{"id":577,"date":"2020-04-07T12:24:39","date_gmt":"2020-04-07T10:24:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/?page_id=577"},"modified":"2020-04-08T20:17:11","modified_gmt":"2020-04-08T18:17:11","slug":"viktoriapark","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/viktoriapark\/","title":{"rendered":"Viktoriapark"},"content":{"rendered":"<h1>Verhandlungen sexualisierter Gewalt im Kreuzberger Viktoriapark<\/h1>\n<h2><em>\u201eDer seltene Fang\u201c und \u201eWir haben Gesichter\u201c<\/em><\/h2>\n<p>Eigentlich bin ich gerne im Viktoriapark unterwegs. Kleine Wege f\u00fchren zwischen alten B\u00e4umen und Felsen auf den Kreuzberg, von dem nicht nur das gleichnamige Stadtviertel, sondern die halbe Stadt \u00fcberblickt werden kann \u2013 immerhin handelt es sich um die h\u00f6chste nat\u00fcrliche Erhebung Berlins! Im Sommer pl\u00e4tschert ein imposanter Wasserfall den Hang hinab und ergie\u00dft sich in einen Teich am Fu\u00df des Berges, dort, wo der Park an die Kreuzbergstra\u00dfe grenzt und in direkter Sichtachse der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>Tr\u00fcgerisches Idyll<\/strong><\/p>\n<p>Die romantische Naturkulisse ist sorgf\u00e4ltig inszeniert: Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Berg, auf dem bis dahin Landwirtschaft und Kiesgruben betrieben worden waren, zum Park umgestaltet. Mit seinen Felsen und angelegten Gew\u00e4ssern soll er die Illusion einer schlesischen Gebirgslandschaft erzeugen. Auch wenn dieses Gebirgsidyll im Dienst des preu\u00dfischen Militarismus und Nationalismus erschaffen wurde \u2013 das Nationaldenkmal auf dem Gipfel des Kreuzberges sollte besser zur Geltung kommen \u2013 bietet es eine nette Abwechslung in der Kreuzberger Betonw\u00fcste. Doch der Entspannungswert wird schnell getr\u00fcbt, denn schon vor Betreten des Parks konfrontiert ein umstrittenes Dekorationsobjekt die Spazierenden damit, dass die Inszenierung von Idylle nicht bedeutet, ein m\u00f6glichst gewaltfreies Umfeld f\u00fcr alle Menschen gleicherma\u00dfen zu schaffen.<\/p>\n<p>Mein Weg zum Viktoriapark f\u00fchrt \u00fcber die Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe und je n\u00e4her ich komme, desto deutlicher hebt sich die Skulptur ab, diese in Bronze gegossene Szene am Ufer des Teiches, in den der Wasserfall m\u00fcndet: ein muskul\u00f6ser Mann* h\u00e4lt eine Frau* fest.<a href=\"\/\/DB2A2DF1-5433-4A19-8066-5A88D9E75E39#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> Ihr scheint das nicht recht zu sein, sie kann aber nichts dagegen ausrichten. W\u00e4hrend der Mann* fest auf seinen F\u00fc\u00dfen steht und die Frau* anscheinend mit Leichtigkeit halten kann, ist sie in eine unnat\u00fcrliche und unbequeme Position gedr\u00e4ngt, ihr nackter K\u00f6rper ist verdreht und exponiert, mit ihren Armen scheint sie sich vom Mann* wegstemmen zu wollen. Erst bei n\u00e4herem Herantreten, zeigen sich die Details: die Frau* hat einen Fischschwanz und wird von dem Mann* mit einem Netz gehalten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-570\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-1-300x300.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-1-300x300.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-1-150x150.png 150w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-1-48x48.png 48w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-1-250x250.png 250w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-1-180x180.png 180w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-1.png 487w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/p>\n<p><strong>Normalisierung von Gewalt gegen Frauen*<\/strong><\/p>\n<p>Eine kurze Recherche ergibt: es soll sich bei der Darstellung um einen Fischer handeln, dem eine Nixe ins Netz gegangen ist \u2013 eben \u201eder seltene Fang\u201c, wie die Skulptur von Ernst Gustav Herter (1846-1917) hei\u00dft. Seit 1896 steht sie am Ufer des Teiches am Fu\u00dfe des k\u00fcnstlichen Wasserfalls. Und auch wenn die Geschichte, die durch den Namen suggeriert wird \u2013 ein Fischer f\u00e4ngt versehentlich und zu seiner eigenen \u00dcberraschung eine Nixe \u2013 das nahelegt, ist die Darstellung alles andere als unschuldig. Sie verharmlost und mystifiziert eine Situation, in der ein Mann* Gewalt \u00fcber den K\u00f6rper einer Frau* hat. Der Mann* wirkt stark und aktiv, w\u00e4hrend die Frau* ihm hilflos ausgeliefert zu sein scheint. Zudem sind die intimen K\u00f6rperpartien des Mannes* verborgen, w\u00e4hrend der K\u00f6rper der Frau*, einzig von ein paar Bl\u00e4ttern bedeckt, den Betrachter*innen entgegengestreckt wird. Die Tatsache, dass das Portal <em>berlin.de<\/em> sie als \u201eerotisch anmutende Bronzeskulptur\u201c beschreibt, zeigt, dass es auch heute im Bereich des Sagbaren liegt, die gewaltsame Verf\u00fcgbarmachung von Frauen*k\u00f6rpern zu verharmlosen und gar als legitime Erotik zu bezeichnen. Diese Einladung scheint bei den Besucher*innen der Skulptur anzukommen: die linke Brust der Nixe sieht aus wie blankpoliert. Im Denkmalschutz wird dies als Griff- oder Handpatina bezeichnet; sie bildet sich an Stellen, die h\u00e4ufig angefasst werden.<\/p>\n<p>Dass sich sexualisierte Gewalt im Viktoriapark nicht auf \u00dcbergriffe auf Skulpturen beschr\u00e4nkt, wird sp\u00e4testens 100 m weiter klar, wo der*die Flaneur*in auf eine ganz andere Intervention in den \u00f6ffentlichen Raum st\u00f6\u00dft. Links vom Wasserfall, ein kleines St\u00fcck bergauf, steht ein Mahnmal<strong>.<\/strong> An dieser Stelle wurde 2002 eine Frau* vergewaltigt \u2013 ein Ereignis, das 2005 im Rahmen der feministischen Aktion \u201eWir haben Gesichter\u201c zum Anlass genommen wurde, eine Stele als Zeichen gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen* zu installieren. Betrachter*innen m\u00fcssen nah an sie herantreten, um die Inschriften entziffern zu k\u00f6nnen. Auf der Stele selbst befinden sich Verse (\u201eWir haben Gesichter\u201c) und auf einer dreieckigen Platte prangert ein Text \u201eM\u00e4nnergewalt und Frauenverachtung\u201c als \u201eKrieg gegen Frauen\u201c an.<a href=\"\/\/DB2A2DF1-5433-4A19-8066-5A88D9E75E39#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> Die Stele selbst ist eine Stahlplatte, in der durch Aussparungen ein Gesicht mit weit ge\u00f6ffnetem Mund, abstehende Haare sowie Br\u00fcste angedeutet werden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-571\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-2-300x300.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-2-300x300.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-2-150x150.png 150w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-2-48x48.png 48w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-2-250x250.png 250w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-2-180x180.png 180w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-2.png 485w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/p>\n<p><strong>Empowerment durch Umgestaltung<\/strong><\/p>\n<p>Mein Unwohlsein wird durch diese Intervention noch weiter verst\u00e4rkt. So gut es mir erscheint, dem Eindruck des \u201eSeltenen Fangs\u201c etwas entgegenzusetzen, so deprimierend wirkt \u201eWir haben Gesichter\u201c auf mich. Gerade der Kontrast zwischen der aufw\u00e4ndig gestalteten Skulptur, die direkt am Teich einen prominenten Platz einnimmt und der unscheinbaren Stele, die mit ihrer kaum leserlichen handschriftlichen Inschrift versteckt am Wegesrand steht, symbolisiert ein Ungleichgewicht. Zumal die Skulptur einzig der Dekoration und Unterhaltung dient, w\u00e4hrend die Stele auf ein ungleich ernsteres Thema aufmerksam macht. Und auch wenn ihre Inschrift k\u00e4mpferisch zur Abschaffung des Patriarchats aufruft, transportieren die Ausdrucksweise und vor allem die Bildsprache, zumindest in meiner Empfindung, eher den Eindruck eines stummen Schreies als den von Empowerment. Dass sie dabei auf ein bin\u00e4res und starres Geschlechterverh\u00e4ltnis rekurriert, schlie\u00dft zudem viele Menschen aus, die ebenfalls unter den kritisierten Strukturen leiden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-572\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-3-300x295.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"295\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-3-300x295.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-3-48x48.png 48w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-3-250x246.png 250w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-3-183x180.png 183w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-3-305x300.png 305w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2020\/04\/Bild-3.png 485w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Anders sieht es mit der feministischen Umgestaltung des \u201eSeltenen Fangs\u201c im Rahmen des Frauen*kampftages 2019 aus: Aktivist*innen haben die Nixe mit Pfeil und Bogen ausgestattet und eine Informationstafel angebracht, die die Skulptur als ein Beispiel von <em>Rape Culture<\/em> entlarvt \u2013 eine Kultur, die sexualisierte Gewalt verharmlost und legitimiert.<a href=\"\/\/DB2A2DF1-5433-4A19-8066-5A88D9E75E39#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a> Leider war diese Umgestaltung von kurzer Dauer. Deshalb: Wasserfall und Panoramablick hin oder her \u2013 Ausfl\u00fcge in das Gebirgsidyll im Viktoriapark sind weiterhin nicht geeignet, sich der Gewaltf\u00f6rmigkeit der Gesellschaft zu entziehen. Vielleicht bieten sie aber ja einen guten Anlass, \u00fcber diese Themen nachzudenken und zu sprechen.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/de.indymedia.org\/node\/29717\">https:\/\/de.indymedia.org\/node\/29717<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/archive.ph\/20150630161128\/http:\/www.livekritik.de\/kultura-extra\/extra\/feull\/30_jahre_frauenhausbewegung.php\">https:\/\/archive.ph\/20150630161128\/http:\/\/www.livekritik.de\/kultura-extra\/extra\/feull\/30_jahre_frauenhausbewegung.php<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/bildhauerei-in-berlin.de\/bildwerk\/mahnmal-gegen-die-vergewaltigung-von-frauen\/\">https:\/\/bildhauerei-in-berlin.de\/bildwerk\/mahnmal-gegen-die-vergewaltigung-von-frauen\/<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/sehenswuerdigkeiten\/3560783-3558930-viktoriapark.html\">https:\/\/www.berlin.de\/sehenswuerdigkeiten\/3560783-3558930-viktoriapark.html<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.stadtentwicklung.berlin.de\/denkmal\/liste_karte_datenbank\/de\/denkmaldatenbank\/daobj.php?obj_dok_nr=09046157\">http:\/\/www.stadtentwicklung.berlin.de\/denkmal\/liste_karte_datenbank\/de\/denkmaldatenbank\/daobj.php?obj_dok_nr=09046157<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.denkmalverein.de\/content\/2-foerdern\/1-foerderprojekte\/8-moenckebergbrunnen\/restaurierung_moenckebergbrunnen.pdf\">https:\/\/www.denkmalverein.de\/content\/2-foerdern\/1-foerderprojekte\/8-moenckebergbrunnen\/restaurierung_moenckebergbrunnen.pdf<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Bilder:<\/strong><\/p>\n<p><i>Bilder: die ersten beiden Fotos wurden von der Autorin aufgenommen, das Bild der umgestalteten Skulptur stammt von \u201eFight Rape Culture\u201c, gefunden auf <\/i><span lang=\"EN-GB\"><i><span lang=\"DE\"><a href=\"https:\/\/de.indymedia.org\/node\/29717\">https:\/\/de.indymedia.org\/node\/29717<\/a>\u00a0(cc-by-sa)<\/span><\/i><\/span><\/p>\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"\/\/DB2A2DF1-5433-4A19-8066-5A88D9E75E39#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Ich schreibe hier von M\u00e4nnern* und Frauen*, um zum Ausdruck zu bringen, dass diese Menschen als M\u00e4nner oder Frauen gelesen werden, aber gleichzeitig auf die Konstruiertheit eines bin\u00e4ren und essentialistischen Geschlechterverst\u00e4ndnisses hinzuweisen. Dass die Verhandlung von Geschlechterverh\u00e4ltnissen und sexualisierter Gewalt im Park sich weitgehend in bin\u00e4ren Kategorien bewegt, ist der Dominanz dieser Lesart geschuldet und kann ebenfalls als symbolische Gewalt verstanden werden.<\/p>\n<p><a href=\"\/\/DB2A2DF1-5433-4A19-8066-5A88D9E75E39#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Der Gesamte Text l\u00e4sst sich auf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wir_haben_Gesichter\">Wikipedia<\/a> nachlesen<\/p>\n<p><a href=\"\/\/DB2A2DF1-5433-4A19-8066-5A88D9E75E39#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> Der Text der Infotafel sowie eine Beschreibung der Aktion ist auf <a href=\"https:\/\/de.indymedia.org\/node\/29717\">Indymedia<\/a> nachzulesen.<\/p>\n<p><strong>Verfasserin des Beitrages:\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Lucia Fuchs (April 2020)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verhandlungen sexualisierter Gewalt im Kreuzberger Viktoriapark \u201eDer seltene Fang\u201c und \u201eWir haben Gesichter\u201c Eigentlich bin ich gerne im Viktoriapark unterwegs. 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