{"id":385,"date":"2020-03-06T12:40:40","date_gmt":"2020-03-06T11:40:40","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/?p=385"},"modified":"2024-08-07T08:56:26","modified_gmt":"2024-08-07T06:56:26","slug":"kulturelle-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/2020\/03\/06\/kulturelle-gewalt\/","title":{"rendered":"Kulturelle Gewalt"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2019\/09\/Wortwolke_kulturelle-Gewalt.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-393\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2019\/09\/Wortwolke_kulturelle-Gewalt-300x153.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"153\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2019\/09\/Wortwolke_kulturelle-Gewalt-300x153.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2019\/09\/Wortwolke_kulturelle-Gewalt-250x127.png 250w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2019\/09\/Wortwolke_kulturelle-Gewalt-550x280.png 550w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2019\/09\/Wortwolke_kulturelle-Gewalt-353x180.png 353w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2019\/09\/Wortwolke_kulturelle-Gewalt-589x300.png 589w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/files\/2019\/09\/Wortwolke_kulturelle-Gewalt.png 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<blockquote><p>Kulturelle Gewalt ist ein Ph\u00e4nomen, bei dem kulturell manifestierte Denk- und Deutungsmuster die Aus\u00fcbung direkter und struktureller Gewaltformen innerhalb eines Kulturkreises als integralen Teil der betreffenden Gesellschaftsordnung und somit gewaltvolle Strukturen oder gewaltsames Handeln nicht als Ausdruck von Gewalt selbst erscheinen lassen; seitens Betroffener kann so kaum noch eine Differenzierung zwischen Kultur- und Gewaltform geleistet werden (vgl. Inhetveen 2005: 34 ff).<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Begriff der kulturellen Gewalt wurde im Jahr 1990 als Erweiterung zum Konzept der strukturellen Gewalt von dem norwegischen Friedensforscher Johan Galtung eingef\u00fchrt (Galtung 1990). Der Autor beschreibt kulturelle Gewalt als \u201ejene Aspekte der Kultur, der symbolischen Sph\u00e4re unserer Welt \u2013 man denke an Religion und Ideologie, an Sprache und Kunst, an empirische und formale Wissenschaften (Logik, Mathematik) \u2013, die dazu benutzt werden k\u00f6nnen, direkte oder strukturelle Gewalt zu rechtfertigen oder zu legitimieren\u201c (1998: 341).<\/p>\n<p>Kulturelle Gewalt beschr\u00e4nkt sich dabei nicht auf bestimmte Gesellschaftsordnungen oder -bereiche, sondern ist ein Ph\u00e4nomen, das allumfassend, h\u00e4ufig unbedacht um sich greift und durch eine \u00fcberdauernde, sehr z\u00e4he und langwierige Ver\u00e4nderung \u201egrundlegender Aspekte der Kultur\u201c gepr\u00e4gt ist, wodurch letztlich die Wahrnehmung kultureller Gewalt erschwert wird (Galtung 1998: 348). Ferner scheint es, dass kulturelle Gewalt nicht nur zur Rechtfertigung und Legitimierung von struktureller und direkter Gewalt missbraucht werden <em>kann<\/em>, sondern dass bestimmte Gewaltformen in einer Gesellschaft mit den darauf passenden kulturell manifestierten Deutungsmustern und Ansichten \u00fcberhaupt nicht mehr als solche wahrgenommen, sondern als allt\u00e4glich und normal verstanden werden.<\/p>\n<p>Doch wo f\u00e4ngt Kultur an und wo h\u00f6rt sie auf und geht in Gewalt \u00fcber &#8211; wenn wir doch augenscheinlich nicht immer eine Differenzierung zwischen Kultur und Gewalt vornehmen k\u00f6nnen? Inhetveen (2005: 44) postuliert, dass jede Kultur einen gewissen Grad an Gewalt mit sich bringe, und verweist auf Popitz, der Gewalt als \u201eeine notwendige Bedingung zur Aufrechterhaltung sozialer Ordnung\u201c ansieht (Popitz 1992: 63, zitiert nach Inhetveen 2005: 44). Inhetveen (2005: 38) thematisiert in diesem Zusammenhang den Begriff der <em>Kulturalisierung<\/em> von Gewalt, den die Autorin als \u201epolitischen Prozess\u201c ansieht, bei dem \u201e[b]estehende kulturelle Deutungsmuster [.] politisch funktionalisiert und modifiziert werden\u201c, um Gewalt potenziell legitimieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es gilt zu betonen, dass Kulturalisierungsprozesse nicht nur als Eingriffe in die eigene Kultur verstanden werden, sondern dass diese vielmehr auch \u201eandere\u201c Kulturkreise definieren und im Besonderen stigmatisieren (ebd.). Sichtbar wird dieser Prozess bei der Verquickung von Geschlechtergewalt mit anderen Kulturr\u00e4umen. Sauer (2011: 50 ff) betont, dass insbesondere die Tradition \u201eanderer\u201c Kulturen als allgegenw\u00e4rtige Rechtfertigung f\u00fcr Gewaltaus\u00fcbungen gegen\u00fcber Frauen innerhalb dieser Kulturen herangezogen w\u00fcrde, wobei der andere Kulturraum als ein abgeschlossenes Konstrukt fungiere und keine Differenzierung f\u00fcr m\u00f6gliche Erkl\u00e4rungen innerhalb dessen vorgenommen werde. Die Autorin \u00e4u\u00dfert dazu trefflich: \u201eWird Gewalt bei den <em>Anderen<\/em> identifiziert, dann ist der Gedanke, dass Gewaltverhinderung durch sch\u00e4rfere Ma\u00dfnahmen gegen die Anderen, die Fremden, insgesamt n\u00f6tig ist, nicht mehr weit\u201c und nennt diese Form eine \u201epolitische Instrumentalisierung der Gewaltdebatte\u201c (ebd.).<\/p>\n<p>Inhetveen (2005: 44) f\u00fcgt hinzu, dass unter diesem Deckmantel der \u201eanderen\u201c Kultur, die Kulturalisierung, verstanden als politischer Akt, im Verborgenen bleiben k\u00f6nne; daher scheine eine Differenzierung zwischen Kultur und Gewalt schwer zu erfassen. Inhetveen (2005: 45) widmet sich der Frage, wie aus Sicht der Forschung, das Ph\u00e4nomen der Kulturalisierung erfasst werden kann, und schl\u00e4gt vor, dass sich Forscher*innen die eigene sozialisierte Weltanschauung bewusstmachen m\u00fcssen. Ferner sollen sowohl Kultur als auch Gewalt als permanent dynamischer, in die Historie eingebetteter Prozess verstanden werden, die in ihrer vorliegenden Umwelt koexistieren und sich fortw\u00e4hrend reproduzieren (ebd.). Sauer (2011: 49) betont, dass Kulturen keine abgeschlossene \u201ehomogen[e]\u201c Einheit darstellen, sondern \u201eimmer im Austausch mit der sie umgebenden Umwelt\u201c und insbesondere auch im Austausch mit anderen Kulturr\u00e4umen stehen. Dieses Aufbrechen der sozialen Konstruktion von Kultur sollte nicht nur Gegenstand der Wissenschaft sein, sondern eine gesellschaftliche Verankerung finden, so dass wir uns von der schieren Vereinfachung des Kulturverst\u00e4ndnisses l\u00f6sen, um kulturelle Gewalt im Alltag sichtbar machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p><em>Galtung, <\/em><em>Johan<\/em> 1990: Cultural Violence, in: Journal of Peace Research<em>,<\/em> 27: 3, 291-305.<\/p>\n<p><em>Galtung, Johan <\/em>1998:&nbsp;Frieden mit friedlichen Mitteln. Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur. 1. Auflage. Wiesbaden.<\/p>\n<p><em>Inhetveen, Katharina <\/em>2005: Gewalt in ihren Deutungen, in:&nbsp;\u00d6sterreichische Zeitschrift F\u00fcr Soziologie,&nbsp;30: 3, 28-50.<\/p>\n<p><em>Sauer, Birgit <\/em>2011: Migration, Geschlecht, Gewalt. \u00dcberlegungen zu einem intersektionellen Gewaltbegriff, in: Gender. Zeitschrift f\u00fcr Geschlecht, Kultur und Gesellschaft,&nbsp;3: 2, 44-60.<\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Autor*innen dieses Eintrags: Caroline Br\u00fcckner<\/em><\/p>\n<p><em>Zuletzt \u00fcberarbeitet: 17.09.2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kulturelle Gewalt ist ein Ph\u00e4nomen, bei dem kulturell manifestierte Denk- und Deutungsmuster die Aus\u00fcbung direkter und struktureller Gewaltformen innerhalb eines Kulturkreises als integralen Teil der betreffenden Gesellschaftsordnung und somit gewaltvolle Strukturen oder gewaltsames Handeln nicht als Ausdruck von Gewalt selbst erscheinen lassen; seitens Betroffener kann so kaum noch eine Differenzierung zwischen Kultur- und Gewaltform geleistet &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/2020\/03\/06\/kulturelle-gewalt\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eKulturelle Gewalt\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":852,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[215230],"tags":[215230,287631],"class_list":["post-385","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gewalt","tag-gewalt","tag-kulturelle-gewalt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/385","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/wp-json\/wp\/v2\/users\/852"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=385"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/385\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":881,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/385\/revisions\/881"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=385"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=385"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=385"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}