{"id":776,"date":"2023-05-09T11:26:16","date_gmt":"2023-05-09T09:26:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/?p=776"},"modified":"2024-07-08T12:46:10","modified_gmt":"2024-07-08T10:46:10","slug":"praktisches-jahr-in-norwegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/auslandspraktikum\/2023\/05\/09\/praktisches-jahr-in-norwegen\/","title":{"rendered":"Praktisches Jahr in Norwegen"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen meines praktischen Jahres verbrachte ich rund vier Monate von Anfang September bis Ende Dezember im Universit\u00e4tskrankenhaus in Troms\u00f8, einer kleinen norwegischen Universit\u00e4tsstadt knapp 340 Kilometer n\u00f6rdlich des Polarkreises. Es war mein zweiter l\u00e4ngerer Aufenthalt im Paris des Nordens, wie Troms\u00f8 auch liebevoll genannt wird, da ich bereits 2019 ein Erasmus-Semester dort verbracht hatte.<!--more--><\/p>\n<p>Zum damaligen Zeitpunkt (gl\u00fccklicherweise noch vor Corona) konnte ich erste Eindr\u00fccke von der norwegischen Kultur, sowie dem Leben und klinischen Arbeiten in Nordnorwegen sammeln. Troms\u00f8 beherbergt die n\u00f6rdlichste Universit\u00e4t und ist die gr\u00f6\u00dfte Stadt im Norden Norwegens. Der abgedroschene Spruch \u201edort leben, wo andere Urlaub machen\u201c trifft inzwischen noch besser zu, da Troms\u00f8 als Nordlicht-Hotspot immer bekannter und touristischer wird. Vor allem f\u00fcr Outdoor-Enthusiasten ist die Gegend in der Gemeinde Troms ein Eldorado. Bergsteigen, Klettern, Kayak fahren, Zelttouren im Sommer; Langlaufen, Skifahren, Wale beobachten, Nordlichter bestaunen und H\u00fcttentouren im Winter. Man merkt, dass ich neben meiner Zeit im Krankenhaus noch andere Motivationen hatte, an diesen wunderbaren Ort zur\u00fcckzukehren und mir mein obligatorisches Chirurgie-Tertial zu versch\u00f6nern.<\/p>\n<p>Zwar konnte ich nicht mehr ganz so viel Zeit in der Natur verbringen wie zu Zeiten meines Erasmus-Semesters, da ich abgesehen von wenigen Urlaubstagen jeden Tag im Krankenhaus zu erscheinen hatte, auch wenn das Aufgabenspektrum \u00fcberschaubar war, trotzdem haben mich die Erlebnisse darin best\u00e4rkt, dass es den organisatorischen Aufwand wieder einmal wert gewesen war. Dank der Kooperation der Charit\u00e9 mit der Universit\u00e4t in Troms\u00f8 klappte die Vermittlung gut.<\/p>\n<p>Meine Zeit im Krankenhaus in der Herz-, Thorax- und Gef\u00e4\u00dfchirurgie w\u00fcrde ich alles in allem als \u201egreit\u201c, auf Deutsch also in Ordnung beschreiben. Das medizinische Ausbildungssystem in Norwegen ist anders als in Deutschland. Nach sechs Jahren Universit\u00e4t mit vielen praktischen Anteilen in den letzten beiden Jahren folgen eineinhalb Jahre als sogenannter \u201eLege i spesialisering 1\u201c (LIS1), was mit unserem Praktischen Jahr gleichgesetzt werden kann. Den gr\u00f6\u00dften Unterschied stellt die existierende Bezahlung dar, die die Norweger f\u00fcr ihre Arbeit bekommen. Dementsprechend habe ich mich guten Gewissens als \u201eMedizinstudent\u201c ausgegeben, auch wenn ich im Prinzip auf derselben Ebene mit den, herk\u00f6mmlich als Turnus\u00e4rzten, bezeichneten norwegischen LIS1 war. Jeder Medizinstudent erh\u00e4lt einen veileder, einen Verantwortlichen, der als Ansprechpartner zur Verf\u00fcgung steht. Ich hatte sehr viel Gl\u00fcck mit meinem veileder, einem deutschen Assistenzarzt, der sich wirklich ins Zeug gelegt und mich sehr viel eingebunden hat. Generell ist man sowohl in der Herz-, Thorax-, Gef\u00e4\u00df- als auch in der Allgemein- und Viszeralchirurgie, in der eine Freundin zur gleichen Zeit ihr Tertial verbracht hat, sehr auf sich allein gestellt. Alle sind zwar sehr freundlich im Gespr\u00e4ch und die Stimmung ist gut, es wird viel gescherzt und gelacht, jedoch wird man nie initiativ gefragt, ob man bei einem Eingriff assistieren, oder einem spannenden Patientenfall beiwohnen m\u00f6chte. Dies l\u00e4sst sich sehr gut mit dem kulturell bedingt eher reservierten Verhalten der Norweger erkl\u00e4ren. So begann fast jeder Tag mit dem Durchforsten des OP-Programms, sowie der Abw\u00e4gung, ob ein Tag in der Rettungsstelle, der Poliklinik oder auf Station am spannendsten w\u00e4re.<\/p>\n<p>Zugegebenerma\u00dfen kam ich nicht optimal vorbereitet nach Norwegen. Zwar hie\u00df es von Seiten der Universit\u00e4t, dass ein B2-Level in Englisch gen\u00fcge, was f\u00fcr andere Stationen auch stimmen mag, doch macht es einen erheblichen Unterschied im Klinikalltag, ob man norwegisch ausreichend versteht und spricht, oder nicht. Laut den Aussagen anderer Austauschstudierender wurde auf anderen Abteilungen bei der Anwesenheit internationaler Studierender die Morgenbesprechung auf Englisch abgehalten, damit diese folgen konnten \u2013 die Herz-, Thorax-, Gef\u00e4\u00df-, sowie die Allgemein- und Viszeralchirurgen taten dies jedoch nicht, und so waren wir gezwungen, an unserem Norwegisch zu arbeiten, was f\u00fcr uns zweifellos sinnvoll, jedoch auch durchaus stressig und anstrengend war. Selbstst\u00e4ndig arbeiten konnte ich nach einiger Zeit bei der Aufnahme elektiver Patienten, dem Verfassen einfacher Epikrisen, der Aufnahme von Patienten in der Rettungsstelle und als erste und zweite Assistenz bei Operationen \u2013 wenn ich darum bat. Generell ist die Herz-, Thorax- und Gef\u00e4\u00dfchirurgie nicht unbedingt ein Feld, in dem man im OP als Student viel beitragen kann, da die Operationen meist sehr komplex sind und viel Fingerspitzengef\u00fchl erfordern. Im Nachhinein h\u00e4tte ich darum beten sollen, zwischen verschiedenen Abteilungen zu rotieren, um noch mehr sehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Trotzdem konnte ich mich ein wenig dort einbringen und im Rahmen der Dienste meines veileders auch andere Operationen miterleben. Da das medizinische Versorgungssystem in Norwegen anders strukturiert ist als in Deutschland und Patienten nicht ohne \u00dcberweisung durch einen legevakt in die Notaufnahme d\u00fcrfen, einer vorangeschalteten Stelle, die alle akuten Patienten beurteilt, die nicht \u00fcber den Rettungswagen die Notaufnahme erreichen, und generell die Haus\u00e4rzte in Norwegen ein sehr breites Spektrum an Behandlungen abdecken, waren in der Notaufnahme keine einfachen Schnittverletzungen zu n\u00e4hen und das N\u00e4hen beschr\u00e4nkte sich auf den OP-Saal.<\/p>\n<p>Generell kann man sagen, dass das Arbeitsklima in Norwegen um einiges angenehmer ist als in Deutschland. Zwar m\u00fcssen die Assistenz\u00e4rzte auch hier den gr\u00f6\u00dften Teil der unangenehmen Stationsarbeit erledigen und viele Dienste \u00fcbernehmen, trotzdem tr\u00e4gt der Angestelltenschl\u00fcssel dazu bei, dass alles entspannter abl\u00e4uft, und sowohl die Angestellten als auch die Patienten so gut wie immer zu einem Scherz aufgelegt sind und alle auf Augenh\u00f6he miteinander kommunizieren. Hierarchie wird in Norwegen klein geschrieben, was auch darin zum Ausdruck kommt, dass sich alle, sowohl Patienten als auch Chefarzt duzen. Auffallend war f\u00fcr mich auch, dass es pl\u00f6tzlich eine immense Rolle spielte, wo der Patient herkam, da dies einmal sprachlich einen gro\u00dfen Unterschied machte, da norwegische Dialekte mit gro\u00dfem Stolz gesprochen werden, um die jeweilige Herkunft zu deklarieren, dies jedoch auch f\u00fcr die Planung des Krankenhausaufenthaltes bzw. die Heimreise unabdingbar zu beachten war, da viele Patienten stundenlang zu ihrem Heimatort unterwegs waren oder sogar oft das Flugzeug nehmen mussten, da das Universit\u00e4tskrankenhaus den kompletten Teil Nordnorwegens von der russischen Grenze im Norden bis nach Nordland in Mittelnorwegen zu versorgen hat.<\/p>\n<p>Das Studentenleben in Troms\u00f8 bietet dank der gro\u00dfen Universit\u00e4t und den vielen Austauschstudenten einiges und es l\u00e4sst sich dort sehr gut leben. Ich bin froh, wieder dorthin zur\u00fcckgekehrt zu sein, mehr Kontakt zu Norwegern gehabt zu haben und einen besseren Einblick ins norwegische Gesundheitssystem bekommen zu haben. Ich hatte viele sch\u00f6ne Begegnungen und habe meine Zeit, trotz des ein oder anderen Hindernisses, sehr genossen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen meines praktischen Jahres verbrachte ich rund vier Monate von Anfang September bis Ende Dezember im Universit\u00e4tskrankenhaus in Troms\u00f8, einer kleinen norwegischen Universit\u00e4tsstadt knapp 340 Kilometer n\u00f6rdlich des Polarkreises. 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