Bibliotheken als vernetzende Mitgestalterinnen der Wissenschaft

Welche Rolle spielt eine Universitätsbibliothek für die Forschung in der Zukunft? Unter anderem dieser Frage widmet sich ein aktuelles Interview mit Thorsten Meyer, seit 2026 Leiter der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin, in der Zeitschrift Bibliothek. Information. Technologie.

📸 : Sandra Schönwandt

Im Gespräch mit Reinhard Altenhöner spricht Thorsten Meyer über seinen Wechsel von der ZBW nach Berlin, die Besonderheiten einer dezentral organisierten Universitätsbibliothek und die Entwicklungen, die wissenschaftliche Bibliotheken in den kommenden Jahren prägen werden.

Die Universitätsbibliothek der Freien Universität mit ihren 14 Standorten versteht Meyer dabei als Chance: Die Fachbibliotheken verfügen über eine große Nähe zu ihren jeweiligen Disziplinen, Forschenden und Studierenden. Gleichzeitig brauche es eine gemeinsame strategische Orientierung und ein Verständnis der Universitätsbibliothek als Gesamtsystem.

Von der Informationsversorgung zur Wissenschaftsinfrastruktur

Für Meyer bleibt die Informationsversorgung eine zentrale Aufgabe. Gleichzeitig gewinnen Forschungsservices, Publikationsunterstützung, Forschungsdatenmanagement, Open Science und Kompetenzvermittlung zunehmend an Bedeutung. Bibliotheken vernetzen Forschende, schaffen Zugänge zu Informationen, entwickeln Infrastrukturen und begleiten neue wissenschaftliche Arbeitsweisen.

Damit verändert sich auch das Selbstverständnis wissenschaftlicher Bibliotheken. Meyer beschreibt die Universitätsbibliothek als „vernetzende Mitgestalterin einer offenen und resilienten Wissenschaft“ und betont, dass Bibliotheken inzwischen Infrastrukturpartner der Wissenschaft sind. Gerade an einer Forschungsuniversität wie der Freien Universität sollten sie deshalb auch an strategischen Diskussionen über Wissenschaft und Forschung beteiligt sein.

KI verändert bibliothekarische Arbeit

Auch Künstliche Intelligenz nimmt im Interview breiten Raum ein. Meyer erwartet, dass KI bibliothekarische Arbeit tiefgreifend verändern wird. Automatisierung könne vor allem bei Routinetätigkeiten unterstützen und Freiräume für Aufgaben schaffen, bei denen menschliche Expertise gefragt ist. Als Beispiele nennt er unter anderem die Metadatenproduktion und die Erschließung großer Datenmengen.

Gleichzeitig sieht er eine wichtige Aufgabe der Bibliotheken darin, Studierende und Forschende zu einem verantwortungsvollen Umgang mit KI zu befähigen. Wissenschaftliche Informationskompetenz bleibt damit auch im Zeitalter generativer KI eine zentrale bibliothekarische Kompetenz.

Open Science und gemeinsame Infrastrukturen

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs liegt auf Open Science. Meyer sieht insbesondere Diamond Open Access, institutionelle Repositorien und gemeinschaftlich getragene Publikationsplattformen als wichtige Zukunftsthemen. Bibliotheken sollten dabei zunehmend selbst zu Mitgestalterinnen wissenschaftlicher Publikationsinfrastrukturen werden.

Auch Kooperationen über die eigene Institution hinaus spielen für ihn eine wichtige Rolle. Mit Blick auf Berlin nennt Meyer gemeinsame Publikationsinfrastrukturen, Forschungsdatenplattformen, digitale Langzeitarchivierung und weitere Formen arbeitsteiliger Zusammenarbeit. Sein Ziel: Berlin stärker als gemeinsamen Informationsraum zu verstehen.

Bibliotheken bleiben auch physische Orte

Bei aller Digitalisierung gewinnt für Meyer zugleich der physische Bibliotheksraum an Bedeutung. Bibliotheken sind längst Lern-, Begegnungs- und Arbeitsorte. Gerade aufgrund der unterschiedlichen räumlichen und fachlichen Voraussetzungen der 14 Standorte müsse die Bibliothek ihre Räume künftig noch bewusster als Teil wissenschaftlicher Infrastruktur verstehen.

Seinen Blick auf die Zukunft der Universitätsbibliothek fasst Meyer mit zwei Zielen zusammen: Sie soll eine exzellente Informationsinfrastruktur für Forschung, Studium und Lehre sein und zugleich als vernetzende Partnerin wissenschaftlicher Arbeit wahrgenommen werden.

Das Interview „Wir müssen Bibliotheken als vernetzende Mitgestalterinnen einer offenen Wissenschaft verstehen.“ ist in der aktuellen Ausgabe 4/2026 von Bibliothek. Information. Technologie. erschienen.

Hier geht es zum Interview.

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