{"id":494,"date":"2021-02-11T13:55:54","date_gmt":"2021-02-11T12:55:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/?p=494"},"modified":"2024-02-21T17:35:26","modified_gmt":"2024-02-21T16:35:26","slug":"praktikum-in-einem-sprachinstitut-in-madrid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/2021\/02\/11\/praktikum-in-einem-sprachinstitut-in-madrid\/","title":{"rendered":"Praktikum in einem Sprachinstitut in Madrid"},"content":{"rendered":"<p>Mein Praktikum war kein normales Praktikum. Wie sollte es auch? In einer Zeit, in der sich die gesamte Weltbev\u00f6lkerung mehr oder weniger in Abschottung begibt, ist ein kultureller Austausch, besonders in einer Kultur, die von physischem Kontrakt und N\u00e4he lebt, wie der spanischen nur sehr begrenzt m\u00f6glich. <!--more-->Mein Praktikum wurde zur Pathologie, meiner eigenen und der soziokultureller Verhaltensweisen. Aber fangen wir vorne an, denn anfangs lief alles nach Plan. Ich kam am 22. Februar 2020 nach einer zweit\u00e4gigen Interrail-Tour in Madrid an. Zusammen mit einem Berliner Freund, der zwei Jahre zuvor ein einj\u00e4hriges Erasmusstudium in Madrid absolviert hatte, entschied ich mich f\u00fcr die etwas teurere, daf\u00fcr \u00f6kologisch sinnvollere und \u00e4sthetisch und psychologisch f\u00fcr uns interessantere Reise per Zug durch Deutschland, Belgien, Frankreich und Spanien. Als wir ankamen, war es warm und wir wurden von einer Freundin abgeholt, bei der wir die erste Nacht auf der Couch verbringen konnten, nachdem wir von ihr direkt in eine Bar gef\u00fchrt und dort mit Tapas und Rotwein versorgt wurden. Ich kannte Madrid bereits von einigen kurzen Besuchen, kannte Leute und Sehensw\u00fcrdigkeiten, durfte bereits zuvor etwas des schwer zu greifenden Flairs der Stadt schnuppern. Wir hatten einen freien Tag, bevor mein Praktikum begann, mein Zeitplan war eng getaktet.<\/p>\n<p>Als wir aufwachten und die Wohnung der Freundin verlie\u00dfen schien die Sonne. Ich war m\u00fcde, aber bereit f\u00fcr den spanischen Fr\u00fchling. Nachdem wir kurz aber entspannt \u00fcber den Rastro-Flohmarkt geschlendert waren, einen weiteren Stopp in einer der sch\u00f6nen Tapasbars gemacht hatten, zum zweiten Mal Brot und Wein a\u00dfen, begaben wir uns in meine neue Wohnung, in die ich mit einer spanischen Freundin einzog, um mit ihr dort etwas mehr als drei Monate zusammen zu wohnen. \u00dcber Bekannte von ihr hatten wir eine f\u00fcr madrilenische Verh\u00e4ltnisse sehr g\u00fcnstige Wohnung mit Patio im etwas unbekannteren, aber traditionsreichen Stadtteil Vallecas bekommen. Hier wollten wir gemeinsam Milongas feiern, die Sommern\u00e4chte unter dem Sternenhimmel im Patio verbringen und Leute einladen.<\/p>\n<p>Aber erstmal musste ich ran an die Arbeit. Ich war ja nicht nur zum Spa\u00df hier. Mein erster Arbeitstag im Institut, welches sich im schicken und sauberen Botschafterviertel Madrids, direkt neben der deutschen Botschaft, befindet, fing fr\u00fch an. Von meiner Vorg\u00e4ngerin wurde ich, nach einer kurzen Einweisung meiner Praktikumsbetreuerin, in die Aufgabenbereiche der Praktikumsstelle eingewiesen. Schnell entstand f\u00fcr mich der Eindruck, das Praktikum sei, wie das Institut selbst, eine gut organisierte, in deutsch-b\u00fcrokratische Akribie eingebettete, Maschinerie. Dennoch f\u00fchlte ich mich gut aufgehoben. Der Umgang untereinander war sehr freundlich, die Pausen spanisch, die Leute entspannt und fr\u00f6hlich. Mit den PraktikantInnen der anderen Abteilungen (Sprache, Bibliothek, etc.) verbrachte ich die Pausen in der Sonne vor dem Institut. Etwas schulisch wirkte das Ganze. Mit all seinen Vor- und Nachteilen. Leider sprachen wir untereinander haupts\u00e4chlich deutsch, spanisch wurde nur mit den Partnerorganisationen und den wenigen, rein spanischsprachigen Angestellten gesprochen. Die erste Woche verging entspannt, ich gew\u00f6hnte mich schnell an meine Aufgaben, die in der Programmabteilung haupts\u00e4chlich in der Erstellung von Online-Eintr\u00e4gen zu Veranstaltungen, inklusive Recherche und \u00dcbersetzung, sowie der Gestaltung von Printmedien zur Vermarktung bestanden. So vergingen die erste und die zweite Woche. Ich lebte mich nach und nach ein, gew\u00f6hnte mich an die Tage im B\u00fcro und die Abenden in den Bars, in denen ich mein Spanisch \u00fcbte. Durch meine Mitbewohnerin fand ich schnell Anschluss zu netten und interessanten Menschen. Alles lief nach Plan.<\/p>\n<p>Am dritten Wochenende dann, dem 8. M\u00e4rz, verabredeten wir uns auf der Demonstration zum Frauentag, dem d\u00eda de la mujer, in der Innenstadt. Wir liefen, die melodischen Protestges\u00e4nge mitsummend unter hellem Mond in schwarzer Nacht durch die lila beleuchtete Innenstadt und scherzten dar\u00fcber, dass die Versammlung im Vergleich zum Vorjahr so wenig besucht war. Die Leute fingen an, wegen Corona Angst zu bekommen und blieben ihr fern. Ich hatte ein komisches Gef\u00fchl, wusste aber nicht warum. Nun wei\u00df ich es. Sie hatten recht. Drei Tage sp\u00e4ter wachte ich morgens mit kratzigem Hals auf, hustete leicht. Ich beschloss, heute wirklich mal etwas weniger zu rauchen und ging zur Arbeit. Das Thema Corona wurde immer pr\u00e4senter. Im B\u00fcro wurde dar\u00fcber diskutiert, ob das Institut wohl auch bald schlie\u00dfen m\u00fcsste und was das bedeutete, unser Informatiker \u00fcbte schon mal die Fernsteuerung unserer Desktops von seinem B\u00fcro aus, um f\u00fcr ein etwaiges Home-Office gewappnet zu sein. Abends legte ich mich fr\u00fch ins Bett, ich war k.o. Vielleicht h\u00e4tte ich mir doch etwas mehr Ruhe und Zeit zum Einleben g\u00f6nnen sollen, bevor ich in die 40-Stunden Woche in Madrid startete. Nachdem ich in Kleidung auf meinem Bett eingenickt war, wachte ich zwei Stunden sp\u00e4ter schwei\u00dfgebadet auf. Ich hatte Fieber, torkelte ins Bad, legte mich wieder hin. Nachts f\u00fchlte ich mich immer schw\u00e4cher, schrieb meiner Chefin, dass ich am n\u00e4chsten Tag wohl besser nicht ins B\u00fcro kommen w\u00fcrde und fing an, Angst zu bekommen. Mit niemandem konnte ich nachts sprechen. Meiner Mitbewohnerin, die noch unterwegs war, schrieb ich, dass sie besser nicht nachhause kommen sollte. Vielleicht hatte ich mir ja wirklich diesen Virus, der schon l\u00e4nger am Nachrichtenhorizont lauerte, eingefangen. Sie lie\u00df sich davon nicht abhalten, fand es selbstverst\u00e4ndlich, dass sie gerade, wenn ich krank w\u00e4re zur\u00fcckkommen w\u00fcrde und mir helfen. Und so begaben wir beide uns in Quarant\u00e4ne.<\/p>\n<p>Das Institut musste wenige Tage sp\u00e4ter aufgrund des Ausnahmestatus, der in ganz Spanien ausgerufen wurde, schlie\u00dfen. Meine KollegInnen versuchten mir zu helfen, telefonierten herum, hofften mir einen Arzt senden zu k\u00f6nnen, der mich untersuchen k\u00f6nnte. Keine Chance. Noch bevor die gro\u00dfe Corona-Welle das Land erreichte, war das Gesundheitssystem unorganisiert und \u00fcberlastet. Nachdem ich zwei Tage fiebrig im Delirium, schwitzend im Bett, verbracht hatte, musste ich tats\u00e4chlich selbst zu einem Gesundheitszentrum gehen, mich dort anmelden und untersuchen lassen. Die Untersuchung lief ern\u00fcchternd. Mein Fieber war abgeklungen, nur deshalb hatte ich es \u00fcberhaupt geschafft, mit einer Bauschuttmaske im Gesicht, die 200 Meter zum Zentrum zu gehen. Die \u00c4rztin, in komplettem Gummianzug abgeschottet, sagte mir sie w\u00fcrde mich nicht testen. Sie h\u00e4tten sowieso keine Tests. Und ich w\u00fcrde schon nicht sterben. H\u00e4tte man mir das nicht schon am Telefon sagen k\u00f6nnen? Ich lief zur\u00fcck in meine Wohnung, in der auch meine Mitbewohnerin langsam anfing, schwerer zu atmen und legte mich hin. Wir schlossen uns ein, ern\u00e4hrten uns sparsam und eint\u00f6nig, was nichts machte, da wir sowieso weder riechen noch schmecken konnten und verbrachten so einen ganz pers\u00f6nlichen interkulturellen Austausch. Ich bekam mit, wie sie ihre Uni von zuhause aus machte, wir sprachen viel und schauten jeden Abend eine Folge einer Serie. Mein Umkreis in Deutschland geriet nach und nach immer mehr in Panik, ob der drohenden Restriktionen, die f\u00fcr uns in Spanien Eingeschlossenen l\u00e4cherlich erschien. Erschreckend und auch lehrreich fand ich, wie ich von immer mehr geh\u00e4ssigen Geschichten, von Misstrauen und egoistischer Angst geleitet, in Deutschland erfuhr und zeitgleich mit meiner Mitbewohnerin, aber auch mit unserem Vermieter und dem gesamten spanischen Umfeld erlebte, was Zusammenhalt bedeutet und wie trotz der dort desolaten Lage, alle zusammenhielten. W\u00e4hrend ich sah wie dort nach und nach alle ihre Jobs verloren und von Geldn\u00f6ten geplagt wurden, hatte ich zudem das Gl\u00fcck, von Anfang an vom gesamten Team des Instituts unterst\u00fctzt zu werden.<\/p>\n<p>Mir wurde zugesichert, das Praktikum auf jeden Fall zu Ende f\u00fchren zu k\u00f6nnen, es wurde sich regelm\u00e4\u00dfig nach meinem Zustand erkundigt und alles daf\u00fcr getan, dass ich mich nicht alleingelassen f\u00fchlte. So konnte ich nach zwei Wochen, in denen ich krank war, in den Home-Office-Betrieb einsteigen, der f\u00fcr die gesamte Belegschaft des Instituts neu war. Gl\u00fccklicherweise bestand meine Arbeit von Anfang an haupts\u00e4chlich in der Erstellung von Online-Content und so konnte ich gepaart mit der f\u00fcr uns alle erstmal befremdlichen Erfahrung mit Online-Konferenzen doch einen relativ normalen Alltag gestalten, obwohl die meisten der Kulturevents abgesagt wurden und Corona auch das Kulturleben in seinem Zaum hielt. Schade ist vor allem, dass ich die Entstehung der Offline-Kulturevents nur anfangs etwas mitbekommen konnte und so, abgeschottet vom Rest der Welt, nur am Bildschirm diese neue Arbeitswelt mitverfolgen konnte. Aber so ging es in dieser Phase all den Gl\u00fccklichen, die \u00fcberhaupt noch arbeiten durften.<\/p>\n<p>Mittlerweile bin ich wieder in Deutschland angekommen und blicke zur\u00fcck auf sicher das einzigartigste Praktikum, das ich jemals absolvieren werde. Der erste Cyber-Praktikant des Instituts in Madrid. Meine KollegInnen, die nicht erkrankt waren, waren schon fr\u00fcher nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt und hatten ihr Praktikum abgebrochen. Statt Bars, Milongas, Theater, Kunst, Musik und spanischer Lebensfreude habe ich so vor allem strengkatholische Nachbarn, die den ganzen Tag Lobeslieder auf Gott sangen, ein unfassbar intensives Tandemerlebnis mit meiner Mitbewohnerin, das spanische Gesundheitssystem, spanische B\u00fccher und spanisches Herz kennengelernt. Meine wohl letzte lange Auslandserfahrung hatte ich mir anders vorgestellt. Dennoch bin ich daf\u00fcr dankbar. Ich habe viel \u00fcber mich gelernt und die Menschen, ob in meiner Wohnung, zuhause oder online. Und die Sonne schien trotzdem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Tipps f\u00fcr andere Praktikanten<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vorbereitung<\/strong><\/p>\n<p>Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, sich schon im Vorneherein mit der Stadt vertraut zu machen, in die man zieht. Sei es durch FreundInnen, die dort schon Erfahrungen gesammelt haben und eventuell Kontakte vermitteln k\u00f6nnen, oder durch eigene Besuche der Stadt. So entkommt man der Falle, die auf alle wartet, in einer anderen Kultur im gleichen Kulturkreis zu schwimmen. Eine WG mit Einheimischen ist nicht nur eine nette M\u00f6glichkeit, sondern sollte unbedingt gesucht werden. Im B\u00fcro bleibt man h\u00e4ufig im internationalen, professionellen Kontext, die wahre Erfahrung sammelt man au\u00dferhalb.<\/p>\n<p><strong>Praktikumssuche<\/strong><\/p>\n<p>Sucht euch ein Praktikum, dass euch als Menschen ernst nimmt und versteht, dass ihr dort seid, um Erfahrungen zu sammeln und euch nicht nur als billige Arbeitskraft zu versklaven. Gro\u00dfe Institutionen sind sich dessen meist bewusst, aber auch in kleinen Unternehmen kann das der Fall sein. Dort hat man dann zus\u00e4tzlich den Vorteil, einen ganzheitlicheren Einblick in die Struktur der Aufgaben zu bekommen und Kontakt mit den Menschen zu haben. Es geht in dieser Erfahrung prim\u00e4r um die Menschen. Sie machen es besonders. Auch hier gilt jedenfalls: Fragt herum, wer, wo gute Erfahrungen gesammelt hat.<\/p>\n<p><strong>Wohnungssuche<\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits angedeutet: Sucht euch unbedingt eine Wohngemeinschaft mit Leuten die zumindest aus einem anderen, am besten aber aus dem lokalen Kulturkreis stammen. Zweck-WGs w\u00fcrde ich niemandem empfehlen. So wird es nur ein langer Urlaub und kein langfristig pr\u00e4gendes Erlebnis. Daher sucht, auch wenn eure Sprachkenntnisse nicht die besten sein m\u00f6gen, auf lokalen Seiten und evtl. \u00fcber Bekannte nach Wohnungsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p><strong>Versicherung<\/strong><\/p>\n<p>Die Auslandsversicherung ist unkompliziert und einfach zu buchen. \u00dcberpr\u00fcft aber, ob ihr in eurer eigentlichen Krankenkasse schon f\u00fcr das Ausland versichert seid und ob ihr, falls nicht, f\u00fcr die Zeit eures Auslandsaufenthalts die Beitragszahlung aussetzen k\u00f6nnt. Ich habe unn\u00f6tigerweise doppelt gezahlt.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Formalit\u00e4ten vor Ort<\/strong><\/p>\n<p><strong>Telefon-\/Internetanschluss<\/strong><\/p>\n<p>Das l\u00e4uft, meines Erachtens, \u00fcberall in Europa gleich. Roaming-Geb\u00fchren gibt es nicht mehr. W-Lan haben die meisten. Eigentlich gibt es hier nicht viel zu planen.<\/p>\n<p><strong>Bank\/Kontoer\u00f6ffnung<\/strong><\/p>\n<p>Halte ich innerhalb Europas auch nicht f\u00fcr notwendig. Mit Kredit- oder EC-Karten kann man fast \u00fcberall kostenfrei bezahlen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alltag\/Freizeit<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ausgehm\u00f6glichkeiten<\/strong><\/p>\n<p>H\u00e4ngt euch an die lokale Bev\u00f6lkerung und seid offen, f\u00fcr was euch erwartet. Berliner Techno ist sch\u00f6n und gut, aber auch anderes kann interessant sein. Ihr seid im Ausland, um anderes Leben zu sehen, nicht um zu missionieren. Zumindest sehe ich das so.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Praktikum war kein normales Praktikum. Wie sollte es auch? 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