Ankunft und erste Eindrücke
Ein Teil meines praktischen Jahres, das letzte Jahr meines Medizinstudiums, führte mich nach Montpellier in Südfrankreich. Meine Ankunft Mitte November war bereits ein kleines Abenteuer für sich, denn ich entschied mich für eine Fahrradtour von Lyon nach Montpellier entlang der Rhône. Dies war nicht nur eine wunderbare Möglichkeit, die französische Landschaft hautnah zu erleben, sondern auch eine perfekte Einleitung in mein bevorstehendes Erasmus-Abenteuer. Die Mischung aus Bewegung, Natur und der Vorfreude auf das kommende Semester machte diese Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis. Außerdem war es spannend direkt in Kontakt mit Menschen zu kommen (durch das Übernachten bei Personen von warmshowers (couchsurfing für Fahrradfahrende) und zum Beispiel die Meinung der Menschen auf dem Land zur Gesundheitsversorgung in Frankreich zu hören.
Bereits vor meiner Ankunft hatte ich mir über „La Carte des Colocs“ eine Wohngemeinschaft gesucht. Die Wohnungssuche war nicht ganz einfach, da Montpellier als beliebte Universitätsstadt keine besonders erschwinglichen Mieten bietet. Zuerst wohnte ich etwas außerhalb bei 2 Frauen, die einige Zimmer in ihrem Haus an Studierende vermieten. Das war am Anfang sehr nett, wurde dann jedoch schwieriger, da diese nur wenig, bis keinen Besuch akzeptierten. So machte ich mich erneut auf Wohnungssuche und fand über Kontakte eine WG nach meinem Geschmack ab Weihnachten. Ich habe den Eindruck, dass Zimmer zur Zwischenmiete teilweise gar nicht online gestellt werden, sondern eher über Bekannte vergeben werden. Es lohnt sich also für die Wohnungssuche alle Menschen, die man kennenlernt zu fragen. Für alltägliche Anschaffungen erwies sich „Leboncoin“ als große Hilfe, da es in Frankreich als eine Art eBay-Alternative fungiert. Besonders praktisch war es, dort ein Fahrrad zu finden, da sich Montpellier hervorragend zum Radfahren eignet.
Bevor mein Praktikum begann, hatte ich eine Woche Zeit, um die Stadt zu erkunden. Montpellier hat eine sehr angenehme Größe – nicht zu klein, aber auch nicht so groß, dass man sich verloren fühlt. Mein täglicher Arbeitsweg führte mich einmal quer durch die Stadt, doch das war mit dem Fahrrad in nur 25 Minuten machbar. Später war ich in der Stadtmitte, sodass ich nur noch 15min brauchte. Viele Strecken in Montpellier sind sogar in 10 Minuten oder bequem zu Fuß erreichbar. Achtung jedoch auf die Strassenbahnspuren durch die das Fahrradfahren schnell mal mit einem gebrochenen Arm enden kann.
Das Leben in Montpellier
Einer der größten Vorteile dieser Stadt ist das lebendige und vielfältige Angebot an Veranstaltungen. Besonders beeindruckt war ich von der Vielzahl an linken Kollektiven, politischen Gruppen und alternativen Projekten. Von Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstätten über feministische Gruppen bis hin zu Chören wie „Le Cri du Coeur“ oder „Queerale“ – Montpellier bietet ein breites Spektrum an gesellschaftlichem Engagement. Auch Gruppen wie Extinction Rebellion oder das „Comité Palestine“ (was in Frankreich ganz ohne Frage zur linken Bubble gehört) haben eine starke Präsenz in der Stadt. Orte wie „La Base“, „Quartier Généreux“ oder „Le Vieux Biclou“ sind dabei wichtige Treffpunkte, an denen fast täglich spannende oder lustige Veranstaltungen stattfinden. Eigentlich hatte ich mich bisher erfolgreich Instagram verweigert, habe jedoch festgestellt, dass es es in einer neuen Stadt deutlich leichter macht Orte und Veranstaltungen zu finden. Mit den richtigen Kontakten funktioniert das jedoch auch ohne. In den ersten Wochen habe ich einfach alle Menschen, die ich getroffen habe, nach ihren Lieblingsorten und Empfehlungen gefragt. In einer Stadt wie Montpellier bleibt das trotzdem überschaubar und es gab mir ein heimeliges Gefühl, dass man oft bekannte Gesichter auf den Events wiedertrifft.
Ein weiterer Pluspunkt von Montpellier ist die Lage: In etwa 45 Minuten kann man mit dem Fahrrad den Strand erreichen, und mit Bussen ist man schnell in den umliegenden Bergen, die eine sehr schöne Natur bieten. Neben dem Sonnenbaden am Mittelmeer bieten sich dort zahlreiche Möglichkeiten für Outdoor-Aktivitäten wie Wandern, Klettern oder Kajakfahren. Besonders die Gegend um den Pic Saint-Loup hat mich mit ihren beeindruckenden Landschaften begeistert. Auch die Camargue, die nur eine kurze Zug- oder Autofahrt entfernt liegt, ist mit ihren wilden Pferden und Flamingos ein echtes Highlight. Am vorletzten Tag meines Aufenthalts gab es sogar mal Surfwellen (wenn das das Ziel ist, sollte man jedoch trotzdem eher an den Atlantik gehen). Die meiste Zeit war das Meer sehr flach, aber trotzdem nett, um sich einen kurzen Eisschock zu geben.
Die Universität bietet zudem eine große Auswahl an Sportkursen, die kostenlos genutzt werden können. Man muss sich lediglich beim Hochschulprogramm „SUAPS“ registrieren, kann dann aber spontan an den Kursen teilnehmen also auch mitten im Semester in einen Kurs einsteigen. Diese Flexibilität fand ich besonders angenehm. Es gab ein breites Angebot von Yoga über Tanzkurse bis hin zu Teamsportarten wie Volleyball und Basketball. Der Zugang zu diesen Angeboten machte es leicht, auch sportlich aktiv zu bleiben und neue Menschen kennenzulernen. Regelmäßig habe ich am Rock´n´Roll Tanz und Akrobatik-Kurs teilgenommen, von dem aus sogar ein Wochenende mit Skifahren und Rock’n’roll zu sehr erschwinglichen Preisen angeboten wurde.
Soziale Erfahrungen und Sprachbarrieren
Ich hatte mir vorgenommen, nicht in die typischen Erasmus-Blase zu gehen, sondern Freundschaften mit Französ*Innen zu knüpfen. Da ich in viele Gruppen reinguckte hatte ich schnell viele Kontakte und kannte am Ende sehr viele Liebe Menschen. Trotzdem fand ich es herausfordernd nicht nur eine gute Zeit mit Menschen zu verbringen, sondern wirklich tiefere Kontakte, echte Freundschaften zu knüpfen. Vielleicht waren meine Erwartungen auch sehr hoch für nur 4 Monate, aber ich werde mich in Zukunft mehr darauf einstellen, dass echte Verbindungen einfach Zeit brauchen, vor allem mit Menschen, die schon ihr Umfeld und Freundschaften haben (Anders als in Erasmus-Kreisen oder bei einem neuen Studienanfang).
Obwohl mein Französisch auf einem guten Niveau war – ich hatte bereits ein Jahr in einem frankophonen Land gelebt – fiel es mir auch schwer, mich so differenziert auszudrücken, wie ich es in meiner Muttersprache gewohnt bin. Auch hatte ich das Gefühl, dass Französ*innen zwar sehr höflich und nett sind, sich aber nicht so schnell emotional öffnen. Diese Beobachtung bestätigte sich besonders im Vergleich zu anderen deutschen Studierenden, mit denen der Austausch sofort tiefergehend und einfacher war.
Zusätzlich war meine Situation besonders, da ich mit meinem Freund zusammen nach Montpellier gekommen war. Wir entschieden uns bewusst für getrennte WGs, um unabhängig Kontakte knüpfen zu können. Einerseits war es schön, eine vertraute Person an meiner Seite zu haben, andererseits stellte es auch eine Herausforderung dar, sich nicht zu sehr aufeinander zu verlassen und bewusst Zeit getrennt zu verbringen und auch einzeln Kontakte zu pflegen. Sicherlich hat es jedoch auch dazu geführt, dass wir uns eher uns gegenseitig anvertraut haben, statt direkt neue Menschen zu suchen. Das hat bestimmt Vor- und Nachteile aber ist auf jeden Fall auch eine spannende, schöne und teils auch herausfordernde Situation für die Beziehung. Vor allem am Anfang war es auch ein Thema, dass mein Französisch etwas besser, was als das meines Freundes was teils dazu geführt hat, dass Menschen in gemeinsamen Gesprächen mit uns beiden sich eher meinem Sprachniveau angepasst haben und es für meinen Freund schwieriger war dem Gespräch zu folgen, als wenn er es alleine geführt hätte. Das hat sich während der Zeit jedoch gelegt.
Erfahrungen im Praktikum
Mein Praktikum verlief leider nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Zunächst war ich acht Wochen in der Kinderchirurgie und anschließend in der Chirurgie der oberen Extremität am Krankenhaus Lapeyronie.
Das Team in der Kinderchirurgie war zwar freundlich, doch die Studierenden hatten nur wenig Aufgaben und durften meistens nur zuschauen. Ein Tag im OP kann sich sehr lang anfühlen, wenn man hauptsächlich danebensteht. Trotzdem nahm ich die allgemeine Stimmung im Team als positiver und entspannter wahr als in Deutschland. Trotzdem fand ich es nicht leicht mich wirklich als Teil des Teams zu fühlen, da ich es doch noch recht schwierig fand Gruppengesprächen zu folgen oder alle medizinischen Begriffe zu verstehen. Viel Zeit hat es sich also nach hinterlaufen oder wie ein stilles Mäuschen daneben sitzen angefühlt.
In der Chirurgie der oberen Extremität war die Atmosphäre leider unangenehmer. Das Team bestand fast ausschließlich aus Männern, und im OP waren sexualisierte, rassistische und ableistische Kommentare keine Seltenheit. Solche Erfahrungen sind leider nicht nur in Frankreich zu machen, sondern auch in Deutschland in chirurgischen Abteilungen üblich. Besonders herausfordernd fand ich es jedoch, in einer Fremdsprache auf solche Kommentare zu reagieren.
Was jedoch in Frankreich besonders sexistisch auffällt, sind die Wandbemalungen und Traditionen im Internat (Mensa -ehemalige Unterkünfte für die Assizenzärzt*Innen (Interns). Es hat gut getan sich darüber mit anderen Studierenden auszutauschen.
Praktische Tipps für künftige Erasmus-Studierende
Die Bewerbung für Erasmus+ erfolgt erst, nachdem man sich selbst einen Praktikumsplatz organisiert hat. Beim Ausfüllen des Learning Agreements gab es einige Schwierigkeiten, da es an meiner Heimatuniversität keine klare Vorlage gab. Letztlich schien es aber nicht entscheidend zu sein, was man genau in das Dokument schreibt.
Das Erasmus-Stipendium wurde in zwei Raten ausgezahlt, jedoch gab es Verzögerungen, da das Learning Agreement ein falsches Datum enthielt und per Post versendet werden musste.
Ein wichtiger Tipp: Wer in Montpellier wohnt, kann sich für kostenlose Bahnfahrten bewerben. Dies kann online über die „Ticket TaM-App“ oder persönlich in einem Büro beantragt werden. Auch wenn der Antrag zunächst abgelehnt wird, lohnt es sich, es mehrmals zu probieren, ich kenne einige Menschen, bei denen es geklappt hat, auch wenn wir nur für eine begrenzte Zeit in Montpellier wohnen.
Zudem gibt es „yoot.fr“, eine Plattform, die Studierendenrabatte für viele Veranstaltungen bietet. Montags und mittwochs werden über „Linkee“ sogar kostenlose Gemüseverteilungen für Studierende angeboten. Natürlich gibt es auch zahlreiche Erasmus-Veranstaltungen und organisierte Ausflüge mit Wochenendtrips in benachbarte Regionen, die oft zu günstigen Preisen organisiert werden.
Fazit
Ich kann Montpellier als Erasmus-Stadt nur weiterempfehlen. Die Stadt bietet eine ideale Größe, viele kulturelle und soziale Angebote sowie ein angenehmes Klima. Besonders die Vielfalt an politischen Gruppen, die Nähe zur Natur und die entspannte Atmosphäre haben meinen Aufenthalt unvergesslich gemacht. Trotz einiger Herausforderungen, insbesondere im Praktikum und damit tiefe
Tipps für andere Praktikant:innen
Vorbereitung
Für Mediziner*Innen auf PJ-Ranking informieren
Beantragung Visum
Braucht es keins
Praktikumssuche
Direkt über die Krankenhäuser bzw Chefärzt*Innen Sekretär*Innen
Wohnungssuche
Leboncoin, Ebay Kleinanzeigen oder Facebook
Versicherung
Über den Marburger Bund gibt es alles günstig oder kostenlos
Telefon-/Internetanschluss
Meine Wg hatte bereits alles
Bank/Kontoeröffnung
Brauchte ich nicht