{"id":494,"date":"2025-05-26T11:12:54","date_gmt":"2025-05-26T09:12:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=494"},"modified":"2025-12-10T15:04:45","modified_gmt":"2025-12-10T14:04:45","slug":"das-spannungsfeld-des-menstruationsdiskurses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2025\/05\/26\/das-spannungsfeld-des-menstruationsdiskurses\/","title":{"rendered":"Das Spannungsfeld des Menstruationsdiskurses"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Lea Nitsch (WiSe 2024\/25) <\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung <\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Jeden Tag menstruieren mehr als 300 Millionen Menschen weltweit (1) und obwohl etwa die H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung diesen biologischen Prozess erlebt, werden damit regelm\u00e4\u00dfig Scham, Stigmatisierung und Tabus verkn\u00fcpft. Diese negative Wahrnehmung, die in der Gesellschaft vorherrschend ist, wird als \u201eperiod shaming\u201c oder \u201emenstrual shaming\u201c beschrieben. \u00dcbersetzt bedeutet dies \u201ePerioden-Besch\u00e4mung\u201c oder \u201eMenstruations-Besch\u00e4mung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eperiod shaming\u201c sowie \u201emenstrual shaming\u201c manifestiert sich in verschiedenen Formen, von Schweigen und kulturellen Tabus bis hin zu offener Diskriminierung, unzureichender Aufkl\u00e4rung und mangelndem Zugang zu Gesundheitsdiensten. Die Auswirkungen sind tiefgreifend und k\u00f6nnen nicht zuletzt zu gesundheitlichen Komplikationen f\u00fchren. Menstruierende Menschen sehen sich zum Beispiel gezwungen ihre Periode zu verstecken oder Fakten \u00fcber ihre Menstruation zu verschleiern, womit negative Auswirkungen auf das k\u00f6rperliche, emotionale und soziale Wohlbefinden verkn\u00fcpft sind (2).<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Diskurs \u00fcber Menstruation spielt der Aspekt Gender eine wichtige Rolle, da Menstruation traditionell als ein biologisches Merkmal von Frauen wahrgenommen wurde und gr\u00f6\u00dftenteils auch weiterhin so wahrgenommen wird. Die Konsequenz ist eine vermeintliche Verkn\u00fcpfung zwischen dem Konzept von Menstruation und Weiblichkeit (3). Gesellschaftlich wird die Menstruation weitgehend als \u201eweibliches Thema\u201c angesehen, was oft zur Tabuisierung f\u00fchrt. Allerdings greift diese Perspektive zu kurz, da nicht alle Frauen menstruieren, beispielsweise aufgrund von diversen medizinischen oder hormonellen Faktoren und nicht alle Menschen, die menstruieren, sich als Frauen identifizieren. Menstruierende Menschen k\u00f6nnen ebenfalls zum Beispiel trans* M\u00e4nner, nicht-bin\u00e4re oder genderqueere Personen sein. Das Stigma rund um die Menstruation spiegelt und verst\u00e4rkt bestehende patriarchale Strukturen, indem es menstruierende Menschen als \u201eunrein\u201c oder \u201eschwach\u201c darstellt. Solche Einstellungen tragen zur systematischen Benachteiligung von Frauen und anderen menstruierenden Menschen bei (4).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verkn\u00fcpfung von Menstruation und Gender zeigt, wie eng biologische Prozesse mit sozialen und kulturellen Strukturen verflochten sind und wie wichtig es ist, diese Verbindungen kritisch zu hinterfragen, um mehr Gleichberechtigung und Inklusion zu schaffen. Besonders deutlich zeigt sich die Verbindung von Menstruation und Gender ebenfalls in der Art und Weise, wie menstruierende Menschen weltweit Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und sozialen Ressourcen erhalten oder daran gehindert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Hausarbeit soll die Verbindung von Geschlechterrollen, Menstruation und Gesundheit genauer beleuchten. Eine geschichtliche Einordnung der Wahrnehmung der Menstruation soll zun\u00e4chst ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Spannungsfeld heute geben. Dieses soll daraufhin er\u00f6rtert werden, indem auf Mythen und das Stigma \u00fcber Menstruation eingegangen wird. Weiterhin wird Repr\u00e4sentationsmangel von trans* und non-bin\u00e4ren Menschen, die menstruieren eingeordnet. Folglich soll der Einfluss auf die Gesundheit aufgezeigt werden und ein Ausblick auf m\u00f6gliche Ver\u00e4nderungen dieser gegeben werden. Des Weiteren wird eine pers\u00f6nliche Selbstreflexion zum Thema der Hausarbeit vorgenommen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><em>Geschichtliche Einordnung<\/em><\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ein Blick auf die geschichtliche Wahrnehmung der Menstruation zeigt schnell auf, wo sich der Ursprung heutiger Vorurteile befindet. Im alten \u00c4gypten wurde Menstruationsblut in medizinischen Rezepturen verwendet, w\u00e4hrend bei indigenen V\u00f6lkern Nordamerikas menstruierende Menschen als spirituell stark galten. In den griechisch-r\u00f6mischen Kulturen fanden jedoch bereits negative Zuschreibungen statt. Aristoteles sah Menstruationsblut als &#8222;unreines&#8220; Nebenprodukt des K\u00f6rpers. In den patriarchalen Weltreligionen wurde dieser Unreinheitsgedanke als Legitimation weiter ausgef\u00fchrt und stellt die Grundlage dar, um Frauen systematisch zu unterdr\u00fccken und auszuschlie\u00dfen, besonders w\u00e4hrend ihrer Periode (5).<\/p>\n\n\n\n<p>In Europa verst\u00e4rkte sich im Mittelalter die Pathologisierung der Menstruation, wobei menstruierende Menschen als &#8222;krankhaft&#8220; oder gef\u00e4hrlich w\u00e4hrend dieser galten. Erst mit der Aufkl\u00e4rung begann eine wissenschaftlichere Betrachtung, wobei die Medizin die Menstruation jedoch weiterhin problematisierte und sie in Zusammenhang mit Schw\u00e4che gebracht wurde. Im 20. Jahrhundert brachte die industrielle Produktion von Hygieneartikeln (z. B. die Einf\u00fchrung von Tampons in den 1930er-Jahren) eine praktische Erleichterung und eine erste Welle des \u00f6ffentlichen Diskurses (6). Feministische Bewegungen ab den 1960er-Jahren k\u00e4mpften f\u00fcr eine Enttabuisierung und k\u00f6rperliche Selbstbestimmung. Dieser Prozess dauert immer noch an.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><em>Mythen \u00fcber die Menstruation<\/em><\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Vorurteile und Mythen, die dazu f\u00fchren, dass die Menstruation weitestgehend pathologisiert wird und schambehaftet ist, sind vielf\u00e4ltig. Einige Mythen scheinen jedoch besonders herauszustechen, wodurch ihre Entkr\u00e4ftung umso wichtiger ist. Oftmals sind die \u00dcberg\u00e4nge zwischen einzelnen Mythen nicht klar abgrenzbar. Im folgenden Abschnitt werden einige Mythen aufgegriffen, ohne jedoch einem Anspruch an Vollst\u00e4ndigkeit zu gen\u00fcgen, da es unz\u00e4hlige Mythen \u00fcber die Menstruation gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines der verbreitetsten Mythen ist jenes der \u201eirrationalen Frau\u201c, welches davon ausgeht, dass (hier ausschlie\u00dflich und derogativ gemeint) Frauen aufgrund ihrer biologischen Grundvoraussetzung emotionaler sind und folglich eine geringere Kontrolle \u00fcber ihr selbst haben und weniger Vernunft besitzen (7). Der m\u00f6gliche Kontrollverlust, der hiermit beschrieben wird, ist Grundlage daf\u00fcr Frauen z.B. als keine verl\u00e4sslichen Personen f\u00fcr F\u00fchrungspositionen einzustufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein medizinscher Faktor, der dieses Bild weiterhin pr\u00e4gt ist die Diagnose des pr\u00e4menstruellen Syndroms (PMS) (8). Sally Kingbeschreibt in ihrem Artikel \u201cPremenstrual Syndrome (PMS) and the Myth of the Irrational Female\u201c (7), dass die Zuschreibung psychologischer Symptome der Menstruation und medizinische Klassifizierung dieser weit \u00fcber die Beschreibung der eigentlichen physischen Symptome hinaus geht. Sie zeigt auf, dass die Darstellung der Menstruation und ihre Pathologisierung auf einer sexistischen historischen Blickweise auf die Menstruation basiert. King weist darauf hin, dass nur eine Minderheit der menstruierenden Personen schwere zyklische Symptome erlebt, die medizinische Unterst\u00fctzung erfordern. Das explizite Anerkennen und Entkr\u00e4ften des Mythos der \u201eirrationalen Frau\u201c und seines Einflusses auf die klinische Beschreibung und Behandlung von PMS ist laut King ein wichtiger Schritt, um diejenigen besser zu unterst\u00fctzen, die tats\u00e4chlich zyklische Symptome erleben (7). Dabei soll vermieden werden, ungewollt oder gewollt zu suggerieren, dass der Menstruationszyklus selbst eine Form von Krankheit darstellt oder eine \u201ebiologische\u201c Rechtfertigung f\u00fcr Geschlechterungleichheit bietet. Sie erw\u00e4hnt ebenfalls die Wichtigkeit der richtigen sprachlichen Beschreibung. Dazu geh\u00f6rt f\u00fcr sie Forschungsergebnisse aus neutraler Perspektive zu betrachten und vor allem \u201eFrauen\u201c oder \u201emenstruierende Personen\u201c als Beschreibung zu vermeiden, wenn eigentlich \u201ePersonen mit PMS\u201c gemeint sind, damit die Grenze zwischen dem Krankheitsbild PMS und der Menstruation selbst nicht verschwimmt. Damit kann dem Vorurteil und Mythos der \u201epathologisch emotionalen Frau\u201c entgegengearbeitet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mythos, dass die Menstruation sch\u00e4dlich und ungesund f\u00fcr das vaginale Mikrobiom sei, ist ebenfalls weit verbreitet und tr\u00e4gt dazu bei unbegr\u00fcndeten \u00c4ngsten \u00fcber den eigenen K\u00f6rper hervorzurufen. Diese Pathologisierung des nat\u00fcrlichen Zyklus wird als gesellschaftliches Machtinstrument benutzt und f\u00fchrt zu Fehleinsch\u00e4tzungen \u00fcber den Gesundheitszustand des eigenen K\u00f6rpers und f\u00f6rdert die Schambehaftung der Menstruation selbst &nbsp;(9).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><em>Repr\u00e4sentationsmangel von trans* und non-bin\u00e4ren Menschen im Menstruationsdiskurs<\/em><\/strong><em><\/em><\/h2>\n\n\n\n<p>Menschen, die menstruieren und nicht in die bin\u00e4re Kategorie \u201eFrau\u201c passen, erleben oft eine doppelte Marginalisierung. Sie werden mit den gleichen Tabus konfrontiert wie cis Frauen, aber zus\u00e4tzlich auch mit der Herausforderung, dass ihre Menstruation nicht in die gesellschaftlichen genderbasierten Erwartungen passen. Dies kann zu einer verst\u00e4rkten Isolation und einem Gef\u00fchl der Unsichtbarkeit f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Um einen nicht-pathologisierenden Diskurs \u00fcber K\u00f6rper und Erfahrungen von trans* Personen und nicht bin\u00e4ren Personen zu f\u00f6rdern, ist es essenziell, Perspektiven dieser Personengruppe im Menstruationsdiskurs einzubeziehen. Die Menstruation ist dabei nicht nur ein k\u00f6rperliches Ph\u00e4nomen, sondern auch eng mit gesellschaftlichen Erwartungen, Normen und Vorstellungen von Weiblichkeit verwoben (3).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorstellung von Weiblichkeit ist durch sichtbare und unsichtbare Normen gepr\u00e4gt, die den weiblichen K\u00f6rper und seine Funktionen definieren. Trans* Personen und nicht-bin\u00e4re Menschen, die menstruieren, stehen vor der Herausforderung, ihre Identit\u00e4t gegen gesellschaftlich gepr\u00e4gte Vorstellungen vom weiblichen K\u00f6rper zu behaupten. Traditionell wurde die Menstruation ausschlie\u00dflich als Funktion des von der Gesellschaft als weiblich definierten K\u00f6rpers verstanden. F\u00fcr trans* und nicht-bin\u00e4re Personen kann diese biologische Funktion jedoch zu einem gesellschaftlichen Marker f\u00fcr Geschlechts- oder Geschlechteridentit\u00e4t werden (10). So weisen Comics aus einer Studie von Sarah E. Frank (10) auf das Unwohlsein, welches trans* und nicht bin\u00e4re Personen, die Menstruieren, im Umgang mit Menstruationsprodukten empfinden k\u00f6nnen. Das Abwerfen von Menstruationsprodukten etwa in der M\u00e4nnertoilette l\u00f6st in diesem Beispiel Nervosit\u00e4t aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Werbungen f\u00fcr Menstruationsprodukte reproduzieren beispielsweise auch diskriminierende Sichtweisen auf die Menstruation. Eine australische Firma hat 2019 die erste Werbung ver\u00f6ffentlicht, in der das Menstruationsblut auf den Menstruationsprodukten nicht blau oder anderweitig gef\u00e4rbt ist, sondern in der realer roter Farbe dargestellt wird (6). Dennoch wird hier weiterhin von ausschlie\u00dflich Frauen und nicht von allen menstruierenden Menschen gesprochen. Damit ist das Ziel einer inklusiveren Sprache in Diskussionen rund um die Menstruation sowie geschlechtsneutrale Periodenprodukte noch lange nicht erreicht (11).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><em>Einfluss auf Gesundheit<\/em><\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eperiod shaming\u201c hat einen relevanten Einfluss auf die Gesundheit menstruierender Menschen. Die Menstruation und die damit verbundene Schambehaftung f\u00fchrt dazu, dass Frauen und andere menstruierende Menschen sich zum Beispiel sozial isolieren, auf Sport verzichten und sogar nicht zur Schule oder zur Arbeit gehen. Dies hat zum Teil tiefgreifende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen (1).<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Umfrage von ActionAid zum Welt-Menstruationshygienetag 2023 ergab, dass 39 % der Frauen und anderer menstruierender Menschen im Vereinigten K\u00f6nigreich w\u00e4hrend ihrer Periode auf Sport oder Bewegung verzichteten oder sie auslie\u00dfen. In der Altersspanne 18-24 Jahre betrug dieser Anteil sogar 48 % (12).<\/p>\n\n\n\n<p>Der stigmatisierte Status der Menstruation hat also sch\u00e4dliche Folgen f\u00fcr die Gesundheit, insbesondere das Selbstwertgef\u00fchl, das K\u00f6rperbild, die Selbstpr\u00e4sentation und die sexuelle Gesundheit von M\u00e4dchen und Frauen und anderen menstruierenden Personen (4). Die gesellschaftlichen Erwartungen an menstruierende Menschen und die damit verbundenen Tabus k\u00f6nnen lebensgef\u00e4hrliche Auswirkungen haben (13).<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne die n\u00f6tige Unterst\u00fctzung, Information und Orientierung kann die Periode, besonders die erste, eine \u00e4u\u00dferst isolierende und einsame Erfahrung sein \u2013 eine, die oft von Stigmatisierung begleitet wird. Menstruation wird als etwas Schmutziges oder Besch\u00e4mendes betrachtet, das versteckt werden sollte. Dies wird deutlich bei der Betrachtung von Euphemismen, mit denen wir die Periode beschreiben, ohne das Wort \u201eBlut\u201c zu verwenden, wie etwa zum Beispiel \u201edie Zeit des Monats\u201c oder auch \u201edie Erdbeerwoche\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der stigmatisierte Status der Menstruation hat also sch\u00e4dliche Folgen f\u00fcr die Gesundheit, insbesondere das Selbstwertgef\u00fchl, das K\u00f6rperbild, die Selbstpr\u00e4sentation und die sexuelle Gesundheit von M\u00e4dchen und Frauen und anderen menstruierenden Personen (4). Die gesellschaftlichen Erwartungen an menstruierende Menschen und die damit verbundenen Tabus k\u00f6nnen lebensgef\u00e4hrliche Auswirkungen haben (13).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><em>Menstrual health &#8211; wo wollen wir eigentlich hin?<\/em><\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Menstrual health, also Menstruationsgesundheit ist ein Zustand des vollst\u00e4ndigen physischen, mentalen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechlichkeit im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus&nbsp; (14).<\/p>\n\n\n\n<p>Das umfassende Konzept der Menstruationsgesundheit beinhaltet, dass menstruierende Personen Zugang zu angemessenen Behandlungen f\u00fcr menstruationsbedingte Symptome und Krankheiten sowie zu Hygieneprodukten und angemessener Pflege w\u00e4hrend der Periode haben sollten. Aufkl\u00e4rung und Information \u00fcber Menstruation in einem Umfeld, das frei von Gewalt, Stigmatisierung und Diskriminierung ist, vervollst\u00e4ndigen die Agenda. (15)<\/p>\n\n\n\n<p>Alle menstruierenden Menschen sollten Zugang zu pr\u00e4zisen, altersgerechten Informationen \u00fcber den Menstruationszyklus, Menstruation und die damit verbundenen Ver\u00e4nderungen im Leben haben, sowie zu Selbstpflege- und Hygienepraktiken. Sie sollten in der Lage sein, ihre K\u00f6rper w\u00e4hrend der Menstruation so zu pflegen, dass ihre Vorlieben, Hygiene, Komfort, Privatsph\u00e4re und Sicherheit unterst\u00fctzt werden. Dies umfasst den Zugang zu effektiven und erschwinglichen Menstruationsmaterialien sowie zu unterst\u00fctzenden Einrichtungen wie Wasser-, Sanit\u00e4r- und Hygienediensten. Ebenso sollten sie rechtzeitig eine Diagnose, Behandlung und Pflege bei menstruationsbedingten Beschwerden erhalten, einschlie\u00dflich Schmerzlinderung und Selbstpflegestrategien. Menschen sollten ein positives, respektvolles Umfeld erleben, das frei von Stigmatisierung und psychischer Belastung ist, und die Ressourcen haben, um ihren K\u00f6rper selbstbewusst zu pflegen und informierte Entscheidungen zu treffen. Zudem sollte ihnen die Freiheit gegeben sein, w\u00e4hrend aller Phasen ihres Menstruationszyklus selbst zu entscheiden, ob und wie sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen \u2013 ohne Ausgrenzung, Einschr\u00e4nkungen, Diskriminierung, Zwang oder Gewalt&nbsp; (14).<\/p>\n\n\n\n<p>Historisch entstandene Vorstellungen und Dichotomien, welche auf veralteten biologischen und medizinischen Erkenntnissen basieren, sollten kritisch hinterfragt werden. Um eine inklusive und menschliche Herangehensweise an die Menstruation zu erm\u00f6glichen sollte Gesundheit als multidimensionaler Prozess verstanden werden, indem Klassifikationssysteme nicht bin\u00e4r, sondern auf den Menschen bezogen arbeiten (16).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><em>Reflexion<\/em><\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Mit Menstruation verbinde ich zun\u00e4chst Anstrengung und Schmerzen. Gleichzeitig verbinde ich damit ein sehr vertrautes und friedliches Gef\u00fchl. W\u00e4hrend meiner Schulzeit h\u00e4tte ich diesen Satz nicht so formuliert. Dank einer offenen Herangehensweise zuhause war ich zwar gut informiert \u00fcber verschieden Phasen des Zyklus, Menstruationsprodukte und m\u00f6gliche Symptome, jedoch fand lange gar kein \u00f6ffentlicher Diskurs in meinem sozialen Umfeld \u00fcber das Thema Menstruation statt. Damit war die Menstruation zun\u00e4chst ein geheimnisvolles und gef\u00e4hrliches Thema. Ab dem Zeitpunkt, ab dem im Sportunterricht Schulschwimmen stattfand, waren einige meiner Mitmenschen vom Unterricht entschuldigt aufgrund der Menstruation. Dies f\u00fchrte bei mir zu der \u00dcberzeugung, dass Sport und menstruieren nicht zeitgleich m\u00f6glich w\u00e4ren. Zunehmend wurde die Menstruation problematisiert. Blut wurde als \u201eeklig\u201c beschrieben und alle Ver\u00e4nderungen in der Stimmung der menstruierenden Menschen wurden damit in Verbindung gebracht. Au\u00dferdem war es kompliziert, Menstruationsprodukte mit sich zu f\u00fchren ohne, dass sie von anderen bemerkt wurden, um nicht ausgelacht zu werden. Die Vorstellung, dass es an \u00f6ffentlichen Orten Menstruationsprodukte zur freien Verf\u00fcgung geben k\u00f6nnte, war zu diesem Zeitpunkt fast absurd. Am schwierigsten war insgesamt jedoch die Konnotation der ersten Menstruation und dem \u201eFrau\u201c werden. Da ich mich mit dem Begriff \u201eFrau\u201c ohnehin nicht wohl gef\u00fchlt habe, war es f\u00fcr mich sehr schwer verst\u00e4ndlich, wieso ich damit zu einer \u201eFrau\u201c wurde und inwiefern die Menstruation und die damit einhergehende Fruchtbarkeit das Wertvollste und am Frau-Sein bedeutete.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute kann ich diese Erfahrungen kritisch betrachten. Mehr Wissen, Austausch und Sensibilisierung auch durch eigene k\u00f6rperliche Erfahrungen haben dazu gef\u00fchrt, dass ich Menstruation und vermeintliche Weiblichkeit nicht mehr miteinander verkn\u00fcpfe. Es ist jedoch weiterhin in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten nicht selbstverst\u00e4ndlich, offen \u00fcber das Thema Menstruation reden zu k\u00f6nnen. Immer wieder begegne ich Situationen, wo ein Informationsdefizit vorliegt, oder mir bestimmte Attribute, wie etwa \u201ezu emotional\u201c aufgrund meiner Menstruation angerechnet werden. Hierbei versuche ich mit Offenheit und Aufkl\u00e4rung entgegenzuwirken.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><em>Fazit<\/em><\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das Thema Menstruation ist nach wie vor von gesellschaftlichen Tabus, Stigmatisierung und Missverst\u00e4ndnissen gepr\u00e4gt. Diese Haltung beeinflusst nicht nur die Wahrnehmung des eigenen K\u00f6rpers, sondern f\u00fchrt auch zu erheblichen psychischen und physischen Belastungen f\u00fcr menstruierende Personen. Der Diskurs \u00fcber die Menstruation sollte vom Status Quo der Pathologisierung und Scham in Richtung einer offenen, inklusiven und respektvollen Auseinandersetzung ver\u00e4ndert werden. Die enge Verkn\u00fcpfung von Menstruation und sozialen, kulturellen und politischen Dynamiken, die von Geschlechterrollen und Ungleichheiten gepr\u00e4gt sind, bringt die Verantwortung den Menstruationsdiskurs inklusiver und offener zu gestalten. Mythen \u00fcber die Menstruation sind geschichtlich verankert und vielf\u00e4ltig, ihnen entgegenzuwirken ist weiterhin eine Aufgabe, der sich menstruierende Menschen t\u00e4glich stellen m\u00fcssen. Um die gesundheitlichen Voraussetzungen f\u00fcr menstruierende Menschen zu verbessern, muss es einen offenen Diskurs und ein Ende des \u201eperiod shaming\u201c geben. Eine gendergerechte Herangehensweise tr\u00e4gt dazu bei, Barrieren abzubauen, Stigmata zu reduzieren und allen Menschen ein gesundes und w\u00fcrdevolles Leben zu erm\u00f6glichen. \u201eMenstrual health\u201c ist folglich eine Zielvorstellung, welche gesamtgesellschaftlich erreicht werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>1. Arif N. From shame to solidarity: how we can reverse harmful narratives on period stigma. BMJ. 2024;384:q152.<\/p>\n\n\n\n<p>2. McHugh MC. Menstrual Shame: Exploring the Role of \u2018Menstrual Moaning\u2019. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts T-A, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore: Springer Singapore; 2020. p. 409-22.<\/p>\n\n\n\n<p>3.\u00a0Frank SE, Dellaria J. Navigating the Binary: A Visual Narrative of Trans and Genderqueer Menstruation. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts T-A, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore: Springer Singapore; 2020. p. 69-76.<\/p>\n\n\n\n<p>4.\u00a0\u00a0Johnston-Robledo I, Chrisler JC. The Menstrual Mark: Menstruation as Social Stigma. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts T-A, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore: Springer Singapore; 2020. p. 181-99.<\/p>\n\n\n\n<p>5.\u00a0\u00a0Germerott I. Blut und Scham: Wie die Menstruation zum Tabuthema wurde: National Geographic; 2023 [Available from: <a href=\"https:\/\/www.nationalgeographic.de\/geschichte-und-kultur\/2023\/03\/blut-und-scham-wie-die-menstruation-zum-tabuthema-wurde-religion-patriarchat-wissenschaft-medizin\">https:\/\/www.nationalgeographic.de\/geschichte-und-kultur\/2023\/03\/blut-und-scham-wie-die-menstruation-zum-tabuthema-wurde-religion-patriarchat-wissenschaft-medizin<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>6.\u00a0Deutschlandfunk. Der Rest ist Geschichte [Internet]; 2024 25.07.2024. Podcast. Available from: <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/menstruation-geschichte-periode-hysterie-102.html\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/menstruation-geschichte-periode-hysterie-102.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>7.\u00a0\u00a0King S. Premenstrual Syndrome (PMS) and the Myth of the Irrational Female. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts T-A, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore: Springer Singapore; 2020. p. 287-302.<\/p>\n\n\n\n<p>8.\u00a0Manual M. Pr\u00e4menstruelles Syndrom (PMS): MSD Manual;\u00a0 [Available from: <a href=\"https:\/\/www.msdmanuals.com\/de\/profi\/gyn\">https:\/\/www.msdmanuals.com\/de\/profi\/gyn<\/a>\u00e4kologie-und-geburtshilfe\/menstruationsst\u00f6rungen\/pr\u00e4menstruelles-syndrom-pms?query=pr\u00e4menstruelles%20syndrom%20(pms)#Symptome-und-Beschwerden_v1062694_de.<\/p>\n\n\n\n<p>9.\u00a0Sommer M, Chrisler JC, Yong PJ, Carneiro MM, Koistinen IS, Brown N. Menstruation myths. Nature Human Behaviour. 2024;8(11):2086-9.<\/p>\n\n\n\n<p>10. Frank SE. Queering Menstruation: Trans and Non-Binary Identity and Body Politics. Sociological Inquiry. 2020;90(2):371-404.<\/p>\n\n\n\n<p>11.\u00a0Neve M. War on period shaming goes mainstream. Eureka street. 2019;29(17):25-7.<\/p>\n\n\n\n<p>12. Pycroft H. Cost of living: UK period poverty has risen from 12% to 21% in a year: Actionaid; 2023 [Available from: <a href=\"https:\/\/www.actionaid.org.uk\/blog\/2023\/05\/26\/cost-living-uk-period-poverty-risen\">https:\/\/www.actionaid.org.uk\/blog\/2023\/05\/26\/cost-living-uk-period-poverty-risen<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>13.\u00a0Gottlieb A. Menstrual Taboos: Moving Beyond the Curse. In: Bobel C, Winkler IT, Fahs B, Hasson KA, Kissling EA, Roberts TA, editors. The Palgrave Handbook of Critical Menstruation Studies. Singapore2020. p. 143-62.<\/p>\n\n\n\n<p>14.\u00a0Hennegan J, Winkler IT, Bobel C, Keiser D, Hampton J, Larsson G, et al. Menstrual health: a definition for policy, practice, and research. Sex Reprod Health Matters. 2021;29(1):1911618.<\/p>\n\n\n\n<p>15.\u00a0Carneiro MM. The hidden tales menstruation may tell: time to break the silent spell. Women &amp; Health. 2022;62(4):273-5.<\/p>\n\n\n\n<p>16.\u00a0Sharon G. Lifting the Curse of Menstruation : A Feminist Appraisal of the Influence of Menstruation on Women&#8217;s Lives. New York: Routledge; 2015.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Lea Nitsch, <em>Das Spannungsfeld des Menstruationsdiskurses<\/em> in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 26.05.2025, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=494\">https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=494<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lea Nitsch (WiSe 2024\/25) Einleitung Jeden Tag menstruieren mehr als 300 Millionen Menschen weltweit (1) und obwohl etwa die H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung diesen biologischen Prozess erlebt, werden damit regelm\u00e4\u00dfig Scham, Stigmatisierung und Tabus verkn\u00fcpft. Diese negative Wahrnehmung, die in der Gesellschaft vorherrschend ist, wird als \u201eperiod shaming\u201c oder \u201emenstrual shaming\u201c beschrieben. \u00dcbersetzt bedeutet dies \u201ePerioden-Besch\u00e4mung\u201c &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2025\/05\/26\/das-spannungsfeld-des-menstruationsdiskurses\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDas Spannungsfeld des Menstruationsdiskurses\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2643,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[327720],"tags":[449604,449588,62750,449617,449605],"class_list":["post-494","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-essay","tag-geschlechtsidentitaet","tag-geschlechtssensible-medizin","tag-gesundheit","tag-menstruation","tag-transpersonen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/494","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2643"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=494"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/494\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":495,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/494\/revisions\/495"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=494"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=494"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=494"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}