{"id":142,"date":"2020-03-17T17:29:33","date_gmt":"2020-03-17T16:29:33","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/dezfba-erz-psy\/?p=142"},"modified":"2023-06-08T11:20:16","modified_gmt":"2023-06-08T09:20:16","slug":"17-maerz-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/dezfba-erz-psy\/2020\/03\/17\/17-maerz-2020\/","title":{"rendered":"17. M\u00e4rz 2020"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 2020 f\u00e4llt der <em>Equal Pay Day<\/em> in Deutschland zum ersten Mal auf den 17. M\u00e4rz; im vergangenen Jahr war es der 18. M\u00e4rz, vor zehn Jahren fiel er auf den 26. M\u00e4rz &#8211; ein Fortschritt? Was bedeutet dieser Tag? Er markiert deutlich die Verdienstl\u00fccke zwischen M\u00e4nnern und Frauen in Deutschland: Bis zu diesem Tag arbeiten Frauen hier im Durchschnitt seit Jahresbeginn zus\u00e4tzlich zum vergangenen Jahr (also quasi unentgeltlich), um genauso viel Geld verdient zu haben wie die M\u00e4nner allein im Vorjahr. Das hei\u00dft in Zahlen: <strong>Frauen verdienen faktisch hierzulande im Durchschnitt 21% weniger als M\u00e4nner<\/strong>, und damit geh\u00f6rt Deutschland gemeinsam mit Estland und der Tschechischen Republik europaweit zu den Schlusslichtern (<a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/statistics-explained\/index.php\/Gender_pay_gap_statistics\">eurostat<\/a>). Dieser Umstand f\u00fchrt zum sogenannten Gender Pension Gap: Deutsche Rentnerinnen erhalten im Durchschnitt nur etwa 53% dessen, was M\u00e4nner als Rente beziehen (<a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/dezfba-erz-psy\/files\/2020\/03\/Drucksache-1813119-DBT-Rentenl\u00fccke.pdf\">Drucksache 18\/13119 des Deutschen Bundestages<\/a>).<\/p>\n<h3>Gr\u00fcnde f\u00fcr den Gender Pay Gap<\/h3>\n<p>Ein Teil dieses Unterschieds ist darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass Frauen &#8230;<\/p>\n<ul>\n<li>h\u00e4ufiger Teilzeit arbeiten,<\/li>\n<li>h\u00e4ufiger (unbezahlte) Pflege-\/Sorgeaufgaben \u00fcbernehmen und<\/li>\n<li>h\u00e4ufiger Berufe ergreifen, die trotz gleicher Qualifikationsstufe schlechter bezahlt werden (z.B. Krankenpflege vs. Handwerk).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Aber auch dann, wenn man diese Faktoren ber\u00fccksichtigt und einen sogenannten <em>bereinigten Gender Pay Gap<\/em> berechnet, zeigt sich, dass Frauen f\u00fcr dieselbe Arbeit im Mittel 6% weniger verdienen. Das hei\u00dft, Frauen werden systematisch benachteiligt!<\/p>\n<h3>Gender Pay Gap \u00fcberall &#8211;\u00a0 in der Wissenschaft &#8230;<\/h3>\n<p>&#8222;Das kann aber nicht im \u00d6ffentlichen Dienst und daher auch nicht an der Universit\u00e4t passieren!&#8220; Glauben Sie? Leider ein Irrtum! Sicher: Bei den wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen gibt es keinen Spielraum; hier verdienen Frauen in der Regel genauso viel wie M\u00e4nner. Sobald es aber an die Besoldungen der Professor*innen geht, bei denen Leistungsbez\u00fcge zum Grundgehalt dazukommen, tut sich wieder einmal ein Abgrund auf, wie Hubert Detmer (2020) unter R\u00fcckgriff auf Daten des Statistischen Bundesamtes f\u00fcr die Jahre 2018 aufzeigt.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_197\" aria-describedby=\"caption-attachment-197\" style=\"width: 836px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-197 size-full\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/dezfba-erz-psy\/files\/2020\/03\/Gender-pay-gap-Professorinnen-2018_fin-e1584455063787.jpg\" alt=\"\" width=\"836\" height=\"459\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/dezfba-erz-psy\/files\/2020\/03\/Gender-pay-gap-Professorinnen-2018_fin-e1584455063787.jpg 836w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/dezfba-erz-psy\/files\/2020\/03\/Gender-pay-gap-Professorinnen-2018_fin-e1584455063787-300x165.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/dezfba-erz-psy\/files\/2020\/03\/Gender-pay-gap-Professorinnen-2018_fin-e1584455063787-768x422.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-197\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: eigene Abbildung [unter R\u00fcckgriff auf Angaben des Statistischen Bundesamts nach Detmer (2020)]<\/figcaption><\/figure>Der Gender Pay Gap ist besonders eklatant in der h\u00f6chsten Besoldungsstufe: W\u00e4hrend er 2018 immerhin 3,3 % bei W1 und 4,3% bei W2-Professuren betr\u00e4gt, steigt er bei W3-Professuren auf 7,8%!<\/p>\n<h3>Gender Pay Gap \u00fcberall &#8211; &#8230; und in den K\u00f6pfen<\/h3>\n<p>Zwei in letzter Zeit h\u00e4ufiger zitierte Studien mit bundesdeutschen repr\u00e4sentativen Daten von Katrin Auspurg und Kolleg*innen (2017) sowie Jule Adriaans und Kolleg*innen (2020) kommen zu dem Ergebnis, dass <em>M\u00e4nner wie Frauen<\/em> es als gerecht bewerten, wenn M\u00e4nner mehr verdienen (der Unterschied liegt &#8211; je nach Studie &#8211; zwischen 3 und 8 %). Gleichzeitig hei\u00dft es, dass fast alle Befragten eingangs die Meinung vertreten h\u00e4tten, dass unabh\u00e4ngig vom Geschlecht gleiche Arbeit auch gleich bezahlt werden sollte.\u00a0 Ist das nicht widerspr\u00fcchlich?<\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr liegt in der Art, wie gefragt wurde:<\/p>\n<ol>\n<li>Wurden Personen gebeten, grunds\u00e4tzlich zu beurteilen, ob M\u00e4nner und Frauen f\u00fcr die gleiche Arbeit auch gleich viel Geld bekommen sollten, also<em> im direkten Vergleich<\/em>, waren sie sich einig: JA!<\/li>\n<li>Wurden sie hingegen einzeln gefragt, ob es gerecht w\u00e4re, wenn Person XY (das Geschlecht war erkennbar) in einer bestimmten Situation ein bestimmtes Gehalt erh\u00e4lt, also <em>im indirekten Vergleich<\/em>, zeigte sich, dass die Befragten den fiktiven Frauen f\u00fcr die gleiche Arbeit weniger Geld zusprachen als den fiktiven M\u00e4nnern. Hier waren sie sich also auch einig: NEIN! Offenbar sind hier nach wie vor geschlechterstereotype Zuschreibungen zu beobachten, und zwar gleicherma\u00dfen bei M\u00e4nnern wie Frauen.<\/li>\n<\/ol>\n<h3>Was k\u00f6nnen wir tun?<\/h3>\n<ol>\n<li><em>Wir m\u00fcssen strukturelle Ma\u00dfnahmen weiter vorantreiben. <\/em>Hindernisse f\u00fcr eine Vollzeitstelle m\u00fcssen weiter abgebaut werden (etwa in Form ausreichender Betreuung von Menschen, die diese brauchen); gleichzeitig sollten M\u00e4nner weiterhin ermuntert werden, diese Formen von Arbeit mit den Frauen gerecht zu teilen (Equal Care) und auch wertzusch\u00e4tzen. Karriereperspektiven von Frauen sollten weiterhin gef\u00f6rdert werden. Die diskriminierungsfreie Bewertung aller Berufe muss weiter vorangetrieben werden; ein Beispiel ist hier die Kampagne zur Neudefinition der Hochschulsekretariate: <a href=\"https:\/\/bukof.de\/service\/kampagne-fairnetzteuch\/\">FairNetztEuch.<\/a><\/li>\n<li><em>Geh\u00e4lter m\u00fcssen transparent sein<\/em>. Das <a href=\"https:\/\/www.bmfsfj.de\/entgelttransparenzgesetz\">Entgelttransparenzgesetz<\/a> soll Arbeitnehmende dabei unterst\u00fctzen, ihren Anspruch auf Gleichbezahlung durchsetzen zu k\u00f6nnen. Zwar erfahren sie dadurch u.U. lediglich, wie viel Kolleg*innen verdienen, die eine vergleichbare T\u00e4tigkeit aus\u00fcben; dennoch ist das eine wichtige Information, um z.B. als angehende Professorin besser verhandeln zu k\u00f6nnen.<\/li>\n<li><em>Und nicht zuletzt sollten wir uns auch an die eigene Nase fassen und an unseren eigenen Stereotypen arbeiten. <\/em>Was wir aus der Forschung wissen, ist: Je mehr geschlechtsneutrale Vorbilder wir haben, desto mehr wandeln sich auch unsere Stereotype. War es vor 30 Jahren noch &#8222;Wahnsinn&#8220;, wenn ein Mann mit seinem Kind tags\u00fcber auf\u00a0 dem Spielplatz war, ist das heute normal. K\u00fcnftig sollte es keine Meldung mehr sein, dass die erste Vorstandsvorsitzende der BVG\u00a0 wirklich eine Frau war und f\u00fcnf Kinder hat &#8230;<\/li>\n<\/ol>\n<h5>Quellen<\/h5>\n<p>Adriaans, J., Sauer, C., &amp; Wrohlich, K. (2020). Gender Pay Gap in den K\u00f6pfen: M\u00e4nner und Frauen bewerten niedrigere L\u00f6hne f\u00fcr Frauen als gerecht. <em>DIW Wochenbericht, 10\/2020<\/em>, 147-152.<\/p>\n<p>Auspurg, K.,\u00a0 Hinz, T., &amp; Sauer, C. (2017). Why should women get less? Evidence on the Gender Pay Gap from multifactorial survey experiments. <em>American Sociological Review, 82<\/em> (1), 179\u2013210.<\/p>\n<p>Detmer, H. (2020). Welche W-Besoldungen zahlen die Bundesl\u00e4nder wirklich?<em> Forschung &amp; Lehre, 27<\/em>, 32-34.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 2020 f\u00e4llt der Equal Pay Day in Deutschland zum ersten Mal auf den 17. M\u00e4rz; im vergangenen Jahr war es der 18. M\u00e4rz, vor zehn Jahren fiel er auf den 26. 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