{"id":1053,"date":"2018-07-08T18:00:16","date_gmt":"2018-07-08T16:00:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/?p=1053"},"modified":"2018-07-04T22:05:29","modified_gmt":"2018-07-04T20:05:29","slug":"funktion-folgt-form-folgt-fehlplanung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/2018\/07\/08\/funktion-folgt-form-folgt-fehlplanung\/","title":{"rendered":"Funktion folgt Form folgt Fehlplanung"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1056 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Foto-Beitrag-3-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Foto-Beitrag-3-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Foto-Beitrag-3-768x512.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Foto-Beitrag-3.jpg 839w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/>Der BER ist trocken gesagt ein dysfunktionales Milliardengrab und m\u00f6chte einfach nicht fertig werden. Und so bauen und planen zahlreiche Stadtplaner, Architekten und Ingenieure immer weiter an einem Megaprojekt, welches schon in der Planung auf dem Papier nicht seinem Bestimmungszweck nachkommen konnte: die ben\u00f6tigen Passagierkapazit\u00e4ten f\u00fcr die Hauptstadt zur Verf\u00fcgung zu stellen, die so dringend gebraucht werden und womit unter anderem auch, unter gro\u00dfem Protest, der unter Berlinern sehr beliebte Flughafen Tegel geschlossen wird. Um es in den markanten Worten von Flughafenplaner Dieter Faulenbach da Costa zu sagen, der oft als Kronzeuge zitiert wird, da er mit dem Anliegen BER schon seit 1992 betraut ist und nun in den Ruhestand wechselt: \u201eZu sp\u00e4t, zu klein zu teuer.\u201c<\/p>\n<p>Wie aber kann es sein, dass, obwohl signifikante Ressourcen bereitgestellt wurden und ein Team um einen hoch geachteten Stararchitekten mit diesem Projekt beauftragt wurden, eine Fertigstellung nicht gelingen will?<br \/>\nNun, auf diese Frage gibt es mehrere Antworten. Je nach dem wen man fragt erh\u00e4lt man eine andere Antwort. L\u00e4ngst ist der Fehlerfolg zu einem Politikum geworden, f\u00fcr dessen vermeintliche Schuld auch immer wieder K\u00f6pfe rollen, da die \u00d6ffentlichkeit nach einem klaren Schuldner verlangt.<\/p>\n<p>So hat auch Faulenbach da Costa seine eigenen Theorien anzubieten. Wir hatten das gro\u00dfe Vergn\u00fcgen ihn in Berlin zu interviewen, um uns Einblicke eines echten Insiders geben zu lassen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Seine Problemanalyse, basierend auf seiner Ingenieursperspektive, kommt zu einem beunruhigenden Befund. Einer der grundlegenden Gestaltungsleits\u00e4tze in der Architektur und im Design ist das Mantra: Form folgt Funktion. Dieser Grundsatz beruht auf folgenden \u00dcberlegungen: Erstens, was muss mein Projekt leisten und zweitens, wie komme ich dahin, wie baue ich das. Aus dem Zweck des Geb\u00e4udes leitet sich so mehr oder weniger die Form ab.<\/p>\n<p>Beim BER hingegen schein dieses Dogma allerdings anders herum angewendet worden zu sein. Funktion folgt Form. Denn schon ganz zum Anfang des Projektes wurden einige Basisvariablen festgelegt, die in Bezug auf die eigentliche Problemstellung, die Abfertigung des steigenden Passagieraufkommens in der zur Metropole wachsenden Gro\u00dfstadt Berlin, wenig sinnvoll erscheinen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1054 size-medium alignleft\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Foto-Beitrag-4-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Foto-Beitrag-4-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Foto-Beitrag-4-768x512.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Foto-Beitrag-4.jpg 856w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/> &#8222;Man wollte den Single-Airport haben, den sch\u00f6nsten, modernsten, tollsten Flughafen Europas und hat eigentlich das Vorzeige-Projekt f\u00fcr Fehlplanung in Europa gebaut.\u201c<br \/>\n(Zitat Faulenbach Da Costa)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Tat kann man feststellen, dass der BER urspr\u00fcnglich als Leuchtturmprojekt gedacht war, welches \u201ef\u00fcr die Zukunftsf\u00e4higkeit der Hauptstadtregion Berlin Brandenburg das wichtigste Infrastrukturprojekt sei\u201c, zu lesen auf einer Infotafel angebracht im Besucherbereich der BER-Baustelle. Weiter: \u201eMit dem neuen Flughafen werden vor allem durch ansteigende Passagierzahlen, die signifikante Standortg\u00fcte und durch zus\u00e4tzliche Kaufkraft neue Arbeitspl\u00e4tze entstehen.\u201c<br \/>\nDoch genau hier liegt schon der erste Planungsmangel, laut Faulenbach Da Costa.<\/p>\n<p>Davon abgesehen, dass der BER bereits bei der geplanten Er\u00f6ffnung nicht gen\u00fcgend Kapazit\u00e4ten gehabt h\u00e4tte, um das Passagieraufkommen in Berlin zu bew\u00e4ltigen, sei das gr\u00f6\u00dfere Problem die unpassende Standortwahl. Denn in etwa 20-30 Jahren wird der BER durch das immense Wachstum Berlins mitten in der Stadt liegen. Dort sollte der Flughafen laut Faulenbach da Costa definitiv nicht sein. Gegen die L\u00e4rmbel\u00e4stigung durch Flugh\u00e4fen setzt er sich pers\u00f6nlich, auch in seinem Heimatort Offenbach, massiv ein. \u201eFlugh\u00e4fen sind L\u00e4rmmaschinen, die geh\u00f6ren da nicht hin. Sondern die m\u00fcssen dorthin, wo sie keine L\u00e4rmbelastung ausl\u00f6sen.\u201c<\/p>\n<p>So hat Faulenbach da Costa bereits im Raumordnungsverfahren den Standort Sch\u00f6nefeld, der einer von sechs m\u00f6glichen Kandidaten war, als \u201eungeeignet\u201c eingestuft. Dass die Wahl trotzdem auf Sch\u00f6nefeld, den n\u00e4chstgelegenen Standort zu Berlin fiel, war letztendlich wohl zum L\u00f6wenanteil eine Prestigefrage. F\u00fcr die Form wurde der Zweck untergeordnet.<\/p>\n<p>Die Standortwahl war somit wahrscheinlich eine der ersten Fehlentscheidungen, aber mitnichten die letzte. Auch w\u00e4hrend den andauernden Bauarbeiten kam es immer wieder zu Planungsm\u00e4ngeln, die durch eine \u201eFlut an \u00c4nderungsantr\u00e4gen\u201c versucht wurden auszub\u00fcgeln. Doch vergebens, das st\u00e4ndige Nachsteuern verursachte neue Fehler und verkomplizierte das Projekt weiter und so wurden im Laufe der Bauarbeiten bis dato \u00fcber 500 \u00c4nderungsw\u00fcnsche des Bauherrn geltend gemacht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1055 size-medium alignright\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Foto-Beitrag-5-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Foto-Beitrag-5-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Foto-Beitrag-5-768x512.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Foto-Beitrag-5.jpg 897w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>\u201eDas Projekt war in seiner Anlage so fehlerhaft, dass der Architekt f\u00fcr jede \u00c4nderung (vom Auftraggeber und Aufsichtsrat) dankbar sein musste, sonst h\u00e4tte er ein Offenbarungseid leisten m\u00fcssen. Die Plan\u00e4nderungen haben sie gebraucht um die Fehler, die sie gemacht haben, zu \u00fcberdecken.\u201c<\/p>\n<p>Der Architekt des BER, Meinhard von Gerkan wird zu den erfolgreichsten Architekten von Deutschland gez\u00e4hlt. Mit einer riesigen Firma, gmp, hat er Projekte auf der ganzen Welt erfolgreich umgesetzt. Seinen ersten Flughafen entwarf der 83 J\u00e4hrige bereits mit 30. Der beliebte Otto Lilienthal Flughafen aka. Berlin-Tegel. Auch Tegel wird von Faulenbach da Costa f\u00fcr seine Lage, die f\u00fcr viele \u201eBerliner\u201c mit erheblicher Flugl\u00e4rmbel\u00e4stigung verbunden ist, scharf kritisiert. Und auch der neue Hauptstadtflughafen hat wohl aus diesem Problem nicht gelernt, wenngleich die Standortwahl nat\u00fcrlich keineswegs in von Gerkans Einflussm\u00f6glichkeiten lag. Doch das ist ja auch nicht das einzige, was Faulenbach da Costa an von Gerkans Flughafen kritisiert: Er habe eine Kathedrale des 21. Jahrhunderts bauen wollen. Bl\u00f6d nur, dass Kathedralen nicht ausbauf\u00e4hig seien. Laut Faulenbach da Costa hat man mit von Gerkan den falschen Mann in\u2019s Boot geholt; Einen Architekten, der viel von Prestige aber weniger von Flughafen und deren Funktionalit\u00e4t versteht. Zu weitl\u00e4ufig angelegte Teile des Flughafengeb\u00e4udes, wie etwa die ausladende Markthalle, verschenken die 360.000qm des Geb\u00e4udes, die eigentlich genug sein k\u00f6nnten, um \u00fcber 45 Millionen Passagiere pro Jahr abfertigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Andere Details, wie zum Beispiel die Flugzeugandockstellen, sehr gro\u00df f\u00fcr ein kleines Flugzeug, zu klein f\u00fcr ein gro\u00dfes, scheinen einfach nicht von der richtigen Seite angedacht worden zu sein. Zuerst hat man gebaut, dann \u00fcberlegt wof\u00fcr eigentlich.<\/p>\n<p>Interessant ist, dass Meinhard von Gerkan selbst nat\u00fcrlich auch eine Theorie hat, warum der Flughafenbau derma\u00dfen gefloppt ist. In seinem Buch \u201eBlackBox BER\u201c zeichnet sich ein Bild, in dem seine Planung ma\u00dfgeblich von wunschdenkenden Bauherren, dialogresistenten Flughafenchefs und manipulativen Projektsteurern beeinflusst worden ist, und er schlichtweg behauptet, er h\u00e4tte mehr Widerstand leisten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wo uns das am Ende l\u00e4sst ist schwierig zu beurteilen. Die Liste der gemachten Fehler ist lang und vielseitig. Und somit ist uns wahrscheinlich nur die Spitze des Eisberges, ja ein seltener Lichtblick in die Blackbox BER gew\u00e4hrt worden und daf\u00fcr sind wir dankbar. Wie man diese Darstellung bewertet kommt ganz darauf an, aus welcher Perspektive man dieses Projekt betrachtet und welche Quellen man heranzieht. Zur\u00fcck l\u00e4sst es uns etwas ratlos mit dem mulmigen Gef\u00fchl, dass die ganzen kausalen Zusammenh\u00e4nge in ihrer G\u00e4nze vielleicht nie ganz frei gelegt werden. Doch bis dahin schauen wir aufmerksam und gespannt auf die weitere Entwicklung und fiebern auf das neue Er\u00f6ffnungsdatum im Oktober 2020 hin, mal sehen ob\u2018s was wird.<\/p>\n<h3>Quellen:<\/h3>\n<p>Blackbox BER von Meinhard von Gerkan<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article118977408\/BER-Architekt-rechnet-mit-den-Flughafenplanern-ab.html\">https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article118977408\/BER-Architekt-rechnet-mit-den-Flughafenplanern-ab.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2015\/27\/meinhard-von-gerkan-architekt-privathaus\/seite-2\">https:\/\/www.zeit.de\/2015\/27\/meinhard-von-gerkan-architekt-privathaus\/seite-2<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.berlinjournal.biz\/dieter-faulenbach-da-costa-ber\/\">https:\/\/www.berlinjournal.biz\/dieter-faulenbach-da-costa-ber\/<\/a><\/p>\n<p>Interview mit Dieter Faulenbach da Costa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der BER ist trocken gesagt ein dysfunktionales Milliardengrab und m\u00f6chte einfach nicht fertig werden. 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