Exkursion nach Wünsdorf – „Etwas Schöngeistiges in der Pampa“

Die einen lebten hier gegen ihren Willen, den anderen wurde der Zugang verwehrt: In Wünsdorf verschmilzt die Geschichte von der Kaiserzeit bis zum Kalten Krieg. Wer kommt, um die erste Moschee Deutschlands zu sehen, wird überrascht.

Von Svenja Borgschulte

… ins Garnisonsmuseum

Vom Friedhof geht es mit den Autos weiter zum Garnisionsmuseum. Der Weg führt uns durch Truppenübungsgelände und vorbei an der ehemaligen Panzertruppenschule aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die ehemaligen Panzergaragen wurden von der Wehrmacht gebaut und später von den Sowjets übernommen und vergrößert. Vereinzelt sehen wir die Autos von Pilzsammler*innen am Wegesrand stehen, obwohl überall Schilder vor aktuellen Gefahren aus der Vergangenheit warnen: Im Boden befinden sich noch Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg. Es ist eine allgegenwärtige Gefahr, die bis heute die Region belastet. Wir kommen auch an einem großen Sportstadion vorbei, das einst von den kaiserlichen Truppen, dann von der Wehrmacht und schließlich von den Sowjets genutzt wurde und heute verfällt.

Das Garnisionsmuseum erstrahlt hingegen in voller Pracht. Es ist in einem ehemaligen Pferdestall aus der Kaiserzeit untergebracht und beschäftigt sich mit der Zeit von 1910 bis 1945. Direkt daneben, auch in einem Pferdestall, ist das Museum „Roter Stern“, das die Geschichte von 1945 bis 1994 weitererzählt. Gegenüber ist ein Spitzbunker zu bestaunen. Insgesamt fünf ehemalige Pferdeställe, darunter einer randvoll gefüllt mit Büchern, zeigen die eindrucksvolle Transformation von Militär zu Kultur in der offiziellen Bücher- und Bunkerstadt Wünsdorf. Es ist „etwas Schöngeistiges in der Pampa“, bringt unser Guide Mike es auf den Punkt.

Garnisonsmuseum Wünsdorf

Bunker, Bücher und eine Schatzkammer

Das Museum ist eine Schatzkammer der Geschichte mit Originalreliquien vergangener Zeiten. Wir sehen einen Originalgrabstein vom Ehrenfriedhof, eine Skizze der Halbmondlagerplanung, Fotos aus dem Lagerleben und einen verkleinerten, aber maßstabsgetreuen Nachbau der Moschee – wie das einstige Original aus Holz. Wir dürfen sogar einen Blick ins Archiv in den hinteren Räumen werfen, die normalerweise nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, große Überredungskunst war dafür nicht erforderlich. Wir stöbern in alten Feldpostkarten, Telegrammen und Zeitungsberichten.

Holzmodell der Wünsdorfer Moschee, Erste Moschee Deutschlands

Nach knapp drei Stunden treten wir die Rückfahrt zum Bahnhof an. Es geht vorbei an ehemaligen Kasernen aus der Kaiserzeit. Gesprengte und mittlerweile begrünte Bunker säumen unseren Weg und würden vielen Ortsunkundigen wie mir wohl unentdeckt bleiben, hätte unser Fahrer Werner vom Garnisionsmuseum uns nicht auf all die sichtbaren und unsichtbaren Zeitzeugnisse am Straßenrand aufmerksam gemacht. Es ist erstaunlich wieviel Geschichte in ein 7.000-Seelen-Örtchen passt. Wünsdorf ist zumindest proppevoll und einen Ausflug in die letzten 100 Jahre wert.


Hier geht es zur Webseite des Fördervereins Garnisonsmuseum Wünsdorf e.V.

Wir danken der Ernst-Reuter-Gesellschaft für die großzügige Förderung dieser Exkursion!

Mit freundlicher Unterstützung

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