Exkursion nach Wünsdorf – „Etwas Schöngeistiges in der Pampa“

Die einen lebten hier gegen ihren Willen, den anderen wurde der Zugang verwehrt: In Wünsdorf verschmilzt die Geschichte von der Kaiserzeit bis zum Kalten Krieg. Wer kommt, um die erste Moschee Deutschlands zu sehen, wird überrascht.

Von Svenja Borgschulte

… zum Ehrenfriedhof

Von der Moschee geht es weiter zum Ehrenfriedhof der Kolonialsoldaten der damaligen Alliierten aus dem Ersten Weltkrieg. Auf dem Weg dorthin passieren wir eine Bushaltestellte aus DDR-Zeit. Die drei kleinen, aneinandergereihten Häuschen mit spitzen Dächern und eingebauten Öfen für die Winterzeit markieren das einstige sowjetische Grenzgebiet, das eingezäunt und mit einer Schranke versehen war. Die Haltestelle nutzten deutsche Arbeiter, die hier abgesetzt wurden und darauf warteten auf das Gelände gelassen zu werden. Obwohl die Bushaltestelle von Grund auf renoviert wurde, wird sie heute nicht mehr angefahren.

Der muslimische Ehrenfriedhof, einst der Ortsfriedhof von Zehrensdorf, ist ein Ort voller Geschichte und liegt beschaulich an einem Waldrand abseits vom Ortskern. Es ist sehr ruhig und sehr grün. Neben den Gräbern der ehemaligen Dorfbewohner*innen liegen hier die Ruhestätten der Kriegsgefangenen aus dem „Halbmondlager“ Wünsdorf, aber auch aus dem dort integrierten „Inderlager“ und dem „Weinberglager“ für Russen, Tataren, Georgier und Angehörige anderer Nationalitäten, die unter russischer Flagge kämpften, sowie das Truppenlager der Garnison Wünsdorf.

In Stein gemeißelte Erinnerungen

Auf dem Weg zu den Gräbern kommen wir an einem weißen, rechteckigen Stein mit vier vergoldeten Turbanen vorbei, dem sogenannten Tatarenstein. Er wurde einst von Kaiser Wilhelm zum Gedenken an jene Tataren gestiftet, die in einem Massengrab beerdigt wurden. Darauf folgen die Gräber der indischen Muslime, Sikhs und Hindus, die für die Briten gekämpft hatten. Die französischen Kriegsgefangenen, darunter Soldaten aus Nordafrika, wurden bereits 1926 nach Frankreich überführt. Trotzdem gibt es noch viele Gräber, denn obwohl die Lagerinsassen relativ gut versorgt wurden, blieben sie Kriegsgefangene, die auf engem Raum extremer Witterung ausgesetzt waren. Krankheiten verbreiteten sich schnell und führten zu zahlreichen Todesfällen. Um die Lebenden für sich zu gewinnen, erhielten die Verstorbenen eine würdige Bestattung auf diesem Friedhof.

Der sogenannte Tatarenstein

Ein großer weißer Stein, deutlich größer noch als der Tatarenstein, thront seitlich bei den Gräbern der indischen Soldaten. Es ist ein Nachguss des Steins, den die englische Königin Victoria zu Ehren „ihrer“ gefallenen Soldaten stiftete. (Das Original – der weiße Sandstein ist empfindlich – steht im Garnisionsmuseum vor Vandalismus geschützt.) Die weißen Grabsteine der Inder strahlen in Reih und Glied aufgereiht daneben in der Sonne. Auch diese sind Nachbauten, in die meisten sind der Name und das Sterbedatum eingraviert.

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