{"id":275,"date":"2023-07-26T12:33:57","date_gmt":"2023-07-26T10:33:57","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/?p=275"},"modified":"2025-02-28T15:03:55","modified_gmt":"2025-02-28T14:03:55","slug":"die-loewin-und-das-wildschwein-eine-katastrophensoziologische-parabel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/archive\/275","title":{"rendered":"Die #Loewin und das Wildschwein \u2013 eine katastrophensoziologische Parabel"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Von Cordula Dittmer und Daniel F. Lorenz<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.17169\/refubium-45264\">http:\/\/dx.doi.org\/10.17169\/refubium-45264<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>July 26, 2023<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/koenig_der_loewen-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-309\" width=\"355\" height=\"355\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/koenig_der_loewen-edited.jpg 498w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/koenig_der_loewen-edited-300x300.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/koenig_der_loewen-edited-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 355px) 85vw, 355px\" \/><figcaption>Quelle: <a href=\"https:\/\/t.co\/rX8hS4vBYU\">pic.twitter.com\/rX8hS4vBYU<\/a><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Am 20. Juli 2023 weckte die Warn-App NINA die Bewohner*innen des beschaulichen Oberschichtghettos Kleinmachnow, im S\u00fcden von Berlin um 4:26 Uhr mit der Nachricht: \u201eWarnung vor freilaufender Raubkatze\u201c, die um 6:07 Uhr nochmals erneuert wurde mit der Botschaft \u201eWarnung vor einem freilaufenden gef\u00e4hrlichen Wildtier\u201c und der Erg\u00e4nzung \u201eBei dem Wildtier soll es sich vermutlich um eine L\u00f6win handeln\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Empfohlen wurde in weiteren Warnungen, das Haus m\u00f6glichst nicht zu verlassen und Haustiere ins Haus zu holen. Grundlage der Warnungen war ein relativ verpixeltes in der Nacht aufgenommenes Video, auf dem nach Aussagen der Beobachtenden sowie der Polizei, relativ eindeutig eine L\u00f6win zu sehen w\u00e4re, wie sie nach erfolgter \u2013 ebenfalls beobachteter \u2013 Wildschweinjagd das erlegte Wildschwein fr\u00e4\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraufhin erfolgte eine 36-st\u00fcndige Suchaktion von Berliner und Brandenburger Polizeibeamt*innen, Amtstier\u00e4rzt*innen, J\u00e4ger*innen, F\u00e4hrtensucher*innen und schwerem Ger\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<!--more \u21d2 Continue Reading-->\n<!--noteaser-->\n\n\n\n<p><em>Von Cordula Dittmer und Daniel F. Lorenz<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.17169\/refubium-45264\">http:\/\/dx.doi.org\/10.17169\/refubium-45264<\/a><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"498\" height=\"498\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/koenig_der_loewen-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-309\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/koenig_der_loewen-edited.jpg 498w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/koenig_der_loewen-edited-300x300.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/koenig_der_loewen-edited-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 498px) 85vw, 498px\" \/><figcaption>Quelle: <a href=\"https:\/\/t.co\/rX8hS4vBYU\">pic.twitter.com\/rX8hS4vBYU<\/a><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Am 20. Juli 2023 weckte die Warn-App NINA die Bewohner*innen des beschaulichen Oberschichtghettos Kleinmachnow, im S\u00fcden von Berlin um 4:26 Uhr mit der Nachricht: \u201eWarnung vor freilaufender Raubkatze\u201c, die um 6:07 Uhr nochmals erneuert wurde mit der Botschaft \u201eWarnung vor einem freilaufenden gef\u00e4hrlichen Wildtier\u201c und der Erg\u00e4nzung \u201eBei dem Wildtier soll es sich vermutlich um eine L\u00f6win handeln\u201c.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/ScreenshotWarnmeldung-1024x760.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-279\" width=\"512\" height=\"380\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/ScreenshotWarnmeldung-1024x760.png 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/ScreenshotWarnmeldung-300x223.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/ScreenshotWarnmeldung-768x570.png 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/ScreenshotWarnmeldung.png 1168w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 85vw, 512px\" \/><figcaption>Quelle: <a href=\"https:\/\/warnung.bund.de\/meldungen\/alt\/mow.DE-BR-B-SE017-20230720-17-000_20230720050621\/Warnung_vor_einem_frei_laufenden_gefaehrlichen_Wildtier_Bereich_der_suedliche_Landesgrenze_Berlins\">https:\/\/warnung.bund.de\/meldungen\/alt\/mow.DE-BR-B-SE017-20230720-17-000_20230720050621\/Warnung_vor_einem_frei_laufenden_gefaehrlichen_Wildtier_Bereich_der_suedliche_Landesgrenze_Berlins<\/a><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Empfohlen wurde in weiteren Warnungen, das Haus m\u00f6glichst nicht zu verlassen und Haustiere ins Haus zu holen. Grundlage der Warnungen war ein relativ verpixeltes in der Nacht aufgenommenes Video, auf dem nach Aussagen der Beobachtenden sowie der Polizei, relativ eindeutig eine L\u00f6win zu sehen w\u00e4re, wie sie nach erfolgter \u2013 ebenfalls beobachteter \u2013 Wildschweinjagd das erlegte Wildschwein fr\u00e4\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraufhin erfolgte eine 36-st\u00fcndige Suchaktion von Berliner und Brandenburger Polizeibeamt*innen, Amtstier\u00e4rzt*innen, J\u00e4ger*innen, F\u00e4hrtensucher*innen und schwerem Ger\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Die #Loewin wurde hin und wieder \u201egesichtet\u201c und die Such- und Schutzma\u00dfnahmen entsprechend angepasst: Kindergartenkinder sollten nicht in den Garten, auf dem Wochenmarkt keine St\u00e4nde aufgebaut werden usw. Die Zuschauer*innen des Sommertheaters suhlten sich in den sozialen Medien am leicht wohligen Schauer der Vorstellung, ein Wildtier habe seinen Weg in die Zivilisation gefunden und fanden vielf\u00e4ltige Allegorien und Bez\u00fcge zu aktuellen politischen und gesamtgesellschaftlichen Themen, die auf sehr humorvolle Weise \u00fcber die #Loewin neu verhandelt wurden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Warum nun ist dieses Sommertheater so interessant f\u00fcr eine katastrophensoziologische Betrachtung?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\"><li><em>\u201eDes Kaisers neue Kleider\u201c \u2013 oder: die soziale Konstruktion von Lagebildern<\/em><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Die Interpretation des Bildes wurde durch vertrauensvolle Institutionen legitimiert: Sowohl Polizei als auch warnende Beh\u00f6rde (in Gestalt der Berliner Feuerwehr via der Warn-App NINA) gaben der Bev\u00f6lkerung das Interpretationsangebot \u201eL\u00f6win\u201c vor. Jeder, der sich das Video mit der Vorstellung ansah, dass es sich um eine fressende L\u00f6win handeln w\u00fcrde, konnte diese auch darin erkennen \u2013 jedenfalls, solange man nicht Wildtierexpert*in war. Die Vorstellung, es h\u00e4tte sich eine L\u00f6win in den Vorortw\u00e4ldern von Kleinmachnow verirrt, war doch zu verlockend, als dass man sich dieser nicht hingeben wollte. Unterst\u00fctzt von Sondersendungen und Live-Schalten wurde das Bild aufrechterhalten und verfestigt. So wurde die L\u00f6win mehrmals von den Polizist*innen selbst gesichtet und Tierhaare gefunden. Die drohende Gefahr wurde durch das Auftreten der Sicherheitskr\u00e4fte selbst perpetuiert, die mit Maschinenpistolen, Protektoren und gepanzerten Fahrzeugen die Stra\u00dfen und Gr\u00fcnanlagen durchk\u00e4mmten. Erste Zweifel an dem offiziellen Interpretationsangebot drangen kaum durch. Erst, nachdem man keinerlei gesicherte Nachweise fand, lie\u00df man die Deutung zu, dass es sich doch um ein Wildschwein handeln k\u00f6nne:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">\u201eDie Kammerherren, welche die Schleppe tragen sollten, griffen mit den H\u00e4nden nach dem Fu\u00dfboden, gerade als ob sie die Schleppe aufh\u00f6ben; sie gingen und thaten, wie wenn sie Etwas in der Luft hielten; sie wagten nicht, es sich merken zu lassen, da\u00df sie nichts sehen konnten. So ging der Kaiser in Procession unter dem pr\u00e4chtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Stra\u00dfe und in den Fenstern sprachen: \u201aGott, wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich; welche Schleppe er am Kleide hat, wie sch\u00f6n das sitzt!\u2018 Keiner wollte es sich merken lassen, da\u00df er nichts sah, denn dann h\u00e4tte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder w\u00e4re sehr dumm gewesen. Keine Kleider des Kaisers hatten solches Gl\u00fcck gemacht, wie diese. \u2018Aber er hat ja nichts an!\u2018 sagte endlich ein kleines Kind.\u201c <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/maerchen.com\/andersen\/des-kaisers-neue-kleider.php\" target=\"_blank\">(Hans Christian Andersen 1805-1875)<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Das, was Hans Christian Andersen in diesem M\u00e4rchen vor fast 200 Jahren schon verhandelte, ist des Katastrophensch\u00fctzers t\u00e4glich Brot: Die ersten Informationen direkt nach dem Eintreffen an der Schadensstelle, die Erkundung, ist wesentlich f\u00fcr die weitere Ordnung des Raumes, f\u00fcr die Entwicklung des Lagebildes, die Anforderung von Ressourcen, die zielgerichtete Bew\u00e4ltigung der Lage und bestimmt so die kommenden Stunden: \u201eIst der Zug erstmal aufgegleist, kann er kaum mehr gestoppt werden\u201c, berichten bspw. erfahrene Einsatzkr\u00e4fte. Dass Sprache Macht ist und Wirklichkeit konstruiert, ist mit Peter L. Bergers und Thomas Luckmanns <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_gesellschaftliche_Konstruktion_der_Wirklichkeit\" target=\"_blank\">\u201eDie gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit\u201c<\/a> sowie feministischen, poststrukturalistischen oder postkolonialen Theorien in der Soziologie bekannt. So ist auch ein Lagebild, welches die Grundlage jeder Entscheidung und Handlung ist, sozial konstruiert; es ist abh\u00e4ngig von der Art und Validit\u00e4t der Information, der Kommunikation, dem Vertrauen in die Quelle, die diese Informationen \u00fcbermittelt usw. Besonders gravierend zeigte sich dieser Umstand sicherlich bei den <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/archive\/91\" target=\"_blank\">Starkregenereignissen 2021 in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz<\/a>, bei denen man auf lokaler wie \u00fcbergeordneten Ebenen lange Zeit nicht realisierte, dass man es nicht nur mit einem lokalen Starkregenereignis zu tun hatte, sondern mit einer Fl\u00e4chenlage, die s\u00e4mtliche bisher bekannte Schadensszenarien \u00fcberstieg. Man bearbeitete also so, wie man die vorliegenden Daten zu interpretieren wusste \u2013 ein anderes, der Realit\u00e4t angemesseneres Bild entstand erst viel zu sp\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Die #Loewin zeigt sehr deutlich, wie schnell die Kombination aus Bildsprache, legitimer Sprecher*innenposition und sozialer Akzeptanz eine Lagebeschreibung verfestigt, die gerade aufgrund des <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/315796934_Sociological_Foundations_of_Crisis_Communication\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">krisenhaften Charakters<\/a> in Form von Zeitdruck und der angenommenen drohenden Gefahr f\u00fcr Leib und Leben handlungsleitend wird: im besten Fall eine \u00dcberreaktion wie bei der #Loewin \u2013 im schlechten Fall eine Fehleinsch\u00e4tzung, die Menschenleben kostet. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" start=\"2\"><li>Wie verhalte ich mich, wenn ich eine #Loewin treffe \u2013 oder: Krisenkommunikation in unbekannten Lagen<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Eine weitere wunderbare katastrophensoziologische Lektion zeigen die Reaktionen auf, die in der Phase der Unsicherheit kommuniziert wurden. Keiner der verantwortlichen Akteure und auch die Medien nicht hatten eine derartige Situation schon einmal erlebt oder durchgespielt. Ein konkreter Gefahrenabwehrplan oder Warnkonzept f\u00fcr ein derartiges Ereignis lag mit gro\u00dfer Sicherheit nicht vor. Es drohte Gefahr f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung, sodass entschieden wurde, entsprechende Warnungen \u00fcber NINA und KatWarn von Seiten der Berliner Feuerwehr herauszugeben. Man richtete einen SAE-Stab ein, die Berliner Polizei unterst\u00fctzte durch Amtshilfe und \u00fcber verschiedene \u00f6ffentliche und soziale Medien wurde \u2013 mehr oder weniger gezielt \u2013 &nbsp;Krisenkommunikation betrieben. Verschiedene Expert*innen wurden befragt und im Laufe des Tages Tipps mitgeteilt, wie die Bev\u00f6lkerung sich zu verhalten habe, sollte sie sich tats\u00e4chlich in einer entsprechenden Gefahrenlage befinden. Die Bev\u00f6lkerung wurde mit Live-Tickern auf dem Laufenden gehalten, der Ortsb\u00fcrgermeister berief Pressekonferenzen ein, um \u00fcber den Fortgang der Ereignisse zu berichten. Landespolitiker*innen avancierten in der Boulevardpresse zu Zoolog*innen. Die potenziell betroffenen Einwohner*innen tauschten sich z. B. in Chatgruppen dar\u00fcber aus, wie sie das Ereignis einzuordnen haben, ob Tiere in Gefahr seien, ob man zur Arbeit kommen wolle oder doch zur Sicherheit zu Hause bleiben kann. Wer konnte, nahm eher das Auto als das Fahrrad, um zur Arbeit zu kommen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"393\" height=\"393\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/grafik-2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-280\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/grafik-2.png 393w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/grafik-2-300x300.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/files\/2023\/07\/grafik-2-150x150.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 393px) 85vw, 393px\" \/><figcaption>Quelle: rbb24.de<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Hier fand sich Vieles wieder, was sich insbesondere in der Pandemie an Krisenkommunikation etabliert hat:&nbsp; Die M\u00f6glichkeit, \u00fcber entsprechende Nachrichtenticker live an den Entwicklungen teilzuhaben (in der Pandemie insbesondere bezogen auf die Inzidenzen), Anweisungen, wieviel Toilettenpapier h\u00f6chstens zu besorgen sei, Live-Schalten zu Abstimmungen und Entscheidungen. Unbekannte Lagen oder Krisen, die gro\u00dfe Bev\u00f6lkerungsgruppen betreffen, werden sp\u00e4testens seit dem Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie zunehmend \u00f6ffentlich und live verhandelt, wenn sie denn ein entsprechendes mediales Skandalisierungspotenzial besitzen und \u2013 ganz im Sinne einer rapid-onset Katastrophe \u2013 m\u00f6glichst in Raum und Zeit gebunden und beherrschbar sind. Was die Pandemie zweifelsohne in den Entscheidungen \u00fcber einen Lockdown auch war. Die sich durch die sozialen Medien er\u00f6ffnende M\u00f6glichkeit, dass jede*r zur Expert*in werden kann, wenn sie*er \u201evor Ort\u201c ist und entsprechende Fotos oder Videos ver\u00f6ffentlicht, ist zu einer gro\u00dfen Herausforderung f\u00fcr die Leitung von gro\u00dfen Lagen geworden. Es bedarf zus\u00e4tzlicher Ressourcen, um valide Informationen von Fake-News oder auch Hetzkampagnen zu unterscheiden. Das soziale Netz ist zu einer eigenen Einsatzstelle in der Krisenkommunikation geworden. Neben den Versuchen, Krisenkommunikation von Seiten der Polizei oder des Kleinmachnower B\u00fcrgermeisters zu steuern, entstand im Netz, insbesondere auf Twitter unter dem Hashtag #Loewin eine Bewegung, die man gewisserma\u00dfen als \u201eKontra-Krisenkommunikation\u201c bezeichnen k\u00f6nnte und die auf humorvolle Weise die \u201eKommunikation der Krise\u201c anders und \u00f6ffentlich verhandelte. Dies war hier jedoch in dieser Form nur so m\u00f6glich, weil es sich um eine Situation handelte, in der zwar eine eher abstrakte Gefahr f\u00fcr Leib und Leben drohte, diese aber nicht unmittelbar bevorstand.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" start=\"3\"><li>Die #Loewin als K\u00f6nigin der Tiere \u2013 oder: Koh\u00e4renz in Katastrophen<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Insbesondere die nicht pers\u00f6nlich betroffenen Menschen nutzten die Gelegenheit, die #Loewin zum Spiegel gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse zu machen. Quasi jeder gesamtgesellschaftliche Konflikt konnte \u00fcber die Metapher #Loewin auf humorvolle Weise verhandelt und thematisiert werden. Seien es Verschw\u00f6rungsdiskurse aus dem Querdenkermilieu aus der Pandemie, Debatten um Transgender und Queerness, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, erstarkende Stimmen der AfD, sogenannte Clankriminalit\u00e4t oder das Versagen der Berliner Politik.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-twitter wp-block-embed-twitter\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\"><p lang=\"de\" dir=\"ltr\">An die W\u00e4hler:innen der <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/AfD?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#AfD<\/a> :<br>Lasst euch nicht bevormunden und in eurer <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Freiheit?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Freiheit<\/a> einschr\u00e4nken!<br>Der L\u00f6we geh\u00f6rt nicht zu <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Deutschland?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Deutschland<\/a>. <br>Gehen sie noch heute Abend spazieren!<a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Loewe?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Loewe<\/a> <a href=\"https:\/\/t.co\/HV1rRfqGFd\">pic.twitter.com\/HV1rRfqGFd<\/a><\/p>&mdash; Hecker (@rechts_gegen) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/rechts_gegen\/status\/1682154870478893057?ref_src=twsrc%5Etfw\">July 20, 2023<\/a><\/blockquote><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script>\n<\/div><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-twitter wp-block-embed-twitter\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\"><p lang=\"de\" dir=\"ltr\">Wir leben in einer Diktatur! Macht die Augen auf! Stirbt man AN oder MIT einem L\u00f6wenbiss? Es gibt KEINE \u00dcbersterblichkeit aufgrund von L\u00f6wenbissen! Die L\u00f6win ist in einem Labor von Bill Gates entstanden! Alle, die jetzt wegen der L\u00f6win zu Hause bleiben, sind im September tot!<\/p>&mdash; Marie von den Benken (@Regendelfin) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Regendelfin\/status\/1682084184066519041?ref_src=twsrc%5Etfw\">July 20, 2023<\/a><\/blockquote><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script>\n<\/div><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-twitter wp-block-embed-twitter\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\"><p lang=\"de\" dir=\"ltr\">Wagenknecht fordert Verhandlungen mit L\u00f6win: &quot;Wir m\u00fcssen Kleinmachnow notfalls abtreten&quot; <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/loewin?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#loewin<\/a><a href=\"https:\/\/t.co\/up2aX9C18g\">https:\/\/t.co\/up2aX9C18g<\/a><\/p>&mdash; Der Postillon \ud83d\udcef (@Der_Postillon) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Der_Postillon\/status\/1682020692080951301?ref_src=twsrc%5Etfw\">July 20, 2023<\/a><\/blockquote><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script>\n<\/div><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Was sich hier beobachten l\u00e4sst, ist ein in der Katastrophensoziologie noch recht unbeachtetes Ph\u00e4nomen, die sogenannten <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/epdf\/10.1177\/1364942002005004296\" target=\"_blank\">disaster jokes<\/a>, obwohl es einige <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/j.ctt46nsgh\" target=\"_blank\">ethnologische Forschung<\/a> dazu gibt und die <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-0-387-32353-4_25\" target=\"_blank\">popular culture of disaster<\/a> ebenfalls bereits als Forschungsfeld ausgemacht wurde. Neben der Annahme, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/abs\/10.1177\/028072709000800308?journalCode=meda\" target=\"_blank\">dass Witze dazu dienen k\u00f6nnen, mit traumatischen Erfahrungen umzugehen<\/a>, gibt es die These, dass gerade diese Art der \u201eInternetwitze\u201c \u00fcber Katastrophen dazu dienen, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/epdf\/10.1177\/1364942002005004296\" target=\"_blank\">\u201eto put disasters back where they are usually found, where we fell they belong and where we want them to stay \u2013 in the fictional, pleasurable domain of popular culture\u201c<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Effekt, der auch mit der #Loewin zu beobachten ist, ist die M\u00f6glichkeit der Schaffung von Koh\u00e4renz von als sehr widerspr\u00fcchlich empfundenen medialen Berichterstattungen und gesamtgesellschaftlichen Konflikten. Die #Loewin schafft es, all diese Ambivalenzen unter einem Hashtag zu versammeln und zu vereinen. Zugleich gibt es die M\u00f6glichkeit, diese zu kommentieren (und ggf. auch zu transformieren), ohne dass es eine unmittelbare Autor*innenschaft bedingt, die in eine Diskussion eintreten muss. Relevante gesellschaftliche Themen k\u00f6nnen damit adressiert werden, aber ohne, dass sie zugleich ernsthaft politisch umk\u00e4mpft werden m\u00fcssten. Mediale, politische und argumentative Grenzen k\u00f6nnen \u00fcberwunden und neu zusammengesetzt werden. Dies empfanden viele Nutzer*innen als sehr entlastend, dass die z. T. sehr tiefen gesellschaftlichen Gr\u00e4ben tempor\u00e4r \u00fcberbr\u00fcckt schienen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dass sich die #Loewin letztlich zu etwas Anderem entwickelte und sich als Wildschwein entpuppte, auch das ist ein bekanntes Ph\u00e4nomen der Katastrophe: Katastrophen sind soziale Prozesse, die zeitweilig sehr beschleunigt ablaufen oder auch verschiedene auch sich \u00fcberlappende Phasen beinhalten. Das ausl\u00f6sende Ereignis wird im Verlauf immer weniger wichtig, andere Faktoren wie Entsch\u00e4digungen, gesundheitliche oder psychische Auswirkungen r\u00fccken in den Vordergrund \u2013 oder andere Krisen und Katastrophen bestimmen die Tagesordnung und f\u00fchren damit auch zu einer ver\u00e4nderten Bewertung des Geschehenen. Was im Au\u00dfen aussah wie eine exotische #Loewin, ist eigentlich ein mehr oder weniger allt\u00e4gliches Wildschwein. Alltagsprobleme oder gesellschaftliche Differenzen und Anfeindungen verschwinden nicht durch die #Loewin \u2013 wenn auch dies f\u00fcr einen kurzen Moment m\u00f6glich schien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wildschweine dagegen bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Cordula Dittmer und Daniel F. Lorenz http:\/\/dx.doi.org\/10.17169\/refubium-45264 July 26, 2023 Am 20. Juli 2023 weckte die Warn-App NINA die Bewohner*innen des beschaulichen Oberschichtghettos Kleinmachnow, im S\u00fcden von Berlin um 4:26 Uhr mit der Nachricht: \u201eWarnung vor freilaufender Raubkatze\u201c, die um 6:07 Uhr nochmals erneuert wurde mit der Botschaft \u201eWarnung vor einem freilaufenden gef\u00e4hrlichen Wildtier\u201c &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/archive\/275\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &#8220;Die #Loewin und das Wildschwein \u2013 eine katastrophensoziologische Parabel&#8221;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6977,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[454276,454273,452968,453229,2131,454270],"class_list":["post-275","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-loewin","tag-bevolkerungsschutz","tag-cordula-dittmer","tag-daniel-f-lorenz","tag-deutsch","tag-warnung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/275","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6977"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=275"}],"version-history":[{"count":52,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/275\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":566,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/275\/revisions\/566"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=275"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=275"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/disasterresearchblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=275"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}