{"id":1210,"date":"2024-06-10T07:00:52","date_gmt":"2024-06-10T05:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/?p=1210"},"modified":"2025-01-23T10:29:56","modified_gmt":"2025-01-23T09:29:56","slug":"praktikum-an-der-deutschen-botschaft-in-belgrad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/2024\/06\/10\/praktikum-an-der-deutschen-botschaft-in-belgrad\/","title":{"rendered":"Praktikum an der deutschen Botschaft in Belgrad"},"content":{"rendered":"<p>Im Zuge meines M.A. Politikwissenschaften, habe ich ein 10-w\u00f6chiges Pflichtpraktikum bei der deutschen Botschaft in Belgrad absolviert.<\/p>\n<p><!--more-->Die Botschaften sind die ausl\u00e4ndischen Vertretungen des Ausw\u00e4rtiges Amts und vertreten die Bundesrepublik im jeweils ans\u00e4ssigen Land. Der Gro\u00dfteil der deutschen Botschaften ist in verschiedene Themenfelder gegliedert: Politik (zust\u00e4ndig f\u00fcr Beobachtung und Bericht der innen- und sicherheitspolitischen Lage des Landes), Wirtschaft (zust\u00e4ndig f\u00fcr F\u00f6rderung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland; je nach Land beinhaltet das auch die wirtschaftliche Entwicklungszusammenarbeit), Kultur- und Pressereferat (in Kooperation mit den Goethe-Instituten zust\u00e4ndig f\u00fcr die interkulturellen Beziehungen sowie der F\u00f6rderung von Deutsch als Fremdsprache, inklusive \u201eDeutschlandbild\u201c im jeweiligen Land), Milit\u00e4rattach\u00e9 (Beobachtung der verteidigungspolitischen Entwicklungen im Land) sowie Visa- und Justizabteilung.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Praktikumszeit war ich, so wie alle Praktikant:innen der deutschen Botschaften, offiziell dem Kultur- und Pressereferat zugewiesen. Nichtsdestotrotz wurde ich auch in Arbeitsprozesse aus dem Politikreferat sowie der wirtschaften Entwicklungszusammenarbeit eingebunden.<br \/>\nWie genau die T\u00e4tigkeit in der Botschaft aussieht, h\u00e4ngt immer vom jeweiligen Land sowie den lokalen Rahmenbedingungen zusammen. In meinem Fall (Serbien) sind die \u00fcbergeordneten Ziele (der Bundesrepublik Deutschland), dass Serbien m\u00f6glichst bald die Voraussetzungen f\u00fcr den EU-Beitritt erf\u00fcllt und dass das Land seine diplomatischen Beziehungen zum Kosovo normalisiert, der von der BRD als unabh\u00e4ngiger, souver\u00e4ner Staat anerkannt wird, den Serbien allerdings als autonome Provinz des eigenen territorialen Gebiets behandelt.<br \/>\nGleichzeitig ist die innenpolitische Lage Serbien gepr\u00e4gt von Einschr\u00e4nkungen der B\u00fcrgerrechte sowie der Pressefreiheit, von der Unterdr\u00fcckung bestimmter ethnischer Minderheiten (v.a. Roma), von unzureichender Gewaltenteilung mit erheblichen Defiziten in der Rechtsstaatlichkeit sowie von organisierter Kriminalit\u00e4t und Korruption. In anderen Worten bedeutet das schlicht, dass es in Serbien viele \u201edemokratische Defizite\u201c gibt, die auf dem Weg, der eines Tages in die EU f\u00fchren soll (die Beitrittsgespr\u00e4che laufen seit 2014), behoben werden sollen. Das beeinflusst die allt\u00e4glichen Aufgaben und den Umgang mit lokalen Partner:innen (bspw. in der Entwicklungszusammenarbeit), das ver\u00e4ndert die Einsch\u00e4tzung von Informationsquellen und ver\u00e4ndert die Rhetorik, die einen elementaren Bestandteil der diplomatischen Arbeit darstellt.<\/p>\n<p>Der wesentliche Auftrag f\u00fcr Diplomat:innen besteht in der Aufrechterhaltung von konstruktiven Kommunikationskan\u00e4len zwischen den Staaten, ungeachtet der eigenen Bewertung von lokalen Regierungen und ihren Vertreter:innen. Das bedeutet, dass es f\u00fcr die diplomatischen Beziehungen unerheblich sein muss, ob das \u201eGastland\u201c stets im Interesse des Staates handelt, f\u00fcr welchen man als Diplomat:in entsandt ist. Es geht darum, so lange wie m\u00f6glich, gute Beziehungen sicherzustellen und dadurch die Grundlage f\u00fcr konstruktive Zusammenarbeit in der Zukunft (bspw. f\u00fcr internationale Vertr\u00e4ge) zu schaffen. Hierbei kann es bisweilen zu Rollenkonflikten des diplomatischen Dienstes kommen. Obwohl Diplomat:innen \u00fcber indirekte politische Gestaltungsm\u00f6glichkeit verf\u00fcgen (bspw. in bi- und multilateralen Verhandlungen), verf\u00fcgen sie \u00fcber kein direktes Mandat, da sie in erster Linie Beamte sind. Das hei\u00dft, Diplomat:innen befinden sich in einer ausf\u00fchrenden, repr\u00e4sentativen Rolle, n\u00e4mlich in der Interessensvertretung von Staaten und ihren jeweiligen Regierungen. Nur wenige Diplomat:innen sind beispielsweise Mitglied in einer politischen Partei, auch wenn das nicht verboten ist.<\/p>\n<p>Um die eben genannten Aufgaben zu erf\u00fcllen, besteht das Aufgabenfeld vor allem in der Beschaffung von lokalen Informationen, die f\u00fcr den eigenen Staat sowie seine jeweiligen B\u00fcrger:innen von Relevanz sind. Es kann sich dabei um Staatsgebiete handeln, die aufgrund einer unsicheren Sicherheitslage f\u00fcr (touristische) Reisen ungeeignet sind oder um Informationen aus Ministerien, Gerichten oder zivilgesellschaftlichen Organisationen, die politische oder wirtschaftliche Implikationen beinhalten (bspw. bi- oder multilaterale Freihandelsabkommen, Stimmenkauf vor Wahlen, Korruption oder Gesetzesauslegung bei gesellschaftlichen Minderheiten).<\/p>\n<p>Aufgrund des Gebots der Staatsvertraulichkeit, d\u00fcrfen Praktikant:innen keine Ausk\u00fcnfte \u00fcber interne Prozesse oder Informationen erteilen. Was ich jedoch sagen kann, ist, dass meine T\u00e4tigkeiten vor allem geistige Arbeit (Recherchen, Schreiben von Reden f\u00fcr die Botschafterin, Protokollf\u00fchrung) beinhalteten.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Tipps f\u00fcr andere Praktikant:innen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vorbereitung<\/strong><br \/>\nGute Recherche \u00fcber die L\u00e4nder, f\u00fcr deren Botschaften man sich bewirbt<\/p>\n<p><strong>Beantragung Visum<\/strong><br \/>\nIst im Fall von Serbien f\u00fcr dreimonatige Praktika nicht notwendig. Deutsche Staatsb\u00fcrger:innen d\u00fcrfen sich innerhalb von 180 Tagen f\u00fcr 90 Tage (drei Monate) visafrei in Serbien aufhalten.<\/p>\n<p><strong>Praktikumssuche<\/strong><br \/>\nDirekt \u00fcber das Praktikumsportal des Ausw\u00e4rtigen Amts.<\/p>\n<p><strong>Wohnungssuche<\/strong><br \/>\nAufgrund Wohnungsmangel in Belgrad sowie des starken Zuzugs von Gefl\u00fcchteten aus Russland und mangelnder Sprachkenntnisse meinerseits, habe ich meine Wohnung \u00fcber AirBnB gemietet.<\/p>\n<p><strong>Versicherung<\/strong><br \/>\nEs gibt f\u00fcr Auslandspraktika eine Pauschalversicherung des DAAD, die Arbeits-, Unfall- und Krankenversicherung beinhaltet.<\/p>\n<p><strong>Sonstiges<\/strong><br \/>\nF\u00fcr Praktika im diplomatischen Dienst ist eine ehrliche und realistische Selbsteinsch\u00e4tzung erforderlich, wie gut man mit \u201eRollen\u201c umgehen kann und wie gut man 2-3 Monate im Ausland ohne soziale Beziehungen in einer 40-Stunden-Woche leben kann.<\/p>\n<p><strong>Telefon-\/Internetanschluss<\/strong><br \/>\nF\u00fcr Serbien empfehle ich den Anbieter \u201eYettel\u201c. Der einzige, politisch unverf\u00e4ngliche Anbieter des Landes.<\/p>\n<p><strong>Bank\/Kontoer\u00f6ffnung<\/strong><br \/>\nWar nicht notwendig, da ich mit meiner deutschen Kreditkarte geb\u00fchrenfrei zahlen und gegen eine kleine Geb\u00fchr auch Bargeld abheben konnte.<\/p>\n<p><strong>Sonstiges<\/strong><br \/>\nDer Verkehr in Belgrad ist sehr chaotisch und mit andauernden Staus und entsprechendem L\u00e4rm verbunden. Es empfiehlt sich, bei der Wohnungssuche auf die Distanz zur Botschaft\/zur Innenstadt zu achten oder sich ein Fahrrad zuzulegen. Sonst wird die Mobilit\u00e4t innerhalb der Stadt schnell schwierig.<\/p>\n<p><em><strong>Alltag\/Freizeit<\/strong><\/em><br \/>\n<strong>Ausgehm\u00f6glichkeiten<\/strong><br \/>\nBelgrad hat sich vor ein paar Jahren den Ruf des \u201eneuen Berlins\u201c erworben aufgrund seines (v.a. in S\u00fcdosteuropa) beliebten Nachtlebens und der hohen Dichte an Techno-Clubs in alten Industriegebieten und Lagerhallen. So weit w\u00fcrde ich noch nicht gehen, denn Belgrad hat eine ebenso hohe Dichte an traditionellen, teils nationalistischen Gruppierungen und das Stadtbild ist mehr vom Nationalismus als vom Liberalismus gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Allerdings hat das kulturelle Leben in Belgrad mehr zu bieten, als viele annehmen und auf den ersten Blick sehen w\u00fcrden. Vieles muss man jedoch kennen(lernen) oder selbst entdecken, weil die Kulturszene bisweilen Repressionen ausgesetzt und \u00f6ffentlich nicht so pr\u00e4sent ist. Wer m\u00f6chte, findet jedoch auch viele nette Bars, Caf\u00e9s, Museen, Ausstellungen, Kinos (Tipp: Novi Bioskop Zvezda, ein besetztes tip-based Kino im Zentrum, das sich auf Arthouse spezialisiert hat) oder Boulderhallen im Winter. Wenn es warm ist, empfiehlt sich ein Ausflug zur \u201eAda\u201c (= Insel), im Belgrader Westen, mit ihren angelegten Save-Str\u00e4nden und Waldgebieten.<\/p>\n<p><strong>Sonstiges<\/strong><br \/>\nBelgrad ist eine fordernde und vor allem im Winter ersch\u00f6pfende Stadt. Sie hat mehr \u00c4hnlichkeiten mit Istanbul (aufgrund des osmanischen Einflusses) als mit Budapest, das nur vier Autostunden n\u00f6rdlich liegt, oder Berlin. Es ist eine europ\u00e4ische und doch anti-europ\u00e4ische Stadt in einem. Liebe auf den ersten Blick unwahrscheinlich. F\u00fcr manche jedoch Liebe auf den dritten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zuge meines M.A. Politikwissenschaften, habe ich ein 10-w\u00f6chiges Pflichtpraktikum bei der deutschen Botschaft in Belgrad absolviert.<\/p>\n","protected":false},"author":3982,"featured_media":1211,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[486393],"tags":[486514,963,91446],"class_list":["post-1210","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-praktikum-europa","tag-belgrad","tag-politikwissenschaft","tag-serbien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1210","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3982"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1210"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1210\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1213,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1210\/revisions\/1213"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1211"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1210"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1210"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1210"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}