{"id":83,"date":"2021-05-21T11:13:53","date_gmt":"2021-05-21T09:13:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/?p=83"},"modified":"2021-05-21T11:31:00","modified_gmt":"2021-05-21T09:31:00","slug":"das-moderne-yoga-ein-ergebnis-patriarchaler-und-kolonialisierter-strukturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2021\/05\/21\/das-moderne-yoga-ein-ergebnis-patriarchaler-und-kolonialisierter-strukturen\/","title":{"rendered":"Das moderne Yoga: Ein Ergebnis patriarchaler und kolonialisierter Strukturen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Susanne Peter (SoSe 2020)<\/h2>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-right is-style-default is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;To repair the harm done to yoga, the harms of cultural appropriation we need to address it at the root causes of separation and disconnection.&#8220;<\/p><cite>Susanna Barkataki (2021) <\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Yoga begleitet mich seit meinem Umzug 2011 nach Berlin. Eine aufw\u00fchlende Zeit. Auf Empfehlung probiere ich Yoga aus, um wieder Ruhe und Stille zu finden. In einem Tanzstudio in Berlin Sch\u00f6neberg habe ich meine erste Yogastunde besucht und schnell wurde es zu einer w\u00f6chentlichen Praxis. Mit meinem Umzug nach Dublin 2014 spielt Yoga eine zentrale Rolle in meinem Leben und Anfang 2015 entscheide ich mich daf\u00fcr, eine Ausbildung zu machen. Bis zu dem Zeitpunkt war ich mir nicht bewusst, dass Yoga noch viel mehr beinhaltet als k\u00f6rperliche Praxis. Ich komme zum ersten Mal mit der jahrtausendealten Philosophie in Ber\u00fchrung. Zur\u00fcck in Berlin unterrichte ich meine ersten Klassen. Ich finde mich nur schwer in der Berliner Yogaszene zurecht. Der Markt an Lehrer*innen ist \u00fcberlaufen, es gibt unz\u00e4hlige Studios und alles erscheint mir entweder zu hip oder zu esoterisch. Dabei ist es f\u00fcr mich ein Markt, in dem ich leicht einen Platz finden kann. Ich bin eine wei\u00dfe Frau, schlank und flexibel. Also genau so, wie uns Yoga in den Medien pr\u00e4sentiert wird. Vier Jahre sp\u00e4ter bin ich Teil dieser Maschinerie und finanziere mir so mein Studium. Genie\u00dfen kann ich das Lehrerinnen-Dasein nur kurz. Vor jeder Stunde bange ich, dass genug Sch\u00fcler*innen in meine Klasse kommen. Wir werden gestaffelt bezahlt. Bist du nicht so beliebt oder unterrichtest zu Zeiten, die nicht gefragt sind, verdienst du auch weniger. Ich denke \u00fcber Content f\u00fcr meinen Instagram Kanal nach, um auf mich aufmerksam zu machen und welcher Workshop sich am besten verkaufen w\u00fcrde. Mit Beginn der Corona-Pandemie bin ich von einem auf den anderen Tag gezwungen, nicht mehr zu arbeiten. Die Studios reagieren zwar schnell und der Unterricht wird online weitergef\u00fchrt. Die w\u00f6chentlichen Stunden reduzieren sich, genauso wie das Stundenhonorar. Die finanzielle Angst ist gro\u00df, das Online-Unterrichten raubt mir die letzte Energie. Ich erhalte zum Gl\u00fcck die Sofort-Hilfe. Eine eigene Yoga-Praxis besitze ich nicht mehr, meine Philosophie-B\u00fccher habe ich schon seit Monaten nicht mehr in die Hand genommen. Ich ziehe mich zur\u00fcck und stelle mir viele Fragen. Es ist f\u00fcr mich der Beginn einer pers\u00f6nlichen und sehr kritischen Auseinandersetzung mit der Yogawelt und meinem Erlebten.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Zeit stolpere ich auf Instagram \u00fcber den Podcast <em>Yoga is Dead. <\/em>Ein rei\u00dferischer Titel und die erste Folge <em>White Women Killed Yoga<\/em> polarisiert nicht weniger. Ich sp\u00fcre einen Widerstand in mir. Allein durch den Titel f\u00fchle ich mich angegriffen. Durch die Rassismus-Debatte in den deutschen Medien, h\u00f6re ich mir die Folge aber an.Die Yogalehrerinnen Tejal Patel und Jesal Parikh, beide indischer Abstammung, erz\u00e4hlen von ihren diskriminierenden Erfahrungen als Women of Color in einer von wei\u00dfen Frauen dominierten Yogawelt. Die weiteren f\u00fcnf Folgen ihrer Podcasts h\u00f6re ich mir in den folgenden Tagen an. Sie widmen sich den Themen Veganismus, Gurus, 200h Teacher Trainings, Vinyasa und Karma Yoga und deren Auswirkungen auf Yoga. Ich lerne unglaublich viel, nicht nur sind die Folgen gut recherchiert, sie stellen alle ihre Quellen bereit, was ein tieferes Eintauchen in die Thematik leichtmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Seminar <em>Decolonize! Intersektionale Perspektiven auf lokale und globale Machtverh\u00e4ltnisse<\/em> ver\u00e4ndert meinen Blick zus\u00e4tzlich. Auch wenn Tejal Patel und Jesal Parikh sich in ihrem Podcast auch dem Thema der kulturellen Aneignung widmen, bin ich mir nicht bewusst, was das genau eigentlich bedeutet. Das Seminar ver\u00e4ndert das. Kulturelle Aneignung ist eine \u201e\u2026kolonialrassistische Praxis, in der sich die Mehrheitsgesellschaft die Kultur von Subalternen (\u2026), vor allem Kolonialisierten, abschaut, aus dem Kontext rei\u00dft und aneignet.\u201c (Altes, 2017). W\u00e4hrend der indischen Inquisition ist es Inder*innen nicht erlaubt, Yoga und Ayurveda zu praktizieren (Parikh &amp; Patel, 2019; Stenzel 2019).&nbsp; Die Yogakultur wurde geklaut, den westlichen Bed\u00fcrfnissen angepasst und hat sich zu einem Milliarden-Dollar.Markt entwickelt. Damit ist Yoga nahezu ein Paradebeispiel kultureller Aneignung. Im englischsprachigen Raum ist diese Diskussion lebendig. In mehreren Folgen gemeinsam mit Susanna Barkataki widmet sich Rachel Brathen, bekannt als Yoga Girl, diesem Thema. Susanna Barkataki ist eine der lautesten Stimmen, wenn es darum geht, Yoga diverser zu gestalten und sich der Verf\u00e4lschung der Praxis bewusst zu werden. Ich stelle mir die Frage, ob diese Gespr\u00e4che auch in der deutschen Yogaszene stattfinden. Ich beginne, mir die Berliner, aber auch deutsche Yogalandschaft genauer anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt sie, die \u00f6ffentliche Diskussion, ob wir uns in der westlichen Welt Yoga angeeignet haben. Was mir bei meiner Suche nach einem \u00f6ffentlichen Diskurs auff\u00e4llt &#8211; Stimmen finden sich innerhalb des deutschsprachigen Raumes fast haupts\u00e4chlich au\u00dferhalb der Yogaszene. In der <em>Zeit <\/em>wird Yoga als \u201ekolonialisierte Praxis\u201c benannt (R\u00f6dder, 2019). In dem Artikel wird etwas deutlich, was gerne vergessen wird. In der Hatha Yoga Pradipika, die als Ursprungstext unserer heutigen Yogapraxis angesehen wird, gibt es nur wenige Asanas (R\u00f6dder, 2019), die der Vorbereitung der Meditation dienen. In der westlichen Welt ist die Yogapraxis sehr auf das k\u00f6rperliche zentriert, dabei machen diese in der Tradition des Yoga nur einen kleinen Teil aus. In dem <em>Yoga Sutra des Patanjali<\/em>, einem weiteren Grundlagentext der Yogaphilosophie, wird der achtgliedrige Pfad eines Yogis bzw. einer Yogini benannt. An dritter Stelle befindet sich Asana, die Praxis von K\u00f6rper\u00fcbungen. Sie sollen helfen, den K\u00f6rper besser zu verstehen und bereiten uns auf die kommenden Stufen des achtgliedrigen Pfades vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch auf <em>bento.de<\/em> stellt sich Tasnim R\u00f6dder die Frage der kulturellen Aneignung und beantwortet sie klar mit einem ja. Yoga, wie wir es heute praktizieren, ist ein Produkt der Kolonialzeit. (R\u00f6dder, 2019). Ich schaue mir die gr\u00f6\u00dften Yogamagazine aus Deutschland genauer an. W\u00e4hrend <em>Yoga Journal<\/em> der kulturellen Aneignung in einem Artikel zustimmt, finde ich bei <em>Yoga aktuell<\/em> einen Beitrag von dem Indologen Wilfried Huchzermeyer, der sich auf den Text von Tasnim R\u00f6dder bezieht. Auch er stellt sich die Frage, ob Yoga eine kolonialisierte Praxis ist und seine Worte erschrecken mich. Er betrachtet das heutige Yoga als einen \u201ekontinuierlichen, lebendigen Ost-West-Austausch\u201c (Huchzermeyer, 2020). Er begr\u00fcndet diese Aussage unter anderem damit, dass Lehrer wie B.K.S. Iyengar, der Begr\u00fcnder der Iyengar-Tradition, Jahrzehnte im Westen gewirkt und damit Yoga gepr\u00e4gt h\u00e4tten. Einen wichtigen Punkt \u00fcbersieht er hier. Iyengar war Sch\u00fcler von Sri Tirumalai Krishnamacharya, der auch der Vater des modernen Yogas genannt wird. Beide wachsen in einem Indien auf, dass von der Britischen Kolonialherrschaft gepr\u00e4gt ist. Hinduistische Traditionen sollen aus dem indischen Alltag verschwinden und durch die westlich-europ\u00e4ische Weltanschauung ersetzt werden (Stenzel, 2019). Yoga verschwand.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Yogaposen, wie Adho mukha svanasana (herabschauender Hund) oder Virabhadrasana II (Krieger II), die heute in kaum einer Stunde fehlen, stammen aus dem sp\u00e4ten 19. und 20. Jahrhundert. (Singelton, 2011) Der Versuch, die genauen Urspr\u00fcnge zu finden, ist schwierig. Mehrere Quellen besagen, dass Britische Soldaten Yogaposen zu eigenen Zwecken wiederbelebten und ihre Fitness\u00fcbungen damit kombinierten. (Singelton, 2011; R\u00f6dder 2019). Durch den Kolonialismus greift die westliche K\u00f6rperkultur. Es ist au\u00dferdem der einzige Weg, sich der eigenen Kultur wieder ein bisschen mehr ann\u00e4hern zu k\u00f6nnen. Dieser Mix ist es, was wir heute als modernes Yoga kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe zwei Yoga-Ausbildungen absolviert. Meine erste 2015 in Dublin in der Tradition von Krishnamacharya und die zweite 2019\/2020 in Berlin in der Hatha Yoga Tradition. Ich gehe beide gedanklich nochmal durch. W\u00e4hrend der Ausbildung in Dublin widmen wir uns regelm\u00e4\u00dfig und detailliert der Philosophie, wir lernen Sanskrit, m\u00fcssen die Posen und wichtigsten Begriffe der Philosophie und Tradition in der Originalsprache beherrschen. Wir bauen eine intensive Asana Praxis, aber auch Pranayama (Atem\u00fcbungen) und Meditationspraxis auf. Wir sprechen \u00fcber die Geschichte des Yoga. Dass das moderne Yoga aber ein Produkt der Kolonialzeit ist, wird uns in der Ausbildung nicht vermittelt. Die Berliner Ausbildung sehe ich schon w\u00e4hrenddessen sehr kritisch. Wir gehen wenig in die Tiefe, wir erfahren sehr wenig \u00fcber die Urspr\u00fcnge und die Philosophie. Daf\u00fcr wird sich ein Nachmittag der Vorstellung und dem Verkauf von doTerra \u00d6len gewidmet.<\/p>\n\n\n\n<p>Generell fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit der westlichen Yogawelt. Einfachheit, Minimalismus und Vielf\u00e4ltigkeit wird nahezu gepredigt. Yoga sei eine Praxis, die f\u00fcr alle zug\u00e4nglich ist. Dem kann ich nur widersprechen. Allein in Berlin gibt es \u00fcber 300 Yogastudios (Stand 2016). Nicht jeder kann sich die Teilnahme im Studio leisten. Denke ich \u00fcber die Klassen nach, die ich selber unterrichtet habe, ist der Anteil von People of Color verschwindend gering. In meinen Ausbildungen sind wir ausschlie\u00dflich wei\u00dfe Frauen. Das ist auch das Bild, was in den sozialen Medien vermittelt wird. Yogalehrende und Praktizierende sind fast ausnahmslos schlank, hyperflexibel &#8211; und wei\u00df. Ich sehe mir die Magazincovernder letzten acht Jahre der <em>Yoga aktuell<\/em> an. Von 50 Covern sind auf 49 Frauen zu sehen. Nur zwei davon sind Women of Color. Alle Menschen auf den Covern sind schlank und gr\u00f6\u00dftenteils in sehr anspruchsvollen Asanas zu sehen, die eine hohe Flexibilit\u00e4t erfordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Yoga ist schon lange im Kapitalismus angekommen mit einem weltweit gesch\u00e4tzten Jahresumsatz von ca. 80 Mrd. Dollar (H\u00fcchtker, 2019). Es gibt einen ganzen Yogamarkt f\u00fcr Kleidung, Matten und anderes Zubeh\u00f6r. Auch hier lerne ich, dass ich viel mehr hinterfragen muss. Ein weiterer Teil des Ashtanga Weges, des achtgliedrigen Pfades, sind die <em>yamas<\/em> (unsere Haltung gegen\u00fcber unserer Umwelt). Dazu geh\u00f6rt <em>ahimsa<\/em> &#8211; Gewaltlosigkeit. Kaufe ich Produkte von Yogalabels, stelle ich mir die Frage der ethischen Verwertbarkeit und Nachhaltigkeit nicht mehr. Ich gebe diese Verantwortung an dieser Stelle gerne ab. So weit, so naiv. Lululemon ist eines der bekanntesten und erfolgreichsten Labels der Szene. Und das, obwohl bekannt ist, dass CEO Chip Wilson den Namen gew\u00e4hlt hat, weil er den Gedanken lustig fand, dass Japaner*innen Probleme haben werden, den Markennamen auszusprechen. (Lawrence 2011). Diese rassistische Haltung allein verletzt das Prinzip von <em>ahimsa<\/em> bereits. W\u00e4hrend einer Konferenz zu nachhaltiger, lokaler \u00d6konomien in Vancouver in 2004 spricht Wilson dar\u00fcber, die Produktion von lululemon in die Republik China verlegt zu haben, um Kosten zu sparen. Das alleine ist schon paradox, sieht man sich das eigentliche Thema der Konferenz an. Dazu stellt er sich als gro\u00dfer Unterst\u00fctzer der \u201e<em>Dritten Welt<\/em>\u201c dar und feiert sich als Held, weil er Kindern Arbeit gibt und sie so ihre Familien unterst\u00fctzen k\u00f6nnen (Deveau 2005). Immer deutlicher wird f\u00fcr mich, wie patriarchal gepr\u00e4gt die Yogaindustrie ist. Das wird nicht nur durch die kapitalistischen Strukturen deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Liste der Machtmissbr\u00e4uche ist endlos. Iyengar schl\u00e4gt und tritt seine Sch\u00fcler*innen \u00f6ffentlich in Klassen. Er wird verteidigt. Er h\u00e4tte das tun m\u00fcssen, weil die Pose falsch ausgef\u00fchrt wurde (Parikh &amp; Patel 2019; Grisworld 2019). John Friend, der Begr\u00fcnder der Anusara Tradition, schl\u00e4ft mit seinen Sch\u00fclerinnen und bringt seine Mitarbeiter*innen in rechtliche Schwierigkeiten, da sie Drogen f\u00fcr ihn annehmen m\u00fcssen (Parikh &amp; Patel 2019; Grisworld 2019). Einen langfristigen Schaden tr\u00e4gt sein Image nicht davon. Er ist zur\u00fcck mit einer neuer Yogaform namens Sridaira (Griswold 2019). Die Netflix-Dokumentation <em>Bikram: Yogi, Guru, Predator <\/em>zeigt Bikram Choudhurys ausschweifenden Lebensstil, sowie sein rassistisches und homophones Verhalten. Zwei Frauen schildern den sexuellen Missbrauch, den sie durch ihn erfahren mussten. In 2016 wird er wegen Bel\u00e4stigung und Diskriminierung zu 7 Millionen US-Dollar Schadensersatz verurteilt. Er verl\u00e4sst das Land und lehrt weiterhin (Order 2019; Godwin 2017). Pattjabi Jois, Begr\u00fcnder des Ashtanga-Yogas, korrigiert die Yogaposen seiner Sch\u00fcler*innen so rigoros, dass sie sich dabei verletzen. Fotos und Videos zeigen, wie er Sch\u00fcler*innen an die Br\u00fcste greift, in den Schritt greift und sich auf Sch\u00fcler*innen legt und sich dabei penetriert. Nur zwei F\u00e4lle sind bekannt, in denen er f\u00fcr sein Verhalten zur Rede gestellt wird. Erst nach Jois Tod sprechen die Betroffenen \u00fcber ihre Missbrauchserfahrungen. (Remski, 2020; Parikh &amp; Patel 2019) Das Ashtanga Institut in Mysuru, Indien zeigt sich vers\u00f6hnlich und gibt in einem Statement bekannt, dass sie eine Umgebung schaffen wollen, die frei von jeglichem sexuellen Missbrauch ist. Richtlinien zur Umsetzung dessen oder Konsequenzen, wenn diese missachtet werden, gibt es jedoch nicht (Remski 2020). Auch die Kundalini Yogaszene wird Anfang des letzten Jahres von einem Skandal ersch\u00fcttert. Pamela Saharah Dyson ver\u00f6ffentlicht das Buch <em>Premka: White Bird in a Golden Cage<\/em>, in dem sie \u00fcber ihre Jahre an der Seite von Yogi Bhajan berichtet. Yogi Bhajan ist in der westlichen Yogawelt eng mit dem Kundalini Yoga verbunden und wird von vielen Praktizierenden verehrt. Das Buch ist zutiefst ersch\u00fctternd. Dyson beschreibt eine Sektendynamik gepr\u00e4gt von Manipulation und psychischer und k\u00f6rperlicher Gewalt (Dyson 2019). Nach der Ver\u00f6ffentlichung schlie\u00dfen sich mehrere Sch\u00fcler*innen Yogi Bhajans den Missbrauchsvorw\u00fcrfen an. Die von ihm gegr\u00fcndete Organisation 3HO reagiert und l\u00e4sst durch die Organisation An Olive Branch die Vorw\u00fcrfe pr\u00fcfen. Der Bericht ist in mehreren Sprachen frei zug\u00e4nglich. Als Erstes kommen Anh\u00e4nger*innen Yogi Bhajans zu Wort, die die Missbrauchsvorw\u00fcrfe vehement abstreiten. Da er nicht mehr lebt, k\u00f6nne er sich selbst nicht mehr rechtfertigen, so die Begr\u00fcndung. Mir st\u00f6\u00dft das bitter auf. Die guten Erinnerungen einer Gruppe von Menschen relativiert nicht die traumatischen Erfahrungen einer anderen Gruppe. Detailliert wird auf die Vorw\u00fcrfe eingegangen, die sexuellen Missbrauch, psychische Gewalt, Zwangsverheiratung, Manipulation, die Trennung von Eltern und Kindern, sowie Todesdrohungen umfassen (An Olive Branch Report, 2020). Die 3HO Organisation verbannt seine Bilder, schreibt B\u00fccher um und vieles mehr. In meinem privaten Umfeld kenne ich eine Lehrerin, die Kundalini Yoga nicht mehr unterrichtet. Dabei wird immer wieder gesagt: Man muss die Praxis vom Lehrenden trennen. Aber was ist, wenn wir das nicht machen und uns viel mehr die Frage stellen, wie die Praxis Teil und Hilfsmittel des Missbrauches war?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Wort<em> guru <\/em>verbinden wir schon lange Lehrende, die den spirituellen Weg f\u00fchren. Ohne kann der Weg nicht gegangen werden. Es ist Teil der Praxis einen Guru zu finden, sich hinzugeben und keine Fragen zu stellen. \u00dcbersetzt man aber das Wort <em>guru<\/em> aus dem Sanskrit, bedeutet es das Erleuchtungsprinzip. Es ist nicht an eine Person gebunden. Es kann alles sein &#8211; ein Ort, Musik und vieles mehr. In den beschriebenen F\u00e4llen wird deutlich, wie der Lehrende, weil er der Guru ist und zur Erleuchtung f\u00fchren kann, nicht mehr hinterfragt wird. Der Glaube, dass der Guru wei\u00df, was am besten ist, ist gr\u00f6\u00dfer als das Vertrauen in den eigenen Instinkt. Der Guru sei kein sexuelles Wesen, daher diene Sex nur als Energie zum spirituellen Wachstum, verbaler Missbrauch sei ein Test, ob dem Guru vertraut wird (Dyson 2010, Parikh &amp; Patel 2019). Auch hier sehe ich mir an, wie das Yogamagazin <em>Yoga aktuell<\/em> in Deutschland mit den Vorw\u00fcrfen umgeht. Ich kann nur einen Artikel finden, in dem vage \u00fcber sexuellen Missbrauch im Yoga geschrieben wird. Es wird aber nicht benannt, was die Vorw\u00fcrfe enthalten, welche Traditionen es betrifft, den Opfern wird keinen Raum gegeben, ihre Geschichte zu erz\u00e4hlen. Wie bei fast allen kritischen Themen, werden diese nur oberfl\u00e4chlich betrachtet. Dabei sollten sie ins Zentrum r\u00fccken. Ein kritischer Diskurs ist es, was vor allem der deutschen Yogaszene fehlt. Ich muss an Tupoka Ogettes Begriff <em>Happyland<\/em> denken. Auch die Yogawelt empfinde ich h\u00e4ufig als eine Art Happyland. Auseinandersetzungen werden vermieden. Hinterfragt wird wenig. Kritik ge\u00e4u\u00dfert noch weniger. Zu oft wird davon ausgegangen, dass alle und alles, was Teil der Szene ist, gut ist. Es ist Yoga &#8211; es kann nicht schlecht sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse all das neue Wissen sinken. Ich wei\u00df, dass ich in Zukunft Yoga und wie wir es in der westlichen Welt leben, viel kritischer betrachten werde. Ich denke \u00fcber Konsequenzen nach. Ich werde kein Yoga mehr unterrichten. Ich werde der Tradition nicht gerecht. Ich m\u00f6chte Yoga wieder in seiner F\u00fclle entdecken. Ich m\u00f6chte wieder nur Sch\u00fclerin sein. Mich der Philosophie widmen und sie leben. Noch mehr \u00fcber die Urspr\u00fcnge lernen und vor allem &#8211; zuh\u00f6ren. Den Lehrer*innen zuh\u00f6ren, die sich f\u00fcr Diversit\u00e4t einsetzen, die aufkl\u00e4ren, Yoga wieder n\u00e4her an den eigentlichen Ursprung bringen wollen und nicht m\u00fcde werden, ihre Stimmen zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><strong>Bibliographie<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dyson, Pamela Sahara. <em>Premka: White Bird in a Golden Cage: My Life with Yogi Bhajan <\/em>(United States: Eyes Wide Publishing, 2019)<\/p>\n\n\n\n<p>Orner, Eva (Regie). (2019). <em>Bikram: Yogi, Guru, Predator <\/em>[Film]. Pulse Films.<\/p>\n\n\n\n<p>Altjes, Janna. 2017. <em>Kulturelle Aneignung: Haben wir Indien Yoga geklaut? Fuck Lucky Go Happy. <\/em>&lt;https:\/\/www.fuckluckygohappy.de\/kulturelle-aneignung-haben-wir-indien-yoga-geklaut\/&gt; [accessed 23. M\u00e4rz 2021]<br><br>Brathen, Rachel. 2018. <em>Yoga Girl: Conversations from the heart. Susanna Barkataki on Cultural Appropriation. Yoga Girl<\/em>. &lt;https:\/\/www.yogagirl.com\/podcast\/conversations-from-the-heart\/cultural-appropriation-with-susanna-barkataki&gt; [accessed 20. M\u00e4rz 2021]<br><br>Deveau, Scott. 2005. <em>Yoga Mogul Has Critics in a Knot. Chip Wilson<\/em>\u2019<em>s provocative words on child labour and garment workers put Lululemon under scrutiny.<\/em> The Tyee, &lt;https:\/\/thetyee.ca\/News\/2005\/02\/17\/LuluCritics\/&gt; [accessed 18. M\u00e4rz 2021]<\/p>\n\n\n\n<p>Godwin, Richard. 2017. <em>He Said He Could Do What He Wanted: The Scandal That Rocked Bikram Yoga<\/em>, The Guardian &lt;https:\/\/www.theguardian.com\/lifeandstyle\/2017\/feb\/18\/bikram-hot-yoga-scandal-choudhury-what-he-wanted&gt; [accessed 26. M\u00e4rz 2021]<br><br>Grisworld, Eliza. 2019. <em>Yoga Reconsiders The Role of The Guru in The Age of #metoo<\/em>. The New Yorker, &lt;https:\/\/www.newyorker.com\/news\/news-desk\/yoga-reconsiders-the-role-of-the-guru-in-the-age-of-metoo&gt; [accessed 26.03.2021]<br><br>H\u00fcchtker, Jolinde. 2019. <em>Yoga macht unpolitisch<\/em>. Die Tageszeitung, &lt;https:\/\/taz.de\/Kommentar-Selbstoptimierung\/!5579648\/&gt; [accessed 19. M\u00e4rz 2021]<\/p>\n\n\n\n<p>Huchzermeyer, Wilfried. <em>Der moderne Yoga als Produkt der Kolonialzeit?<\/em> <em>Yoga aktuell, <\/em>1 (2020), &lt;https:\/\/www.yoga-aktuell.de\/yoga-und-leben\/geschichte\/der-moderne-yoga-als-produkt-der-kolonialzeit\/&gt; [accessed 26.03.2021]<br><br>Kleine, Helena. 2020. <em>Kulturelle Aneignung und Yoga: Wie gehen wir damit um? Fuck Lucky Go Happy<\/em> &lt;https:\/\/www.fuckluckygohappy.de\/kulturelle-aneignung-und-yoga-wie-gehen-wir-damit-um\/&gt; [accessed 23. M\u00e4rz 2021]<br><br>Lawrence, Stewart J. 2011. <em>Murder At Lululemon: Yoga<\/em>\u2019<em>s <\/em>\u201c<em>Heart Of Darkness\u201d?<\/em> Huffpost, &lt;https:\/\/www.huffpost.com\/entry\/when-yogis-kill-the-grisl_b_1077457&gt; [accessed 18. M\u00e4rz 2021]<\/p>\n\n\n\n<p>Parikh, Jesal &amp; Patel, Tejal. 2019. <em>White Women Killed Yoga<\/em>. Yoga is Dead Podcast, &lt;https:\/\/www.yogaisdeadpodcast.com\/episodes\/2019\/6\/5\/ep-1-white-women-killed-yoga&gt; [accessed 18. M\u00e4rz 2021]<\/p>\n\n\n\n<p>Parikh, Jesal &amp; Patel, Tejal. 2019. <em>Gurus Killed Yoga<\/em>. Yoga is Dead Podcast, &lt;https:\/\/www.yogaisdeadpodcast.com\/episodes\/2019\/7\/21\/guruskilledyoga&gt; [accessed 25. M\u00e4rz 2021]<\/p>\n\n\n\n<p>Remski, Matthew. 2020. <em>Yoga\u2019s Culture of Sexual Abuse: Nine Women Tell Their Stories<\/em>. The Walrus, &lt;https:\/\/thewalrus.ca\/yogas-culture-of-sexual-abuse-nine-women-tell-their-stories\/&gt; [accessed 26. M\u00e4rz 2021]<br><br>R\u00f6dder, Tasnim. 2019. <em>Nazis, Sexismus, kulturelle Aneignung: Die problematischen Seiten von Yoga. Bento<\/em>, &lt;https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/yoga-ist-mehr-als-sport-und-nicht-so-harmlos-wie-wir-denken-a-68cf3b17-8cc5-4839-a392-547e69b3bd66&gt; [accessed 26.03.2021]<br><br>R\u00f6dder, Tasnim. 2019. <em>Kolonialisierte Praxis<\/em>. Die Zeit, &lt;https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2019-09\/yoga-geschichte-historie-sport-achtsamkeit-spiritualitaet&gt; [accessed 26.03.2021]<br><br>Singelton, Mark. 2011. <em>The Ancient &amp; Modern Roots of Yoga<\/em>. Yoga Journal, &lt;https:\/\/www.yogajournal.com\/yoga-101\/philosophy\/yoga-s-greater-truth\/&gt; [accessed 26.03.2021]<br><br>Stenzel, Elena. 2019. <em>Warum Yoga uns zu Kolonialherren macht<\/em>. Zeitjung, &lt;https:\/\/www.zeitjung.de\/warum-yoga-uns-zu-kolonialherren-macht-yogis-kulturelle-aneignung\/&gt; [accessed 26.03.2021]<br><br><em>Report of An Olive Branch into Allegations of Misconduct<\/em>. Ethics &amp; Professionals Standards, &lt;https:\/\/epsweb.org\/aob-report-into-allegations-of-misconduct\/&gt; [accessed 02.04.2021]<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Quelle: Susanne Peter, Das moderne Yoga: Ein Ergebnis patriarchaler und kolonialisierter Strukturen, in: Blog ABV Gender- und Diversitykompetenz FU Berlin, 21.05.2021, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/abv-gender-diversity\/2021\/05\/21\/das-moderne-yoga-ein-ergebnis-patriarchaler-und-kolonialisierter-strukturen\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Susanne Peter (SoSe 2020) &#8222;To repair the harm done to yoga, the harms of cultural appropriation we need to address it at the root causes of separation and disconnection.&#8220; Susanna Barkataki (2021) Yoga begleitet mich seit meinem Umzug 2011 nach Berlin. Eine aufw\u00fchlende Zeit. 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