{"id":902,"date":"2018-07-01T18:00:32","date_gmt":"2018-07-01T16:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/?p=902"},"modified":"2018-07-04T20:11:25","modified_gmt":"2018-07-04T18:11:25","slug":"es-wird-nicht-mehr-schoen-in-schoenefeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/2018\/07\/01\/es-wird-nicht-mehr-schoen-in-schoenefeld\/","title":{"rendered":"\u201cEs wird nicht mehr sch\u00f6n in Sch\u00f6nefeld!\u201d"},"content":{"rendered":"<p>Dieses Statement von Martin Delius beschreibt die Meinung des ehemaligen Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses, zur Aufkl\u00e4rung der Kosten- und Termin\u00fcberschreitungen beim Bau des BER, ziemlich gut.<\/p>\n<figure id=\"attachment_903\" aria-describedby=\"caption-attachment-903\" style=\"width: 255px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-903 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/06\/Martin-255x300.png\" alt=\"\" width=\"255\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/06\/Martin-255x300.png 255w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/06\/Martin.png 360w\" sizes=\"auto, (max-width: 255px) 85vw, 255px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-903\" class=\"wp-caption-text\">Martin Delius<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Rahmen eines Interviews mit <u>Martin Delius<\/u> erl\u00e4uterte er uns aus seiner Sicht, warum und wie aus dem Gro\u00dfprojekt BER der Pannenflughafen BER wurde. Dabei betonte Delius, dass er zur Zeit des Untersuchungsausschusses zwar Mitglied der Piratenpartei Deutschland war, inzwischen aber den Linken beigetreten sei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Anfang vom Ende &#8211; war dieser vielleicht im Vorhinein schon abzusehen? Delius differenziert zwischen drei Komponenten, die den Verlauf des Projektes nachhaltig pr\u00e4gten: die Standortwahl, die Komplexit\u00e4t des Projektes sowie die Struktur der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Bereits die erste fundamentale Fehlentscheidung lie\u00df im \u201cvon Anfang an politisch [&#8230;] [gepr\u00e4gten] Projekt\u201d<sup>1<\/sup> nicht lange auf sich warten. W\u00e4hrend Gutachter im Standortfindungsverfahren gewissenhaft Sperenberg als geeignetsten Standort deklarierten, reihte sich Sch\u00f6nefeld erst als die \u201cvierte, f\u00fcnfte, sechste Wahl\u201d ein. 1996 f\u00e4llt die Wahl im Konsensbeschluss dennoch auf den Standort Sch\u00f6nefeld.<\/p>\n<p>Diese nicht nachvollziehbare Entscheidung sollte nicht die letzte dieser Art bleiben. Bei der Kostenkalkulation setzte man nach gescheiterter Privatisierung auf eine Aufteilung in einzelne Lose, um einen harten Konkurrenzkampf und Preisdruck bei den einzelnen Unternehmen zu forcieren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die FBB dabei ganz nach dem Motto \u201cDas Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile\u201d argumentierte, positioniert sich Delius klar zu dieser Vorgehensweise der Zerst\u00fcckelung bei der Kostenkalkulation: \u201cDie Idee ist v\u00f6llig absurd [&#8230;].\u201d<sup>2<\/sup> Man wird demnach am Ende immer mehr bezahlen, wenn mehrere Firmen daran beteiligt sind anstelle von einem einzigen Generalplaner. So w\u00e4re es vielleicht die bessere Herangehensweise gewesen, den Preis des komplexen Projektes von Anfang an festzulegen.<\/p>\n<p>Wenn auf mangelnde Entscheidungskompetenz und verantwortungslose Kostenkalkulation auch noch Unbelehrbarkeit folgt, schwinden die Hoffnungen, die \u201cBlackbox [BER]\u201d<sup>3<\/sup> jemals erfolgreich \u00f6ffnen zu k\u00f6nnen. Die FBB ignorierte dabei beispielsweise Empfehlungen von Gutachtern, welche feststellten, dass man \u201ceinen Planungsstopp machen m\u00fcsste [&#8230;].\u201d<sup>4<\/sup> Dabei \u201c[haben] sie sich immer dazu entschieden, im Prinzip nichts zu machen [&#8230;], und das durch Einsatz von Geld punktuell zu verschleiern [&#8230;]\u201d<sup>5<\/sup>. Delius betonte abschlie\u00dfend, dass \u201cbis heute [&#8230;] der Kern des Problems an diesem Flughafenprojekt ist, dass man keinen \u00dcberblick \u00fcber das Projekt hat.\u201d<sup>6<\/sup><\/p>\n<p><strong>Sie waren Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zur Aufkl\u00e4rung der Kosten- und Termin\u00fcberschreitungen beim Bau des \u00a0BER. Denken Sie, dass der Untersuchungsausschuss seine Aufgaben erf\u00fcllen konnte, vor allem in Anbetracht dessen, dass der BER noch immer nicht er\u00f6ffnet wurde?<\/strong><\/p>\n<p>Martin Delius: \u201cJa. Er hat seine Aufgaben erf\u00fcllt das kann man auch nachweisen, weil wir ja die uns gestellten Fragen durch das Parlament beantwortet haben. Das Ding ist, dass der Untersuchungsausschuss nat\u00fcrlich nicht dabei helfen konnte den BER fertig zu stellen. [&#8230;] Untersuchungsaussch\u00fcsse sind keine Aufsichtsr\u00e4te, das d\u00fcrfen sie nicht sein. [&#8230;] Ein Untersuchungsausschuss hat [aber] sehr viel Macht. Als Vorsitzender konnte ich, nat\u00fcrlich mit Billigung des Gremiums, Bu\u00dfgelder verh\u00e4ngen, Leute [durch die Staatsanwaltschaft] einsperren lassen, [aber das] muss man alles beantragen. Das ist f\u00fcr ein parlamentarisches Gremium, wo keine Juristen sitzen, [&#8230;] wahnsinnig viel Macht. [&#8230;] Ich habe Antragsrechte gehabt, die sonst ein Staatsanwalt h\u00e4tte. Wie das so ist, wie bei Spiderman \u201cwith great power comes great responsibility\u201d. Deswegen gibt es verfassungsrechtlich einige Schranken f\u00fcr das Wirken von Untersuchungsaussch\u00fcssen. [&#8230;] Wir haben ein Bestimmtheitsgebot. [&#8230;] Ich kann nicht einen dauerhaften Untersuchungsausschuss einrichten und quasi damit die Justiz aushebeln [&#8230;]. Wir haben das sehr weit ausgereizt, weil das Projekt ja nach 2012 weiterhin ein Skandal blieb und auch immer wieder neue Dinge sich ergeben haben. Wir haben zwei Mal den Untersuchungsauftrag erweitert und damit daf\u00fcr gesorgt, dass zwei Mal ein neues sp\u00e4testes Untersuchungsdatum existiert hat. In einem Untersuchungsausschuss darf man nur Dinge und Unterlagen abfragen [&#8230;], die vor dem Beschluss des Untersuchungsauftrags passiert sind.[&#8230;] Wir haben gute Gr\u00fcnde gehabt das [sp\u00e4teste Untersuchungsdatum] zwei Mal zu \u00e4ndern, aber das hatte schon fast den Charakter eines kontinuierlichen Ausschusses, eben weil der Skandal und das Projekt weiter lief. [&#8230;] Insofern ja, wir haben unseren Auftrag erf\u00fcllt. Der hat aber nicht ausgereicht um das Ding fertig zu stellen [&#8230;].\u201d<\/p>\n<p><strong>Was w\u00e4ren aus Ihrer Sicht vermeidbare Komplikationen, welche nicht von Anfang an in Betracht gezogen wurden und die man somit h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Martin Delius: \u201c[&#8230;] die schlimmste Komplikation aus der die allermeisten technischen Probleme heute folgen, war, dass man nicht auf die Nutzungs\u00e4nderung und die neuen Planungsanforderungen 2009 bis 2010 reagiert hat. [&#8230;] Mit den Nutzungs\u00e4nderungen kam [&#8230;] das Controlling Unternehmen und hat eine Zeitplan- Prognose aufgestellt[&#8230;] und [&#8230;] festgestellt: wir m\u00fcssen nochmal neu planen [&#8230;]. Die Art, wie die Passagierstr\u00f6me [&#8230;] durch das Terminal geleitet werden, wurde komplett umgestellt. [&#8230;.] Was die Wege komplett ver\u00e4ndert hat, was die Notwendigkeit des Umsetzens von Brandschutzw\u00e4nden bedeutet hat, was die Notwendigkeit des Umbaus der Entrauchungsanlage bedeutet hat, was R\u00e4ume und Zuschnitte komplett ver\u00e4ndert hat [&#8230;] war den Controllern klar. [&#8230;] Das war auch das, was direkt [&#8230;] an die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung berichtet [wurde] [&#8230;]: \u00a0Wir k\u00f6nnen mit diesen aktuellen Pl\u00e4nen, mit dem aktuellen Detailgrad den wir haben, die neuen Nutzungs\u00e4nderungen nicht umsetzen. [&#8230;] Die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung wollte von dieser Terminverschiebung nichts h\u00f6ren. [&#8230;] Das zweite was sie beauftragt haben ist, dass es keinen Planungsstopp gibt. Die Firmen sollen mit den Planern zusammen auf der Baustelle von der Entwurfsplanung in die Umsetzungsplanung arbeiten. Das ist dieses \u00b4parallele Planen und Bauen\u00b4 was dann auch in der Presse stand. Der gr\u00f6\u00dfte Unsinn den ich je geh\u00f6rt habe. [&#8230;] Die Firmen werden nach Zeit bezahlt und niemand kann den Firmen nachweisen, dass sie etwas nicht in einer ad\u00e4quaten sondern in einer zu langen Zeitphase mit zu vielen Ressourcen gemacht haben [&#8230;]. Das ist passiert und zwar komplett durch das ganze Geb\u00e4ude. Der Grund daf\u00fcr war die v\u00f6llig vermeidbare Entscheidung an die Zeitpl\u00e4ne nicht ranzugehen[&#8230;] statt zu sagen wir m\u00fcssen jetzt einen Baustopp machen, um das ganze zu \u00fcberpr\u00fcfen und dann im Zweifel auch ein halbes Jahr sp\u00e4ter nochmal \u00fcber einen Er\u00f6ffnungstermin nachzudenken [&#8230;]. Man hat ignoriert, dass McKinsey, die das gemanaged haben, gesagt hat \u2018wir k\u00f6nnen unseren Auftrag nicht erf\u00fcllen, weil wir nicht Teile des Geb\u00e4udes bekommen, wo wir das machen m\u00fcssten. Wir k\u00f6nnen auch nicht Check in Check out Simulationen machen [&#8230;]. Wir k\u00f6nnen die Leute nicht trainieren, weil wir die St\u00e4nde nicht besetzen k\u00f6nnen, da das Geb\u00e4ude nicht fertig ist [&#8230;].\u2019 Man hat das alles ignoriert. [&#8230;] Auf dieser Ignoranz gegen\u00fcber den Notwendigkeiten bei Nutzungs\u00e4nderungen baut alles andere auf was technisch in dem Geb\u00e4ude falsch gelaufen ist.\u201d<\/p>\n<p><strong>Der BER ist ja meist mit negativen Schlagzeilen in den Medien. Denken Sie es gibt auch etwas, was besonders gut funktioniert hat oder was Sie loben w\u00fcrden?<\/strong><\/p>\n<p>Martin Delius: \u201c[&#8230;] Nein es gibt nichts. [&#8230;] Es ist [aber] nicht so, als h\u00e4tte man [im Untersuchungsausschuss] nicht auch mal irgendwann [&#8230;] davon getr\u00e4umt [&#8230;] was Sch\u00f6nes zu finden. Was geil war, [&#8230;] war der Entwurf. Das ist ein wundersch\u00f6ner Flughafen. Also wenn der mal irgendwann fertig werden w\u00fcrde, dann ist das eine echte Bereicherung f\u00fcr diese Stadt, weil let&#8217;s face it: Wir sind nicht gesegnet mit guten Flugh\u00e4fen. [&#8230;] unsere Flugh\u00e4fen sind alle schei\u00dfe [&#8230;]. \u00dcber Jahre hinweg immer in den Top 10 der schlechtesten Flugh\u00e4fen der Welt. [&#8230;] Ich meine es gibt auch Schei\u00df- Flugh\u00e4fen in London, aber es gibt auch gute Flugh\u00e4fen in London. Die aber haben wir halt nicht. Und das w\u00e4re sch\u00f6n wenn der fertig [w\u00e4re].\u201d<\/p>\n<p><strong>Sie sagten gerade schon \u201cWenn der Er\u00f6ffnen wird\u201d. Halten Sie BER 2020 f\u00fcr realistisch?<\/strong><\/p>\n<p>Martin Delius: \u201cDa muss ich sagen, dass ich mich dazu nicht \u00e4u\u00dfere.\u201d<\/p>\n<p><em><u>Fu\u00dfnoten\u00fcbersicht<\/u><\/em><br \/>\n<em><sup>1-6 <\/sup>Delius, Martin (2018), ehemaliger Politiker der Piratenpartei Deutschland (seit 2016: Fraktion Die Linke) und Vorsitzender des Untersuchungsausschusses, Interview vom 11.06.2018<\/em><\/p>\n<p>Autoren: Melina Morgenstern, Jalin Bulut, Rebecca Marzahn, Nina Albinus, Tatjana J\u00e4ger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Statement von Martin Delius beschreibt die Meinung des ehemaligen Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses, zur Aufkl\u00e4rung der Kosten- und Termin\u00fcberschreitungen beim Bau des BER, ziemlich gut. Im Rahmen eines Interviews mit Martin Delius erl\u00e4uterte er uns aus seiner Sicht, warum und wie aus dem Gro\u00dfprojekt BER der Pannenflughafen BER wurde. 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