{"id":605,"date":"2022-03-24T12:00:53","date_gmt":"2022-03-24T11:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/?p=605"},"modified":"2024-02-22T11:40:00","modified_gmt":"2024-02-22T10:40:00","slug":"labor-praktikum-im-bereich-chemie-in-frankreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/2022\/03\/24\/labor-praktikum-im-bereich-chemie-in-frankreich\/","title":{"rendered":"Labor-Praktikum im Bereich Chemie in Frankreich"},"content":{"rendered":"<p>In der Zeit von Mitte September bis Mitte Dezember 2021 habe ich ein Forschungspraktikum\u00a0in Toulouse absolviert. Dieses dreimonatige Praktikum f\u00fcr 15 LP war im Studienverlauf meines Masterstudiums im Fach Chemie vorgesehen, ich verbrachte damit also den Gro\u00dfteil meines dritten Mastersemesters in Frankreich.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Labor f\u00fcr Koordinationschemie ist zwar ein eigenst\u00e4ndiges, staatlich gef\u00f6rdertes Institut, steht aber in enger Zusammenarbeit mit der <em>Universit\u00e9 Toulouse III \u2013 Paul Sabatier <\/em>und befindet sich auf dem gegen\u00fcberliegenden Campus, wodurch ein reges Kommen und Gehen Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen und Semester innerhalb des Instituts gew\u00e4hrleistet war. Den Wunsch, eines meiner Forschungspraktika innerhalb des Masters im Ausland zu absolvieren, hegte ich schon l\u00e4nger, wobei sich Frankreich in meinem Fall besonders anbot, da ich bereits seit der Schulzeit \u00fcber gute Franz\u00f6sischkenntnisse verf\u00fcge. \u00dcber eine Empfehlung eines meiner Professoren in Berlin stie\u00df ich auf die zahlreichen Chemieinstitute in Toulouse und reichte eine Initiativbewerbung in der Forschungsgruppe ein<em>, <\/em>deren Chemie mich am meisten interessierte. Da ich innerhalb weniger Tage eine Zusage erhielt, konnte ich z\u00fcgig mit der Beantragung der Erasmus+ F\u00f6rderung beginnen, sowie meinen Antrag auf ein Forschungspraktikum im Pr\u00fcfungsb\u00fcro einreichen, wobei ein*e Professor*in der FU als Mitbetreuer*in gefunden werden musste.<\/p>\n<p><strong>Unterkunft <\/strong><\/p>\n<p>Die anschlie\u00dfende Wohnungssuche stellte sich als deutlich schwieriger heraus. Da ich nur 3 Monate in Toulouse sein w\u00fcrde, konnte ich mich weder auf ein Zimmer in einem der Studierendenwohnheime bewerben, noch fand ich eine WG, die bereit gewesen w\u00e4re, f\u00fcr solch einen kurzen Zeitraum eine neue Mitbewohnerin aufzunehmen. Zus\u00e4tzlich f\u00e4ngt in Frankreich das Wintersemester bereits im September an, ich suchte also zeitgleich mit all den neuankommenden Studierenden eine Unterkunft. \u00dcber Airbnb fand ich schlie\u00dflich eine sehr liebe Gastfamilie, mit der ich mehrmals im Voraus telefonierte und vereinbarte, die ersten 3 Wochen \u00fcber die Website zu buchen und dann, wenn alles gut funktioniert, eine neue Miete unter uns auszumachen. Grunds\u00e4tzlich d\u00fcrfte die Wohnungssuche im Falle eines Aufenthalts von \u00fcber 6 Monaten wesentlich leichter sein, da dies sowohl die zeitliche Untergrenze zur Bewerbung auf die Wohnheime darstellte als auch als Mindestmietdauer der \u00fcberwiegenden Zahl an WG-Angeboten angegeben wurde. Trotzdem ist der Wohnungsmarkt in Toulouse f\u00fcr Studenten \u00e4hnlich angespannt wie in Berlin, man sollte sich also m\u00f6glichst fr\u00fch um eine Unterkunft bem\u00fchen und muss mit teils deutlich h\u00f6heren Mieten rechnen, abh\u00e4ngig von der Wahl des Bezirks (mit einer Miete von bis zu 650\u20ac f\u00fcr ein WG-Zimmer sollte durchaus gerechnet werden, die Studierendenwohnheime sind dagegen deutlich g\u00fcnstiger). Capitole, Carmes und Saint-Aubin sind die zentralsten und damit teuersten Bezirke der Stadt, da Toulouse aber \u00fcber sehr gute Anbindungen verf\u00fcgt und gemessen an Berlin sehr klein ist, ist man auch ausgehend von den weniger zentralen Gegenden noch innerhalb von 10 \u2013 20 min wieder in der Innenstadt.<\/p>\n<p><strong>Praktikum und Lernerfolg<\/strong><\/p>\n<p>Der Campus liegt im Stadtteil Rangueil s\u00fcdlich des Zentrums, ich wohnte nur 10 min mit dem Bus davon entfernt, wobei die Uni auch \u00fcber eine eigene U-Bahnstation und sogar eine <em>station t\u00e9l\u00e9o <\/em>verf\u00fcgt, eine \u00f6ffentliche Gondelbahn, mit der man die <em>Garonne (<\/em>Fluss) \u00fcberqueren kann, die die Stadt in zwei Teile teilt. Die Chemie-Arbeitsgruppen in Frankreich sind bez\u00fcglich der Mitarbeiter sehr unterschiedlich zu den deutschen aufgebaut, es gibt sehr viele festangestellte wissenschaftliche Mitarbeitende und vergleichsweise wenige Doktorand*innen, au\u00dferdem sind die Professor*innen nicht zwingend die Arbeitsgruppenleitenden und die Hierarchien sind allgemein sehr flach. An meinem ersten Arbeitstag wurde mir sofort das Du von allen Mitarbeitenden angeboten und die Betreuung erfolgte von allen ein Bisschen, gerade an diesen Umstand musste ich mich erst gew\u00f6hnen, da ich es aus Berlin gewohnt war, mit Fragen immer nur zu meinem eigentlichen Betreuer zu gehen. Die Chemiestudenten werden in Frankreich deutlich mehr an die Hand genommen als bei uns, beispielsweise sind jegliche Praktika auf denselben Zeitraum getaktet und werden gemeinsam geplant, was leider dazu f\u00fchrte, dass w\u00e4hrend meines Aufenthalts keine Studenten in meiner Arbeitsgruppe gearbeitet haben. Um hier leichter Anschluss zu finden, w\u00fcrde sich ein Praktikum zwischen Januar und Juli mehr anbieten, da in dieser Zeit alle Masterstudenten ihre Masterarbeiten in den Instituten absolvieren. Andererseits sind die Mitarbeitenden durch diese engmaschige Betreuung sehr um einen bem\u00fcht und eher mit unseren Mentor*innen als Professor*innen zu vergleichen, ich habe mich also schnell sehr gut aufgehoben und versorgt gef\u00fchlt. \u00dcber die Universit\u00e4t Paul Sabatier und ihre Angebote kann ich leider keine Auskunft geben, da ich au\u00dfer f\u00fcr einige Messungen nie auf dem Campus war, die Studierenden wirkten aber grunds\u00e4tzlich alle \u00e4hnlich zufrieden mit dem Chemie-Studiengang wie an der FU und durch den sehr geregelten Ablauf k\u00f6nnte ich mir vorstellen, dass sich ein ganzes Austauschsemester recht einfach gestalten d\u00fcrfte. Der Arbeitsanspruch, die Ausstattung des Instituts und das fachliche Niveau vor Ort waren sehr vergleichbar mit denen in Deutschland, wobei ich allerdings deutlich mehr praktische Erfahrung aus dem Labor verglichen mit meinen Kommilitonen in Frankreich mitbrachte. Anfangs wurde mir also noch sehr viel \u00fcber die Schulter geguckt, ich konnte dann aber schnell wieder selbstst\u00e4ndig arbeiten und mein Projekt eigenst\u00e4ndig planen, wobei mir aber bei Fragen immer alle T\u00fcren offenstanden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Zeit konnte ich zahlreiche neue Kontakte kn\u00fcpfen, gerade durch die flachen Hierarchien kam ich oft auch mit \u00e4lteren wissenschaftlichen Mitarbeitenden und Professor*innen ins Gespr\u00e4ch, wodurch ich nun wichtige neue Verbindungen zu Arbeitsgruppen verschiedener Universit\u00e4ten und L\u00e4nder gewonnen habe. Mein Franz\u00f6sisch hat sich w\u00e4hrend meines Aufenthalts deutlich verbessert, da meines Empfindens nach wesentlich weniger Englisch gesprochen wurde, als am Chemieinstitut in Berlin, gleichzeitig waren daf\u00fcr aber die vertretenen Nationen sehr divers, was nat\u00fcrlich einen interessanten kulturellen Einblick gab. Wer nur \u00fcber geringe Franz\u00f6sischkenntnisse verf\u00fcgt, k\u00f6nnte sich allerdings schnell ausgeschlossen f\u00fchlen, da gerade die Studierenden eher schlecht Englisch sprachen und dementsprechend lieber in frankofoner Gesellschaft blieben. Da ich mein Praktikum allerdings au\u00dferhalb eines festen Erasmus-Programms und sehr auf eigene Faust geplant hatte, k\u00f6nnte ich mir vorstellen, dass sich der Anschluss normalerweise einfacher gestaltet.<\/p>\n<p><strong>Alltag und Freizeit<\/strong><\/p>\n<p>Toulouse ist eine sehr gepflegte, typisch mediterrane Stadt mit einer wundersch\u00f6nen Altstadt, vielen Parks und vor allem einer langen Promenade entlang der <em>Garonne<\/em> und dem <em>Canal du Midi<\/em>, die zum Spazieren, Joggen und Picknicken einl\u00e4dt und jeden Abend zahlreiche Studierende um den <em>Place Saint-Pierre<\/em> herum anlockt. Wer aus Berlin kommt wird fast schon schockiert angesichts der Freundlichkeit der <em>Toulousains<\/em> sein, mir wurde \u00fcberall mit einer umwerfenden Hilfsbereitschaft und Fr\u00f6hlichkeit begegnet, was jeden Ausflug gleich noch sch\u00f6ner machte. Die Stadt ist randvoll mit Museen, Kirchen, Ausstellungen, regelm\u00e4\u00dfigen M\u00e4rkten, Sport- und Kulturveranstaltungen und wer zuf\u00e4llig im Oktober da ist, kann w\u00e4hrend der \u201e<em>semaine des \u00e9tudiants<\/em>\u201c vieles davon zu reduzierten Preisen entdecken. Grunds\u00e4tzlich werden alle Studierende unter 26 erstaunlich viel gef\u00f6rdert, der \u00d6PNV kostet mit einer <em>Carte Pastel<\/em> nur 10\u20ac monatlich, die Zugtickets in die umliegenden St\u00e4dte wie Bordeaux, Carcassonne, Albi oder in die Pyren\u00e4en sind deutlich reduziert und sogar in einigen Superm\u00e4rkten bekommt man bei Vorlage seines Studierendenausweises Rabatte auf seine Eink\u00e4ufe. \u00dcber eine studentische Hilfskraft in meiner Arbeitsgruppe habe ich schnell Anschluss an die Fachschaftsinitiative des Chemieinstituts gefunden, die regelm\u00e4\u00dfig Events wie Spielabende, Pub Crawls, Schlittschuhlaufen, Escape Rooms, Kochabende usw. organisiert haben, aber auch davon abgesehen ist in den Bars der Innenstadt immer etwas los und es herrschte immer eine sehr gesellige Atmosph\u00e4re, langweilig wird es also wirklich nie. Vor allem wer gerne in der Natur ist, kommt durch die N\u00e4he zu den Bergen definitiv nicht zu kurz und kann regelm\u00e4\u00dfig wandern, klettern oder Kanufahren gehen, im Winter sind auch diverse Skigebiete nicht weit. Zus\u00e4tzlich sind im Sommer sowohl der Atlantik, als auch das Mittelmeer mit dem Auto oder TGV innerhalb einiger Stunden erreicht und die St\u00e4dte auf dem Weg dorthin sind alle einen Abstecher wert. Durch die s\u00fcdliche Lage ist das Wetter das ganze Jahr \u00fcber wesentlich besser als in Berlin, was sich nat\u00fcrlich ebenfalls positiv auf die Laune und Unternehmungslust aus\u00fcbt und f\u00fcr mich, kombiniert mit all den oben genannten Faktoren, zu einem rundum spannenden, fr\u00f6hlichen und vielf\u00e4ltigen Aufenthalt beitrug. Durch die Pandemie waren einige Unternehmungsm\u00f6glichkeiten etwas eingeschr\u00e4nkt, aber nicht so sehr, wie ich bef\u00fcrchtet hatte.<\/p>\n<p><strong>Zus\u00e4tzliche Kosten und Sonstiges<\/strong><\/p>\n<p>Die Lebensmittel sind in Toulouse deutlich teurer als in Berlin und das Angebot nat\u00fcrlich etwas geringer, es lohnt sich demnach sehr, immer mal wieder einen Wochenmarkt zu besuchen und \u00fcberwiegend selbst zu kochen. Wie bereits beschrieben, k\u00f6nnte auch die Miete h\u00f6her ausfallen, und auch Bars und Restaurants sind etwas teurer, wenn auch nicht viel. Wer gut recherchiert kann aber als Student sehr viele Rabatte erhalten und Ausfl\u00fcge dementsprechend planen, die Erasmus+ F\u00f6rderung deckt also definitiv einen gro\u00dfen Teil der Kosten. Nichtsdestotrotz sollte man \u00fcber Erspartes\/Unterhalt\/weitere Stipendien o.\u00c4. verf\u00fcgen, um nicht bei den Freizeitaktivit\u00e4ten Abstriche machen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das Klischee der verschlossenen Franzosen wurde meines Erachtens eher widerlegt als best\u00e4tigt, wobei es wahrscheinlich sehr darauf ankommt, in welchem Kontext und mit welchem Sprachlevel man ankommt. Grunds\u00e4tzlich gab es f\u00fcr mich aber nichts, was ich besonders schwierig oder abschreckend empfand, vielmehr gew\u00f6hnt man sich schnell an die etwas gem\u00fctlichere Einstellung der Leute und kann sich mal von der deutschen Striktheit l\u00f6sen, ich hoffe, dass mir das noch eine Weile erhalten bleibt.<\/p>\n<p>Sowohl f\u00fcr ein Forschungspraktikum wie das meine, als auch ein ganzes Austauschsemester oder -jahr kann ich Toulouse nur w\u00e4rmstens empfehlen, an sich w\u00fcrde ich einen Zeitraum \u00fcber zwei Semester empfehlen, um einmal alle Jahreszeiten in den Bergen erleben zu k\u00f6nnen und vor allem viel Zeit zu haben, sich richtig einzuleben und die Stadt zu erkunden. Wer also eine bunte Mischung aus Kultur, Studenten-\/Nachtleben und Natur sucht, ist in Toulouse genau richtig, und alleine die vielen tollen neuen Menschen, die ich dort kennengelernt habe, haben mein Erasmus Praktikum f\u00fcr mich zu einer unglaublich wertvollen Erfahrung gemacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Zeit von Mitte September bis Mitte Dezember 2021 habe ich ein Forschungspraktikum\u00a0in Toulouse absolviert. 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