El Arabiya – Vereinigung Arabischer Studierender

Im Berlin der Zwischenkriegszeit begegneten sich an den Universitäten ägyptische, syrische, palästinensische und viele weitere arabische Studierende aus unterschiedlichen Kolonien und Mandatsgebieten. Ab 1923 organisierten sie sich gemeinsam in der El Arabiya, der ersten arabischen Studierendenvereinigung im Deutschen Reich.

Ein Gastbeitrag von Selma Hertz, Dekoloniale


Dieser Beitrag erschien zuerst im Jahr 2024 auf Dekoloniale. Erinnerungskultur in der Stadt


Die Weimarer Republik und der „Orient“

Als erste Anlaufstelle für arabische Studierende in Berlin diente der Orient-Klub in der Kalckreuthstraße 11 unter der Leitung Shakib Arslans. Nach dem Ersten Weltkrieg traf hier ein breites politisches Spektrum von nationalistischen bis panarabischen Antikolonialist*innen zusammen. Weitere Treffpunkte waren das Humboldt-Haus für ausländische Studierende in der Fasanenstraße 23 und die Wohnungen der Aktivist*innen, vor allem in Friedenau und Charlottenburg. Durch diese gemeinsamen Begegnungsräume entstand im Berliner Westen ein dichtes studentisches, arabisches Akteur*innen-Ensemble, das ab 1923 als El Arabiya auftrat.

Dass sich Berlin zu einem zentralen Aufenthaltsort für arabische Studierende entwickelte, lag vor allem daran, dass hier größere Spielräume hinsichtlich der Ausbildung und der politischen Arbeit existierten als in autokratisch regierten Kolonien und Mandatsgebieten. Dies motivierte zahlreiche junge, gut situierte Menschen aus dem „Orient“ in die europäischen Metropolen zu ziehen. Ab 1918 verlagerten, angesichts der wachsenden staatlichen Repressionen in Paris und London und der Enttäuschung über die Versailler Nachkriegsordnung viele Aktivist*innen ihre Arbeit nach Berlin.

Die Weimarer Republik besaß trotz anhaltender Kolonialbestrebungen zumindest formal keine Kolonien mehr. Auch die Kommunistische Internationale baute ihre westeuropäische Zentrale für Antiimperialismus daher in der Friedrichstraße auf. Im Berlin der 1920er Jahre hielten sich so jährlich vermutlich 100 bis 400 arabische Studierende auf. Das Auswärtige Amt stellte im August 1925 in einem vertraulichen Bericht an das preußische Innenministerium fest:

Die politischen Umtriebe hiesiger orientalischer Kreise, insbesondere der in Berlin lebenden ägyptischen Studenten, hat sich allmählich zu einem Mißstand entwickelt, der den außenpolitischen Interessen des Reichs geradezu abträglich ist.

Muhammed Kamil Ayyad (1900–1986) und Muhammed Nafi Tschelebi (1901–1933)

Im Jahr 1925 wurde Muhammed Kamil Ayyad (-> siehe Artikel „Ibn Khaldun in Berlin“) zwei Jahre nach der Gründung Vorsitzender der El Arabiya. Ayyad wuchs in Libyen auf, das seine Familie nach der italienischen Besetzung im Jahr 1912 verließ und nach Aleppo zog. Nach seinem Schulabschluss 1920 reiste er über Libyen nach Berlin. Im Mai 1922 immatrikulierte er sich an der Friedrich-Wilhelms-Universität, studierte Soziologie und zog in die Lefèvrestraße 6.

Der Nachfolger von Muhammed Kamil Ayyad wurde 1928 Muhammed Nafi Tschelebi aus Aleppo, der in Berlin an der Technischen Hochschule Maschinenbau studierte. Ab 1923 in Zehlendorf wohnhaft, hatte er sich schon vorher an den Protestaktionen der El Arabiya beteiligt. In Reaktion auf den syrischen Aufstand gegen die gewaltvolle Unterdrückung durch die französische Mandatsherrschaft 1925–1927 verteilte Tschelebi Flugblätter über „die barbarischen Schandtaten der Franzosen in Syrien.“ Zusätzlich gründete Tschelebi drei Zeitschriften, darunter das Islam Echo, welches wöchentliche Nachrichten „über Politik, Wirtschaft und Kulturfragen in den gesamten Ländern des Islams“ veröffentlichte. Über den Aufstand heißt es dort:

Syrien steht heute vor einem Wendepunkt. Trotz Verstummens der Meldungen ist der Kampf nicht erloschen; die Flamme des Freiheitskampfs lodert, um sich auf das gesamte Gebiet auszubreiten.

Tschelebis Publikationen entstanden in Zusammenarbeit mit der Kommunistischen Internationalen und anderen kolonialmigrantischen Gruppen Berlins, beispielsweise dem Verein der Inder in Zentral-Europa. Obgleich aus Tschelebis Antikolonialismus die Konfrontation mit Europa als politischer Macht und als Gesellschaftsform stets hervorging, passte er seine Agitation und seine Ideologie an die Bedingungen der deutschen Gesellschaft an. Damit schuf er neue intellektuelle Räume, die nicht ausschließlich an bestimmte Kulturen, Religionen oder Ethnien gebunden waren. So war er auch an dem Aufbau eines Archivs der El Arabiya beteiligt, das Informationen zu den Herkunftsländern der Studierenden, aber auch zu ihrer Arbeit in Berlin sammelte.

Im Sommer 1933 wurde Tschelebis Leichnam im Grunewald gefunden. Es ist bezeichnend, dass weder Todesursache noch Bestattungsort des aktivsten arabischen Antikolonialisten in Berlin bekannt sind.

Die Mitglieder der El Arabiya demonstrierten gegen den europäischen Imperialismus und unterstützten von Berlin aus die Unabhängigkeitsbewegungen in ihren Herkunftsregionen. Zeitgleich partizipierten sie in Vorlesungen und Seminaren an kolonialwissenschaftlichen Diskursen und gründeten akademische Institutionen wie die Islamia im Jahr 1924 oder das Islam-Institut im Jahr 1927.
Quelle: Die Titelseite der studentischen Zeitschrift der El Arabiya mit einem Bild des Humboldt-Haus (Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Signatur: Um 2379/388;Beil).

Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter über Antikolonialismus jenseits von Grenzen, Begegnungen in den „Orientwissenschaften“ sowie Arabische Studierende nach 1933

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Captcha
Refresh
Hilfe
Hinweis / Hint
Das Captcha kann Kleinbuchstaben, Ziffern und die Sonderzeichzeichen »?!#%&« enthalten.
The captcha could contain lower case, numeric characters and special characters as »!#%&«.