{"id":298,"date":"2024-08-27T12:25:03","date_gmt":"2024-08-27T10:25:03","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/?p=298"},"modified":"2024-09-02T12:21:40","modified_gmt":"2024-09-02T10:21:40","slug":"ein-leben-zwischen-spiritualitaet-und-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/2024\/08\/27\/ein-leben-zwischen-spiritualitaet-und-politik\/","title":{"rendered":"Ein Leben zwischen Spiritualit\u00e4t und Politik"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Alim Idris war eine komplexe und umstrittene Figur. Geboren am 1. Mai 1887 in Kasachstan, zeigte er fr\u00fch eine Leidenschaft f\u00fcr das Studium der islamischen Theologie und Philosophie. Nach seiner Ausbildung in Buchara und Istanbul vertiefte er sein Wissen weiter an europ\u00e4ischen Universit\u00e4ten wie der Universit\u00e4t Lausanne. Diese umfassende Bildung pr\u00e4gte seinen sp\u00e4teren Einfluss als Gelehrter und F\u00fchrer.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-medium is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/08\/Alimcan_Idris-225x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-299\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/08\/Alimcan_Idris-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/08\/Alimcan_Idris-767x1024.jpg 767w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/08\/Alimcan_Idris-768x1026.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/files\/2024\/08\/Alimcan_Idris.jpg 828w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><figcaption>Alim Idris als Geistlicher im sog. Weinberglager Zossen (ca. 1919)<br>Quelle: <em>wikimedia commons<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Im Ersten Weltkrieg<\/h4>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs wurde Idris<a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/2024\/07\/23\/wie-das-deutsche-reich-mit-el-dschihad-muslimische-kriegsgefangene-gewinnen-wollte\/\"> von Max von Oppenheim rekrutiert, um an der tatarischen Ausgabe von &#8222;El Dschihad&#8220;<\/a> mitzuwirken, was ihn nach Deutschland brachte. Im Weinberglager (mehr hierzu <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/2024\/07\/07\/exkursion-nach-wuensdorf-etwas-schoengeistiges-in-der-pampa\/\">in unserem Exkursionsbericht<\/a>) fungierte er als Vorbeter und Sprecher f\u00fcr die tatarisch muslimischen Kriegsgefangenen. Trotz zeitweiser Entfernung von seinem Posten aufgrund disziplinarischer Bedenken erkannte das Preu\u00dfische Kriegsministerium bald seinen positiven Einfluss und setzte ihn wieder ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Idris setzte sich vehement f\u00fcr die Rechte der muslimischen Kriegsgefangenen ein, einschlie\u00dflich des Vorschlags an Kaiser Wilhelm II. f\u00fcr den Bau einer Moschee in Berlin als Ausdruck der Freundschaft zwischen dem Deutschen Reich und der T\u00fcrkei. Seine Bem\u00fchungen f\u00fchrten zu besseren Bedingungen und einer Verminderung der Fluchtrate der Gefangenen. Zudem initiierte er den T\u00fcrkischunterricht im Lager und gab die Kriegsgefangenenzeitung &#8222;Tatar Ili&#8220; heraus, finanziert durch die Arbeitsl\u00f6hne der Gefangenen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Zusammenarbeit mit dem NS-Regime<\/h4>\n\n\n\n<p>Nach dem Ersten Weltkrieg blieb Idris in Deutschland und arbeitete sp\u00e4ter f\u00fcr das Ausw\u00e4rtige Amt. W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs \u00fcbernahm er die Leitung der neuen SS-Mullah-Schule in Dresden, wo er 62 muslimische Feldgeistliche ausbildete. In seinen politischen Vortr\u00e4gen propagierte er die islamfreundliche Politik Deutschlands und warnte vor den Bedrohungen durch die Alliierten. Seine Schriften aus dieser Zeit, die antisemitische Tendenzen aufweisen, haben<br>seine historische Bewertung stark belastet.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den verheerenden Luftangriffen auf Dresden 1945 stellte die SS-Mullah-Schule ihre T\u00e4tigkeit ein. Idris blieb aktiv in der Verbreitung seiner politischen und religi\u00f6sen Ansichten, wobei er in seinen Vortr\u00e4gen den Islam und seine Gebote erkl\u00e4rte und versuchte, religi\u00f6se Konflikte wie den zwischen Sunnismus und Schiismus zu de-politisieren. In den Nachkriegsjahren lebte Idris in M\u00fcnchen, wo auch seine Kinder ihre Ausbildung erhielten. Sp\u00e4ter zog er nach Saudi-Arabien, kehrte jedoch regelm\u00e4\u00dfig nach Europa zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Alim Idris starb am 22. September 1959 und wurde auf dem Waldfriedhof in M\u00fcnchen begraben, wo auch seine Familie ruht. Sein Leben und Wirken bleiben ein faszinierendes Beispiel f\u00fcr die Wechselwirkungen von Religion, Politik und Krieg im 20. Jahrhundert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alim Idris, ein tatarischer Gelehrter und Imam, dessen Leben und Wirken die Spannungen und Herausforderungen des 20. Jahrhunderts widerspiegeln. Die Geschichte seiner Rolle in deutschen Kriegsgefangenenlagern und seine sp\u00e4tere Zusammenarbeit mit dem NS-Regime bietet einen tiefen Einblick in die Verflechtungen von Religion, Politik und Krieg.<\/p>\n<p>Von Sarah al-Khatib<\/p>\n","protected":false},"author":3536,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[588938],"tags":[590342,10025,593783,116,592782,593456],"class_list":["post-298","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sose-2024","tag-1933-45","tag-erster-weltkrieg","tag-moschee","tag-politik","tag-vor-1918","tag-wuensdorf"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/298","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3536"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=298"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/298\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":318,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/298\/revisions\/318"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=298"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=298"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}