{"id":334,"date":"2024-09-17T10:40:00","date_gmt":"2024-09-17T08:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/?p=334"},"modified":"2024-09-17T13:55:43","modified_gmt":"2024-09-17T11:55:43","slug":"ein-gescheiterter-knotenpunkt-zwischen-den-kulturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/2024\/09\/17\/ein-gescheiterter-knotenpunkt-zwischen-den-kulturen\/","title":{"rendered":"Ein gescheiterter Knotenpunkt zwischen den Kulturen"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Asis Domet wurde 1890 in Kairo (\u00c4gypten) als Sohn eines protestantischen Pal\u00e4stinensers geboren. Er besuchte eine deutsche Schule in Haifa und machte ein Lehrexamen am Syrischen Waisenhaus, einer sozialen Einrichtung und evangelischen Lehranstalt in Jerusalem. Im Fr\u00fchjahr 1910 ging er erstmalig nach Europa, wo er zahlreiche Schauspieler in M\u00fcnchen und Budapest traf. Auf seiner Reise erwachte seine Liebe f\u00fcr die Dichtkunst, wo auch seine ersten Werke entstanden, aus denen am 11. Juni 1914 an der Orientalischen Akademie zu Budapest gelesen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Weltkrieg trieb ihn wieder zur\u00fcck nach Pal\u00e4stina und Syrien, wo weitere Werke entstanden. 1920 fand er nach Berlin, wo er sich als Gasth\u00f6rer an der Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t (Heute Humboldt-Universit\u00e4t) einschrieb. Eine Verbindung zwischen dem &#8222;orientalischen&#8220; und &#8222;europ\u00e4ischen&#8220; Geist zu schaffen, sah er als seinen Lebenszweck. So beschrieb er in der &#8222;Neuen Preu\u00dfischen Zeitung&#8220; seine Absicht, &#8222;orientalische Werke und Weltprobleme in deutsche Gewande gekleidet dem deutschen Volke darzubringen und hinwiederum auch deutsche Meisterwerke ins Arabische zu \u00fcbersetzen und dem arabischen Volke mundgerecht zu machen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Kultur<strong>Pendler zwischen Deutschland und Pal\u00e4stina<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Bevor er jedoch in Deutschland seinem Ziel nachging, trieb es ihn samt seiner Frau und Kinder wieder zur\u00fcck nach Pal\u00e4stina, wo er es als seine Aufgabe sah, trotz wachsender Spannungen zwischen Arabern und Juden, beide Bev\u00f6lkerungsgruppen durch das Wort zueinander zu bringen. Aufgrund einer wirtschaftlichen Krise trieb es den Dichter im Jahre 1928 wieder nach Deutschland, wo er sich jedoch leider seinem Schicksal stellen musste, denn Asis Domet musste feststellen, dass er weder materielles Auskommen noch k\u00fcnstlerischen Erfolg hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz seiner Bem\u00fchungen wurde er in der deutschen Gesellschaft nur als ein Dichter wahrgenommen, der zwar alles sein konnte, nur kein echter Deutscher. Sein interkultureller Ansatz stie\u00df auf gro\u00dfes Unverst\u00e4ndnis. Viele Menschen interpretierten seine Werke f\u00e4lschlicherweise als Mittel, um das nach dem Versailler Vertrag geschw\u00e4chte Selbstbewusstsein der Deutschen wiederherzustellen. Dieses Missverst\u00e4ndnis trug erheblich zu seinem Misserfolg bei und verhinderte, dass sein eigentliches Anliegen, eine Br\u00fccke zwischen der deutschen und der \u201eorientalischen\u201c Kultur zu schlagen, erkannt und gesch\u00e4tzt wurde.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<p class=\"has-light-gray-background-color has-background\">Domet verfasste <a href=\"https:\/\/repositorium.zmo.de\/servlets\/solr\/find?condQuery=Artikel+und+Werke+von+Asis+Domet\">Schriften sowohl in deutscher als auch arabischer Sprache<\/a>. Seine  Theaterwerke tragen Titel wie &#8222;Der Traum von Tel Aviv&#8220;, &#8222;Die T\u00e4nzerin von Fayoum&#8220; oder &#8222;Der Uili von Akko&#8220;. Im Jahr 1936 brachte ihm sein Schaffen sogar eine Nominierung beim schwedischen Kommittee des Literaturnobelpreises ein.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Entt\u00e4uschungen<\/h4>\n\n\n\n<p>Mit gro\u00dfer Entt\u00e4uschung kehrte er im Oktober 1929 nach Pal\u00e4stina zur\u00fcck und musste mit Bedauern feststellen, dass trotz gro\u00dfer Bem\u00fchungen zwischen Juden und Arabern vermitteln zu wollen, sein Projekt schlussendlich gescheitert war. Sein ehrlicher Vermittlungsversuch scheiterte auch hier an zahlreichen Missverst\u00e4ndnissen. Die arabische Bev\u00f6lkerung betrachtete ihn als Verr\u00e4ter und Opportunisten, w\u00e4hrend die j\u00fcdische Gemeinschaft seine Bem\u00fchungen, eine arabisch-j\u00fcdische kulturelle Verst\u00e4ndigung zu f\u00f6rdern, f\u00e4lschlicherweise als Unterst\u00fctzung des politischen Zionismus deutete. Dies erschwerte auf beiden Seiten seine Vermittlungsversuche und machte sie letztlich zunichte. <\/p>\n\n\n\n<p>Durch das Scheitern sowohl in Deutschland als auch in Pal\u00e4stina litt Domet nicht nur geistig, sondern auch materiell. Ab 1939 zur\u00fcck in Deutschland arbeitete er erst unbezahlt und dann als \u00dcbersetzter gegen Stundenhonorar. Der Versuch, ihm zus\u00e4tzliche Einnahmequellen zu vermitteln, scheiterte, weshalb er sich wegen Geldnot an die amerikanische Botschaft wand. Dies weckte den Verdacht der nationalsozialistischen Geheimen Staatspolizei, die ihn daf\u00fcr sechs Monate inhaftierte. Die Erlebnisse der Haftzeit f\u00fchrten in der Folge zu Anbiederungsversuchen Domets an die herrschende Ideologie. <\/p>\n\n\n\n<p>Er behauptete nun, stets von den Juden unterdr\u00fcckt worden zu sein und begr\u00fc\u00dfte die nationalsozialistische Politik, mit dem insgeheimen Streben, dass seine Werke gew\u00fcrdigt w\u00fcrden. Vom Regime wurden seine literarischen Werke jedoch weiterhin abgelehnt. Nach vielen Fehlschl\u00e4gen, als gro\u00dfer K\u00fcnstler hervorzugehen und ein Knotenpunkt f\u00fcr die verschiedenen Kulturen zu sein, starb Asis Domet im Juli 1943 in Berlin.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Sein Scheitern als Lektion f\u00fcr die Zukunft?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Die Missverst\u00e4ndnisse die sowohl in Deutschland als auch in Pal\u00e4stina entstanden, waren gro\u00dfe Hindernisse f\u00fcr seinen Erfolg. Seine Vision die Kulturen durch das Wort zu vereinen und kulturelles Verst\u00e4ndnis und Vers\u00f6hnung zu schaffen wurden sowohl in Europa als auch im Nahen Osten nicht nur missverstanden, sondern auch missinterpretiert. Asis Domets Geschichte ist ein tragisches Beispiel daf\u00fcr, wie interkulturelle Missverst\u00e4ndnisse und Vorurteile die besten Absichten eines einzelnen zunichte machen k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeiten, in denen Asis Domet lebte, verhinderten seinen dichterischen Erfolg immens. Sein literarisches Werk und seine kulturellen Bem\u00fchungen, k\u00f6nnten heute durchaus mehr Erfolg haben als zu seiner Zeit. Heutzutage gibt es ein stetig wachsendes Interesse und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr interkulturelle Kommunikation und Zusammenarbeit. Leider wird das Wirken solcher, wom\u00f6glich auch gescheiterten Personen h\u00e4ufig au\u00dfen vorgelassen, ob aus Ignoranz oder fehlender Information. Auch wenn Asis Domet mit dem Versuch scheiterte eine Br\u00fccke zwischen Kulturen zu bauen, sein Versuch sollte dennoch auch heute noch gew\u00fcrdigt und anerkannt werden. Wir sollten anfangen auch solch unbekannten Geschichten einen Titel zu geben.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\">Quelle: Gerhard H\u00f6pp &#8211; <em><a href=\"https:\/\/repositorium.zmo.de\/receive\/himport_mods_00005224\">Asis Domet &#8211; ein &#8222;zionistischer arabisch-deutscher Dichter&#8220;?<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seinen Zeitgenossen galt er zu Lebzeiten als &#8222;Kuriosum&#8220;, als &#8222;ein Dichter, nur kein deutscher&#8220;, einer, in dem sich &#8222;arabisches und deutsches Blut, morgen- und abendl\u00e4ndische Kultur&#8220; mischen. Ein &#8222;Vermittler zwischen Abend- und Morgenland&#8220;, insgesamt jedoch eine &#8222;seltsame Erscheinung&#8220;: Der arabisch-deutsche Dichter Asis Domet (1890-1943).<\/p>\n<p>Von Sina Al-Khatib<\/p>\n","protected":false},"author":3536,"featured_media":338,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[588938],"tags":[591797,79,590110,57981,594271,41617],"class_list":["post-334","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-sose-2024","tag-1918-1933","tag-berlin","tag-gerhard-hoepp","tag-kairo","tag-kunstkultur","tag-palaestina"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/334","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3536"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=334"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/334\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":349,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/334\/revisions\/349"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/media\/338"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=334"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=334"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/arabischespuren\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=334"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}