Zur Entstehung dieses Blogs

Als im Januar 2020 die ersten Nachrichten über ein neues Virus aus China nach Europa kamen, ahnten viele Chinawissenschaftler früher als andere, was auf uns zukommen könnte, lange bevor Politik und Öffentlichkeit in Europa den Mut fanden, darauf zu reagieren und diese Krankheit nicht – wie so vieles andere auch – als eine uns nicht tangierende chinesische Seltsamkeit abzutun. Auch das Coronavirus hat nun dazu beigetragen, dass bestimmte Interessensgruppen versuchen, ein Feindbild von China in unserer Gesellschaft aufzubauen, das durch Verallgemeinerungen, Stereotypisierungen und vor allem von Unkenntnis dieses Kulturraums geprägt ist, der mehr Einwohner als Europa hat und – ungeachtet einer Ein-Parteien-Diktatur – entsprechend vielfältig ist.

Da ich es als eine meiner Aufgaben betrachte, mehr Wissen über China und insbesondere die chinesische Sprachkultur in unsere Gesellschaft zu tragen, beschloss ich am 23.März, ein „Etymographisches Schriftzeichen-Tagebuch“ auf Twitter und Facebook zu beginnen.

Denn wie über China sind auch über die chinesische Schrift zahlreiche Halbwahrheiten im Umlauf. Fest steht jedoch: Um chinesische Texte lesen zu können, sind Kenntnisse von weit über 1000 Schriftzeichen erforderlich: Für eine dem Niveau B1 des Europäischen Referenzrahmnes für Fremdsprachen entsprechende Lesefertigkeit (Wortschatz von mindestens 2000 Wörtern) werden leider ca. 1500 Schriftzeichen benötigt. Danach steigt die Zahl der benötigten Schriftzeichen langsamer an, und für einen Wortschatz der wichtigsten 8000 Wörter/Lexeme (Niveau C1) reichen etwa 3000 Schriftzeichen aus.

Der Mensch lernt über Vernetzung: Unbekanntes muss mit bereits Bekanntem oder mit erlebten Situationen verknüpft werden, um sich optimal in unserem Gedächtnis abspeichern zu lassen. Auch die Fremdsprachenforschung zeigt, dass uns als Erwachsenen das Lernen neuer Vokabeln in europäischen Fremdsprachen um so leichter fällt, je mehr vertraute Morpheme und Elemente wir in den zu lernenden Wörtern vorfinden.

Dies gilt ebenso für Schriftzeichen, die ich gerne als „dritte Dimension“ des Chinesischlernens bezeichne (Sprachliche und kulturelle Phänomene sind die ersten beiden Dimensionen.): Wenn ich einem zunächst arbiträr erscheinenden graphischen Element wie 攵 oder 止 eine Bedeutung oder Funktion zuweisen kann, fällt es mir leichter, es zu memorieren und in anderen Schriftzeichen wiederzuerkennen.
Aus diesem Wissen entstand dieser Blog, der auf Basis einer Frequenzuntersuchung schriftlicher chinesischer Texte (also nicht der gesprochenen Sprache!) jeden Tag ein chinesisches Schriftzeichen in der Kürze eines Tweets erläutert und etymographische (also schriftzeichengeschichtliche) Querverbindungen zwischen den Zeichen herstellt.

Mein Ziel ist dabei nicht die Darstellung des gesammelten Wissens zu den einzelnen Zeichen (dafür gibt es weltweit, insbesondere im chinesischen Sprachraum selbst, zahlreiche Experten und Forschungsprojekte), sondern im besten didaktischen Sinne nützliche, reduzierte Informationen zu liefern. Diese sollen jedoch keine frei erfundenen Eselsbrücken darstellen (auch diese haben durchaus ihre Berechtigungen), sondern unserem Forschungsstand entsprechen.

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Andreas Guder

Autor: Andreas Guder

ausgebildeter Sortimentsbuchhändler, MA DaF, Promotion Sinologie LMU München, DAAD-Lektor in Peking, Juniorprofessur für Chin. Sprache und Translation in Mainz/Germersheim, Leitung Studienbereich Chin. Sprache FU Berlin, Professor für Fachdidaktik Chinesisch in Göttingen, Professor für Chinesische Sprache, Literatur und Fachdidaktik an der FU Berlin.

Ein Gedanke zu „Zur Entstehung dieses Blogs“

  1. Ein wunderbares Projekt Herr Guder, vielen Dank dafür und unbedingt über Corona hinaus weitermachen (gibt ja genug Zeichen und darin Verborgenes;-). Und zum westlichen Chinabild und der jetzt gestiegenen Gefahr, das Land auf die Partei zu reduzieren, kann ich Ihnen nur zustimmen: wir Sinologen müssen täglich wo immer wir sind daran arbeiten, aufzuklären und diese Gefahr abzuwenden! Wir haben uns übrigens mal bei einer Tagung in Germersheim getroffen:-). Alles Gute und bleiben Sie gesund!

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