{"id":427,"date":"2018-06-27T12:00:41","date_gmt":"2018-06-27T10:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/?p=427"},"modified":"2018-06-24T21:18:53","modified_gmt":"2018-06-24T19:18:53","slug":"alfredo-di-mauro-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/2018\/06\/27\/alfredo-di-mauro-teil-1\/","title":{"rendered":"Alfredo Di Mauro: \u201eBER \u2013 das gro\u00dfe Projekt mit viel \u00c4rger\u201c (Teil I)"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man an das Projekt BER denkt, dann ist Alfredo Di Mauro sicher einer der ersten Namen, welchen man hiermit in Verbindung bringt.<\/p>\n<p>Der von den Medien als \u201efalscher Ingenieur\u201c verschriene Gr\u00fcnder des Ingenieurb\u00fcros \u201eTechnikConsult GmbH\u201c kam durch seine Beteiligung am BER in den Jahren 2007 bis 2014 zu ungewollter Ber\u00fchmtheit.<\/p>\n<p>Di Mauro war f\u00fcr die Planung eines Teils der Entrauchungsanlagen verantwortlich, seine fristlose K\u00fcndigung 2014 war ein schnell gefundenes Fressen f\u00fcr die Medien, die ihm nach der Er\u00f6ffnungsverz\u00f6gerung des Flughafens die Schuld f\u00fcr die Funktionsunf\u00e4higkeit besagter Anlagen zusprachen.<\/p>\n<p>Zuvor war Di Mauro bereits an der Planung der Entrauchungsanlage im Shoppingcenter ALEXA in Berlin beteiligt, jedoch ist er auch in Sachen Skandale nicht ganz unerfahren: Bereits 2002 wurde er beschuldigt, beim Bau eines \u00c4rztehauses in Offenbach gepfuscht zu haben.<\/p>\n<p>Wir haben Herrn Di Mauro getroffen und uns von ihm seine Sicht der Dinge erkl\u00e4ren lassen und ihn dazu befragt, wie es seiner Meinung nach zu den zahlreichen, vor allem technischen, Fehlern gekommen sei.<!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-440 aligncenter\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/06\/IMG_9903-1-300x167.jpg\" alt=\"\" width=\"365\" height=\"203\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/06\/IMG_9903-1-300x167.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/06\/IMG_9903-1-768x428.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/06\/IMG_9903-1-1024x571.jpg 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/06\/IMG_9903-1-1200x669.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 365px) 85vw, 365px\" \/><\/p>\n<p><strong>Frage: Wie kam es Ihrer Auffassung nach zu der geplatzten Er\u00f6ffnung 2012?<\/strong><\/p>\n<p>[Di Mauro]: \u201eNiemand hat begriffen, warum der Flughafen jetzt nicht fertig wird. Tatsache ist, dass wir schon 2010 dem Flughafen geschrieben haben: Der Flughafen wird nicht fertig 2010 \u2013 wir haben damals auch empfohlen, das Eine oder Andere zu ver\u00e4ndern, z.B. die Firma, die da t\u00e4tig ist &#8211; Teilk\u00fcndigungen, Verst\u00e4rkung rein zu bringen, um einfach die Terminsituationen zu forcieren. Denn es war schon 2010 ganz klar erkennbar: der Flughafen kann nicht fertig werden, weil die Firmen keine Vertr\u00e4ge mehr haben, keine p\u00f6nalisierten Strafen, d.h. es war alles so ein vager Zustand.\u201c<\/p>\n<p><strong>Frage: Was ist Ihrer Meinung nach die Ursache f\u00fcr diese Fehleinsch\u00e4tzung?<\/strong><\/p>\n<p>[Di Mauro]: \u201e&#8230;Das waren \u00fcber 500 [\u00c4nderungen], und das waren letztendlich \u00fcber drei gesamte Bauantr\u00e4ge, die da gestellt worden sind. (\u2026) Und das hat nat\u00fcrlich immer zur Folge, dass es Geld kostet, Verz\u00f6gerungen usw.<\/p>\n<p>(&#8230;) ich war der Meinung: jetzt ist es genug! Und da waren die Architekten der Meinung: das kriegen wir noch hin! So ein gewisser Optimismus: (\u2026) die Projektsteuerer aus M\u00fcnchen, die immer noch da drau\u00dfen sind, die haben gesagt: hier in M\u00fcnchen haben wir den Flughafen in Betrieb genommen, und die Entrauchungsanlage war noch nicht fertig, sondern Jahre sp\u00e4ter&#8230; behaupten und frohlocken sie noch damit! Das steht sogar auch im Untersuchungsausschuss!\u201c<\/p>\n<p><strong>Frage: Haben Sie erst als schon absehbar war, dass der Flughafen nicht rechtzeitig fertig wird es selber auch gemerkt, oder schon zu einem fr\u00fcheren Zeitpunkt? Bzw. gab es einen Zeitpunkt, zu dem man noch effektiv h\u00e4tte gegensteuern k\u00f6nnen und vielleicht die Verz\u00f6gerung auf 2013\/14 beschr\u00e4nken k\u00f6nnen? <\/strong><\/p>\n<p>[Di Mauro]: \u201eEs gibt ja ganz konkrete. Wir haben da viel Arbeit rein gesteckt &#8211; 2010 gab\u2019s einen Vorschlag, einen Vergabevorschlag an die Flughafengesellschaft (und) wir haben gesagt: mit dieser Firma wird der Termin nicht garantiert.<\/p>\n<p>Wir haben daraufhin Leistungen &#8211; die Firma Caverion oder Imka damals, also die gro\u00dfe Haustechnikfirma &#8211; ja gesagt: wir nehmen jetzt einen Teil der Leistungen raus, und wir vergeben das an andere Firmen, es gab also Ausschreibungen und andere Angebote, das war schon konkret und sehr fortgeschritten.<\/p>\n<p>Es gab auch ganz klare Zusagen von anderen Firmen, die gesagt haben: \u201ewir \u00fcbernehmen einen Teil und der Termin passt\u201c(&#8230;) Und was die Flughafengesellschaft dann gemacht hat, kann ich jetzt nur vermuten: Die haben wahrscheinlich unseren Vergabevorschlag genommen, haben es denen (der Haustechnik Firma, Anm. d. Red.) unter die Nase gehalten und haben gesagt: \u201eNa? Schaut mal? K\u00f6nnt ihr jetzt oder wollt ihr nicht?\u201c<\/p>\n<p>So und die haben wahrscheinlich gesagt: \u201eNaja das kriegen wir auch hin!\u201c<\/p>\n<p>Aber das gibt es nicht schriftlich, es gibt also nicht handfestes. Und kaum war das Ding dann abgeschmettert, da war das Trauerspiel wieder da, da ging es gerade weiter.<\/p>\n<p>Den Grund m\u00fcssen Sie sich selbst beantworten, man kann nur spekulieren. Vielleicht hat die Korruption da auch schon eine Rolle gespielt. Ich meine man hat ja sp\u00e4ter dann noch gemerkt, wer da noch die Hand aufgehalten hat.<\/p>\n<p>Man kann nicht nachvollziehen, warum der Bauherr an der Stelle sich damals nicht f\u00fcr eine terminsichernde Ma\u00dfnahme entschieden hat und dieser Firma weiter vertraut hat.\u201c<\/p>\n<p><strong>Frage: Wie wurde 2012 mit den Fehlern umgegangen?<\/strong><\/p>\n<p>[Di Mauro]: \u201e(&#8230;) der Flughafen war definitiv nicht fertig und da kamen (die) Ideen: Mensch \u2013 Maschinen-Schnittstelle. Das ist eine, in aller Deutlichkeit gesagt, technische Idiotie. Weil sowas \u00fcberhaupt in den Raum zu werfen, dass Menschen in der Lage seien, Technik zu ersetzen, dass da Menschen sich hinstellen und wenn einer sagt: \u201ces brennt\u201c, dann macht er die T\u00fcr auf oder die Fenster oder irgendwelche Mechanismen mit einem Knopf&#8230;das funktioniert nicht! Das funktioniert erst recht nicht, wenn die Entrauchung innerhalb von 90 Sekunden wirken muss, d.h. nicht eingeschaltet werden, sondern wirken! Das wird niemals funktionieren. Die Mensch-Maschine war eine Idee des Projektsteurers. (\u2026) Das waren die Optimisten. (\u2026) Davon habe ich mich distanziert, da geh\u00f6re ich nicht dazu.\u201c<\/p>\n<p><strong>Frage: H\u00e4tten die Probleme fr\u00fcher erkannt werden k\u00f6nnen, wenn die Kommunikation zwischen leitenden und ausf\u00fchrenden Personen anders organisiert gewesen w\u00e4re?<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>[Di Mauro]: (\u2026) die Gro\u00dfkopferten (Einflussreiche Person des \u00f6ffentlichen Lebens, meist aus Politik oder Wirtschaft, Anm. d. Red.) da oben, die meinten: es gibt einen Termin, es gibt ein Ziel und wir m\u00fcssen dann fertig werden. Egal was passiert.<\/p>\n<p>Und wenn einer kommt mit einem Problem \u2013 ich war einer von denen die Probleme aufgezeigt haben \u2013 was die mit meinen Unterlagen gemacht haben\u2026 Ich habe ja einiges \u00fcbergeben, ich habe aufgezeigt: Da sind Probleme und da sind Probleme.\u201c<\/p>\n<p><em>Di Mauro zeigt eine Kopie eines Schriftst\u00fccks, in welchem ihm mitgeteilt wird, dass seine an Herrn Mehdorn \u00fcbergebenen Planungsunterlagen aufgrund Platzmangels vernichtet wurden.<\/em><\/p>\n<p>\u201e(\u2026) Da k\u00f6nnen Sie sehen was die mit den Unterlagen gemacht haben. Die haben sie aus Platzgr\u00fcnden geschreddert.<\/p>\n<p>So und dann fragt man sich auch da, war es die Inkompetenz der Flughafengesellschaft, haben sie das nicht verstanden? Oder haben sie es verstanden und gebilligt, damit andere davon profitiert haben.<\/p>\n<p>(&#8230;) Das hei\u00dft Mehdorn und Co. wollten \u00fcberhaupt keine Probleme sehen, zack! Deckel drauf, weitermachen! Und die Probleme, die waren damals schon da, die sind heute noch da und es gibt noch andere Probleme, die bis heute kaum noch jemand kennt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Frage: Der geplante Er\u00f6ffnungstermin liegt ja mittlerweile sechs Jahre zur\u00fcck. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund wieso der Flughafen immer noch nicht er\u00f6ffnet ist? <\/strong><\/p>\n<p>[Di Mauro]: \u201eIn erster Linie liegt das an dem Bauherrn (die Flughafengesellschaft, Anm. d. Red.), der f\u00fcr diesen Zustand gesorgt hat. (&#8230;) Weil die Flughafengesellschaft die zuvor genannten Probleme nicht erkennt oder nicht wahrhaben will. Weil sie nur die Fertigstellung sehen, machen sie immer den n\u00e4chsten gro\u00dfen Fehler. Man h\u00e4tte zugeben k\u00f6nnen, dass Vorg\u00e4nger Dinge \u00fcbersehen haben und diese bereinigen k\u00f6nnen, aber das machen sie nicht. (&#8230;) Und die Politik macht nat\u00fcrlich Druck und will nur wissen, wann der Flughafen fertig wird. Und keiner traut sich Farbe zu bekennen\u201c<\/p>\n<p><strong>Frage: Die Medien hatten sich auf Sie als S\u00fcndenbock eingeschossen. W\u00fcrden Sie dies als Sabotage von Seiten der Flughafengesellschaft bezeichnen?<\/strong><\/p>\n<p>[Di Mauro]: Nein, das ist eine Vertuschung. Die Flughafengesellschaft hat Fehler gemacht. Und die sch\u00fctzen sich gegenseitig. (&#8230;) Dann hat sich aber herausgestellt, dass er (Gro\u00dfmann, Anm. d. Red.) korrupt war und Schmiergelder genommen hat und vielleicht aus diesem Grund die Teilung der Anlage genehmigt hat, vermute ich mal. Der Umbau war nicht n\u00f6tig, es haben die Firmen profitiert, die teilweise Fehler verbaut haben. Die Fehler haben wir aufgedeckt. Auf die haben wir aufmerksam gemacht, dass sie anders gebaut haben als der Plan war. Und das waren gro\u00dfe Fehler in Millionenh\u00f6he. Es ging also nicht nur um kleine Fehler, sondern um gravierende. Der Verzug, der aufgrund dieser Fehler entstanden ist, ist enorm. Das ist ja das Gef\u00e4hrliche dabei. Da waren die alle vorsichtig und sind mit Artillerie und Panzer aufgefahren und ich musste mich geschlagen geben.<\/p>\n<p>Also um das nochmal zu sagen, die Fehler die Gro\u00dfmann begangen hat, hat die Flughafengesellschaft bestimmt intern juristisch abgesichert, aber nach au\u00dfen verteidigt. Sonst h\u00e4tten sie nach au\u00dfen gezeigt, dass das ganze Ding aus dem Ruder l\u00e4uft. Und vor allen Dingen haben sie keine Antwort darauf, warum sie die Tests nicht durchgef\u00fchrt haben. Wir haben sogar noch Berechnungen get\u00e4tigt, und dann war es vorbei.\u201c<\/p>\n<p><strong>Frage: Die Er\u00f6ffnung ist ja aktuell auf Herbst 2020 angesetzt. Halten Sie diesen Termin f\u00fcr realistisch?<\/strong><\/p>\n<p>[Di Mauro]: \u201eWenn man diese Probleme sieht, plus was ja sonst noch existiert, dann kann man nur sagen: 2020 wird nicht funktionieren.<\/p>\n<p>(&#8230;) Die Probleme, die waren damals schon da, die sind heute noch da und es gibt noch andere Probleme, die bis heute kaum noch jemand kennt (\u2026) und die werden nach und nach alle rauskommen und deswegen wird sich der Flughafen noch weiter verz\u00f6gern.<\/p>\n<p>(&#8230;) Deswegen: 2020 sehe ich definitiv nicht, alleine vom Ablauf her (\u2026). Wenn alles gut geht und noch vertuscht wird, dann vielleicht in 3-4 Jahren, wenn die Probleme aber \u00f6ffentlich werden, dann ist alles vorbei; dann ist der Schaden so gro\u00df, dann kann der BER in der Form so nicht \u00f6ffnen, dann sprechen wir von 5-6 Jahren noch einmal zus\u00e4tzlich.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass man die eben genannten Probleme (dauerhaft) vertuschen kann. Das hat man in der Vergangenheit versucht, man hat auch Leute dort gehabt die ein Auge zugedr\u00fcckt haben.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-441 aligncenter\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/06\/IMG_9941-300x163.jpg\" alt=\"\" width=\"407\" height=\"221\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/06\/IMG_9941-300x163.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/06\/IMG_9941-768x418.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/06\/IMG_9941-1024x558.jpg 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/06\/IMG_9941-1200x653.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 407px) 85vw, 407px\" \/><\/p>\n<p>In diesem Interview wird deutlich, wie klar Di Mauro seinen Standpunkt vertritt und davon \u00fcberzeugt ist, dass hier unter anderem das Problem der Vertuschung und des nicht funktionierenden Fehlermanagements f\u00fcr das Auftreten der Fehler und die zahlreichen Terminverschiebungen verantwortlich ist.<\/p>\n<p>Welche anderen Gr\u00fcnde Di Mauro noch f\u00fcr das Scheitern des BER-Projekts verantwortlich macht zeigen wir im n\u00e4chsten Blog-Post zum Interview: \u201eBER \u2013 das gro\u00dfe Projekt mit viel \u00c4rger\u201c (Teil II)&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man an das Projekt BER denkt, dann ist Alfredo Di Mauro sicher einer der ersten Namen, welchen man hiermit in Verbindung bringt. 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