{"id":219,"date":"2024-07-23T10:36:00","date_gmt":"2024-07-23T08:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/?p=219"},"modified":"2024-09-02T11:19:13","modified_gmt":"2024-09-02T09:19:13","slug":"wie-das-deutsche-reich-mit-el-dschihad-muslimische-kriegsgefangene-gewinnen-wollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/2024\/07\/23\/wie-das-deutsche-reich-mit-el-dschihad-muslimische-kriegsgefangene-gewinnen-wollte\/","title":{"rendered":"Wie das Deutsche Reich mit \u201eEl Dschihad\u201c muslimische Kriegsgefangene gewinnen wollte"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Zeitschrift &#8222;El Dschihad&#8220; (<em>al-\u01e6ih\u0101d<\/em>) wurde 1915 in Berlin gegr\u00fcndet, um muslimische und indische Kriegsgefangene zu erreichen. Dieser Gr\u00fcndungsprozess wurde auf Anregung durch das Ausw\u00e4rtige Amt initiiert und in Zusammenarbeit mit dem Scherifen Saleh sowie seinem t\u00fcrkischen Begleiter besprochen. Die Zeitschrift sollte den Namen &#8222;El Dschihad&#8220; tragen und w\u00f6chentlich erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00fcndung von &#8222;El Dschihad&#8220; war Teil der umfassenderen Propagandastrategie der <em>Nachrichtenstelle f\u00fcr den Orient<\/em> (NfO). Diese deutsche Propagandaeinrichtung operierte w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges in der muslimischen Welt, insbesondere im Nahen Osten, und war dem deutschen Generalstab unterstellt, begleitet vom Ausw\u00e4rtigen Amt. Die NfO f\u00fchrte nicht nur Propaganda durch, sondern erf\u00fcllte auch geheimdienstliche Aufgaben. Ein Hauptziel war es, Muslime unter franz\u00f6sischen, britischen und russischen Soldaten zum \u00dcberlaufen zu bewegen. Muslime wurden dabei in Kriegsgefangenschaft bevorzugt behandelt und im sog. <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/2024\/07\/07\/exkursion-nach-wuensdorf-etwas-schoengeistiges-in-der-pampa\/\">Halbmondlager in W\u00fcnsdorf bei Berlin<\/a> zusammengef\u00fchrt. Mit Gastrednern aus dem Osmanischen Reich versuchte man diese Soldaten und ihre k\u00e4mpfenden Angeh\u00f6rigen f\u00fcr die deutsche Sache zu gewinnen. Der Begriff &#8222;Dschihad&#8220; wurde dabei instrumentalisiert und missbraucht, wie im Titel der Zeitschrift &#8222;El Dschihad&#8220;. Der Erfolg dieser Bem\u00fchungen blieb jedoch m\u00e4\u00dfig.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"439\" height=\"670\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/07\/El-Dschihad-no.-60-1917-.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-221\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/07\/El-Dschihad-no.-60-1917-.jpg 439w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/07\/El-Dschihad-no.-60-1917--197x300.jpg 197w\" sizes=\"auto, (max-width: 439px) 85vw, 439px\" \/><figcaption>Die 60. Ausgabe der El Dschihad vom 15. Juli 1917<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<p class=\"has-light-gray-background-color has-background has-small-font-size\">Max von Oppenheim gr\u00fcndete die NfO und war ihr erster Leiter. Nach seiner Berufung zur deutschen Botschaft in Istanbul im M\u00e4rz 1915 \u00fcbernahm Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen die Leitung, bis er am 22. Februar 1916 an das deutsche Generalkonsulat nach Jerusalem versetzt wurde. Sein Nachfolger wurde Eugen Mittwoch, ein Professor f\u00fcr Islamwissenschaften, der die NfO bis zu ihrer Aufl\u00f6sung am Ende des Ersten Weltkrieges leitete. Weitere bekannte Mitarbeiter waren die Orientalisten Martin Hartmann, Helmuth von Glasenapp und Willy Spatz. Die deutsche Zentrale der NfO war zuerst im Berliner Reichskolonialamt untergebracht, zog jedoch aufgrund der Erweiterung ihrer Aufgaben in die Tauentzienstra\u00dfe 19a um. Bis Kriegsende nutzte die NfO 32 R\u00e4ume. Neben der Leitung verf\u00fcgte die NfO \u00fcber eine Kanzlei und eine Pressestelle sowie Abteilungen f\u00fcr verschiedene Sprach- und Kulturgebiete.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Ich habe zur Recherche ein Material aus dem Archiv des ZMOs benutzt, mit dem Titel \u201e<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/repositorium.zmo.de\/receive\/himport_mods_00004321\" target=\"_blank\">Gr\u00fcndung der Zeitschrift El Dschihad (Al-Gihad)<\/a>\u201c, es handelt sich um ein Schreiben zur gew\u00fcnschten Gr\u00fcndung der El Dschihad Zeitschrift. Es wird \u00fcber die Ziele, Orientierung und Struktur der Zeitschrift geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ziel und Inhalt der Zeitschrift<\/h4>\n\n\n\n<p>Hauptziel der Zeitschrift war es, die muslimischen Kriegsgefangenen in ihrer Muttersprache mit Informationen und Nachrichten zu versorgen. Sie erschien in mehreren Sprachen, darunter Arabisch f\u00fcr franz\u00f6sische Muslime, Urdu und Hindi f\u00fcr Inder, sowie Russisch und T\u00fcrkisch f\u00fcr russische Muslime. Die Inhalte der Zeitschrift bestanden aus Leitartikeln, die haupts\u00e4chlich von Einheimischen verfasst und von deutschen Redakteuren kontrolliert wurden. Weitere Inhalte umfassten \u00dcbersetzungen wichtiger Kriegsnachrichten und politischer Meldungen sowie Artikel aus bedeutenden muslimischen Zeitungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Redaktion der Zeitschrift setzte sich aus deutschen Verantwortlichen und Einheimischen der jeweiligen Sprachgebiete zusammen. Dr. Adler war f\u00fcr die rechtzeitige Herstellung und den Druck der Zeitschrift verantwortlich, w\u00e4hrend die politische Verantwortung bei den deutschen Beh\u00f6rden lag. Die Milit\u00e4rbeh\u00f6rden sollten entscheiden, wie die Aufsicht \u00fcber die Zeitschrift ausge\u00fcbt werden sollte. Die Zeitschrift war f\u00fcr die Verteilung an Kriegsgefangene in deutschen Gefangenenlagern und an der Front vorgesehen. Zudem sollte sie als Propagandamaterial hinter feindliche Linien geschickt und in islamischen Gebieten verteilt werden.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Publikationen als Propagandamittel<\/h4>\n\n\n\n<p>Die Arbeit der NfO zeigt die strategische Bedeutung der Medien in Kriegszeiten und die gezielten Bem\u00fchungen, die vielf\u00e4ltigen kulturellen Hintergr\u00fcnde der Kriegsgefangenen anzusprechen und zu beeinflussen. Zu ihren Propagandamitteln geh\u00f6rten Flugbl\u00e4tter, Zeitschriften, Zeitungen, B\u00fccher und Filme. Insbesondere Flugbl\u00e4tter, die von Flugzeugen abgeworfen wurden, sollten die \u00f6ffentliche Meinung beeinflussen. Eine bekannte Propagandal\u00fcge verbreitete 1915, dass Kaiser Wilhelm II. zum Islam \u00fcbergetreten sei. Auch die Presse wurde f\u00fcr Propaganda genutzt: Der Orientalist Max von Oppenheim war an der Gr\u00fcndung der arabischen Zeitung &#8222;Al-Schark&#8220; in Damaskus 1916 beteiligt und im selben Jahr erschien in Berlin die persische Zeitung &#8222;Kaweh&#8220; in Zusammenarbeit mit der NfO. Weitere Publikationen waren das &#8222;Korrespondenzblatt&#8220; und die Zeitschrift &#8222;Der Neue Orient&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch &#8222;El Dschihad&#8220; war letztlich kein blo\u00dfes Informationsmedium, sondern ein Werkzeug der psychologischen Kriegsf\u00fchrung und Propaganda. Sie sollte die Moral der muslimischen Kriegsgefangenen st\u00e4rken und gleichzeitig die feindlichen Linien destabilisieren. Die regelm\u00e4\u00dfige und p\u00fcnktliche Ausgabe war von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung, um das Vertrauen der Gefangenen zu gewinnen und zu halten. Ein tats\u00e4chlicher Effekt dieser Bem\u00fchungen l\u00e4sst sich jedoch weder messen noch feststellen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"459\" height=\"287\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/07\/Max-von-Oppenheim-1917.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-224\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/07\/Max-von-Oppenheim-1917.jpg 459w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/07\/Max-von-Oppenheim-1917-300x188.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 459px) 85vw, 459px\" \/><figcaption>Max von Oppenheim (1860-1946), einflussreicher deutscher Orientalist und Initiator der <em>Nachrichtenstelle f\u00fcr den Orient <\/em>in arabischer Kluft<br>(c) wikimedia commons, ca. 1896<\/figcaption><\/figure><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Schatten des ersten Weltkriegs entstand mit der Nachrichtenstelle f\u00fcr den Orient eine eigene Propagandaabteilung. Diese nutzte die Zeitung \u201eEl Dschihad\u201c, um muslimische Kriegsgefangene auf ihre Seite zu ziehen. Was steckte hinter dieser Strategie? Und wie erfolgreich war die Zeitschrift?<\/p>\n<p>Von Sarah Al-Khatib<\/p>\n","protected":false},"author":3536,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[588938],"tags":[10025,592132,368681,116,592782,593456,91475],"class_list":["post-219","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sose-2024","tag-erster-weltkrieg","tag-kolonialsoldaten","tag-nordafrika","tag-politik","tag-vor-1918","tag-wuensdorf","tag-zwangsmigration"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/219","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3536"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=219"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/219\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":320,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/219\/revisions\/320"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=219"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=219"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=219"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}