortlich gemacht wird oder feminine schwule M\u00e4nner aufgrund ihrer \u201eunmaskulinen\u201d Au\u00dfendarstellung f\u00fcr Homofeindlichkeit verantwortlich gemacht werden (Hoskin, 2019, S.692).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bereich Morphologie und des biologistischen Determinismus umfasst Assoziationen, die Feminit\u00e4t mit (cis-)weiblicher Geschlechtsidentit\u00e4t und Maskulinit\u00e4t mit (cis-)m\u00e4nnlicher Geschlechtsidentit\u00e4t und dem damit verbundenen stereotypen Erscheinungsbild gleichsetzen. Ein stereotyp kr\u00e4ftiger m\u00e4nnlicher K\u00f6rper soll bzw. muss demnach auch Maskulinit\u00e4t ausstrahlen, w\u00e4hrend ein stereotyp zarter weiblicher K\u00f6rper Feminit\u00e4t verk\u00f6rpern soll. Wird von dieser Kombination aus Morphologie und Performanz abgewichen, erfolgt der Sanktionsmechanismus in Form von Femmephobia (Hoskin, 2019, S.693).<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Frame \u201emasculine rights of access\u201c l\u00e4sst sich im Wesentlichen die Annahme zusammenfassen, dass Feminit\u00e4t (gleich welchen Genders) ausschlie\u00dflich dazu dient, heterosexuellen M\u00e4nnern bzw. dem m\u00e4nnlichen Blick (male gaze) zu gefallen und zu entsprechen (Hoskin, 2019, S.694-696). Dies kann verschiedene Formen annehmen, zum Beispiel, dass lesbische Personen als Lustphantasie f\u00fcr M\u00e4nner dienen (und daf\u00fcr ganz selbstverst\u00e4ndlich zur Verf\u00fcgung stehen), dass die sexuelle Orientierung aufgrund des Femme-Seins in Frage gestellt wird, dass eine weibliche Femme-Person als &#8222;zu schade&#8220; f\u00fcr gleichgeschlechtliche Beziehungen angesehen wird oder dass die eigene Maskulinit\u00e4t durch die Anwesenheit einer Femme-Person in Frage gestellt wird (Hoskin, 2019, S. 695-696).<\/p>\n\n\n\n<p>Feminine Joke (Hoskin, 2019, S.696\/697) fasst Formen von Femmephobia zusammen, die Witze oder \u201chumorvolle\u201d Kommentare verwenden und oft als harmlos dargestellt werden und nicht zuletzt immer die M\u00f6glichkeit bieten, die Aussage als nicht ernst gemeint zu revidieren oder herunterzuspielen. Verbreitete Themen sind \u201cbutch in the streets, femme in the sheets\u201d oder \u201cMann in Frauenkleidern\u201d, die beide auf die Unterlegenheit von Feminit\u00e4t abzielen und Ansatzpunkte f\u00fcr L\u00e4cherlichkeit bieten. Eng damit verbunden sind auch Aspekte von Femininit\u00e4t am Arbeitsplatz oder in der Wissenschaft. Beides sind Bereiche, in denen die offene Darstellung von Femininit\u00e4t nach wie vor h\u00e4ufig mit geringerer Intelligenz, Kompetenz oder Qualifikation assoziiert wird (Hoskin, 2019, S.697).<\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Frame schlie\u00dflich bezieht sich auf Feminit\u00e4t und Passing. Dies ist besonders h\u00e4ufig in intersektionalen Kontexten anzutreffen, z.B. bei trans*weiblichen Personen, von denen oft eine Hyperfeminit\u00e4t erwartet wird, um als Frau akzeptiert zu werden. W\u00e4hrend diese Performanz von Feminit\u00e4t einerseits validierend sein kann (in Form von Akzeptanz), stellt sie gleichzeitig eine starke Einschr\u00e4nkung der eigenen Repr\u00e4sentation und Identit\u00e4t dar: \u201ezu wenig\u201c ist nicht &nbsp;\u201etrans* genug\u201c, \u201ezu viel\u201c wird als L\u00e4cherlichmachen von Trans*-Identit\u00e4ten wahrgenommen (Hoskin, 2019, S.698). \u00c4hnliches gilt z.B. f\u00fcr cis-lesbische Femmes in queeren R\u00e4umen, denen aufgrund ihres femme Erscheinungsbildes abgesprochen wird, queer zu sein. Dies f\u00fchrt zu Ausgrenzungsph\u00e4nomenen, da sich die Person weder heteronormativen noch queeren R\u00e4umen zugeh\u00f6rig f\u00fchlt (Hoskin, 2019, S.698\/699).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Reaktionen von Betroffenen auf Femmephobia<\/h2>\n\n\n\n<p>Wie reagieren nun Betroffene auf diese Formen der Femmephobia? Hoskin et al. (2023) haben dies untersucht und festgestellt, dass die Mehrheit der Betroffenen mit einer zumindest partiellen Unterdr\u00fcckung der Feminit\u00e4t reagiert, oft selektiv je nach Situation, z.B. am Arbeitsplatz (Hoskin et al., 2023, S.196-199). Eine immer noch relativ gro\u00dfer Anteil reagierte mit Nicht-\u00c4nderung. Eine wichtige Erkenntnis dieser Untersuchung war, dass die Nicht-\u00c4nderung bewusst und als Agency erfolgt. Es handelt sich also keineswegs um eine mangelnde Wahrnehmung oder von Femmephobia, sondern um die bewusste Entscheidung, sich und die eigene Performanz nicht aufgrund \u00e4u\u00dferer Einfl\u00fcsse und R\u00fcckmeldungen einschr\u00e4nken zu lassen oder ver\u00e4ndern zu wollen (Hoskin et al., 2023, S.199\/200). Nur ein verschwindend geringer Teil der Betroffenen reagierte auf die Femmephobia mit verst\u00e4rkter femininer Performanz. Diese Personen identifizierten sich alle als queer (Hoskin et al., 2023, S.199).<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem wir nun gesehen haben, was Femmephobia ist und wie gesamtgesellschaftlich wirkm\u00e4chtig sie ist, um patriarchale Feminit\u00e4t zu st\u00fctzen und davon abweichende Formen zu unterdr\u00fccken, wollen wir nun konkreter darauf eingehen, ob und wie Femmephobia in lesbischen und schwulen Communities existiert, sich \u00e4u\u00dfert und wahrgenommen wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Femmephobia in lesbischen Communities<\/h2>\n\n\n\n<p>Lange Zeit existierte in lesbischen Communities, aber auch in weiten Teilen der feministischen Literatur und Wissenschaft, die Annahme, dass Femme-Identit\u00e4ten mit internalisierter Homofeindlichkeit, der Reproduktion patriarchaler Feminit\u00e4t (und damit der Unterordnung von Feminit\u00e4t unter Maskulinit\u00e4t) und mangelnder Bereitschaft, sich zu outen, verbunden sind (Gunn et al., 2021, S.2). Zudem wurde femme oft nicht als eigenst\u00e4ndige Ausdrucksform akzeptiert, sondern nur als Gegenform zu butch (Gunn et al., 2021, S.2). Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass Femme-Identifikation sowohl in Teilen der queeren Community als auch in der Gesellschaft im Allgemeinen als unauthentisch wahrgenommen wurde und teilweise wird, wodurch die Betroffenen und ihre Lebensrealit\u00e4ten ignoriert oder unsichtbar gemacht werden (Gunn et al., 2021, S.2).<br><\/p>\n\n\n\n<p>Gunn et al. (2021) untersuchen, inwiefern insbesondere die Annahmen der internalisierten Homofeindlichkeit und des geringeren Outings mit der eigenen Performanz von Feminit\u00e4t zusammenh\u00e4ngen, indem sie sich als queer identifizierende Personen, die sich als butch, androgyn oder femme identifizieren, diesbez\u00fcglich in SCT-Diagrammen (Sexual Configuration Theory, vgl. van Anders, 2015) einordnen lie\u00dfen. Es konnte kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Performanz von Feminit\u00e4t und internalisierter Homofeindlichkeit und Outing-Tendenz festgestellt werden (Gunn et al., 2021, S.5-9). Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass sich queere Identit\u00e4ten heute st\u00e4rker individuell ausdifferenzieren und nicht mehr g\u00e4ngigen Stereotypen entsprechen, und dass diese Auspr\u00e4gungen eher mit der individuellen Performanz von Feminit\u00e4t zusammenh\u00e4ngen als mit der Zuordnung zu einer bestimmten sexuellen Identit\u00e4t oder Pr\u00e4ferenz (Gunn et al., 2021, S.9-11).<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch ist dieser Wandel ein langsamer Prozess und Femmephobia ist in queeren Communities nach wie vor weit verbreitet. Blair &amp; Hoskin (2015) haben in einer umfassenden Studie (Blair &amp; Hoskin, 2015, S.233\/234) die verschiedenen Typen von Femmephobia in queeren Communities untersucht.<br>Viele Personen beschrieben den Prozess des Coming-out als Femme als belastend und identit\u00e4tsentwertend. Unsichtbarkeit, die Privilegierung maskuliner oder butch-Identit\u00e4ten, das Fehlen einer sichtbaren Repr\u00e4sentation von Femmes und der Druck, vermeintlichen Stereotypen entsprechen zu m\u00fcssen, sind die h\u00e4ufigsten Manifestationen (Blair &amp; Hoskin, 2015, S.235\/236). Nach Blair &amp; Hoskin f\u00fchrt dies h\u00e4ufig zu einem Prozess, den sie als \u201cfeminine-butch-femme\u201d-Prozess bezeichnen: Personen zeigen urspr\u00fcnglich eine starke (oft patriarchale) Performanz von Femininit\u00e4t, versuchen aufgrund der oben genannten Faktoren eine Butch-Identit\u00e4t zu performen, stellen fest, dass diese f\u00fcr sie unauthentisch ist und entwickeln in der Folge eine bewusste Femme-Identit\u00e4t und Performanz (Blair &amp; Hoskin, 2015, S.236\/237).<\/p>\n\n\n\n<p>Unsichtbarkeit, strukturelle Femmephobia und die Infragestellung der eigenen Queerness bzw. Authentizit\u00e4t durch Teile der queeren Community, Beziehungspartner und die Gesellschaft im Allgemeinen wurden von den meisten Befragten wahrgenommen (Blair &amp; Hoskin, 2015, S.237-239). Moralische Femmephobia wurde ebenfalls stark wahrgenommen, z.B. in der Zuschreibung von Schw\u00e4che, geringerer Kompetenz oder Unterordnung mit Femme-Performanz (Blair &amp; Hoskin, 2015, S.239).<\/p>\n\n\n\n<p>Offene Femmephobia ist, wenn auch r\u00fcckl\u00e4ufig, immer noch weit verbreitet. Dies kann sich z.B. darin \u00e4u\u00dfern, dass Femme-Personen in queeren R\u00e4umen nur in Begleitung von Butch-Personen geduldet werden oder dass sie explizit als Outsider etikettiert und behandelt werden, bzw. als Personen, mit denen man nicht gesehen werden m\u00f6chte (Blair &amp; Hoskin, 2015, S.239\/240). Der Typus der Femme Mystification wurde vergleichsweise wenig wahrgenommen und \u00e4u\u00dferte sich im Wesentlichen in einer Objektifizierung und einem Tokenism der Femme-Identit\u00e4t, wobei die Betroffenen berichteten, sich als \u201cH\u00e4kchen auf einer Liste\u201d von (sexuellen) Eroberungen zu f\u00fchlen (Blair &amp; Hoskin, 2015, S.240).<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen also, dass Femmephobia in lesbischen Communities zwar sehr spezifische Auspr\u00e4gungen hat, aber in allen Subtypen genauso pr\u00e4sent ist wie in der Gesamtgesellschaft und gleicherma\u00dfen darauf abzielt, die Identit\u00e4t und die Performanz von Feminit\u00e4t zu regulieren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Femmephobia in trans*Communities<\/h2>\n\n\n\n<p>Femmephobia hat auch einen starken Einfluss auf trans*m\u00e4nnliche Personen, indem Maskulinit\u00e4t als Ma\u00dfstab und Norm f\u00fcr diese Personen stilisiert wird und das Zeigen von Feminit\u00e4t mit Inauthentizit\u00e4t oder Trendhaftigkeit assoziiert wird (Bellamy-Walker, 2019, S.2\/3).<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die Infragestellung der m\u00e4nnlichen Identit\u00e4t durch die Gleichsetzung von Maskulinit\u00e4t mit m\u00e4nnlicher Identit\u00e4t (trans*m\u00e4nnliche Personen m\u00fcssen sehr maskulin sein, um als \u201cechte\u201d M\u00e4nner akzeptiert zu werden) ist sehr verbreitet (Bellamy-Walker, 2019, S.5\/6). Dies ist laut Bellamy auch im medizinischen Bereich ein wesentlicher Faktor, da trans*m\u00e4nnliche Personen gegen\u00fcber Fachpersonal und Institutionen konstant zeigen und beweisen m\u00fcssen, dass sie \u201cwirklich\u201d trans* sind und dieser Nachweis oft in Form von Maskulinit\u00e4t eingefordert wird (Bellamy-Walker, 2019, S.6-8).<\/p>\n\n\n\n<p><br>Vergleichbares Verhalten ist auch innerhalb der Trans*Community zu beobachten, wo h\u00e4ufig eine Wertung durch andere in der Community stattfindet, ob die Person trans* (und in diesem Fall maskulin) genug ist, um akzeptiert zu werden (Bellamy-Walker, 2019, S.8-10).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Femmephobia in schwulen Communities<\/h2>\n\n\n\n<p>\u00c4hnliche Auspr\u00e4gungen von Femmephobia finden sich auch in cis-schwulen Communities oder popkultur\u00e4ren Repr\u00e4sentationen von schwulen cis-M\u00e4nnern. Davies (2023) untersuchte ausf\u00fchrlich die Darstellung und Konnotation von Feminit\u00e4t und die daraus resultierende Femmephobia im Spielfilm \u201cLove, Simon\u201d, dessen Hauptfigur eine \u201cmaskulin\u201d-schwule Person ist und die einem femme-schwulen Charakter gegen\u00fcbergestellt wird.<br>Obwohl die Femme-Figur Ethan bewusst und mit eigener Agency handelt und ihre Femme-Identit\u00e4t performativ auslebt, wird sie dennoch als Abweichung von der \u201eNorm\u201c charakterisiert und im Vergleich zu Simon als \u201etoo much\u201c datgestellt, wobei die offene Performanz gleichzeitig als Entschuldigung daf\u00fcr dient, Ethans pers\u00f6nliche Lebensrealit\u00e4t und seine Probleme unsichtbar zu machen (z.B. Davies, 2023, S.8). Die Analyse zeigt, dass selbst explizit progressive Produktionen (die die Hauptfiguren als eindeutig homosexuell ausweisen) h\u00e4ufig Femmephobia und entsprechende Stereotype reproduzieren (Davies, 2023, S.11-13).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Intersektionalit\u00e4t von Femmephobia mit anderen Diskriminierungen wird von Patr\u00f3n &amp; Harper (2024) in ihrer Studie \u00fcber Femmephobia unter schwulen Latinos hervorgehoben. Sie zeigen u.a. die Verwobenheit von Maskulinit\u00e4t mit Machismo und Heterosexismus in Latino-Communities und die damit verbundenen Manifestationen von Femmephobia (Patr\u00f3n &amp; Harper, 2024, S.3\/4).<\/p>\n\n\n\n<p><br>Es konnte gezeigt werden, dass die Bagatellisierung oder Unterdr\u00fcckung von Feminit\u00e4t weit verbreitet ist. Dies kann unter anderem aus Gr\u00fcnden der Zugeh\u00f6rigkeit oder der Sicherheit geschehen (Patr\u00f3n &amp; Harper, 2024, S.10). Dies wird auch mit Ethnizit\u00e4t oder Race in Zusammenhang gesetzt, indem deutlich wird, dass viele Gay-Spaces von und f\u00fcr Wei\u00dfe gemacht sind und dass unter Latinos ein Druck besteht, durch Hypermaskulinit\u00e4t Akzeptanz und Zugeh\u00f6rigkeit in diesen wei\u00dfen Spaces zu schaffen (Patr\u00f3n &amp; Harper, 2024, S.10\/11).<\/p>\n\n\n\n<p><br>\u00c4hnlich wie in den vorangegangenen Beispielen wird auch in Gay Communities Feminit\u00e4t h\u00e4ufig mit Schw\u00e4che und Vulnerabilit\u00e4t f\u00fcr (sexuelle) Gewalt gleichgesetzt (Patr\u00f3n &amp; Harper, 2024, S.12). Deutlich wird auch die Privilegierung und Bevorzugung maskuliner Identit\u00e4ten in der Gay-Community (Patr\u00f3n &amp; Harper, 2024, S.13\/14), nicht zuletzt in dem Spannungsfeld, dass Maskulinit\u00e4t einerseits eine bessere Unsichtbarkeit innerhalb der heterosexuellen Matrix schafft und andererseits betont, dass \u201cman als schwuler Mensch wirklich auf andere (richtige) M\u00e4nner steht\u201d (interpretiert nach Patr\u00f3n &amp; Harper, 2024, S.14\/15).<\/p>\n\n\n\n<p><br>Einige Teilnehmende vermuteten, dass hinter der verbreiteten Femmephobia in Gay-Communities oft Misogynie stecke, die sich aber mangels Frauen* in diesen Communities an den anwesenden Femmes ausdr\u00fccke (Patr\u00f3n &amp; Harper, 2024, S.15\/16). Schlie\u00dflich konnte noch festgestellt werden, dass Femmephobia oft hinter pers\u00f6nlichen Pr\u00e4ferenzen f\u00fcr Interesse oder Desinteresse an feminin performenden Personen zu verstecken versucht wird (Patr\u00f3n &amp; Harper, 2024, S.16\/17).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Insgesamt zeigt sich, dass Femmephobia ein weit verbreitetes Problem in der Gesamtgesellschaft, aber insbesondere auch in queeren R\u00e4umen ist. Dennoch wird es in gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen bisher vergleichsweise wenig thematisiert oder f\u00e4lschlicherweise anderen Diskriminierungsformen wie Sexismus oder Misogynie zugeordnet, obwohl Femmephobia im Gegensatz zu diesen unabh\u00e4ngig von der Geschlechtsidentit\u00e4t auftritt und keinesfalls auf cis-weibliche Identit\u00e4ten beschr\u00e4nkt ist. Femme als Identit\u00e4t und Femmephobia als spezifische Form der Unterdr\u00fcckung wahrzunehmen, ist daher ein zentraler Baustein, um Diskriminierung und Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts bzw. der Performanz von Geschlechtsidentit\u00e4t zu untersuchen und zu beseitigen.<br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellenverzeichnis:<\/h2>\n\n\n\n<p>Bellamy-Walker, T. (2019). Not Manly Enough: Femmephobia\u2019s Stinging Impact on the Transmasculine Community. <em>CUNY Academic Works.<\/em> <a href=\"https:\/\/academicworks.cuny.edu\/gj_etds\/411\">https:\/\/academicworks.cuny.edu\/gj_etds\/411<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Blair, K. L., &amp; Hoskin, R. A. (2015). Experiences of femme identity: coming out, invisibility and femmephobia. <em>Psychology and Sexuality<\/em>, <em>6<\/em>(3), 229\u2013244. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/19419899.2014.921860\">https:\/\/doi.org\/10.1080\/19419899.2014.921860<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Davies, A. W. (2023). Love, Simon and failure: Challenging normative discourses and femmephobia in gay youth representations. <em>Sexualities, 0<\/em>(0), 1-15. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/13634607231199409\">https:\/\/doi.org\/10.1177\/13634607231199409 <span><a href=\"\"><\/a><\/span><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Gunn, A., Hoskin, R. A., &amp; Blair, K. L. (2021). The new lesbian aesthetic? Exploring gender style among femme, butch and androgynous sexual minority women. <em>Women&#8217;s Studies International Forum, 88<\/em>, Article 102504. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.wsif.2021.102504\">https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.wsif.2021.102504 <\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Hoskin, R. A. (2013). <em>Femme theory: Femininity\u2019s challenge to western feminist pedagogies (Master\u2019s thesis)<\/em>. QSpace at Queen\u2019s University, Kingston, Ontario, Canada. <a href=\"http:\/\/hdl.handle.net\/1974\/8271\">http:\/\/hdl.handle.net\/1974\/8271<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Hoskin, R. A. (2019). Femmephobia: The Role of Anti-Femininity and Gender Policing in LGBTQ+ People\u2019s Experiences of Discrimination. <em>Sex Roles<\/em>, <em>81<\/em>(11\u201312), 686\u2013703. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/s11199-019-01021-3\">https:\/\/doi.org\/10.1007\/s11199-019-01021-3 <span><a href=\"\"><\/a><\/span><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Hoskin, R. A., Serafini, T., &amp; Gillespie, J. G. (2023). Femmephobia versus gender norms: Examining women\u2019s responses to competing and contradictory gender messages. <em>The Canadian Journal of Human Sexuality<\/em>, <em>32<\/em>(2), 191\u2013207. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.3138\/cjhs.2023-0017\">https:\/\/doi.org\/10.3138\/cjhs.2023-0017 <\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Patr\u00f3n, O. E., &amp; Harper, S. R. (2024). Understanding Femmephobia Within Queer Communities: Insights From Gay Latino College Men. <em>The Journal of Higher Education<\/em>, 1\u201324. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/00221546.2024.2329227\">https:\/\/doi.org\/10.1080\/00221546.2024.2329227 <span><a href=\"\"><\/a><\/span><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>van Anders, S. M. (2015). Beyond Sexual Orientation: Integrating Gender\/Sex and Diverse Sexualities via Sexual Configurations Theory. <em>Archives of Sexual Behavior<\/em>, <em>44<\/em>(5), 1177\u20131213. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/s10508-015-0490-8\">https:\/\/doi.org\/10.1007\/s10508-015-0490-8 <\/a><span><a href=\"\"><\/a><\/span><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Viktoria Reichenberger,<em> Femmephobia in der Gesellschaft und in queeren Communities<\/em>, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 08.07.2024, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=454\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=454<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Victoria Reichenbacher (WiSe 2023\/24) Vorbemerkung: Analog zu Begriffen wie Queerphobie, Transphobie oder Homophobie w\u00e4re die Wortbildung mit \u201e-phobie\u201d im Deutschen irref\u00fchrend, da es sich bei all diesen Beispielen nicht um klassische \u00c4ngste im Sinne einer Phobie handelt, sondern um ablehnende Einstellungen und Haltungen. Daher werde ich im Folgenden ausschlie\u00dflich den englischen Begriff Femmephobia verwenden. 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