Antikolonialismus jenseits von Grenzen
Mitte der 1920er Jahre kam es in mehreren Kolonien zu Aufständen gegen die europäische Herrschaft, woraufhin sich europaweit solidarische Massenproteste entfalteten. Zwei Beispiele für die transnationalen Mobilisierungen in Berlin, an denen sich die El Arabiya im Sommer 1925 beteiligte, waren der Kongress „Hände weg von China“ im Berliner Herrenhaus mit hunderten Delegierten und die Gründung eines Aktionskomitees „Gegen die Kolonialgreuel in Syrien“ – mit prominenter Unterstützung von Clara Zetkin und Erich Mühsam.
Ausgehend von diesen chinesischen und syrischen Komitees gründete Willi Münzenberg, kommunistischer Abgeordneter und Vorsitzender der Internationalen Arbeiterhilfe, im Februar 1926 unter Mitwirkung El Arabiyas, dem Hauptverband der chinesischen Studierenden, dem Verein der Kameruner und weiteren migrantischen Organisationen die Liga gegen Kolonialgreuel und Unterdrückung. Die Liga war der erste internationale Verband, um gemeinsam die globalen antikolonialen Kämpfe aufzubauen und diese zu popularisieren. Die erste Rede beim Gründungstreffen hielt der syrische Chemiestudent Jahia Haschmi, ihm folgten zwei seiner Kommilitonen aus China und Persien. Fortan veröffentlichte die Liga in ihrem Mitteilungsblatt Der koloniale Freiheitskampf, stets gerahmt durch kommunistische Analysen, die Berichte syrischer, chinesischer und marokkanischer Antikolonialist*innen und informierte über die Vorbereitungen eines großen antikolonialen Kongresses.
Als sich im Februar 1927 im Palais d’Egmont insgesamt 174 Delegierte aus 31 verschiedenen Staaten und Kolonien auf Einladung der Liga zum ersten „Internationalen Kongress gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus“ versammelten, nahmen auch zwei arabische Studenten aus Berlin teil. Der syrische Student und Vorsitzende El Arabiyas an der Technischen Hochschule, Ihsan al-Djabri, wendete sich an den Kongress und klagte die französische Politik in Syrien an:
Erlauben Sie mir, Sie kurz über die tragische Situation in meinem Land zu informieren, indem ich einen kurzen Überblick über die Geschichte der Aufstandsbewegung gebe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele von Ihnen kaum wissen, worauf das syrische Problem beruht, das seit sechs Jahren die Sphären des Völkerbundes und die der Regierungen von Frankreich und England beschäftigt.
– Kampffmeyer, Georg: „Ihsan Bey el-Dschabri an den Brüsseler Kongress, La voix de la Syrie“, in: Nachrichten der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde 2 (1927) 10, S. 25.
Begegnungen in den „Orientwissenschaften“
Die Präsenz arabischer Studierender an der Friedrich-Wilhelms-Universität bedeutete für deutsche Orientalisten eine unmittelbare Nähe zu Wissensträger*innen. Umgekehrt konnte beispielsweise Tschelebi nur durch die Kontakte, das Renommee und die finanzielle Unterstützung der Orientalisten die Zeitschrift Islam Echo publizieren, welches der El Arabiya im Nachgang des Brüsseler Kongresses zur Verbreitung ihrer antikolonialen Forderungen diente. Georg Kampffmeyer, ein Arabist am Seminar für Orientalische Sprachen, publizierte in der Fachzeitschrift Die Welt des Islams zur Erforschung des zeitgenössischen „Orients“ einen Sachindex aller Artikel im Islam Echo. Dieses Zweckbündnis bedeutete auf der einen Seite, dass Kampffmeyer die Forschungsobjekte und -inhalte kontrollierte. Auf der anderen Seite erhielten die Studierenden eine Möglichkeit, ihre antikolonialen Positionen zu artikulieren – mussten diese aber stets in Balance mit dem deutschen Orientalismus halten. Dass solche Beziehungen keineswegs widerspruchslos verliefen, verdeutlichten Tschelebis und Kampffmeyers Differenzen über die Liga gegen Imperialismus. Kampffmeyer kritisierte im Juni 1927 die El Arabiya für ihre Kooperationen mit kommunistischen Gruppen.
Er befürwortete zwar einen „Kongreß, der sich gegen die koloniale Unterdrückung wendet.“ Allerdings sollte dieser nicht „wieder einmal das deutsche Volk […] beschmutzen“, sondern zeigen, „daß, voran die Belgier und Franzosen, dann Engländer und Russen früher und heute in freventlicher Weise die Kolonialvölker vergewaltigt haben und noch unterdrücken.“
– Kampffmeyer, Georg: „Der Kongreß gegen Kolonialunterdrückung und Imperialismus in Brüssel 1927“, in: Nachrichten der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde 2 (1927) 10, S. 17–18.
Arabische Studierende nach 1933
Nach Tschelebis Tod erlebte die El Arabiya ebenso wie die Islamia, das Islam-Institut und die Islamische Gemeinde Berlins einen signifikanten Rückgang ihrer Aktivitäten. Die nationalsozialistische Machtübernahme erschwerte den Alltag rassifizierter Studierender in Deutschland und schränkte ihre Handlungsspielräume ein. Im Verlauf der 1930er Jahre studierten wenige Araber*innen in Berlin und ihre politischen Betätigungen sind bisher kaum untersucht.
Die El Arabiya war weitgehend in Vergessenheit geraten, bis es im Jahr 1936 zu einer kurzweiligen Wiederbelebung durch Jahia Haschmi kam, der nach seinem Chemiestudium als Lektor am Seminar für Orientalische Sprachen lehrte. Anlass dafür waren die Olympischen Spiele, zu denen auch ehemalige Studierende nach Berlin reisten. Auf einer Generalversammlung im Oktober 1936 wurden die El Arabiya und weitere arabische Studierendenclubs zur Vereinigung Arabischer Studierender in Berlin (VAS) gleichgeschaltet. Die VAS, auch „Arabischer Klub“ genannt, hatte ungefähr 35 Mitglieder und ihren Sitz am Kurfürstendamm 48/49.
Das erklärte Ziel der VAS war die „Zusammenfassung aller arabischen Studenten in Deutschland und ihre körperliche, geistige und seelische Ertüchtigung als Angehörige des einigen arabischen Volkes.“ Diese nationalistisch-völkische Ausrichtung spiegelte sich auch in einer Petition an Adolf Hitler im Jahr 1938 wider, mit der die VAS Unterstützung im Palästinakonflikt gewinnen wollte. Derartige Kooperationsanfragen rechtsnationalistischer arabischer Studierender lehnte die NS-Führung jedoch ab. Vielmehr überwachte die Gestapo die geringfügigen politischen, zumeist NS-konformen Tätigkeiten der Studierenden eingehend. Am Beispiel der El Arabiya verdeutlicht sich, dass sowohl die Kollaboration als auch die Verfolgung und der Widerstand arabischer Personen im Nationalsozialismus in den Blick genommen werden müssen, wenn ein ausgewogenes Bild von der Zeit nach 1933 gezeichnet werden soll.
Von der Autorin ist erschienen:
Hertz, Selma: El Arabiya. Die transnationale Organisierung arabischer Studierender im Berlin der 1920er Jahre, 2025. Abrufbar unter: https://doi.org/10.18452/35459
References:
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Dinkel, Jürgen: “Mecca of Oriental patriots.” Antikolonialismus in Deutschland 1900 bis 1960, in: van Laak, Dirk et al. (Hrsg.): Weimar und die Welt. Globale Verflechtungen der ersten deutschen Republik, 2021, S. 53–88.
Höpp, Gerhard / Gesemann, Frank / Sweis, Haroun: Araber in Berlin, 1998.
Höpp, Gerhard: Texte aus der Fremde. Arabische politische Publizistik in Deutschland, 1896–1945. Eine Bibliographie, 2000.
Kuck, Nathanael: „Anti-colonialism in a Post-Imperial Environment – The Case of Berlin, 1914–33“, in: Journal of Contemporary History, 49 (2014) 1, pp. 134–159.
Nordbruch, Goetz: „Arab Students in Weimar Germany – Politics and Thought Beyond Borders“, in: Journal of Contemporary History, 49 (2014) 2, pp. 275–295.
Die Stationen auf der interaktiven Dekoloniale-Stadtkarte im Überblick
Die Weimarer Republik und der „Orient“
Muhammed Kamil Ayyad [1900–1986]
Muhammed Nafi Tschelebi [1901–1933]
Antikolonialismus jenseits von Grenzen
Begegnungen in den „Orientwissenschaften“
Arabische Studierende nach 1933