{"id":71,"date":"2021-04-22T11:19:57","date_gmt":"2021-04-22T09:19:57","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=71"},"modified":"2021-05-21T11:22:28","modified_gmt":"2021-05-21T09:22:28","slug":"die-grenze-ein-versuch-der-reflektion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2021\/04\/22\/die-grenze-ein-versuch-der-reflektion\/","title":{"rendered":"Die Grenze. Ein Versuch der Reflektion"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zuzanna Krysta (SoSe 2020)<\/h2>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">1.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Einleitung<\/h1>\n\n\n\n<p>Wir sitzen in der K\u00fcche, es wird durcheinander diskutiert und Reis mit Maff\u00e9 gegessen. M\u00e4nner* aus Kamerun, Nigeria, Gambia, Senegal, Angola und ich, als <em>wei\u00dfe<\/em>, deutsch-polnische Cis-Frau verbringen diesen Moment gemeinsam. Die Menschen um mich herum fangen an sich dar\u00fcber auszutauschen, wieviel die jeweiligen Reisep\u00e4sse `wert\u00b4 sind und in welchen Nationalstaaten des globalen Nordens sie ein Visum beantragen k\u00f6nnen. Ich bin mir meiner privilegierten Situation, eine deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft zu haben, bewusst und bin mir unsicher wie ich mich in diesem Gespr\u00e4ch klar positionieren soll. Meine Gespr\u00e4chspartner machen mich bald darauf aufmerksam, dass der deutsche Reisepass einer der `besten\u00b4 der Welt ist. Ich bemerke, dass ich Argumente verwende, wie der Zuf\u00e4lligkeit in welchem Land man geboren ist oder der kolonialen Kontinuit\u00e4t der Reisep\u00e4sse, jedoch kann ich zweiteres nicht konkret erl\u00e4utern, um meinen Gespr\u00e4chspartnern meine Haltung n\u00e4her zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund dessen m\u00f6chte ich in dem vorliegenden Essay, mit stetigen Einsch\u00fcben meiner Gedanken bez\u00fcglich des Gelesenen, die Konstruktion der Grenzen und der damit einhergehenden Staatsb\u00fcrgerschaften historisch, sowie theoretisch tiefer ergr\u00fcnden, um in zuk\u00fcnftigen Gespr\u00e4chen bei dieser Thematik mich klarer positionieren zu k\u00f6nnen. &nbsp;Ich werde betrachten, wie Grenzen in Europa entstanden sind (vgl. Tilly 1985) &nbsp;und diese im kolonialen Kontext im globalen S\u00fcden aufgezwungen wurden und bis heute in neokolonialer Form andauern, dabei lege ich den Fokus auf den afrikanischen Kontext (vgl. Marx 2010). Anschlie\u00dfend betrachte ich die symbolische Konstruktion der Grenzen und wie diese auf unsere Gesellschaft wirken und sie in Privilegierte und Nicht-Privilegierte aufspaltet (vgl. Castro Varela 2018; Charim 2018), um abschlie\u00dfend einen Ausblick auf M\u00f6glichkeiten der Dekonstruktion von Grenzen zu geben. Im zweiten Teil des Essays werde ich meine pers\u00f6nlichen Erfahrungen mit Grenzen und Staatsangeh\u00f6rigkeit darstellen, dabei mein Privileg als deutsche Staatsb\u00fcrgerin reflektieren und Handlungsm\u00f6glichkeiten erl\u00e4utern, wie man als <em>wei\u00dfe<\/em> Person damit umgehen kann (vgl. Ogette 2018; McIntosh 1992).<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">2.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Die Grenzen und ihre Konstruktion<\/h1>\n\n\n\n<p>Die Idee der Grenzen ist in unserer (westlichen<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>) Gesellschaft fest verankert und wirkt oft unumst\u00f6\u00dflich. Im \u00f6ffentlich dominanten Diskurs wird weniger ihre Konstruiertheit diskutiert, sondern es wird, meiner Wahrnehmung nach, als `nat\u00fcrlich gegeben\u00b4 angesehen. Man h\u00f6rt oft das Argument, dass Nationalstaaten und Grenzen notwendig sind, um die politische Organisierung an eine angebbare Gruppe innerhalb eines Territoriums zu definieren und sie somit zu kontrollieren (vgl. Weber 2006). &nbsp;Wenn man jedoch die Geschichte anschaut, bemerkt man, dass Grenzen keine Voraussetzungen sind und die Welt lange ohne nationalstaatliche Grenzen ausgekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2.1 Die historische Konstruktion der Grenzen<\/h2>\n\n\n\n<p>Tilly (1985) beschreibt in seinem Artikel, wie am Ende des 18. Jahrhunderts die Anf\u00e4nge der Bildung der Nationalstaaten in Europa, wie wir sie heute kennen, vonstattenging. \u201eWar makes state\u201c (ibid.: 170) ist der vielzitierte Satz, der die Nationalstaatenbildung in Europa zusammenfasst. Die Herausbildung der Staaten basiert auf Kriegen, in dem eine zentralisierte Macht ihre Herrschaftsanspr\u00fcche in den lokalen Regionen ausgeweitet hat, sie eine staatliche Streitmacht aufgebaut haben, staatliche Institution gegr\u00fcndet haben, f\u00fcr die politische Organisierung und die Organisierung der Steuereinnahmen und bestimmte Elemente der Kultur symbolisch aufgeladen haben, damit die Bev\u00f6lkerung sich zugeh\u00f6rig f\u00fchlt und sich gewisserma\u00dfen mit der `Nationalkultur\u00b4 identifizieren kann. In diesem Prozess ist ein wichtiger Aspekt die Entstehung der konkret gesetzten Grenzen, die in den Kriegen, ausgehandelt wurden (ibid.).<\/p>\n\n\n\n<p>Anderen Teilen der Welt wurde dieses europ\u00e4ische Konzept im Zuge der Kolonialisierung aufgezwungen (vgl. <em>Kolonialismus und heutige Staatenwelt<\/em> 2012), in dem die europ\u00e4ischen Staaten die Welt unter sich aufteilten und diese mit Grenzen markierten. Vor der europ\u00e4ischen Kolonialisierung wurde die politische Organisation im afrikanischen Kontext weitgehend durch Personenverb\u00e4nde definiert und nicht aufgrund des Territoriums, somit gab es zum Beispiel Nomad*innengemeinschaften die sich auf ihre Gruppe bezogen und dabei ihren Lebensumfeld immer wieder wechselten. Die meisten Grenzen existieren nach der Entkolonialisierung weiter und bestehen bis heute fort. Im afrikanischen Kontext wurde 1963 in der Charta der Organisation f\u00fcr Afrikanische Einheit (OAU) entschieden, dass diese Grenzen unverr\u00fcckbar sind. Das Weiterbestehen der kolonialen Grenzen beinhaltet einige Schwierigkeiten. Die `k\u00fcnstliche\u00b4 Grenzziehung durchtrennt Gemeinschaften und dr\u00e4ngte afrikanische L\u00e4nder nach der Entkolonialisierung dazu, Nationalstaaten im `europ\u00e4ischen Sinne\u00b4 zu errichten, was manche Nationalstaaten zu <em>failed states<\/em> werden lie\u00df (Marx 2010). Au\u00dferdem wurden die staatlichen Institutionen im globalen Norden, welche Reisep\u00e4sse und -beschr\u00e4nkungen etablierten, kurz nach der Beendigung des Sklav*innenhandels gegr\u00fcndet, um neue Formen der \u201elegacy of slavery, apartheid, and diverse forms of&nbsp; unfree labour\u201c (Anderson, Sharma, and Wright 2009, 6) zu bilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Meiner Ansicht nach belegt die europ\u00e4ische Kolonialgeschichte die Absurdit\u00e4t und Konstruiertheit der Grenzthematik, ohne sich auf kritische Weise damit auseinanderzusetzen; in der kollektiven Erinnerung unserer Gesellschaft wird das Thema nicht reflektiert. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die mangelnde Thematisierung von Kolonialgeschichte in deutschen Schulen &#8211; hier wird Sch\u00fcler*innen die Chance genommen, Grenzen als Konstrukt in Frage zu stellen. Die Entscheidung, keine kritische Auseinandersetzung zu f\u00f6rdern, ist eine politische und dient dem Zweck, die Basis unseres politischen Systems zu stabilisieren. Jedoch wird die Gesellschaft somit daran gehindert, eigene Vorstellungen von Organisation zu entwickeln, die nicht auf Ein- und Ausgrenzung basieren. Auch stellt sich mir die Frage, inwieweit die Errichtung von staatlichen Institutionen in einem Kriegskontext dazu f\u00fchrt, dass Mechanismen und Strukturen auf Krieg ausgerichtet sind. Die Regierung `verkauft\u00b4 an uns als Gesellschaft die Idee von Sicherheit und treibt somit die Identifikation mit dem eigenen Nationalstaat voran, was zu nationalistischen Str\u00f6mungen innerhalb der Gesellschaft f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite sieht man im afrikanischen Kontext, dass das Fortbestehen der kolonialen Grenzen nach der Entkolonialisierung eine eindeutige Kontinuit\u00e4t des Kolonialismus beinhaltet und somit den Neokolonialismus des globalen Nordens stabilisiert. Durch die jahrelange und bis heute andauernde gewaltvolle Ausbeutung des globalen S\u00fcdens durch den globalen Norden und das Nicht-Benennen dieser Geschichte und heutigen Situation, f\u00e4llt es uns als Gesellschaft schwer, uns Utopien vorzustellen, in denen Menschen ihr Dasein in W\u00fcrde leben und sich frei bewegen k\u00f6nnen, basierend auf ihren eigenen Entscheidungen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2.2 Die symbolische Konstruktion der Grenzen<\/h2>\n\n\n\n<p>Grenzen sind keine objektiven Tatsachen, sondern sie \u201ebestimmen die Wahrnehmung unserer Welt. Grenzen symbolisieren, begr\u00fcnden und stabilisieren Macht und sind daher Herrschaftsinstrumente. Es ist eine begrenzte Welt, die wir bewohnen\u201c (Castro Varela 2018, 23). Sie produzieren zwei unterschiedliche Subjektivit\u00e4ten, in welchen jede*r sich auf verschiedene konstruierte R\u00e4ume bezieht. Charim (2018) verwendet daf\u00fcr die Begriffe des <em>paradoxen Raumes <\/em>und der <em>Festung<\/em>. Den <em>paradoxen Raum <\/em>bewohnen die Menschen, die das Privileg haben, einen Reisepass zu besitzen, der viel `wert\u00b4 ist, wie der deutsche Reisepass (vgl. Kaelin and Kochenov 2018). \u201eDiese [sogenannten] Vernetzten leben nur mit symbolischen Grenzen, also gewisserma\u00dfen ohne Grenze. F\u00fcr sie bedeutet das \u00dcberschreiten einer Grenze nur eine Anerkennung ihres Status\u201c (Charim 2018, 18\u201319). Hingegen bewohnen die Menschen, deren Reisepass weniger `wert\u00b4 ist, wie Migrant*innen des globalen S\u00fcdens, die <em>Festung<\/em>. Sie haben nicht die M\u00f6glichkeit sich zwischen L\u00e4ndergrenzen frei zu bewegen, sondern m\u00fcssen sich entweder in einem komplizierten, oft auch erfolglosen Verfahren auf ein Visum bewerben oder illegalisiert reisen. Auch innerhalb der Grenzen, zum Beispiel im Schengen-Raum, sind f\u00fcr diesen Bev\u00f6lkerungsteil Grenzen allgegenw\u00e4rtig, in Form von Asylgesetzen, Verwehrung des Zugangs zum Arbeits- oder Wohnungsmarkt und vielen anderen neokolonialen Exklusionsmechanismen (ibd.). Dieser theoretische Ansatz verdeutlicht die stetige (Re-) Produktion der Konstruktion der Grenzen, die die Menschheit in zwei Gruppierungen teilt: Der eine Bev\u00f6lkerungsteil, der bis zu einem sehr hohen Grade das Privileg der Bewegungsfreiheit genie\u00dfen darf und der andere -teil nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Problematik l\u00e4sst mich an Bruno Latour (vgl. 1993) denken, der in seiner Modernit\u00e4tskritik aufzeigt, wie die sogenannte `Moderne\u00b4 die Welt immer st\u00e4rker dichotomisiert und alles in Gegens\u00e4tzen ordnet. Somit ist die politische und rechtliche Praktik der dichotomisierenden Grenzen existent, um die Vorherrschaft des globalen Nordens zu stabilisieren. Dieser Prozess, den Latour <em>Work of Purification<\/em> nennt, wird stetig vom globalen Norden aus versucht, aufrecht zu erhalten. Ich denke, dass es wichtig ist, die <em>agency<\/em> der jeweiligen Menschen in Betracht zu ziehen, die trotz der Schwierigkeiten und Beschr\u00e4nkungen ihr Recht auf Bewegungsfreiheit als Menschenrecht in Realit\u00e4t umsetzen, auch wenn ich mir bewusst bin, dass die Gr\u00fcnde unterschiedlich sind und manche Migrant*innen aufgrund von prek\u00e4ren Lebensverh\u00e4ltnissen fliehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Abschnitt m\u00f6chte ich abschlie\u00dfend Bewegungen und Gedanken aufzeigen, die gegen Grenzen arbeiten und aufzeigen, dass eine andere Welt m\u00f6glich ist. Die <em>No-Border<\/em>-Bewegung ist eine lose und heterogene Zusammensetzung von verschiedenen Organisationen und Einzelpersonen auf der ganzen Welt, die durch unterschiedliches und selbstorganisiertes Engagement versuchen, eine Welt ohne Grenzen f\u00fcr alle zu gestalten, sei es durch politische Arbeit und Widerstand gegen Abschiebungen, \u00e4rztliche Versorgung f\u00fcr illegalisierte Personen oder offene K\u00fcchen f\u00fcr alle (vgl. Anderson, Sharma, and Wright 2009). Die Ebene der konkreten Handlungen ist \u00e4u\u00dferst wichtig, doch erscheint es mir genauso notwendig, uns im Verstehen und Tr\u00e4umen zu \u00fcben, denn man muss die jetzige Situation erst verstehen, um sich Utopien vorzustellen. Vor ein paar Tagen las ich das Essay <em>Nadie la tiene<\/em> von Morales (1998, 97\u2013109), in welchem sie das Konstrukt des privaten Eigentums von Land kritisiert. Privates Eigentum ist zwar eine andere Thematik, jedoch beinhaltet sie genauso Grenzen, inkludierende und exkludierende Mechanismen, sowie Menschen, die die Macht \u00fcber ein Gebiet f\u00fcr sich beanspruchen. Morales beschreibt wie Land au\u00dferhalb dieser Grenzen lebt, sich dar\u00fcber hinwegbewegt und seinen eigenen Regeln befolgt, zwar immer in Reziprozit\u00e4t mit den Bewohner*innen dieses Gebietes, jedoch ohne auf menschlich gemachte Grenzen achtend. Dies lies mich daran denken, dass Menschen immer migrieren werden, so wie sie es schon immer gemacht haben, egal ob bedingt durch Prekarit\u00e4t im Herkunftsland oder weil sie einfach in einem anderen Land leben m\u00f6chten und Grenzen sind in der Realit\u00e4t nicht f\u00e4hig, Migration zu verhindern und werden dies auch nicht mit den bestausger\u00fcsteten Sicherheitstechnologien von Grenzstreitkr\u00e4ften tun. Aufgrund dessen sehe ich keine andere M\u00f6glichkeit, als Grenzen abzuschaffen, wenn wir in einer besseren Welt leben m\u00f6chten.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">3.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;Meine pers\u00f6nliche Grenzerfahrungen<\/h1>\n\n\n\n<p>Mein Vater migrierte kurz vor dem Ende des Kalten Krieges aus Polen nach Deutschland. Die Geschichten, die er mir dar\u00fcber erz\u00e4hlte, klingen f\u00fcr mich nach einer sehr schwierigen Realit\u00e4t, jedoch nahm ich sie als Kind wie Abenteuergeschichten aus einer fernen Zeit wahr, welche entkoppelt waren aus der Realit\u00e4t, in die ich hineingeboren wurde. Er erz\u00e4hlte von prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen aus seiner Herkunftsstadt. Laut ihm war die Migration in das damalige Westdeutschland die einzige M\u00f6glichkeit Perspektiven f\u00fcr die Zukunft zu erlangen. Er reiste gegen Bezahlung illegalisiert nach Deutschland ein und bekam aufgrund der damaligen politischen Situation sehr bald den deutschen Aufenthaltsstatus. Einige Jahre sp\u00e4ter kam meine Mutter aufgrund der Heirat mit meinem Vater problemlos nach Deutschland. Beide lebten damals in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen in K\u00f6ln. Als meine Schwester und ich geboren wurden, hatte sich die Situation jedoch ver\u00e4ndert und wir konnten in einer gewissen Stabilit\u00e4t aufwachsen. Somit hat dieser Teil der Migration nie zu meiner Gegenwart dazugeh\u00f6rt, sondern war stets ein Teil der Vergangenheit, dort wo ich herkam.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich klein war, sind wir jeden Sommer nach Polen gefahren, um die dortigen Familienmitglieder zu besuchen. Ich erinnere mich an die stundenlangen Wartezeiten im Stau an der deutsch-polnischen Grenze, die pr\u00fcfenden und unangenehmen Blicke der Grenzpolizist*innen, als wir am Grenzposten ankamen. Als im Jahr 2007 die Grenze zwischen Deutschland und Polen aufgrund des Schengen-Abkommens aufgel\u00f6st wurde, war es eine Erleichterung auf der langen Fahrt, nicht eine bewachte Grenze zu passieren. Als ich immer \u00e4lter wurde, genoss ich die Reisefreiheit innerhalb Europas, die ich ausgiebig auskostete. Ich machte mir damals nicht viel Gedanken dar\u00fcber, da es mir in meiner europ\u00e4ischen Welt normal erschien, mich frei bewegen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Privileg wurde mit erst bewusst, als ich nach Mexiko ging. Mein problemloses Einreisen in dieses Land und der sp\u00e4teren M\u00f6glichkeit des Erkaufens eines Touristenvisums, um mich dort `legalisiert\u00b4 zwei Jahre aufhalten zu k\u00f6nnen, standen im Kontrast zu dem sehr pr\u00e4senten Thematik der Migrant*innen aus Lateinamerika, welche Mexiko durchreisten, um in die Vereinigten Staaten von Amerika einzureisen und dabei oft ihr Leben riskierten. Zur gleichen Zeit drangen die Nachrichten der sogenannten europ\u00e4ischen `Fl\u00fcchtlingskrise\u00b4 zu mir durch, welche gezeichnet waren von inhumanen Reisekonditionen von Menschen, die den Wunsch hatten, nach Europa zu gelangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn es viele BIPoC gibt, die zum Beispiel eine deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft haben oder <em>wei\u00dfe <\/em>Menschen, die dieses Privileg nicht innehaben, denke ich, dass der `Wert\u00b4 eines Reisepasses stark mit rassistischen Strukturen verschr\u00e4nkt ist, und wie oben aufgezeigt, koloniale Kontinuit\u00e4t beinhaltet. Es wird oft angenommen, dass BIPoC aufgrund von Rassismus in vielen Bereichen benachteiligt werden, jedoch wird seltener dar\u00fcber reflektiert, welche Vorteile eine <em>wei\u00dfe<\/em> Person<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> aufgrund der Konstruktion und Ideologie rund um ihre Hautfarbe hat und dies wird dem <em>wei\u00dfen<\/em> Bev\u00f6lkerungsteil in seiner Sozialisation beigebracht (vgl. McIntosh 1992). Bis zu meiner Reise nach Mexiko war mir dies auch nicht bewusst. Erst durch die direkte Konfrontation bemerkte ich, was es bedeutet, einen deutschen Reisepass zu besitzen. Dies zeigt auf, dass eine <em>wei\u00dfe <\/em>Person sich frei entscheiden kann, ob sie sich mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen will oder nicht (Ogette 2018, 60). Ich denke, es ist wichtig, in Gespr\u00e4chen mit <em>wei\u00dfen <\/em>Personen darauf hinzuweisen, was es bedeutet, in den Karibikurlaub f\u00fcr zwei Wochen zu fliegen oder entscheiden zu k\u00f6nnen, nach Madagaskar zu ziehen<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>. <\/p>\n\n\n\n<p>Die pers\u00f6nlichen Erfahrungen zu teilen und dem Gegen\u00fcber diese Thematik zur Reflektion zu \u00fcberlassen. Auch denke ich, dass wir uns als <em>wei\u00dfer<\/em>, im globalen Norden geborener Bev\u00f6lkerungsteil im gr\u00f6\u00dferen Umfang mit unserer eigenen Geschichte auseinandersetzen m\u00fcssen. Ich bin mir sicher, dass man in fast jeder Familie eine Migrationsgeschichte entdecken w\u00fcrde. Was bedeutet es, seinen Wohnort zu wechseln? Was f\u00fcr Gr\u00fcnde sind die Motivation daf\u00fcr und wie waren die gesellschaftlichen und politischen Verh\u00e4ltnisse zu der Zeit? Wenn wir diese Fragen in unserer eigenen Geschichte ergr\u00fcnden w\u00fcrden, w\u00fcrde es uns als Gesellschaft vielleicht leichter fallen, dieses Privileg anzuerkennen und dies f\u00fcr alle zu fordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedoch ist es in diesem beschriebenen Fall kein individueller Rassismus, den man einfach reflektieren kann, um seine Handlungsweise zu ver\u00e4ndern, sondern ein institutioneller Rassismus, welchen man als Person aktiv kritisieren muss. Gleicherma\u00dfen ist es ein Privileg, seine politische Meinung frei \u00e4u\u00dfern zu k\u00f6nnen, ohne daf\u00fcr aufgrund seiner Hautfarbe verurteilt oder nicht ernstgenommen zu werden (McIntosh 1992, 32). Bewegungen wie die <em>Black-Lives-Matter<\/em>-Bewegung oder <em>No-Border<\/em>-Bewegungen k\u00f6nnen f\u00fcr <em>wei\u00dfe<\/em> Personen eine M\u00f6glichkeit bieten, sich dem Widerstand gegen den institutionellen Rassismus anzuschlie\u00dfen, jedoch denke ich, dass es als <em>wei\u00dfe<\/em> Person wichtig ist, keine \u00f6ffentliche Rolle einzunehmen oder den Diskurs innerhalb der Gruppe zu leiten, sondern auf die Bed\u00fcrfnisse der Gruppierung einzugehen und sie in den `hinteren Reihen\u00b4 zu unterst\u00fctzen. Die Motivation des Engagements sollte nicht aus Altruismus resultieren, sondern<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201e[s]olidarity comes from the inability to tolerate the affront to our own integrity of passive or active collaboration in the oppresion of others (\u2026). From the recognition that, like it or not, our liberation is bound up with that of every other beings on the planet, and that politically (\u2026) we know anything else is unaffordable\u201c <\/p><cite>Levins Morales 1998, 125<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Denn letztendlich sind alle unsere Leben miteinander verflochten und bedingen sich gegenseitig und f\u00fcr ein w\u00fcrdevolles Leben f\u00fcr alle sollten wir uns verb\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Im darauffolgenden Text kann ich mich nur auf meine Wahrnehmungen der Gesellschaft beziehen, in der ich aufgewachsen bin, auch wenn es innerhalb dieser Gesellschaft auch subjektive Unterschiede gibt, die ich nicht alle wiedergeben kann. Bei diesem Beispiel bin ich mir sicher, dass es Gemeinschaften gibt, die in ihrem Lebensumfeld Grenzen weniger pr\u00e4sent haben wie wir, auch wenn heutzutage, global gesehen, alle Menschen in einem Nationalstaatensystem eingebunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Mit einer Staatsb\u00fcrgerschaft aus dem globalen Norden.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Auch wenn dieses Thema mit der Diskriminierungsform des Klassismus verschr\u00e4nkt ist, auf welches ich in diesem Text nicht eingehen werde.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Zuzanna Krysta, Die Grenze. Ein Versuch der Reflektion, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 22.04.2021, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2021\/04\/22\/die-grenze-ein-versuch-der-reflektion\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuzanna Krysta (SoSe 2020) 1.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Einleitung Wir sitzen in der K\u00fcche, es wird durcheinander diskutiert und Reis mit Maff\u00e9 gegessen. M\u00e4nner* aus Kamerun, Nigeria, Gambia, Senegal, Angola und ich, als wei\u00dfe, deutsch-polnische Cis-Frau verbringen diesen Moment gemeinsam. Die Menschen um mich herum fangen an sich dar\u00fcber auszutauschen, wieviel die jeweiligen Reisep\u00e4sse `wert\u00b4 sind und in &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2021\/04\/22\/die-grenze-ein-versuch-der-reflektion\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie Grenze. Ein Versuch der Reflektion\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2643,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[327720],"tags":[2805,2744,1227,2740],"class_list":["post-71","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-essay","tag-grenze","tag-kolonialismus","tag-migration","tag-rassismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2643"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=71"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":91,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71\/revisions\/91"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=71"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=71"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=71"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}