Die erste Moschee Deutschlands liegt etwa 40 Kilometer vor der Berliner Stadtgrenze. Hier in Wünsdorf, einem beschaulichen Ortsteil der brandenburgischen Stadt Zossen mit etwa 7.000 Einwohner*innen, stand einst die aus Holz gefertigte Mosche, die allerdings bereits seit 1930 nicht mehr existiert. Vor meinem inneren Auge erwarte ich ein weites Feld mit einem Hinweisschild auf diese vergangene Geschichte, deren sichtbare Spuren längst verschwunden sind. Doch weit gefehlt…
Mit dem Regionalexpress geht es vom Berliner Südkreuz 50 Minuten nach Wünsdorf-Waldstadt. Am Bahnhof werden wir von Mike und seinem Team des Garnisionsmuseum Wünsdorf abgeholt, die uns heute begleiten und mit der internationalen Ortsgeschichte des vergangenen Jahrhunderts vertraut machen. Ursprünglich war ein Fußmarsch zur ehemaligen Moschee geplant – knapp zwei Kilometer sind es auf dem direkten Weg –, aber wegen einer Verletzung im Team werden wir mit Autos dorthin chauffiert.
Durch Militärzonen zur Moschee …
Kaum eingestiegen, geht die Zeitreise durch Wünsdorf schon los: Es geht vorbei an der sogenannten „verbotenen Stadt“, die so heißt, weil sie während der Zeit des Kalten Krieges eine streng abgeschirmte Militärzone war. Dort befand sich das Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, der Zutritt war für Zivilist*innen verboten.
Keine Minute später biegen wir schon in die Moscheestraße ein – wir sind am ersten Ziel des Tages angekommen. Meine Vorstellungen des Ortes erweisen sich als falsch. Denn dort, wo einst die erste Moschee Deutschlands stand, stehen nun trostlose Container- und Flachbauten, umgeben von einem hohen Zaun und einem massiven, elektrischen Eisentor, das nur für Befugte geöffnet wird.

Ähnlich dürfte es hier vor 110 Jahren ausgesehen haben. Die Moschee war Teil des Halbmondlagers Wünsdorf, eines von zwei Umerziehungslagern meist muslimischer Kriegsgefangener, um diese für das Deutsche Reich zu gewinnen. Sie sollten dabei nicht im Glauben überzeugt werden, sondern von der kaiserlichen Kolonialpolitik. Deshalb durften sie auch schächten, hatten eine eigene Währung und bekamen eine Moschee ins Lager gebaut. All diese Annehmlichkeiten waren Teil des deutschen Plans in der Gunst der Kriegsgefangenen – vorrangig muslimische Kriegsgefangene aus französischen, belgischen und britischen Kolonien – zu steigen.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Schließung des Lagers wurde die Moschee noch eine Weile von Berliner Muslimen genutzt. Mit der Eröffnung der Moschee in Berlin-Wilmersdorf im Jahr 1928 nahm jedoch niemand mehr den weiten Weg nach Wünsdorf auf sich. Weil die Winter in Brandenburg hart waren und obendrein Holz knapp war, begannen die umliegenden Bauern nach und nach die hölzerne Moschee abzubauen und das Holz in ihren Öfen zu verfeuern bis nichts mehr übrig war.

Heute gibt es an ihrem ehemaligen Standort mit Ausnahme des Straßennamens keinerlei Hinweise und Erinnerungen an die Moschee oder das Kriegsgefangenenlager. Stattdessen weisen unzählige Schilder darauf hin, dass der gesamte Bereich videoüberwacht wird. Denn wo einst eines von zwei Umerziehungslager für Kriegsgefangene war, steht heute, ebenfalls eingezäunt, eine von zwei Erstaufnahmeeinrichtungen Brandenburgs für Geflüchtete. Damals wie heute leben die Menschen nicht freiwillig an diesem Ort, eine Moschee gibt es für sie nicht.
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