{"id":968,"date":"2018-07-03T12:00:53","date_gmt":"2018-07-03T10:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/?p=968"},"modified":"2018-07-03T17:29:06","modified_gmt":"2018-07-03T15:29:06","slug":"ein-interview-mit-herrn-marx","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/2018\/07\/03\/ein-interview-mit-herrn-marx\/","title":{"rendered":"BER &#8211; &#8222;desperately needed&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Im Zuge unserer Untersuchung bzgl. des Einflusses der Stakeholder auf den BER, liegt unser Schwerpunkt auf dem Verhalten der Fluggesellschaften. W\u00e4hrend der Arbeit kamen viele Fragen auf, deren Beantwortung sich im Rahmen einer Internetrecherche als schwierig erwies.<\/p>\n<p>Erfreulicherweise stand am Freitag, den 15.06.2018, ein Interview mit dem Station Manager der Fluggesellschaft Air France KLM, Karl Marx, an.<br \/>\nDieser begann bereits 1988 seine Karriere als Airport Agent in M\u00fcnchen. Rund 8 Jahre sp\u00e4ter wurde er Deputy Station Manager in Frankfurt. Im Laufe seiner weiteren Karriere, arbeitete er viele Jahre am Standort Berlin. Heute ist er als Station Manager verantwortlich f\u00fcr:<br \/>\no\u00a0 Sicherheitsmanagement Systeme<br \/>\no\u00a0 Qualit\u00e4tsmanagement<br \/>\no\u00a0 Leistungs\u00fcberwachung<br \/>\no\u00a0 Digitalisierung und Self-Services<br \/>\no\u00a0 Neue Technologien und Prozesse<br \/>\nDa er durch seine T\u00e4tigkeit \u00fcber sehr viel betriebsspezifisches Wissen verf\u00fcgt, eignete er sich besonders gut f\u00fcr die Beantwortung unserer Fragen.<br \/>\nAbgesehen von den Managementt\u00e4tigkeiten war er in drei Infrastrukturaussch\u00fcssen an der Flughafenentwicklung beteiligt und kennt die internen Abl\u00e4ufe verschiedener Flughafenprojekte.<br \/>\nHerr Marx kam gut gelaunt in den Raum, begr\u00fc\u00dfte uns und stellte sich vor. Die Stimmung war sehr locker. Dann begann das Interview.<br \/>\nWarum Tegel geschlossen werden muss und Fluggesellschaften sich zum Thema BER generell eher zur\u00fcckhaltend \u00e4u\u00dfern erkl\u00e4rt er im folgenden Interview.[1]<\/p>\n<p><strong>Was macht einen potenziellen Flughafenstandort f\u00fcr eine Fluggesellschaft wichtig?<\/strong><\/p>\n<p>Ein Flughafen kann zwei Funktionen erf\u00fcllen: Er kann als ein lokaler Flughafen mit einem gro\u00dfen Einzugsgebiet fungieren. Dabei wird er nicht nur f\u00fcr Urlaubs-, sondern auch f\u00fcr Businessreisen genutzt. Damit verdienen wir als Air France das meiste Geld.<br \/>\nAu\u00dferdem kann er als Drehkreuz genutzt werden. Passagiere, die von andernorts kommen, verlassen den Flughafen nicht, sondern nehmen Anschlussfl\u00fcge. Solche Drehkreuze sind Frankfurt und M\u00fcnchen f\u00fcr Lufthansa. F\u00fcr uns sind es Paris und Amsterdam.<br \/>\nPunkt-zu-Punkt-Fl\u00fcge erfordern mehr Logistik und Infrastruktur. Sie werden meistens von Billigairlines durchgef\u00fchrt. Generell sind sie im Vergleich eher teuer. Wir k\u00f6nnen 400 Reiseziele anbieten. Billigairlines dagegen k\u00f6nnen dies normalerweise nicht.<br \/>\nEin Drehkreuz ist sehr wichtig. Meiner Meinung nach wird Berlin aber nicht zum Drehkreuz.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Hat Berlin Ihrer Meinung nach trotzdem eine hohe Bedeutung f\u00fcr Fluggesellschaften? Auch f\u00fcr internationale?\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>Ja, es existiert eine sehr gro\u00dfe Nachfrage f\u00fcr Berlin, was auch verst\u00e4ndlich ist, denn es ist die Hauptstadt. Berlin hat eine sehr hohe Bedeutung. Unser Passagieraufkommen liegt deutschlandweit bei 5,4 Millionen Passagieren pro Jahr. 1,2 Millionen Passagiere sind es allein f\u00fcr Berlin. Berlin ist in Deutschland mit Abstand die wichtigste Station f\u00fcr uns.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-972 alignleft\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Bild1-300x199.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Bild1-300x199.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/ber\/files\/2018\/07\/Bild1.png 629w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/p>\n<p><strong>Wie stehen Sie zur Offenhaltung des Flughafen Tegels?\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, dass beide Flugh\u00e4fen f\u00fcr eine gewisse Zeit offenbleiben werden. Es wurde eine Vereinbarung zwischen den L\u00e4ndern Berlin und Brandenburg getroffen. Darin wurde verabschiedet, dass die Schlie\u00dfung des alten Flughafens eine Grundvoraussetzung f\u00fcr die Baugenehmigung des BER darstellt. Die Idee war es einen einzigen Flughafen zu haben. Tegel muss im Rahmen des gesetzlichen Beschlusses geschlossen werden. Dieser kann aber auch noch ge\u00e4ndert werden.<br \/>\nMeiner Meinung nach muss Tegel schlie\u00dfen. Ich bin ein Fan von Tegel. Ich war Station Manager in Tegel. Aber Tegel aus Kapazit\u00e4tsgr\u00fcnden am Leben zu erhalten, ist nicht die L\u00f6sung. Zwei Flugh\u00e4fen bedeuten auch doppelte Kosten.<br \/>\nEs gibt einen Masterplan f\u00fcr eine Kapazit\u00e4tssteigerung des BER, um bis zu 55 Millionen Passagiere pro Jahr zu erreichen. Wir sind heute bei 32 Millionen. Oft h\u00f6rt man in der Diskussion um mehrere innerst\u00e4dtische Flugh\u00e4fen, dass andere Gro\u00dfst\u00e4dte auch mehr als einen Flughafen besitzen. Wenn Sie sich aber Amsterdams Flughafen mit 66 Millionen oder Frankfurts Flughafen mit rund 70 Millionen Passagieren anschauen, sehen Sie, dass es nicht notwendig ist, zwei Flugh\u00e4fen aufrecht zu erhalten. Wir brauchen also nur einen Flughafen, welcher der Nachfrage entspricht. Es macht langfristig keinen Sinn, Tegel am Laufen zu halten.<\/p>\n<p><strong>Warum z\u00f6gern die Fluggesellschaften so sehr die Lage zu kommentieren? <\/strong><\/p>\n<p>Wir tun es. Vielleicht nicht \u00f6ffentlich, aber wir haben BARIG und BDF, die sich intern mit allem auseinandersetzen. Es ist sehr riskant. Das ist der Grund, warum ich immer aus meiner eigenen Erfahrung spreche und nur meine pers\u00f6nliche Meinung mit Ihnen teile. Wir wollen nicht zu den politischen Spannungen beitragen, die wir bereits haben.<br \/>\nEs wird an zentralen und konstruktiven Grundlagen seitens der Airlines gearbeitet.<\/p>\n<p><strong>Denken Sie, dass es hilft, wenn sich die Fluggesellschaften st\u00e4rker beteiligen w\u00fcrden und mehr \u00f6ffentlich Stellung nehmen w\u00fcrden? <\/strong><\/p>\n<p>Ich denke es w\u00fcrde nicht helfen und die Prozesse auch nicht beschleunigen. In den fr\u00fcheren Stadien des Bauprozesses kamen Vorschl\u00e4ge, den BER abzurei\u00dfen und neu zu bauen. Ich denke, es ist noch nicht zu sp\u00e4t. Es gibt bei uns Mitarbeiter, die sich mehr als ich mit Flugh\u00e4fen weltweit besch\u00e4ftigen und welche auch den BER mehr oder weniger beraten. Was man beobachten kann, ist dass es einfach Zeit braucht.<\/p>\n<p><strong>Lufthansa-Vorsitzender Thorsten Dirks \u00e4u\u00dferte sich bei einem Interview &#8222;Der BER wird abgerissen und neu gebaut&#8220;. Wie sch\u00e4tzen Sie die Auswirkungen solcher Aussagen auf die \u00d6ffentlichkeit ein?<\/strong><\/p>\n<p>Diese Statements sind nicht hilfreich. Sie erzeugen unn\u00f6tigen Wirbel. Obwohl diese Aussage nicht komplett falsch war, ist es nicht hilfreich, sie zu ver\u00f6ffentlichen. Ich denke, es war nicht die Absicht des Mannes, sie der Presse zug\u00e4nglich zu machen. Was man f\u00fcr den BER braucht, ist Ruhe, um die Arbeit fertigzustellen.<\/p>\n<p><strong>Spielen Nachtflugverbote eine entscheidende Rolle in der Strategie einer Airline? <\/strong><\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt davon ab, wie es gehandhabt wird. W\u00e4hrend der Nachtruhezeit zu landen ist sehr teuer. Es existieren nur zwei Flugh\u00e4fen in Deutschland, die kein Nachtflugverbot haben.<br \/>\nWir sehen Bedarf f\u00fcr ein Nachtflugverbot, ansonsten w\u00fcrden wir keine Akzeptanz bekommen. Es gibt aber auch damit verbundene Schwierigkeiten z.B. bei einigen Minuten Versp\u00e4tung einen Flug nach Hannover umzuleiten.<br \/>\nMomentan ist das Nachtflugverbot von 23-6 Uhr. Die Zeit f\u00fcr Nachtflugverbote auszudehnen, w\u00fcrde keinen Sinn ergeben, da die ersten und letzten Fl\u00fcge vor allem f\u00fcr Gesch\u00e4ftsreisenden am wichtigsten sind.<\/p>\n<p><strong>Lufthansa m\u00f6chte sich auf den BER, Ryanair auf Tegel konzentrieren. Wie k\u00f6nnen Sie diese verschiedenen Positionen erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Jede Airline hat unterschiedliche Anforderung an Flugh\u00e4fen. Wenn man die Strategie nur auf Point-to-Point Fl\u00fcge auslegt, ist es besser Tegel als Standort zu benutzen, da die Zustimmung der Flugg\u00e4ste f\u00fcr diesen Flughafen aufgrund seiner N\u00e4he zur Stadt steigt.<br \/>\nLufthansa k\u00f6nnte dies nicht machen. Sie brauchen einen gr\u00f6\u00dferen Flughafen, weil ihre Strategie eher auf Verbindungsfl\u00fcge ausgelegt ist.<\/p>\n<p><strong>Sind die Kosten h\u00f6her, wenn man einen Flughafen nicht als Drehkreuz benutzt? <\/strong><\/p>\n<p>Nein, f\u00fcr uns macht es keinen Unterschied. Wir zahlen nur Passagiergeb\u00fchren. F\u00fcr Passagiere, die nur umsteigen, wird weniger gezahlt, da nicht so viel an Infrastruktur gebraucht wird.<\/p>\n<p><strong>Wie war die Situation f\u00fcr Sie, als Sie erfuhren, dass der BER nicht rechtzeitig er\u00f6ffnet? <\/strong><\/p>\n<p>2012 war sehr kritisch, ich war nicht vor Ort, aber bereits mitinvolviert. Es wurde 3 Wochen vor der geplanten Er\u00f6ffnung ein Test durchgef\u00fchrt, bei dem alle Beteiligten bereits ein schlechtes Gef\u00fchl hatten. Es w\u00e4re eine Katastrophe, wenn wir tats\u00e4chlich umgezogen w\u00e4ren. Bis zum letzten Moment wurde uns aber nichts mitgeteilt.<\/p>\n<p><strong>Denken Sie, dass BER 2020 er\u00f6ffnen wird? <\/strong><\/p>\n<p>Ich arbeite in einem Umfeld, in dem man es sich zuerst gut \u00fcberlegen muss, bevor man etwas \u00e4u\u00dfert. Die Er\u00f6ffnung 2020 ist die einzige offizielle Information, die wir haben und wir legen unseren Plan dementsprechend aus. Aber &#8211; nichts ist unm\u00f6glich. Ich bin mehr um die Situation in Tegel besorgt als um den BER.<\/p>\n<p><strong>Was sind Ihrer Meinung nach die drei wichtigsten Lektionen des Projektmanagements? <\/strong><br \/>\n&#8211; vor dem Bau planen<br \/>\n&#8211; alle Parteien von Anfang an involvieren<br \/>\n&#8211; mit den Nutzern sprechen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Das Interview fand in Englischer Sprache statt. Bei den folgenden Antworten handelt es sich um die eigene \u00dcbersetzung der Verfasser.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zuge unserer Untersuchung bzgl. des Einflusses der Stakeholder auf den BER, liegt unser Schwerpunkt auf dem Verhalten der Fluggesellschaften. W\u00e4hrend der Arbeit kamen viele Fragen auf, deren Beantwortung sich im Rahmen einer Internetrecherche als schwierig erwies. 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