{"id":176,"date":"2024-07-10T11:18:00","date_gmt":"2024-07-10T09:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/?p=176"},"modified":"2024-07-11T10:46:02","modified_gmt":"2024-07-11T08:46:02","slug":"der-vergessene-kuenstler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/2024\/07\/10\/der-vergessene-kuenstler\/","title":{"rendered":"Der vergessene K\u00fcnstler"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Leben und Wirken<\/h4>\n\n\n\n<p>Jussuf Abbo wurde 1888\/1890 in Safed (Pal\u00e4stina) als Sohn arabischsprechender j\u00fcdischer Eltern geboren. W\u00e4hrend er in Jerusalem als Steinmetz unter dem preu\u00dfischen Hofmeister Otto Hoffmann arbeitete, wurde dieser bald auf sein Talent aufmerksam und empfahl ihm ein Studium in Berlin. Nachdem er 1911 in Berlin ankam, begann er 1912 ein Bildhauerei Studium an der Hochschule f\u00fcr bildende K\u00fcnste in Charlottenburg, welches er 1918 abschloss. Schon einige Jahre sp\u00e4ter war er als Bildhauer und Grafiker erfolgreich und konnte seine Werke \u00fcberall im Land pr\u00e4sentieren. Doch trotz seiner erfolgreichen Ausstellungen konnte er sich damit kaum seinen Lebensunterhalt finanzieren, nicht zuletzt aufgrund der Weltwirtschaftskrise.<\/p>\n\n\n\n<p>1933 lernte er Ruth Schulz kennen, die er sp\u00e4ter heiraten und mit ihr drei Kinder haben sollte. Mit der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten versuchten auch Abbo und Ruth zu fliehen, was sich allerdings nicht als ganz einfach erwies. W\u00e4hrend Ruth f\u00fcrs erste nach Worpswede (Niedersachsen) zur\u00fcckkehrte, wo sie ihr erstes Kind gebar, hatte Jussuf nicht so viel Gl\u00fcck, da sein osmanischer Pass nicht mehr angenommen wurde und er somit als staatenlos galt. Nach mehreren Versuchen gelang es ihm, einen \u00e4gyptischen Pass zu erhalten, wonach die junge Familie 1935 gemeinsam nach London floh.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Abbo konnte vor Ausbruch des Krieges noch sein Atelier nach London verschiffen, von dem aber viele Werke besch\u00e4digt ankamen. Andere in Museen und Galerien verbliebene Werke wurden von den Nazis 1937 in der Propaganda-Ausstellung \u201cEntartete Werke\u201d gezeigt. Welche das sind, l\u00e4sst sich im \u201c<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/emuseum.campus.fu-berlin.de\/eMuseumPlus?service=ExternalInterface&amp;moduleFunction=search\" target=\"_blank\">Beschlagnahmeinventar \u2018Entartete Kunst\u2019<\/a>\u201d der Freien Universit\u00e4t einsehen. Nach seiner Flucht war Abbo kaum noch k\u00fcnstlerisch t\u00e4tig, erkrankte und verlor bei einem kriegsbedingten Arbeitseinsatz seinen Finger, wonach er gar nicht mehr als K\u00fcnstler wirken konnte. Er zerst\u00f6rte vor Wut sein letztes Atelier und starb schlie\u00dflich 1953 an einer Operation.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"675\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/07\/Assia-Kaddache-Jussuf-Abbo-wikimedia-commons-675x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-177\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/07\/Assia-Kaddache-Jussuf-Abbo-wikimedia-commons-675x1024.jpg 675w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/07\/Assia-Kaddache-Jussuf-Abbo-wikimedia-commons-198x300.jpg 198w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/07\/Assia-Kaddache-Jussuf-Abbo-wikimedia-commons.jpg 689w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><figcaption>Jussuf Abbo in den 1940er Jahren <br>(c) wikimedia commons<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ein Orientale in Berlin<\/h4>\n\n\n\n<p>In den 1920ern kam es in der deutsch-j\u00fcdischen Kultur zu mehreren Formen der Selbstorientalisierung und einer Orientsehnsucht bei deutschen Juden. Abbo fiel also als Jude aus Pal\u00e4stina perfekt in die Rolle des \u201cOrientalen\u201d und beschrieb sich auch selbst so. Die Schriftstellerin und K\u00fcnstlerin Else Lasker-Sch\u00fcler, eine Freundin Abbos, schrieb ein Gedicht \u00fcber ihn, in dem sie ihn als Kind der W\u00fcste beschreibt und auf sehr orientalisierte Bilder zur\u00fcckgreift, um Abbos Hintergrund darzustellen. Interessanterweise findet man in seinen eigenen Werken kaum Bez\u00fcge zu diesem \u201cexotischen Orient\u201d, den sich seine Zeitgenossen vorstellten. Durch sein Dasein als Araber und Jude fanden j\u00fcdische Deutsche wie Lasker-Sch\u00fcler eine Bindung zu ihm, gleichzeitig vermittelte sein Arabischsein diese andere Welt des fernen Orients nach dem sich einige in Zeiten von ausuferndem Antisemitismus und Aufstieg des Zionismus sehnten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Bez\u00fcge zu heute?<\/h4>\n\n\n\n<p>Zu Jussuf Abbos Zeit haben die sozialen und politischen Umst\u00e4nde zur Entstehung sowie Verst\u00e4rkung des Zionismus in Europa gef\u00fchrt. Arabische Juden wie Abbo zeigen aber auch, dass das Bild des antisemitischen Nahen Osten zu dem Zeitpunkt nicht existierte. Das Leben, Wirken und Leiden arabischer Juden wird heute gern au\u00dfen vor gelassen, ob aus Unwissenheit oder absichtlicher Ignoranz. Juden haben aber mit Christen und Muslimen jahrhundertelang in Pal\u00e4stina Seite an Seite gelebt und es ist an der Zeit, auch ihre Geschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>Mehr Informationen zu Jussuf Abbo finden Sie in Aischa Ahmeds (2020) <em>Arabische Pr\u00e4senzen in Deutschland um 1900: Biografische Interventionen in die deutsche Geschichte<\/em> sowie in Dorothea Sch\u00f6nes (2019) <em>Jussuf Abbo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Titelbild: JUSSUF ABBO, Kopf eines Schwarzen Mannes, 1939, Gips\/ Nachlass Jussuf Abbo, Brighton\/England, Foto: Gunter Lepkowski.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seine Werke entstanden in einer Zeit tiefgreifender politischer und sozialer Umbr\u00fcche und doch steht er heute im Schatten der Kunstgeschichte: Der pal\u00e4stinensisch j\u00fcdische K\u00fcnstler Jussuf Abbo.<\/p>\n<p>Von Assia Kaddache<\/p>\n","protected":false},"author":3536,"featured_media":178,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[588938],"tags":[591797,590342,90436,594271,41617],"class_list":["post-176","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-sose-2024","tag-1918-1933","tag-1933-45","tag-flucht","tag-kunstkultur","tag-palaestina"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/176","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3536"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=176"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/176\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":180,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/176\/revisions\/180"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/media\/178"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=176"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=176"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}