{"id":33513,"date":"2024-11-27T12:54:00","date_gmt":"2024-11-27T11:54:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/?p=33513"},"modified":"2024-11-26T13:06:04","modified_gmt":"2024-11-26T12:06:04","slug":"ein-stueck-juedischer-geschichte-aus-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/2024\/11\/27\/ein-stueck-juedischer-geschichte-aus-berlin\/","title":{"rendered":"Ein St\u00fcck j\u00fcdischer Geschichte aus Berlin"},"content":{"rendered":"\n<p>Manchmal \u00f6ffnet die Geschichte ihre T\u00fcren einen Spalt breit und gew\u00e4hrt uns einen Blick in die Vergangenheit. So erging es uns vor Kurzem bei der Entdeckung eines historisch wertvollen Buches aus der Bibliothek der ehemaligen Berliner <a href=\"https:\/\/www.wikiwand.com\/de\/articles\/Hochschule_f%C3%BCr_die_Wissenschaft_des_Judentums\"><strong>Hochschule f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums<\/strong><\/a> (HWJ) aus der Campusbibliothek.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese renommierte Institution, deren Bibliothek eine bedeutende Sammlung religi\u00f6ser und wissenschaftlicher Literatur mit \u00fcber 60.000 B\u00e4nden umfasste, wurde 1942 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Der Fund des Buches dokumentiert einen weiteren Fall der Enteignung aus dem Besitz der HWJ und verdeutlicht damit die Verlagerung und Nutzung j\u00fcdischer Kulturg\u00fcter durch das NS-Regime.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits beim ersten Aufschlagen von Simon Bernfelds Werk <em>Die J\u00fcdische Literatur<\/em> aus dem Jahr 1921 offenbaren sich auf dem Titelblatt drei bedeutende Hinweise zur Herkunft des Buches. Zun\u00e4chst ist da der runde Stempel der <em>Bibliothek der Hochschule f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums<\/em>, gefolgt von der Exemplarnummer 17201, die mit Bleistift unten rechts vermerkt ist. Besonders auff\u00e4llig jedoch ist der rote Stempel \u201eGhetto-B\u00fccherei\u201c des KZ Theresienstadt, der oben rechts prangt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"588\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/files\/2024\/11\/12-768x588-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33514\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/files\/2024\/11\/12-768x588-1.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/files\/2024\/11\/12-768x588-1-300x230.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><figcaption>Titelblatt mit Provenienzen: Bibliothek der Hochschule f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums und Ghetto-B\u00fccherei. Copyright: Looted Cultural Assets (LCA)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das abgebildete Buch tr\u00e4gt eine k\u00fcnstlerische Gestaltung des j\u00fcdischen K\u00fcnstlers <a href=\"https:\/\/artvee.com\/artist\/menachem-birnbaum\/\">Menachem Birnbaum<\/a> (1893-1944) aus Wien, der f\u00fcr seine&nbsp; Illustrationen und Karikaturen bekannt war. Birnbaum wurde wahrscheinlich im Jahr 1944 im KZ Auschwitz ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Buch gibt es weitere, beinahe unsichtbare Spuren, deren Bedeutung ungekl\u00e4rt ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">L<strong>ieferant unbekannt<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Wie konnte dieses besondere Buch, das aus der <em>Bibliothek der Hochschule f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums<\/em> stammt und Teil der NS-Raubgutbest\u00e4nde aus dem Ghetto Theresienstadt ist, in die Best\u00e4nde der FU Berlin gelangen? Diese Frage l\u00e4sst sich nur sp\u00e4rlich und ungen\u00fcgend beantworten. Das Buch kam aus der FU-Bibliothek des Instituts f\u00fcr Evangelische Theologie, die es 1976 in ihren Bestand eingearbeitet hat. Das Institut existierte von 1957 bis 2009. Nach der Aufl\u00f6sung des Instituts wurde es in der Campusbibliothek eingearbeitet. Allerdings sind keine Zugangsb\u00fccher mehr erhalten, sodass der Lieferant unbekannt ist. Offen bleibt daher die Frage, welche Wege das Buch nach der Befreiung des KZ-Theresienstadt im Jahr 1945 nahm, bis es schlie\u00dflich an die FU Berlin 1976 gelangte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Geistige Bastion des liberalen Judentums<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die <strong>Hochschule f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums<\/strong> (HWJ), gegr\u00fcndet im Jahr 1872 in Berlin, war eine wegweisende akademische Einrichtung und zugleich ein geistiges Zentrum des liberalen Judentums in Europa. Sie nahm eine einzigartige Stellung ein, indem sie j\u00fcdische Traditionen mit den aufkommenden modernen wissenschaftlichen Methoden vereinte und ihren Studierenden ein breites und fundiertes F\u00e4cherspektrum anbot. Die Hochschule spiegelte nicht nur den Geist der Emanzipation wider, sondern f\u00f6rderte auch das liberale j\u00fcdische Denken, das auf Integration und Modernisierung des j\u00fcdischen Glaubens und Lebensstils abzielte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur ein paar H\u00e4userblocks weiter, befand sich in der Artilleriestra\u00dfe 31 das orthodoxe Rabbinerseminar zu Berlin.<sup>1 <\/sup>Im Scherz wurde die Hochschule als \u201e<em>leichte Artillerie<\/em>\u201c und das Rabbinerseminar als \u201e<em>schwere Artillerie<\/em>\u201c bezeichnet.<sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00fcndung dieser Institution wurde von bedeutenden j\u00fcdischen Intellektuellen der liberal-religi\u00f6sen Str\u00f6mung wie dem Professor <a href=\"https:\/\/www.lautarchiv.hu-berlin.de\/objekte\/-\/15999\/\">Moritz Lazarus<\/a> und dem Rabbiner <a href=\"https:\/\/www.wikiwand.com\/de\/articles\/Abraham_Geiger\">Abraham Geiger<\/a> initiiert. Lazarus, ein engagierter Verfechter j\u00fcdischer Rechte in Deutschland, und Geiger, ein Vordenker des Reformjudentums, schufen mit anderen f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten eine Hochschule, die sich durch ihre Unparteilichkeit, finanzielle Unabh\u00e4ngigkeit und die Betonung auf die Vermittlung umfassender j\u00fcdischer Bildung, auszeichnete. Dieser innovative, liberale Ansatz pr\u00e4gte jahrzehntlang die HWJ als akademische und geistige Heimat des modernen Judentums und bot eine Plattform, auf der u. a. j\u00fcdische Theologie, Philosophie, Geschichte, Literatur sowie Hebr\u00e4isch studiert wurden. Die Hochschule zog Studierende aus ganz Europa an, insbesondere aus traditionellen j\u00fcdischen Gemeinden Mitteleuropas, die in Berlin eine der seltenen M\u00f6glichkeiten fanden, eine rein wissenschaftliche Ausbildung im j\u00fcdischen Kontext zu erhalten. Zusammen mit dem Berliner orthodoxen Rabbinerseminar zu Berlin und dem <a href=\"https:\/\/www.wikiwand.com\/de\/articles\/J%C3%BCdisch-Theologisches_Seminar_in_Breslau\">J\u00fcdisch-Theologischen Seminar<\/a> in Breslau bildete die HWJ ein Dreigestirn der j\u00fcdischen Wissenschaften in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders bemerkenswert an der<em> Hochschule f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums<\/em> war ihre integrative Bildungspolitik. Sie war eine der ersten akademischen Einrichtungen ihrer Zeit, die eine Zulassungspolitik f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner gleicherma\u00dfen verfolgte und sowohl Juden als auch Nichtjuden offen stand. So wurde <a href=\"https:\/\/www.wikiwand.com\/de\/articles\/Regina_Jonas\">Regina Jonas<\/a> (Berlin 1902- KZ Auschwitz 1944) 1935 die erste Frau weltweit, die zur Rabbinerin ordiniert wurde (<a href=\"https:\/\/www.wikiwand.com\/de\/articles\/Regina_Jonas#\/media\/Datei:ReginaJonas2_min.jpg\">Gedenktafel<\/a> in Berlin). In einem sozialen und bildungspolitischen Kontext, in dem Judaistik und rabbinische Studien an deutschen und preu\u00dfischen Universit\u00e4ten keinen Platz hatten, bot die HWJ eine theologische Ausbildung zu Rabbiner:innen oder Religionslehrer:innen an. Damit leistete die Hochschule nicht nur einen Beitrag zur wissenschaftlichen Emanzipation des Judentums, sondern ebnete auch den Weg f\u00fcr die Gleichberechtigung in der Hochschulbildung.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den herausragenden Pers\u00f6nlichkeiten, die an der Hochschule lehrten und deren wissenschaftlichen Ruf pr\u00e4gten, z\u00e4hlte <a href=\"https:\/\/www.wikiwand.com\/de\/articles\/Leo_Baeck\">Leo Baeck<\/a>, einer der bedeutendsten Rabbiner und Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts. Leo Baeck, der sp\u00e4ter die Leitung der Hochschule \u00fcbernahm, verband j\u00fcdisches Gelehrtentum mit einem tiefen sozialen Engagement, das besonders in den dunklen Jahren des Nationalsozialismus zum Ausdruck kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere bedeutende Gelehrte wie <a href=\"https:\/\/www.wikiwand.com\/de\/articles\/Ismar_Elbogen\">Ismar Elbogen<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.wikiwand.com\/de\/articles\/Max_Wiener\">Max Wiener<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.wikiwand.com\/de\/articles\/Hermann_Cohen\">Hermann Cohen<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.wikiwand.com\/de\/articles\/Leopold_Lucas\">Dr. Leopold Lucas<\/a> lehrten an der HWJ und trugen wesentlich zur intellektuellen Reputation dieser einzigartigen Institution bei.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"406\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/files\/2024\/11\/Group-Portrait-in-Reading-Room-LBINY-f1959-1-768x406-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-33515\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/files\/2024\/11\/Group-Portrait-in-Reading-Room-LBINY-f1959-1-768x406-1.png 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/files\/2024\/11\/Group-Portrait-in-Reading-Room-LBINY-f1959-1-768x406-1-300x159.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><figcaption>Quelle: Leo Baeck Institute, Commencement ceremony at Lehranstalt f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums: with faculty and students, including Leo Baeck (seated far right) and Ismar Elbogen (standing to his left). (1938): Berlin; Lehranstalt fuer die Wissenschaft des Judentums AR 730. Print. (F1959), Courtesy of the Leo Baeck Institute. Das Bild wurde uns mit freundlicher Genehmigung von Leo Baeck Institute zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch Pers\u00f6nlichkeiten, die nur kurzzeitig an der HWJ studierten, leisteten einen entscheidenden Beitrag zum Ansehen und Verm\u00e4chtnis dieser Institution bei. Der Prager Dichter Franz Kafka, eine der bekanntesten literarischen Stimmen des 20. Jahrhunderts, geh\u00f6rte von November 1923 bis Januar 1924 zu ihren au\u00dferordentlichen Gasth\u00f6rern.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen wenigen Monaten fand der gesundheitlich angeschlagene Franz Kafka in der HWJ eine inspirierende Umgebung und intellektuelle Zuflucht, um seine j\u00fcdischen Studien zu vertiefen. Kafkas Werke enthalten zahlreiche Motive j\u00fcdischer Traditionen. Sie reflektieren seine Identit\u00e4t mit dem Judentum und machten ihn in der modernen Weltliteratur unsterblich. Seine drei Schwestern wurden Opfer des Holocaust.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201e<em>Die Hochschule f\u00fcr Wissenschaft ist f\u00fcr mich ein Friedensort in dem wilden Berlin und in den wilden Gegenden des Innern. (\u2026) Ein ganzes Haus, sch\u00f6ne H\u00f6rs\u00e4le, gro\u00dfe Bibliothek, Frieden, gut geheizt, wenig Sch\u00fcler und alles umsonst.\u201c <sup>3<\/sup><\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Verfolgung und Schlie\u00dfung<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Frieden w\u00e4hrte nicht lange, und die Jahre nach der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten waren f\u00fcr die Hochschule von tiefgreifenden Ver\u00e4nderungen und Enteignungen gepr\u00e4gt. Am 24. Juni 1933 verlor die Hochschule per Verf\u00fcgung ihren Status als staatlich anerkannte Institution und wurde in die \u201eLehranstalt f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums\u201c umbenannt. Zwei Jahre sp\u00e4ter, Ende 1935, wurde das der Hochschule geh\u00f6rende Erholungsheim \u201eVilla Hausmann\u201c \u2013 damals noch Arendsee genannt (heute <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/geschichte\/schauplaetze\/villabaltic151_backId-villabaltic101.html#content\">Villa Baltic<\/a> in K\u00fchlungsborn) \u2013 an die \u201eJoseph-Goebbels-Stiftung f\u00fcr B\u00fchnenschaffende\u201c \u00fcberschrieben und damit enteignet.<sup>4<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die gewaltsamen Ereignisse der Reichspogromnacht am 9. November 1938 f\u00fchrten zur vor\u00fcbergehenden Schlie\u00dfung der Institution, w\u00e4hrend mehrere Dozenten und Studierende verhaftet wurden. Der Lehrbetrieb wurde im Januar 1939 eingeschr\u00e4nkt wiederaufgenommen, nur ein kleiner Kreis von Studierenden und Lehrenden, darunter Leo Baeck, blieb bis zur endg\u00fcltigen Schlie\u00dfung der Hochschule.\u00a0 Das geschah am 19. Juni 1942, da J\u00fcdinnen und Juden ab da vom Unterricht ausgeschlossen wurden. Leo Baeck und die verbliebenen Studierenden wurden 1943 ins KZ Theresienstadt deportiert. Die Bibliothek sowie das Inventar der HWJ wurde vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) beschlagnahmt. Teilbest\u00e4nde wurden sp\u00e4ter nach Berlin und Prag ausgelagert.<\/p>\n\n\n\n<p>Auszug aus dem Nachruf von Nathan Peter Levinson auf seinen Lehrer Dr. Leopold Lucas (1872 Marburg \u2013 1942 KZ Theresienstadt)<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eZun\u00e4chst m\u00f6chte ich erw\u00e4hnen, da\u00df er mein Lehrer war und das in einer der dunkelsten Stunden der Geschichte. Zwischen 1940 und 1941 unterrichtete er mich und einige wenige Studenten in Berlin an der einzig verbliebenen, aber nicht als solche mehr anerkannten j\u00fcdischen Hochschule im Fach J\u00fcdische Geschichte. Juden durften damals keine Theater mehr besuchen, keine Kinos, keine Caf\u00e9s und nat\u00fcrlich keine Universit\u00e4ten. Die Synagogen waren im November 1938 zerst\u00f6rt worden. So blieb die Lehranstalt fast der einzige Ort, an dem Juden sich geistig bet\u00e4tigen konnten. Fr\u00fcher Hochschule f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums, war ihr der Hochschulstatus aberkannt worden. Es unterrichteten dort neben dem geistigen Haupt der deutschen Judenheit, Leo Baeck, nur noch eine Handvoll Dozenten, unter ihnen Leopold Lucas. Von den damaligen Studenten \u00fcberlebten nur wenige: au\u00dfer mir noch drei Kommilitonen. (\u2026) In der Tat war diese Hochschule eine Insel innerhalb eines brandenden Meeres. Drau\u00dfen war die Gewalt, der Schrecken, die Einsch\u00fcchterung, die Entrechtung. Innerhalb der Mauern und Lehranstalt f\u00fchlte man sich wie in einer anderen Welt, der Welt des Geistes, die nicht bezwungen werden kann.\u201c<sup>5<\/sup><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Wege der Bibliothek der Hochschule nach dem 2. Weltkrieg sind heute nur teilweise rekonstruierbar. Nach 1945 spielte die heutige <em>National Library of Israel<\/em> eine zentrale Rolle im Erhalt j\u00fcdischer Kulturg\u00fcter aus verschiedenen Quellen und Sammelstellen. So dienten auch B\u00fccher dem Wiederaufbau j\u00fcdischen Lebens in Israel. Auch das <em>Leo Baeck Institute Jerusalem<\/em> erhielt durch Dublettenabgaben B\u00fccher aus der Bibliothek der <em>Hochschule f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums<\/em>. In Berlin tauchten 1945\/46 einige B\u00fccher und Inventarteile auf, als der Berliner Magistrat \u201eherrenlose Buchbest\u00e4nde\u201c aus der <a href=\"https:\/\/www.bergungsstelle.de\/\"><em>Bergungsstelle f\u00fcr wissenschaftliche Bibliotheken<\/em><\/a> sicherte und einige Exemplare der wiederbegr\u00fcndeten J\u00fcdischen Gemeinde zu Berlin \u00fcbergab. In Deutschland gab es in den letzten 10 Jahren nur vereinzelt Funde. So hat in 2015 die <a href=\"https:\/\/provenienzforschung.zlb.de\/restitutionen\/juedische-gemeinden-und-institutionen\/hochschule-fuer-die-wissenschaft-des-judentums\/\">ZLB<\/a> gemeinsam mit der <a href=\"https:\/\/www.bsb-muenchen.de\/sammlungen\/bestandsueberblick\/ns-raubgutforschung\/restitutionen\/hochschule-fuer-die-wissenschaft-des-judentums\/\">Bayerischen Staatsbibliothek<\/a> vier B\u00fccher an das Abraham Geiger Kolleg in Potsdam restituiert. Und auch uns gelang ein Fund im Jahr 2017, so dass wir die <a href=\"https:\/\/db.lootedculturalassets.de\/index.php\/Detail\/objects\/237723\">Monatsschrift f\u00fcr Geschichte und Wissenschaft des Judenthums von 1870<\/a> an das Abraham Geiger Kolleg in Potsdam zur\u00fcckgeben konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Werke der Hochschulbibliothek besitzt die <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1515\/bd-2020-0093\"><em>Bibliothek der Hochschule f\u00fcr J\u00fcdische Studien in Heidelberg<\/em><\/a>, die \u00fcber den Nachlass des Rabbiners Emil Davidovic dorthin gelangten. Davidovic hatte nach dem Krieg Zugang zu Best\u00e4nden der Ghetto-Bibliothek Theresienstadt, wohin die B\u00fccher durch das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) verlagert worden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute sind also immer noch tausende B\u00fccher unentdeckt. Umso bemerkenswerter ist der j\u00fcngste Fund aus April 2024 von ca. 4.000 B\u00e4nden des <a href=\"https:\/\/www.jewishmuseum.cz\/news-detail\/424-430\/the-jewish-museum-in-prague-calls-on-the-public-to-help-in-the-search-for-lost-books\/\">J\u00fcdisches Museum in Prag<\/a> aus der ehemaligen HWJ Bibliothek. Dieser Fund gibt Anlass zur Hoffnung, dass das wertvolle Wissen, das in diesen B\u00fcchern verk\u00f6rpert ist, zumindest virtuell an die j\u00fcdische Gemeinschaft zur\u00fcckgegeben werden kann.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Neue Wege gehen \u2013 \u201eLibrary of Lost Books\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Um das Erbe dieser bedeutenden Institution virtuell wiederherzustellen, hat das Leo Baeck Institute Jerusalem das internationale Projekt \u201e<a href=\"https:\/\/libraryoflostbooks.com\/\">Library of Lost Books<\/a>\u201c ins Leben gerufen. Daher freuen wir uns, dass unser j\u00fcngster Fund sich als weiterer kleiner Baustein in dieses umfassende wissenschaftliche Vorhaben einf\u00fcgt und eine detaillierte Aufarbeitung der Verluste j\u00fcdischen Kulturguts w\u00e4hrend der NS-Zeit auch durch die Freie Universit\u00e4t Berlin erm\u00f6glicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht \u00f6ffnet sich eines Tages eine weitere T\u00fcr und enth\u00fcllt mehr von der Geschichte dieser besonderen Bibliothek \u2013 die Suche geht auf jeden Fall weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch <em>Die J\u00fcdische Literatur<\/em> finden Sie in LCA <a href=\"https:\/\/db.lootedculturalassets.de\/index.php\/Detail\/objects\/308925\">hier<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>1 Gegr\u00fcndet 1873 von dem Rabbiner Esriel Hildesheimer (ab 1882 Rabbinerseminar zu Berlin) war eine der wichtigsten Ausbildungsst\u00e4tten f\u00fcr orthodoxe Rabbiner in Westeuropa (bekannt auch als Hildesheimer\u2019sches Rabbinerseminar)<br>2 Irene Kaufmann, <em>Die Hochschule f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums in Berlin (1872\u20131942)<\/em>, Band 50, Hentrich &amp; Hentrich Verlag, 2006, S. 29.<br>3 Franz Kafka an Robert Klopstock, Postkarte. Berlin-Steglitz, Stempel: 19.XII.1923, <a href=\"https:\/\/homepage.univie.ac.at\/werner.haas\/1923\/br23-053.htm\">https:\/\/homepage.univie.ac.at\/werner.haas\/1923\/br23-053.htm<\/a>, Zugriff am 01.11.2024<br>4 Hartmut Bomhoff, \u201eDas Ostsee-Erholungsheim der Hochschule f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums wird saniert\u201c, <em>J\u00fcdische Allgemeine<\/em>, 16. November 2010, <a href=\"https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/kultur\/mecklenburger-mirjamsbrunnen\/\">https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/kultur\/mecklenburger-mirjamsbrunnen\/<\/a>, Zugriff am 01.11.2024<br>5 <em>\u201eStichwort: Hochschule f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums\u201c,<\/em> haGalil, <a href=\"http:\/\/www.hagalil.com\">http:\/\/www.hagalil.com<\/a>, Zugriff am 01.11.2024<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Quellen:<\/p>\n\n\n\n<p>Irene Kaufmann: Die Hochschule f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums in Berlin (1872-1942), 2006, Band 50, Hentrich &amp; Hentrich Verlag<\/p>\n\n\n\n<p>Michael Bienert: Wie der Himmel \u00fcber der Erde, Kafkas Orte in Berlin, S. 20 f., (Frankfurter Buntb\u00fccher 73), Verlag f\u00fcr Berlin-Brandenburg, 2024<\/p>\n\n\n\n<p>Philipp Zschommler, \u201eNS-Raubgut an der Hochschule f\u00fcr J\u00fcdische Studien Heidelberg: Die Provenienzen im Nachlass des Rabbiners Emil Davidovic\u201c, in: Bibliotheksdienst 54 (2020), Nr. 10, S. 793-804<br><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1515\/bd-2020-0093\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.1515\/bd-2020-0093<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Landesarchiv Berlin und Zentral- und Landesbibliothek Berlin (Hrsg.), Datenbank zur Bergungsstelle f\u00fcr Wissenschaftliche Bibliotheken,<br><a href=\"https:\/\/www.bergungsstelle.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.bergungsstelle.de\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/artvee.com\/artist\/menachem-birnbaum\/\">https:\/\/artvee.com\/artist\/menachem-birnbaum\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/kultur\/ein-deutscher-oder-ein-juedischer-schriftsteller\/\">https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/kultur\/ein-deutscher-oder-ein-juedischer-schriftsteller\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/kultur\/mecklenburger-mirjamsbrunnen\/\">https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/kultur\/mecklenburger-mirjamsbrunnen\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/libraryoflostbooks.com\/\">https:\/\/libraryoflostbooks.com\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.berlin-judentum.de\/erziehung\/hochschule.htm\">http:\/\/www.berlin-judentum.de\/erziehung\/hochschule.htm<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/provenienz.gbv.de\/Lehranstalt_f%C3%BCr_die_Wissenschaft_des_Judentums_(Berlin),_Bibliothek\">Provenienz der Hochschule \u2013 Wiki des GBV<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.ghetto-theresienstadt.de\/lexikon\/ghettob%C3%BCcherei\">https:\/\/www.ghetto-theresienstadt.de\/lexikon\/ghettob%C3%BCcherei<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Text ist am 08. November mit weiteren Bildquellen im <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/lootedculturalassetsblog\/2024\/11\/08\/ein-stueck-juedischer-geschichte-aus-berlin\/\">LCA-Blog<\/a> ver\u00f6ffentlicht worden. <\/p>\n\n\n\n<p>Autorin: <a href=\"https:\/\/www.fu-berlin.de\/sites\/ub\/ueber-uns\/team\/brasiler\/index.html\">Elena Brasiler<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal \u00f6ffnet die Geschichte ihre T\u00fcren einen Spalt breit und gew\u00e4hrt uns einen Blick in die Vergangenheit. So erging es uns vor Kurzem bei der Entdeckung eines historisch wertvollen Buches aus der Bibliothek der ehemaligen Berliner Hochschule f\u00fcr die Wissenschaft des Judentums (HWJ) aus der Campusbibliothek. Diese renommierte Institution, deren Bibliothek eine bedeutende Sammlung religi\u00f6ser &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/2024\/11\/27\/ein-stueck-juedischer-geschichte-aus-berlin\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eEin St\u00fcck j\u00fcdischer Geschichte aus Berlin\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3230,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[457845,12078],"class_list":["post-33513","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-arbeitsstelle-provenienzforschung","tag-ns-raubgut"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33513","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3230"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33513"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33513\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33516,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33513\/revisions\/33516"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33513"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33513"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/bibliotheken\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33513"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}